Saigon und das Vergnügungsviertel

Von Mui Ne nach Saigon

“Do svidaniya, Anton, and good Luck!” Ich klopfe dem jungen Russen, der von Mui Ne bis Saigon neben mir gesessen hat, zum Abschied auf die Schulter. Ein überraschtes und erfreutes Lächeln zieht einen Moment über sein ansonsten ausdrucksloses Gesicht, das er die ganze Zeit über aufgesetzt hat.

Dass er ausgerechnet neben mich gesetzt worden ist, hat anfänglich nicht gerade euphorische Gefühle hervorgerufen. Dazu sind seine Schultern zu ausladend, seine Miene zu abweisend, aber was soll’s, ich habe schon schlimmere Sitznachbarn gehabt.

Schwätzer und Schweiger

Es gibt die Schwätzer, natürlich Touristen wie ich, die dir unbedingt alles und jedes ihrer Reiseerlebnisse auf die Nase binden wollen. Es gibt die Zögerer, die sich mit einem knappen Grusswort neben dich quetschen, und erst nach einer stundenlangen Anlaufzeit zu einem Gespräch bereit sind.

Und da sind die Schweiger, die durch nichts und niemanden aus ihrer selbstgewählten Stummheit zu holen sind. Neben den Einheimischen, deren Schweigen ich verstehe, gibt es erstaunlich viele Touristen, die dazu gehören.

Punktlandung

Die Ankunft in Saigon, diesem Sündenpfuhl, gestaltet sich so gut, dass nur WOW-Verblüffung bleibt. Das Mail des Hotels, kurz nach der Reservation erhalten, warnt mich eindringlich vor betrügerischen Taxifahrern. Diese verlangen überrissene Preise oder laufen schlicht ein anderes Hotel an. Es kann also sein, dass mir harte Auseinandersetzungen bevorstehen.

Der Bus hält in einer sehr geschäftigen Zone: der Unterschied zu Hanoi ist bestenfalls in den etwas breiteren Strassen und dem Klima zu erkennen. Alles andere ist gleich, also auch die Millionen von Autos und Töffs, die sich gegenseitig den Platz streitig machen.

Saigon
Der alltägliche Kampf auf der Strasse

Ich strecke dem erstbesten Schuhputzer die Adresse des Hotels hin – und er lacht, denn wir befinden uns genau an der gesuchten Strasse, und das Hotel liegt genau gegenüber!

Vergnügungsviertel

Der längst überfällige Blick in den Lonely Planet (Saigon hat ja ursprünglich nicht auf dem Plan gestanden) zeigt, wo ich mich befinde. Mitten in Saigons St. Pauli sozusagen, also genau da, wo sich die Massen treffen, die Nutten und Zuhälter, die Spieler, die abgehalfterten Westler, die hier gestrandet sind, kurz das Zentrum des Milieus, ergänzt durch all die Backpackers auf der Suche nach billigen Übernachtungsmöglichkeiten.

Saigon
Saigon – wie man es sich vorstellt

Soviel Charme

Mitten im Trubel setze ich mich in ein Strassenkaffee, trinke gesüssten Kaffee und entschliesse mich schliesslich infolge meines knurrenden Magens für eine Pizza. Ein junges Mädchen hat ein potentielles Opfer entdeckt und steuert entschlossen auf mich zu. Sie spricht ein gutes Englisch, was ihre Überzeugungskraft beim Verkauf natürlich erheblich steigert. Schliesslich erlahmt meine Widerstandskraft angesichts soviel Charme, und ich kaufe irgendein Kinkerlitzchen für meine Kinder.

Verkauf in Saigon
Überzeugende Verkäuferin

Nachtleben in Saigon

Am Abend, wenn das Licht von tausend Lampen und Lämpchen die Strassen und Gassen beleuchtet, erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt. Nun ist jede Zurückhaltung gewichen, es geht nun um alles oder nichts. Die Anmache wird aggressiver, auch wenn immer eine Art entschuldigendes Lächeln mitschwingt.

Es ist wunderbar, auch wenn man sich bewusst sein muss, dass hier ein anderes Mass an Vorsicht geboten ist (die Dame an der Reception hat auf jeden Fall darauf bestanden, meinen Pass zu behalten – “many Incidents with Tourists”).

Nachtleben in Saigon
Berüchtigtes Nachtleben in Saigon

Ich setze mein grimmigstes Gesicht auf (meine Kinder würden wahrscheinlich sagen, mein “normales”) und lasse mich durch die Massen treiben, doch die Luft ist dermassen gesättigt von Abgasen, Rauch aus all den Grillöfen und dem Geruch von  Endorphinen und Pheromonen, dass man rasch ermüdet und schliesslich ermattet den Rückzug ins Hotel antritt. Und ausserdem, der Pickup wartet bereits wieder um halb Sieben …

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