Burmas eiserne Lady

 

Heute wird in Burma gewählt.

Heute also die lange erwarteten Myanmar Wahlen 2015. Für die Burmesen also eine neue Erfahrung. Ein lang erwarteter Ausweg aus Isolation und Armut. Das Ende eines korrupten Regimes.

Aber stimmt das auch? Ich habe meine Zweifel. Aber alles der Reihe nach.

[Und noch etwas: Seit der Reise im Jahr 2015 ist einige Zeit vergangen. Es ist nicht alles, aber vieles eingetroffen, das ich befürchtet habe. Man denke nur an das Rohingya Drama.]


Gefärbte Finger

Wie erkennt man, dass ein Burmese gewählt hat? Jeder Burmese in wahlfähigem Alter kann an den Tagen nach der Wahl an einem einzigen gemeinsamen Merkmal erkannt werden: eine gefärbte Fingerkuppe. Mal rötlich, mal blau, mal schwarz. Es bedeutet, dass der Betreffende bereits gewählt hat. Damit sollen Mehrfacheingaben verhindert werden.

Das Lustige ist, dass niemand genau sagen kann, wie lange die Farbe hält. Eine Woche? Einen Monat? Bis zu den nächsten Wahlen? Wir sollten das unbedingt auch in der Schweiz einführen. Bei den Februarabstimmungen grüner Finger, im Juni rot, usw. Dann wären die ewigen Nichtwähler, immerhin der grösste Anteil der stimmfähigen Bevölkerung, sehr einfach zu erkennen. Nur ein Scherz natürlich, aber bei genauerer Überlegung gar nicht so dumm …


Begeisterung

Auf jeden Fall sind die Leute total begeistert von ihren neuen Rechten. Jeder, wirklich jeder sitzt am Sonntagabend vor den Fernseher, verfolgt atemlos die ersten Stimmauszählungen, nimmt mit zunehmender Euphorie das Ergebnis zur Kenntnis. Auf den Gesichtern ist zum ersten Mal so etwas wie Hoffnung zu erkennen. Die Freude ist überall spürbar, als wäre ein Ruck durch das Land gegangen.

Vor allem die jungen Leute haben genug, sie wollen Freiheit. Mitch, unser Guide, hat uns beim Trekking eine kleine Lektion in demokratischer Aufbruchstimmung gegeben. Seiner Meinung nach gibt es kein Zurück. Sie wollen Mitbestimmung, sie wollen ihren eigenen Volksstämmen wie den Shan, den Palong und wie sie alle heissen, eine Zukunft geben. Es hat sehr überzeugend geklungen. Wenn auch – da tritt die zynische Vernunft des Westlers durch – ein wenig naiv.

 

Aung San Suu Kyi
Aung San Suu Kyi

Habe ich mich also getäuscht? Es sieht so aus. Wenn es nach endgültiger Auszählung beim Erfolg der eisernen Lady  bleiben sollte. Aber ich kann immer noch nicht glauben, dass die Betonköpfe des Militärs sich so einfach geschlagen geben werden. Denn was ist eigentlich passiert?


Eine kleine Geschichtslektion

Bis vor gut fünf Jahren herrschte in Burma das Militär mit eiserner Hand. Das Land stand seit 1962 unter einer Militärherrschaft, bis diese am 4. Februar 2011 einen zivilen Präsidenten als Staatsoberhaupt einsetzte. Es war ein durch und durch korruptes Regime, das sein Volk während Jahrzehnten unter der Knute hielt. Burma, obwohl potentiell eines der reichsten Länder Südostasiens (Rohstoffe, Mineralien, Edelsteine, Holz, etc.) wurde zum Armenhaus der Region.


Der Einfluss des Nordens

Und nicht zu vergessen: der grosse Bruder im Norden machte aus dem schwachen Burma in kurzer Zeit so etwas wie eine Kolonie. Was es meiner Meinung nach auch heute noch ist. Genauso wie Laos. Ein demokratisches Burma stellt per se eine Gefahr dar; es ist viel einfacher, mit einem korrupten Regime Geschäfte zu machen. Deshalb bin ich äusserst skeptisch, was die Zukunft anbetrifft.


