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Häuser entlang des Irrawaddy

Kategorie: Burma Seite 1 von 3

Chiang Khong – Gespräche mit Jam

Jams Restaurant

Etwas vom Einprägsamsten, aber gleichzeitig etwas, was kaum nacherzählt werden kann, sind die Gespräche mit den Einheimischen, die in den seltensten Fällen ein einigermassen gutes und verständliches Englisch sprechen.

Die Unterhaltung mit der Inhaberin eines Restaurants in Chiang Khong namens Jam („Jams Restaurant“) sind ein leuchtendes Beispiel für die wunderbare Vertracktheit der Sprache und die Schwierigkeiten menschlicher Kommunikation und wie es trotzdem gelingt, gegenseitiges Verständnis zu schaffen.

Gespräche mit Jam

Das Stück nennt sich, in Anlehnung an eines der berühmtesten esoterischen Werke der Siebzigerjahre „Gespräche mit Seth“, ganz einfach „Gespräche mit Jam“, ohne allerdings dessen literarischen Anspruch auch nur im entfernstesten zu erreichen.

Madame Jam

Madame Jam wie sie leibt und lebt

Nun also … (Hinweis: die auf Thai geäusserten Worte und Sätze sind in (…) abgesetzt)

Eine langgezogene schnurgerade Strasse, gesäumt von allerhand kleinen Läden und Restaurants. Ein Mann (im Folgenden „der Gast“ genannt) steht etwas ratlos vor einer winzigen Kneipe, die Tische sind leer, doch in der Küche brutzelt es verführerisch. Aus dem Hintergrund tritt eine resolute kleine Frau, ihr offenes Gesicht lacht die ganze Zeit.

Auftritt Jam: Good Morning (…) Come, come. Eat.
Auftritt Gast: I’m not sure. At what time does the Bus arrive?
Jam: Bus not here. Eat! Come (…) Drink. Bus always (…) late (spricht es aus wie lett)
Gast: OK, I’ll have a coffee (nimmt den Rucksack ab und setzt sich an einen der Tische)
Jam: Oke, oke, coffee good, äh (…) strong coffee (…) Suga? Milk? (…)
Gast: Just black coffee. I need a lot of coffee today. Bad sleep last night.
Jam: Bad sleepy? (sie lacht lauthals) (…) Old man no sleepy sleepy?
Gast (leicht verstimmt): I’m not old, but yeah, old man no sleepy sleepy (nimmt einen Schluck Kaffee).
Jam: Coffee good? You alone?
Gast: Coffee good. Yes alone.
Jam: Family? Wife?
Gast: Kids are grown up. Daughter 29, son 25.
Jam: Wife?
Gast (denkt lange nach, denn der Hinweis auf den Status „geschieden“ trifft üblicherweise auf betretenes Schweigen): Wife at home, working.
Jam: Wife working? (…) You holide?
Gast (lacht): Somebody in the family has to earn money.
Jam (stirnrunzelnd): Ok, me no understand.
Gast (will vom Thema ablenken): You know I was here before. Last year. With a friend. Name Reto. You remember?
Jam: How name? (…) Eto? (…) No, no remember. You here?
Gast: Yes, February. Very cold in the evening. We had a beer and fried rice.
Jam: Ri? (bedeutet Rice, die Asiaten können das s am Ende nicht aussprechen). I fried ri here (…) You want?
Gast: No, it’s too early for Ri. You don’t remember Reto? He talks and laughs all the time. He was here before. He’s Swiss. He’s travelling around for years.
Jam (denkt lange nach): No remember (…) Where you from?
Gast: Switzerland.
Jam: Oh, Swisserlan, good. I (…) Swisserland cold?
Gast: Yes, very cold. Snow. On the streets.
Jam: Snow? In street? (…) (schlägt beinahe die Hände über dem Kopf zusammen). Better Thailand. Here not snow. Warm. Sun.
Gast: Yes, you’re right … (schaut sich um) Breakfast in the hotel was not good. Maybe I eat something.
Jam: What hotel?
Gast: Hill Resort.
Jam (lacht): Oh yes. I know (…) Manager Police before.
Gast: Police? What do you mean?
Jam: He police, then hotel. Manager. He no good (lacht laut)
Gast: That’s true. He wanted to pick me up after dinner but he forgot me. So I had to wait a long time until someone picked me up.
Jam (lacht noch lauter): Yes, he forget all.
Beide lachen. Gast: I think I’ll have a pancake. You have pancakes with banana?
Jam: Good. Pankek …. (ruft einem jungen Mann zu, der sich im Hintergrund herumtreibt)
Gast: Your son?
Jam (lacht laut): No, me no son. He Lao.
Gast: He’s from Laos? What does he do here?
Jam: He learn cook. I good cook.
Gast: Oh. Then he opens a restaurant in Laos?
Jam: No. No. He no good. He slow. (ruft dem Lehrling zu, sich zu beeilen, so klingt es auf jeden Fall)
Gast: You could also teach me cooking.
Jam: You? (lacht lauthals). Yes, yes. You work here, I learn cook you (…) (ruft dem Boy etwas zu, beide lachen wie verrückt)
Gast (lacht mit): Then we open a restaurant in Switzerland and we call it „Jam’s Swiss Restaurant“.
Jam: Yes, yes. When you start? (…)
Gast: Maybe next year. What do you think? You’ll get a provision. 10%.
Jam: What provision? No understand (…) Serviert den Pancake, Gast macht sich heisshungrig darüber her. Hä? Provision?
Gast: For every meal you get money.
Jam (plötzlich sehr interessiert): Money?

