Mui Ne – Die majestätische Ästhetik des Verschwindens

 

Ein freier Tag, ein Tag also sozusagen wie eine Lücke, für die nichts geplant, nichts reserviert, nicht getan, nichts gedacht werden muss, einfach pures Sein. Wahrscheinlich kaum auszuhalten, aber mal sehen, was uns diese leeren 24 Stunden bringen werden.


Geschnatter

Sollen wir mit dem Morgenessen beginnen? Keine schlechte Idee, denn was könnte erhabener sein als vor einem reich gedeckten (Stein-)Tisch zu sitzen, im Schatten sich im Wind biegender Palmen, umgeben vom Geschnatter und Gekrächze von Hühnern, Enten und etwas, was nach Truthähnen und -hennen aussieht (das Gefieder ist so zerzaust und an manchen Stellen schlicht fehlend, dass eine eindeutige Identifikation kaum möglich ist).

 

Geschnatter
Geschnatter

Frühstück in Mui Ne

Es wird genau das aufgetischt, was ich bestellt habe, also Spiegeleier, assortierte Früchte (Mangos, Dragonfruit, Bananen, Melonen, Ananas), eine Baguette (französisches Erbe) mit Butter und Konfi (nein, ausnahmsweise nicht rot/chemisch, sondern ganze Erdbeeren mit – tatsächlich – Erdbeergeschmack), dazu Kaffee mit Kondensmilch, so wie ich sie mag (die Plomben drehen vor lauter Süssigkeit eine Pirouette im Mund) und als Höhepunkt – reiner gepresster Mango-Juice (“no Ice, no Water, please”). Man kann einen Tag schlicht nicht besser beginnen …

 

Kaffee
Kaffee und …
Dragon Fruit
… Dragon Fruit

Füsse im Meer

Das erste Mal seit vier Jahren, seit Goa also, die Füsse im Meer, ein weiteres Gefühl, das durch nichts ersetzt werden kann. Der Spaziergang entlang der Beach führt vom bereits konstatierten Dreckstrand in sauberere Gefilde, dort, wo die grossen Resorts mit ihren seltsam fehl am Platz wirkenden Anlagen liegen. Entlang des Strandes, immer schön abgegrenzt durch sichtbare Tafeln (in vietnamesisch, englisch und russisch), sind die üblichen Strandliegen und -sessel und Sonnenschirme aufgebaut, darunter liegt allerhand Unförmiges, in der Sonne Püriertes, crème-glänzend, rosa- bis rot-gegrillt, in allen möglichen komfortablen und weniger komfortablen Stellungen.

Man kennt diese Szenerien, sie sind das, was einem noch jeden Sommerurlaub am Strand vergrault und reflexartig zu sofortigem Rückzug animiert. Was mir mit etwas Verzögerung auffällt, ist das absolute Fehlen von Lesenden. Kein Buch, keine Zeitung, nicht mal etwas, was im entferntesten nach Buchstaben aussieht. Nun gut, es gibt zwei Möglichkeiten: entweder lesen die Leute nur noch eBooks (denn die meisten haben ihre Blicke starr auf ihr Smartphone oder Pad gerichtet) oder sie lesen schlicht NICHT (ich hoffe, dass sie es wenigstens könnten, wenn sie denn wollten).


Langeweile

Diese gelegentliche Langeweile, die sich nach ein paar Stunden zwangsläufig einstellt, ist sehr heilsam und bringt – wenn richtig eingesetzt – eine Menge Kreativität ans Tageslicht (oder auch nicht, vielleicht auch nur einen schweren Kopf und das unbestimmte Gefühl, etwas verpasst zu haben).

Ich bin schon lange zur Überzeugung gekommen, dass wir uns grundsätzlich viel zu wenig langweilen. “Langweiler” ist so ungefähr das schlimmste Schimpfwort, die ultimative Beleidigung, für junge Leute absolut tödlich. In diesem Sinne verbringe ich den Nachmittag inmitten grenzenloser, energiefreier, antriebsloser, wunderbarer Langeweile, und nicht mal Harold Fry, dessen weitere Meilen auf seinem Weg nach Schottland mich weiss Gott faszinieren, können mich davon abhalten, einfach nichts zu tun und nichts zu denken.


Die majestätische Ästhetik des Verschwindens

Wenn es nicht das Gehirn ist, dann meldet sich halt der Magen, und gegen Abend, die Sonne gleitet bereits dem Horizont zu, mache ich mich auf, etwas zu essen zu finden, doch zunächst geht es darum, ein weiteres Mal den Sonnenuntergang, dieses tägliche Wunder, zu bestaunen. Ich finde den idealen Ort, direkt am Meer, und an dieser Stelle peitscht der nachmittägliche Wind die Wellen zu Ungetümen auf, die mich immer nur um Haaresbreite verfehlen.

 

Sonnenuntergang
Die majestätische Ästhetik des Verschwindens

Ein chinesisches Paar gesellt sich zu mir, und gemeinsam sehen wir zu, wie die Sonne sinkt, immer weiter, immer schneller, glaubt man zu erkennen, doch je genauer man hinsieht, um so besser erkennt man die Rotation der Erde, die Erdkugel, die sich langsam hebt und über die Sonne legt. Früher, als man noch an eine flache Scheibe glaubte, war das der Rand der Welt, dort, wo alles in einem endlosen Abgrund endet.

Doch jeder Sonnenuntergang bewirkt eine melancholische Trauer, aber auch das Versprechen auf einen neuen Morgen …


Dinner out

Nach dem gestrigen Abend, der mich mit verzweifelt knurrendem Magen in eine vietnamesische Kneipe trieb, deren einziges Angebot Ziege war und mich zu sofortiger Flucht veranlasste, bin ich gewappnet. In einem kleinen feinen Restaurant bestelle ich vietnamesische Spezialitäten (deren Namen ich mir nicht merken kann, aber es schmeckt köstlich) und wundere mich wieder mal über die anderen Gäste.


Invasion der Barbaren

Ach ja, das erinnert mich daran, dass etwas über die Invasion der Barbaren erzählen wollte. Ein  Charakteristikum des Reisens (oder Urlaubmachens) ist, dass man gerne und ausgiebig über andere Völkergruppen, Nationalitäten, Sprachen, Mentalitäten lästert. Je nach Reiseziel sind es wahlweise die Deutschen (frühmorgendliches Besetzen der Liegestühle) oder die Engländer (besoffen), die Schweizer (unhumorvoll und bieder), die Amis (ignorant) oder die Chinesen und Japaner (immer in Gruppen und mit Kameras anstelle der Augen).

Die Beobachtung der Gäste an den anderen Tischen löst genau diese Pauschalisierungen aus, die man eigentlich vermeiden möchte, aber ihre eigene Verführungskraft besitzen. Man fängt automatisch an, Urteile und Bewertungen nach dem persönlichen Massstab abzugeben. Im Geiste formuliert man Adjektive wie vulgär, unhöflich, arrogant, unfreundlich, und man fragt sich, was mit den anerkannten Standards von Kommunikation, Höflichkeit und Respekt geschehen ist.


PS Song zum Thema:  Emerson, Lake and Palmer – The Barbarian


Und hier geht die Reise weiter …

 

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