Einfluss des Tourismus?

Bei meinem ersten Besuch 2004 musste man noch allerhand Vorwürfe bezüglich Bereisen eines diktatorischen Landes gewärtigen. Ich war damals schon – und bin es immer noch – der Meinung, dass Tourismus durchaus einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben kann. Das homogene Meinungsdiktat der Regierung wird sozusagen durch den Kontakt mit Fremden untergraben. Wie gross der Einfluss auf die spätere Öffnung gehabt hat, ist allerdings unklar.


Veränderungen?

Klar ist nur, dass sich vor gut fünf Jahren alles geändert hat. Oder doch nicht? Natürlich wurde der Druck von aussen – wirtschaftlich, politisch – von den USA, der EU und den anderen westlichen Staaten, immer grösser, für die Wirtschaft immer desaströser, doch war es wirklich der auslösende Faktor? Ich bin nicht sicher. Meiner Meinung nach vertauschten die Betonköpfe ihre Uniformen mit massgeschneiderten Armanianzügen, gaben sich den Anstrich von demokratischer Einsicht (ein Witz für sich) und – ein symbolischer Akt besonderer Tragweite – sie erlaubten ihrer grössten Gegnerin Aung Sau Suu Kyi sich politisch zu betätigen. Vielleicht der grösste Fehler im sonst gut durchdachten Schachspiel.


Ein schlechter Witz?

Nun haben wir eine seltsame Konstellation. Die Partei von Aung San Suu Kyi kann zwar einen Erdrutschsieg feiern, aber wie und ob sie wirklich regieren kann, wie sehr das Militär auf seinen politischen Vorteilen und Pfründen sitzen bleiben will, steht in den Sternen. Ich bleibe dabei. Solange mir nicht das Gegenteil bewiesen wird, gilt für mich immer noch (wenn auch weniger überzeugt als noch vor zehn Tagen): It’s still a  joke, Man!


Eine Springflut vom Himmel

Ein Geräusch weckt mich mitten in der Nacht auf. Ein Art Grollen wie aus dem Rachen eines urzeitlichen Ungeheuers, ein dumpfes Tosen, ein Dröhnen auf dem Dach. Auf jeden Fall etwas, was nicht zum üblichen Geräuschpegel Hsipaws gehört. Es ist tatsächlich – Regen. Natürlich nicht einfach Regen, so, wie wir ihn kennen, oh nein, es ist eine Springflut, eine Lawine aus Wasser, die sich aus dem schwarzen Himmel stürzt. Fast ein bisschen unheimlich. Aber Regen im November?

Hier ist alles möglich, auch Regen im November. Einerseits ersehnt, aber auch gefürchtet, denn niemand weiss, ob er ein Geschenk oder ein Unglück bedeutet. Aber ich fühle mich in Sicherheit, im trockenen Zimmer, in der wohligen Wärme des Bettes.

Erinnerungen tauchen auf im Halbschlaf. An eine Nacht in Bihar, im Norden von Indien. Der erste Regen seit Monaten. Die anfänglichen zarten Tropfen auf dem Dach des VW-Busses, überraschend und unerwartet, dann plötzlich, als würde der Himmel einstürzen, eine Flut und ein Tosen wie beim Weltuntergang. Und dann, tatsächlich, welche Überraschung – das Dach ist leck, und wir werden nass ..


Spuren des nächtlichen Überfalls

Auf jeden Fall sind die Spuren des nächtlichen Überfalls auch am Morgen noch zu sehen. Überall tiefe Pfützen, in denen Kinder herumplatschen und die Motorradfahrer vorsichtig umfahren. Aber die Luft, mein Gott, sie riecht so wunderbar sauber und würzig. Fast fühlt man sich auf einer Alp in den Bergen. Auf jeden Fall eine erstmalige Erfahrung im dieselgeschwängerten Myanmar.