In diesem Augenblick sieht der Gast den Bus kommen. Er bezahlt hastig und verabschiedet sich mit einer korrekten Verbeugung von Jam. Sie sieht ihm wehmütig nach …

Mekong – Blindflug

Eine hirnverbrannte Fahrt auf dem Mekong

Eigentlich wollte ich den heutigen Beitrag „Der Mekong, ein Speedboat und ich“ nennen, der allerdings nach ein paar Kilometern durch den besagten „Blindflug“ ersetzt wird. Der Grund? Ich komme gleich darauf zurück.

Der Passagier

Als ich zur verabredeten Zeit an der Anlegestelle bin, geht eben die Sonne auf. Ein wunderbarer Gruss zur richtigen Zeit.

Sonnenaufgang über dem Mekong

Immer wieder ein alltägliches Wunder

Mekong

Sonnenaufgang über dem Mekong

Wie erwartet bin ich der einzige Passagier, offenbar gibt es sonst niemanden, der dieses kleine Abenteuer in Angriff nehmen möchte. Macht aber nichts, ich finde, ein bisschen gehört mir die heutige Fahrt ganz allein. Am Anfang kommt es zwar noch zu einer Diskussion, denn die Gasflaschen, die der Driver mitnehmen will, sind nicht unbedingt die Begleiter, die ich mir wünsche. Erst, als er sein Portemonnaie zückt, um mir mein Geld zurückzugeben, gebe ich nach.

Aber, dass sie leer sein sollen, wie er mir mit überzeugender Miene verspricht, daran glaube ich keine Sekunde. Jä nu, wird schon gut gehen.

Ein Wort zum Boot. Es ist klein, sehr klein. Wie sich hier bei Vollbesetzung vier Passagiere hineinzwängen sollen, ist mir schleierhaft. Eigentlich gibt es nur einen einigermassen anständigen Sitzplatz, die anderen sind knapp einen halben Meter lang und man sitzt am Boden. Der Driver sitzt zuhinterst am Steuer und Motor, sein Grinsen bereitet mich bereits darauf vor, was ich in den nächsten zwei Stunden zu erwarten habe.

Passagier mit Schwimmweste

Mit Schwimmweste wird langsam klar, was mich erwartet

Speedboot

Mein Speedboot – mit Gasflaschen

Das Speedboot

Es handelt sich wie gesagt um ein Speedboat. Das bedeutet nichts anderes, als dass es mit Höchstgeschwindigkeit (so 50 bis 60 km/Std) den Fluss hinunter brausen wird, begleitet vom ohrenbetäubenden Gedröhn des Motors und dem Geräusch des aufgepeitschten Wassers.

Start zur Fahrt auf dem Mekong

Es geht los, alles ruhig

Und der Driver gibt Gas, als müsste er dem Passagier zuallererst mal zeigen, wer der Boss ist.

Was er nicht weiss, ist, dass ich mich genau darauf gefreut habe. Wir zischen also los, zielen in die Mitte des Flusses und haben nun allen Platz der Welt. Vielleicht ist noch beizufügen, dass es kurz nach acht ist und tatsächlich nicht ein einziges anderes Boot zu sehen ist (ein äusserst seltenes Ereignis, was mich aber kurze Zeit später etwas beruhigen kann).

Die Nebelwand

Denn nach ein paar Kilometern taucht in der Ferne etwas auf, was man anfänglich nicht genau erkennen, geschweige denn identifizieren kann (wer den Highway 1 zwischen Los Angeles und San Francisco schon befahren hat, weiss wovon ich spreche: vom heissen Süden her kommend, sieht man etwa in der Mitte der Strecke von weitem eine Nebelwand, die sozusagen die Wärme von der Kälte trennt und man innert Minuten eine wärmende Jacke überziehen muss).

Genauso ist es hier: wir tauchen in eine neblige Welt ein, in Sekundenschnelle verschwinden Ufer und alle anderen Orientierungspunkte in einer undurchdringlichen Suppe.

Wer nun denkt, dass dies eventuell gefährlich werden könnte und man besser etwas langsamer fährt, täuscht sich. Während ich Mühe habe, die eigene Hand vor den Augen zu sehen, gibt der Driver Gas, als wäre es ein wunderschöner sonniger Nachmittag. Ob er sich an den Leitspruch hält, dass am Vortag um diese Zeit auch kein Boot entgegengekommen ist, weiss ich nicht.

Da man nichts machen kann, muss man sich dem Schicksal ergeben. Ich lehne mich also zurück, knöpfe meine Jacke bis zum Hals zu, denn es ist empfindlich kalt geworden. Der neblige Tau legt sich auf Brille und Kleider, es kommt mir vor, als würden wir durch eine riesige Sauna fahren.

Nur ganz selten, wenn auch das angepeilte laotische Ufer im Weiss verschwindet, fahren wir ein bisschen langsamer, aber wirklich nur ein bisschen. So geht der Blindflug weiter, während Landolt hofft, dass weder ein Fischerboot noch einer der riesigen Dampfer noch irgendein anderes potentielles Crashobjekt entgegenkommt.

Aber wie immer (wie meistens?) meint es Buddha oder wer auch immer gut mit uns, irgendwann löst sich die Suppe auf, und die Sonne bricht durch. Jetzt endlich erkennt man die Ufer, rechts die thailändische, links die laotische Seite.

Ein Katzensprung, und ich wäre in Laos (als Schweizer kein Problem, denn als einziges mir bekanntes Land braucht man kein Visum; niemand weiss den Grund dafür). Etwas weiter unten, wo sich der Fluss verengt, wird es etwas ruppiger. Wir werden ordentlich herumgeworfen, doch das Boot gleitet über die schlimmsten Stromschnellen wie ein schwereloser Pfeil.

Und dann, die Rauchsäulen zeigen es von weitem an, Chiang Khong, mein Tagesziel. Der Driver lacht immer noch, ich denke, dass er findet, einen sehr lukrativen Tagesbeginn erlebt zu haben. Er ist nicht der einzige, der grinst, denn auch für mich ist ein kleines Träumchen in Erfüllung gegangen …

Mekong – Wiedersehen mit einem alten Freund

Dem Fluss entgegen

Das junge Mädchen aus Südkorea möchte unbedingt ein Selfie mit dem alten Schweizer, wozu ist mir schleierhaft („ja, dann hab ich noch diesen rüstigen Alten aus Switzerland getroffen“), wir sitzen im gleichen Songthaw (einem hier üblichen Sammeltaxi, bestehend aus einer überdachten Ladebrücke und zwei längs angebrachten Bänken; man sitzt zusammen mit anderen Passagieren einigermassen bequem, ausser wenn noch zwanzig Säcke Reis dazugeladen werden) und fragen uns, wo wir hinfahren, denn die Richtung scheint uns falsch.

Mit einem uralten Bus nach Chiang Saen

Aber wie so oft stellt sich unsere Annahme als falsch heraus, denn irgendwie kommen wir irgendwann irgendwo an. Nach einer guten Stunde erreichen wir Mae Chan, bezahlen 50 Baht und winken uns gegenseitig zu, denn hier trennen sich die Wege der unterschiedlichen Generationen aus unterschiedlichen Ländern, die sich in kürzester Zeit so gut verstanden haben. Der Fahrer zeigt mir einen bereit stehenden Bus, der mich an das heutige Tagesziel Chiang Saen bringen soll.

Bus nach Chiang Saen

Es ist nicht so, wie’s aussieht, sondern viel schlimmer

Busdriver

Ein tapferer Ritter auf hektischen Strassen

Wie kann man bloss an einem uralten, abgewrackten Bus soviel Freude haben?

Darauf gibt es keine rationale Antwort (wie auf alle anderen nach dem Warum und Wieso und überhaupt auch nicht), ich weiss nur, dass sobald ich mich in einem der zerschlissenen Sitze niedergelassen habe, rings um mich herum technische Komponenten im allerletzten Stadium der Zerstörung, es mir wunderbar geht und ich mir wünsche, dass die Fahrt nie enden möge. Verrückt, ich weiss, aber es ist so.

Unser altes Gefährt schnaubt und kracht und donnert aus allen Rohren. Alle paar Kilometer ein Halt, um irgendwelche Sachen (vom Postpaket bis zu einem neuen Kotflügel) aus- bzw. einzuladen.

Das Glitzern von weitem

Ja, und dann, ich sehe das Glitzern schon von weitem, mein alter Freund, der Mekong. Ich muss zugeben, dass mir das alte Monstrum ans Herz gewachsen ist. Denn ursprünglich war ja Pai geplant, das Kiffer- und Hippieparadies im Nordwesten, aber das habe ich zugunsten des Mekongs sausen lassen.

Hier in Chiang Saen werde ich eine Nacht verbringen, um Morgen, wenn es denn eine Möglichkeit gibt, den Mekong hinunter bis nach Chiang Khong zu fahren.

Mekong in Chiang Saen

Und da ist er wieder – der Fluss

Frachtschiffe

Frachtschiffe auf dem Mekong

Wo gibt es ein Boot, das mich nach Chiang Khong bringt?

Das stellt sich allerdings als schwieriger heraus als gedacht. Schon beim ersten Gebäude (Port, Immigration) stelle ich meine Frage, die ich die nächsten 2 Stunden x-mal stellen werde. Wo gibt es ein Boot, das mich nach Chiang Khong bringt? Es gibt zwei zentrale Probleme.

Erstens: auch hier versteht mich kein Mensch (im Nachhinein muss ich die Burmesen loben: sie sind des Englischen tatsächlich mächtiger als die Thais), also trifft meine Frage nicht nur inhaltlich sondern auch sprachlich auf absolutes Unverständnis. Zweitens: falls mich überhaupt jemand versteht, dann scheint klar zu sein, dass es ein solches Boot nicht gibt.

Aufgeben? Niemals. Ich quatsche jeden an, auch jeden der seltenen Touristen, die mich anfänglich etwas abwehrend taxieren, wahrscheinlich denken sie angesichts meines inzwischen etwas verwilderten Aussehens an einen um ein Almosen bettelnden Ausländer, der hier gestrandet ist. Niemand, wirklich niemand hat etwas von einem Boot gehört, man spricht von Polizei, Verboten, von weiss-ich-was.

BOAT TO CHIANG KHONG

Aber dem Tüchtigen gehört bekanntlich die Welt. Kurz bevor ich das Ende des Piers erreiche, taucht ein kleiner heruntergekommener Stand auf, mit grossen Buchstaben steht auf seiner kaum mehr lesbaren Front: Boat to Golden Triangle und – mein Herz verpasst ein paar Schläge – BOAT TO CHIANG KHONG.