Abschied von Hsipaw

Anyway, es gilt Abschied zu nehmen. Vom herzlichen Personal in Lily’s Hotel, von Greg, meinem temporären Kumpel aus Wisconsin, mit dem ich während der letzten Tage viele Stunden mit Diskutieren, Lachen und Trinken verbracht habe. Das sind die eher bedrückenden Augenblicke dieser Reisen: man lernt viele interessante Menschen kennen, wird schon beinahe zu Freunden – und nimmt wieder Abschied im Bewusstsein, dass man sich mit grosser Wahrscheinlichkeit nie mehr wiedersehen wird. Daran muss man sich gewöhnen.

Oder die englische Dame an der Reception, eben am Einchecken, die sich schreckliche Sorgen um die Brexitabstimmung macht. Meine Versuche, sie zu beruhigen, bleiben ohne Erfolg (und wie man jetzt im Nachhinein weiss, waren ihre Sorgen berechtigt).


Einsilbige Unterhaltung

Dann also auf den Weg. Man zwängt uns in ein Sammeltaxi, umgeben von Burmesen aller Altersklassen bin ich mal wieder der einzige Ausländer. Die Unterhaltung wird also wieder etwas einsilbig werden. Ist mir aber egal, ich döse vor mich hin, während es draussen wieder in Strömen pisst. Immerhin benutzt der Chauffeur den Scheibenwischer, nicht wie damals in den Anden, als der Chofer aus Gründen der Batterieschonung seinen Scheibenwischer auch dann nicht einsetzen wollte, als der dichte Schneefall seine Sicht vollkommen zukleisterte.


Der übliche Stop im Niemandsland

Ich liebe diese Stops irgendwo im Niemandsland. Es gibt keine bessere Möglichkeit, die Mentalität eines Volkes aus der Nähe zu erfahren. Wie die Leute miteinander umgehen. Wie sie einkaufen, essen, trinken. Wie sie ihre Müdigkeit zeigen oder verbergen. Ob sie freundlich miteinander umgehen. Oder misstrauisch.

Es lohnt sich, genau hinzusehen.

 

A stop in No Man's land
Tausendundein Stop im Nirgendwo
Essen unterwegs
… und tausendundein Restaurant unterwegs
Angebot im Laden
Alles mögliche im Angebot – aber nichts, was mir gefällt

Die Momente gegenseitigen Verstehens

Aber manchmal ergeben sich trotz der sprachlichen Barrieren diese kleinen feinen Momente des gegenseitigen Verstehens. Neben mir sitzen zwei ältere Damen, völlig stumm (was im übrigen auf den ganzen Bus zutrifft), nur manchmal flüstern sie sich ein paar Worte zu, wühlen in den Untiefen ihrer Taschen, nehmen gelegentlich eine Kleinigkeit zum Futtern hervor.

Und einmal, nach vielleicht vier Stunden, stecken sie mir eine Handvoll Süssigkeiten zu, einfach so, mit einem dieser breiten Lächeln, wie man sie hier sehr oft sieht. Wunderbar. Ich bin gerührt und weiss plötzlich wieder, welchen Zauber diese Länder haben, und – was wir alles verloren haben.


Swiss Chocolate, oh yes!

Später setzt sich ein alter, verschrumpelter, jedoch sehr würdevoller Mann neben mich, er trägt einen Heisenberg-Hut wie Walter White in Breaking Bad. Er verhilft mir zur Gelegenheit, mich zu revanchieren, indem ich nun ihm etwas schenke, auch Süssigkeiten, das letzte Stück Schokolade aus der Schweiz. Er nimmt es genauso würdevoll entgegen, nickt mir zu, kaut, nickt erneut. Swiss Chocolate, oh yes …


PS Song zum Thema: James Brown – Funky President


Und hier geht die Reise weiter …

 

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