Boote am Ufer

Und hier habe ich tatsächlich ein Boot gefunden, das mich morgen nach Chiang Khong bringen soll

Na, wer sagt’s denn. Der gelangweilte Typ hinter dem Tresen scheint genauso verblüfft, einen potentiellen Kunden gefunden zu haben, wie ich einen potentiellen Dienstleister. Allerdings, das wollen wir mal nicht vergessen, der Preis von 2500 Bahts (unabhängig von der Anzahl Personen) hat’s schon in sich. Ich bin zuerst etwas nachdenklich, dann aber, nach kurzer Überlegung, treffe ich eine Entscheidung (schliesslich kostet ein blödes halbes Nachtessen in einem der überteuerten Restaurants in Zürich mindestens soviel).

Tomorrow will be the day of all days! Das wird stark!

Ein TukTuk bringt mich zu meinem Hotel (ziemlich weit draussen), es ist ausnahmsweise tatsächlich ein gutes, sogar sehr gutes. Ich fühle mich verwöhnt, geniesse die heisse Dusche, die sauberen Laken, einfach alles.

TukTuk

Ein sehr kreatives TukTuk

Und dann – kurz vor der Dunkelheit – das allumfassende Ereignis des Tages, so wie die letzten Milliaren Jahre: Der Sonnenuntergang über dem Mekong.

Mae Salong – Die Nachfahren der Kuomintang

Mae Salong

Wenn man bei Tachileik die Grenze zu Thailand überquert, erreicht man nicht nur ein neues Land, sondern ein anderes Ziviliationslevel. Ungefähr wie letztes Jahr der Übertritt von Laos nach China – hier Armut, Hütten, Löcher, dort protzige Gebäude, breite Strassen, moderne Autos. Der Unterschied hier ist nicht ganz so krass, aber trotzdem spürbar.

Also zunächst mal grosse Verwunderung, dann Staunen, Kopfschütteln – und schon hat man sich daran gewöhnt.

Gibt es tatsächlich solche Strassen, ohne Löcher, Gräben und Rinnen? Richtige Trottoirs, die nicht durch allerlei Vehikel vollgestellt sind? Kein Abfall (oder fast keinen) am Strassenrand? Gestern noch in einem armen, unterentwickelten Land, heute, durch ein paar Meter Grenze getrennt, in einem sozusagen aufgeräumten Land. Teure Autos, Läden, die vor Angeboten nur so strotzen, selbstbewusste Menschen.

Es wird auch hier viel gelächelt, aber es ist bereits etwas anderes geworden, es hat etwas Businesshaftes, vielleicht sogar Aufgesetztes. Hier ist Burmas Zukunft zu sehen, in vielleicht zwanzig Jahren, aber jetzt ist es noch nicht so weit, jetzt, nach nur einer einzigen Nacht, fehlt es mir bereits, fehlen mir die Menschen, so wie sie heute sind und nicht in zwanzig Jahren. Denn dann wird die Magie verschwunden sein, ersetzt durch das, was nun in Thailand zu sehen ist. Wie sagt man so schön – there’s no such thing as a free Lunch.

Gilt auch für die Entwicklung von Zivilisationen.

Aber wie auch immer, auf jeden Fall ist hier eine Autobahn eine Autobahn, und nicht nur ein richtungsgetrennter Feldweg.

Auf dem Weg in die Berge

Dieser Ansicht ist auch mein Fahrer und gibt Gas, denn heute gönne ich mir zur Abwechslung einen eigenen Chauffeur, um in die Berge nach Mae Salong zu fahren. Die ersten knapp 30 Kilometer sausen wir durch die Gegend, dass es eine Freude ist, bis wir in eine anfangs noch breite, gute Strasse einbiegen, die dann, sobald man Höhe gewinnt, enger, kurviger wird.

Vom Chauffeur, offenbar nicht wirklich an Bergstrassen gewöhnt, ist gelegentlich ein entrüstetes Schnauben zu hören, vor allem dann, wenn er um die 180 Grad Kurven an sein Limit kommt. Er atmet erleichtert auf, als wir Mae Salong und mein Hotel My Place Mae Salong erreichen. Ich wünsche ihm für die Heimfahrt Hals- und Beinbruch.

Little Yunnan

Zu diesem Kaff gibt einiges zu sagen (obwohl ich zugegebenermassen bis vor kurzem keine Ahnung von seiner Existenz hatte). Das ist Little Yunnan, sozusagen eine Exklave der angrenzenden chinesischen Provinz Yunnan. Eine kurze historische Erklärung ist angebracht.

Mae Salong (oder Santikhiri) ist zwar eng mit dem berüchtigten Opiumhandel im Goldenen Dreieck verknüpft, seine historische Bedeutung erlangte es aber durch die Chinese National Army (zur Kuomintang Regierung gehörend), die sich nach der Niederlage gegen die Kommunisten 1949 gegen die Kapitulation wehrte. 12’000 Soldaten flüchteten von Yünnan zuerst nach Burma und landeten schliesslich, nachdem Taiwan und die USA ihre anfängliche Unterstützung aufgegeben hatten, im Norden von Thailand, wo sie sich in einem abgelegenen Bergtal niederliessen. Et voilà – Mae Salong.

Chinesische Hinterlassenschaften

Die ethnische Abstammung ist an jeder Ecke zu spüren. Überall chinesische Schriftzeichen, die Menükarten, Gott sei’s gedankt, mit Bildern ausgestattet, denn der Rest sieht zwar schön aus, sagt mir aber gar nichts, denn mein Mandarin ist etwas eingerostet.

Chinesisches Essen in Mae Salong

Es schmeckt genauso gut wie es aussieht (keine Ahnung, was es ist)

Kinder im Restaurant

Junge Gäste im Restaurant

Dass die Gegend berühmt für ihren Tee ist, sieht man überall: Teesträucher auf allen Berghängen in unterschiedlichen Stadien des Wachstums, gehegt und gepflegt durch, wen wundert’s, Frauen in ihren wunderschönen Trachten (die wie üblich die schwere Arbeit erledigen, während die Herren der Schöpfung anderes zu tun haben) oder nach dem Pflücken zum Trocknen ausgelegt (kann auch schon mal das Trottoir sein).

Tee zum Trocknen

Tee zum Trocknen ausgelegt

Tee

Unterschiedliche Reifestadien

Englisch? No Way!

Und ja, noch eine vergleichbare, wenn auch nicht unbedingt vorteilhafte Eigenschaft, erinnert an Yunnan: kein Schwein spricht Englisch. Auch das junge Mädchen in meinem Hotel, immerhin zur Begrüssung der Gäste vorgesehen, versteht absolut kein Englisch. Jä nu, was soll’s …

Ich bin wie gesagt im My Place untergekommen, in der Agoda-Hotelplattform mit einer hohen Bewertung ausgezeichnet. Nun, das mir zugewiesene Zimmer entspricht, gelinde gesagt, nicht ganz der angegebenen Bewertung, und so wechsle ich in ein anderes, besseres, helleres, natürlich gegen entsprechenden Aufpreis. Die berühmte Geschäftstüchtigkeit der Chinesen – auch hier spürbar.

Zimmer in Mae Salong

Das ist mal ein Zimmer!

I’m too old for that Shit!

Die Vorstellung von Schnee, Adventskranz und Weihnachtsguetslis vermag mich noch nicht wirklich zu begeistern, aber vorläufig ist es ja noch nicht soweit.

Vielleicht ein Ausflug in die Umgebung, langsam und gemütlich wie immer. Es gibt offenbar ein Grabmal des kommandierenden Generals Yuan, der als erster Warlord des Opiumhandels in die Geschichte eingegangen ist. Für ein paar Minuten der Gedanke, ein Motorrad zu mieten, doch in den verschiedenen Foren im Internet wird ernsthaft davon abgeraten. Bei einem Unfall, ob schuldig oder nicht, bezahlt immer, IMMER, der Ausländer. Na ja, wie soll ich sagen, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste und ausserdem – I’m too old for that Shit!

Ein erstklassiges Schauspiel

Mein Zimmer bietet von der Terrasse aus einen erstklassigen Rundblick über die angrenzenden Hügel und Berge. Und genau dieses Schauspiel wird mir am Morgen beim Öffnen der Augen geboten, ohne dass ich auch nur einen Muskel bewegen muss. Ein wahrlich königlicher Morgen.

Aussicht vom Hotelzimmer

Ausblick auf die umgebenden Hügel

Häuser in Mae Salong

Aussicht vom Hotelzimmer

Ein paar Wolken hängen seit geraumer Zeit bewegungslos am blauen Himmel, als hätten sie auf mich gewartet. Sie bilden den willkommenen Kontrast zu den in unterschiedlichen Grüntönen in der Morgensonne liegenden Hügeln mit den vertreuten Häusern und Höfen. Man könnte ewig zusehen, wie sich die Farben langsam verändern, den milchigen Ton des Morgens verlieren.

Krähende Gockel

Wenn das Mädchen an der Rezeption etwas besser Englisch spräche, hätte ich eine schon beinahe existentielle Frage an sie: Warum krähen die Gockel in diesem Kaff die ganze Nacht hindurch? Am Anfang denke ich an Hunde, die sich gegenseitig zu immer neueren und lauteren Wettbewerben anstacheln, aber nein, es sind die Gockel. Nicht im Morgengrauen, wie es üblich ist, nein, bis lange nach Mitternacht. Aber die Frage wird wohl offen bleiben, und ich werde nie erfahren, was die Viecher sich gegenseitig zu erzählen haben …

Yunnan Churros

Im Gegensatz zur Aussicht ist das Frühstück weniger königlich. Es besteht aus heissem Wasser aus einem Automaten, in das der – man ahnt es – Kaffee-Mix eingerührt wird. Ehrlich, ich kann das Zeug nicht mehr riechen. Es ist so süss, dass die Plomben im Mund Walzer tanzen.

Frühstück im Hotel

Ein grässlicher Kaffee und Yunnan Churros

Zum Kaffee gibt es ein ölig aussehendes, undefinierbares Gebäck, offenbar frittiert, es erinnert entfernt an die spanischen Churros (die ich allerdings in bester Erinnerung habe). Das, verehrte Leser, ist alles, es ist das Frühstück. Mehr gibt es nicht. Na ja, dann halt Yunnan-Churros. Man kann durchaus auch damit satt werden.

Betonmischmaschinen

Bei einer Baustelle wird emsig gearbeitet. Ein neues Restaurant wird erstellt (na klar, denn das Dorf will sich ja als zukünftiger Touristen-Hotspot etablieren), vor dem Lokal soll der Parkplatz betoniert werden.

Eine Menge Arbeiterinnen wuselt geschäftig zwischen dem in Entstehung begriffenen Parkplatz und der Betonmischmaschine hin und her. Schwer aussehende Kübel mit Sand und Kies werden herangeschafft, je nachdem auf dem Kopf oder an der Hand, während sich der Boss um die Maschine kümmert.

Baustelle

Es wird gebaut

Kann sich jemand an die Betonmischmaschinen erinnern? An das wunderbare knarzende, schleifende, knackende Geräusch, das sie machen? Es ist dieses runde Ding mit jeweils einer Öffnung auf beiden Seiten, das sich dreht und den Inhalt durcheinander mischt. Jemand (der Boss!) schüttet zuerst Sand oder wahlweise Kies hinein, dann Zement, dann Wasser, alles in der richtigen Kombination und Zusammensetzung.

Als Kinder haben wir diese Dinger bewundert, heute sind sie bei uns vollkommen verschwunden, irgendwo im Abgrund der Vergangenheit, und wenn wir Pech haben, werden wir sie nie wieder sehen oder hören. So geht es mit vielem, und irgendwann, vielleicht lange nach dem Verschwinden, merkt man erst, dass sie nicht mehr da sind.

Betonmischmaschinen

Betonmischmaschinen wie vor hundert Jahren

No money, no fotos!

Etwas weiter oben im Dorf ist schon früh am Morgen einiges los. Und angesichts der zahlreichen Touristen, die sich durch die Stände bewegen und in den Souvenirs wühlen, muss ich meine anfänglichen Zweifel bezüglich der Bedeutung von Mae Salong revidieren. Eine Mutter, die ihre Kinder in bester Pose präsentiert und für’s Fotoschiessen Geld verlangt, passt da nicht schlecht ins Bild. No money, no fotos! Dann halt nicht, Lady …

Marktfrau

Marktfrau mit frischem Gemüse

Monströsitäten

Beim Grabmal des Generals haben die Erbauer mal wieder in die ganz tiefe Schublade stilloser Monströsitäten gegriffen. Man hat den Eindruck, dass bei der Planung die Adjektive hässlich, protzig und banal eine zentrale Richtlinie gewesen sein müssen. Wie herrlich bizarr war da doch das Mausoleum Ho-Chi-Mins im vorletzten Februar, unübertrefflich in seiner Schrägheit. Im Geist sehe ich immer noch die weisse spitze Nase im grellen Licht …

Museum

Der Eingang zum Museum

Museum

Das hat er nicht verdient

Wenn morgen alles klappt, dann werde ich spätestens am Abend den Mekong wiedersehen, meinen Mekong. Ich freue mich schon jetzt …

Grenze Myanmar Thailand

Goodbye Myanmar

Heute also wird es sich zeigen, ob das Spiel mit dem Grenzübergang klappt oder ob ich doch Plan B aus der Schublade ziehen muss.

Burmesische Verwirrungen

Aber fangen wir ganz von vorne an. Das Taxi. Dies ist nun wieder mal eine der typisch burmesischen Geschichten, die so unlogisch sind, dass man nur lachen kann. Also – Frage kurz nach der Ankunft in Nyaungshwe: Gibt es ein Sammeltaxi zum Flugplatz in Heho? Gibt es, aber nicht heute. Kosten wären 18’000 Kyats.

Folgefrage zwei Tage später: Wie steht’s nun mit Sammeltaxi für Samstag? Keine Interessenten. Kurz bevor ich den Laden verlasse, frage ich doch noch nach dem Preis für ein Taxi für mich allein. 15’000 Kyats.

Moment, für ein Sammeltaxi bezahle ich also mehr, als wenn ich allein reise? Ich mache sie aus verständlichen Gründen nicht auf ihren mathematischen Fehler aufmerksam, vielleicht ist es auch gar keiner, sondern folgt lediglich der manchmal etwas verqueren Logik dieses Landes.

Dann also die letzten Kilometer durch die in der Zwischenzeit lieb gewordene Landschaft und nehme im Geist Abschied. Es wird hart werden.

Flugplatz in den Pampas

Der Flugplatz erinnert an zahlreiche andere, irgendwo in den Pampas, ein kleines Hauptgebäude, sehr lockere Sicherheitskontrollen, abgewetzte, verdreckte Stühle in den Wartehallen, eine Art Kiosk (wo wahrscheinlich selten bis nie etwas verkauft wird), gelangweilte Angestellte, die nichts zu tun haben. Und natürlich eine Piste, dieselbe für Starts und Landungen, allerdings geht die Gefahr, dass man sich in die Quere kommt, gegen Null.

Flugplatz Heho

Viel Platz, wenig Passagiere

Aber es ist trotzdem einiges los. Im Durchschnitt landet jede halbe Stunde eine Maschine, spuckt Passagiere und Gepäck aus, packt neue hinein, und schon geht die Post wieder ab. Lustigerweise bekommt jeder Passagier beim Einchecken einen Kleber auf die Brust gedrückt, damit man ihn eindeutig identifizieren und dem rchtigen Flug zuweisen kann. Vielleicht sollte man das auch in Kloten einführen. Ich sehe schon die verschnupften Blicke der Business-Leute in ihren teuren Armanianzügen, wenn ihnen das Personal einen Kleber auf die Brust klebt.

Alte Propellermaschinen

Es sind alles alte bis ganz alte Propellermaschinen, die diese winzigen Flugplätze anfliegen. Das Alter sieht man ihnen auch tatsächlich an. Ich erinnere mich an den letztjährigen Flug von Luang Prabang nach Hanoi, an das Flugzeug, das aussah, als käme es direkt vom Vietnamkrieg (und auch die Passagiere erinnerten stark an alte US-Marines, die nach dem Krieg in Südostasien gestrandet sind). Aber die alten Kisten sind meistens (!) recht zuverlässig, allerdings, für Leute mit Flugangst nicht unbedingt geeignet.

Propellerflugzeug

Mal sehen, wie das geht

Erinnerungen an Nazca (Peru)

Aber immer, wenn ich vor einem der Überbleibsel lang zurück liegender Flugepochen stehe, taucht so sicher wie das Amen in der Kirche eine andere Erinnerung auf.

Es ist wieder November im Jahr 1981 (die gleiche Reise wie mit dem Zug von Chile nach La Paz), diesmal stehe ich in Peru, genauer gesagt in Nazca, dem Ort, der Erich von Däniken zu Ruhm und Ehre und unglaublich viel Geld verholfen hat.

Man erinnere sich: in Nazca gibt es diese berühmten Scharrbilder oder Nazca-Linien, die in der Wüste um das Dorf Nazca auf einer Fläche von 500 km2 zu finden sind. Es sind teilweise bis zu 20 km lange schurgerade Linien, aber auch Dreiecke oder Trapeze oder eben auch Bilder von Menschen und Tierfiguren (Vögel, Affen, Wale), die aber, und das ist das Entscheidende, nur aus grosser Höhe als solche zu erkennen sind. Was unseren Erich von Däniken zu seiner berühmt gewordenen Hypothese veranlasste, dass ausserirdische Wesen eine Rolle gespielt haben müssen (was heute wissenschaftlich weitgehend widerlegt ist, aber Erich herzlich wenig kümmern wird).

Scharrbilder Nazca

Die berühmten Nazca-Linien von weit oben

Nazca-Linien

Man muss sie von oben sehen

Eine alte Cessna

Anyway, ich stehe also am Eingang zur Wüste in der Gewissheit, dass es vom Boden aus nichts zu sehen gibt. Jemand zupft mich am Ärmel und zeigt auf ein ziemlich heruntergekommens Flugzeug, eine Cessna, wenn ich mich recht erinnere, und macht mir ein Angebot, das ich nicht zurückweisen kann. Eine satte Stunde Fliegen über den Zeichnungen für 25$? Wer kann da widerstehen, also steige ich mit einem etwas mulmigen Gefühl ein. Es gibt vorne zwei Sitze, einen für den Piloten, einen für mich, und einen Rücksitz, auf dem ein kleiner Junge kauert.

Löcher im Boden

Schon der Start geht in die Annalen ein: das Ding ist leicht und wendig und hebt schon nach ein paar Metern ab, und wir sind in der Luft. Ich kann es gut erkennen, denn unter meinen Füssen gibt es Löcher, oder sagen wir’s mal so: der Boden ist ziemlich transparent. Die Bemerkung des Piloten, meine Füsse etwas nach hinten zu bewegen, da ich auf dem Höhenruder (oder irgendwas Ähnlichem) stehe, kann meine Ruhe vorderhand nicht gross stören, denn ansonsten macht der Flug einen recht ordentlichen Eindruck.

Der Motor setzt aus

Zumindest bis der Motor aussetzt. Wir befinden uns nun genau über den nun leicht erkennbaren Figuren, sie sind wie ein irrealer Traum in ihrer Grösse und Vollkommenheit, doch was ist mit dem Motor? Leicht und lautlos wie ein Vogel ziehen wir nun unsere Kreise, das wäre ja an sich sehr schön, nur, was ist mit dem Motor? Kein Problem, meint der Pilot und findet mein belämmertes Gesicht zum Schiessen, das ist besser, um gute Fotos zu schiessen. Meine Hände zittern sich also um den Fotoapparat, und zugegeben, ich habe schon bessere Bilder geschossen.

Sturzflug

Nach einer Stunde also der Flug zurück, da mir der Pilot aber als perfekter Passagier noch ein Goodie schenken will, kreist er über das Dorf, fragt mich nach meinem Hotel und zielt im Sturzflug darauf zu, um die Maschine im letzten Augenblick hochzuziehen. Sein Gelächter verfolgt mich bis in die Träume, und ja, meine Beine fühlen sich etwas gummig an beim Aussteigen …

Grenze Myanmar Thailand

So schlimm wid es heute nicht werden, die Maschine ist wie jedes Mal pumpenvoll, und wieder bin ich der einzige Ausländer. Die Maschine braust mit dem irren Sound der Propeller los, hebt ab und macht eine weite Kehre Richtung Norden. Doch es geht natürlich nicht auf direktem Weg nach Tachileik, sondern zuerst nach Lashio im Norden, wo ein Zwischenhalt geplant ist.

Und dann, nach gut zweieinhalb Stunden Landung in Tachileik, nicht weit vom Goldenen Dreieck, einstmals ein zentraler Umschlagplatz für den Mohnhandel, aber auch der letzten Station in Burma. Der Flugplatz (ein Abbild von Heho) liegt etwas ausserhalb der Stadt, also ein letztes Tuk-Tuk zur Grenze. Nun wird’s spannend, aber was soll ich sagen, alle Aufregung umsonst.

Thailand, gelobtes Land

Als gäbe es nichts Normaleres (denn das ist es tatsächlich!), prüft der Beamte meinen Pass, haut einen Stempel hinein und verabschiedet mich aus Myanmar. Das war’s. Alles, was in den Guides steht, ist Abwaschwasser von gestern, Leute, aber ich kann es den Autoren nachfühlen: in diesem Land verändert sich alles in einem derart horrenden Tempo, dass kein Führer auch nur den Hauch einer Chance hat, aktuell zu sein …

Und ja, ich bin in Thailand, gelobtes Land …

Das Lächeln des Buddha

Ein Buddha für mich allein

Das Ballon-Festival von gestern Abend hat mich bis in meine Träume verfolgt. Und dabei einen ganz eigenen Traum generiert.

Den Traum vom Fliegen. Und von dem, was uns davon abhält, der Anziehungskraft der Erde zu entfliehen.

Dieser Traum hat mich schon immer verfolgt. Nur nicht in dieser verrückten Version.

Der Ballon erhebt sich, nach anfänglichem Zögern, in die Luft. Das Publikum stöhnt leise, man glaubt das Aufatmen zu spüren, als er in seiner ganzen Pracht, leise schwankend, losfliegt, langsam und stetig zum nachtschwarzen Himmel gleitet.

Doch dann stimmt etwas nicht.

Denn nach einer Minute steht er still. Kommt nicht mehr vom Fleck. Verharrt an der gleichen Stelle. Minutenlang. Man glaubt, ein Zittern zu sehen. Als würde er mit aller Kraft versuchen, sich aus der Umklammerung zu lösen.

Ein Kampf scheint stattzufinden. Zwischen Himmel und Erde.

Die Zuschauer staunen, trauen ihren Augen nicht, es wird ganz still. Tausende Augenpaare sind auf das seltsame Spektakel gerichtet. Was geschieht hier? Ist es ein Wunder? Etwas, was gar nicht sein kann?

Der erste Zuschauer kniet sich nieder. Wirft sich in den Staub. Andere folgen. Doch der Ballon oder das, was ihn in eisernem Griff hält, ist unbeeindruckt.

Dann erwache ich. Irritiert wie selten nach einem Traum.

Doch, wie sich später herausstellt, wird auf die seltsame Nacht ein ebenso seltsamer Tag folgen.

Das Mona-Lisa-Lächeln

Was macht das Lächeln des Buddha so speziell? Was macht seine Faszination aus? Ist es ein in die Irre führendes Mona Lisa-Lächeln? Ist es überhaupt ein Lächeln oder ein nach innen gerichteter Blick, der etwas sieht, was wir nicht zu beurteilen wissen?

Es ist ein Geheimnis, dieses Lächeln des Buddhas.

Heute habe ich einen ganz für mich allein. Ich habe ihn inmitten der Sümpfe gefunden, die den Inle-Lake umgeben, über ein schmales Zufahrtssträsschen, auf der Suche nach … nichts.

Was mich an diesen sogenannt freien Tagen fasziniert, ist der Gegensatz zu unserem normalen Leben im Alltag. Man hat plötzlich – welcher Schreck! – jede Menge Stunden zur Verfügung, die gefüllt werden können (oder auch nicht, denn auch absichtsloses Nichtstun ist eine Option).

So steht man denn nach dem Morgenessen vor einem leeren Tag (na ja, nicht ganz; ich muss einen Taxi zum Flugplatz finden, und der Blog, oh Gott, der Blog), aber irgendwie doch leer, weit und breit keine To-do-Liste, keine dringenden Telefonate oder Mails, niemand will etwas von mir, wie hab ich das bloss verdient?

Treiben lassen

Ich beschliesse also, ein weiteres Mal, mich treiben zu lassen, irgendwohin, wo nicht jeder Saftsack hingeht. Ich liebe diese Wanderungen oder wie in diesem Fall die Fahrten auf dem Fahrrad durch einsame Strässchen, entlang namenlosen Bächen, zu Häusern, wo man verwundert angesehen wird.

Tempelruinen

Letzte Überreste einer vergangenen Kultur

Ruinen und Häuser

Altes und Neues verbindet sich zu einem harmonischen Ganzen

Waschtag

Waschtag am Fluss

Huhn mit Kücken

Eine Glucke führt ihren Nachwuchs aus

Ruinen

Und immer wieder namenlose, vergessene Ruinen

Ein leises Konzert für niemanden

Und so habe ich meinen ganz persönlichen Buddha gefunden. Er ist Teil einer ganzen Anlage, bestehend aus unzählichen kleinen und grossen Stupas, goldverziert, mit weisser Farbe getüncht, da und dort ein kleines Kinkerlitzchen, verspielt, wie es die Asiaten lieben.

Und da das Motorengeräusch vom Kanal an dieser Stelle kaum zu hören ist, kann man das unendlich zarte Klingeln unzähliger winziger Glöckchen vernehmen, die an den Spitzen der Stupas befestigt sind.

Ein leises Konzert für niemanden.

Oder vielleicht doch für mich allein?

Tempelanlage

Von weitem eine grosse Anlage

Der Buddha

Hat er auf mich gewartet?

Das Lächeln des Buddha

Das Mona-Lisa-Lächeln

Türme

Türmchen und Kinkerlitzchen

Tempel

Einfach nur schön

Goldene Türmchen

Goldene Türmchen stechen in den Himmel

Glöckchen

Das unendlich zarte Klingeln unzähliger winziger Glöckchen

Denn es ist wirklich niemand da, und es macht auch nicht den Anschein, als hätte in den letzten hundert Jahren irgendein menschliches Wesen die erhabene Majestät des Buddha bewundert. Ich nehme mir Zeit, denn in diesem Augenblick bin ich überzeugt, dass diese Begegnung – so wie der nächtliche Traum – etwas zu bedeuten hat, allerdings habe ich nicht den Hauch einer Ahnung, was es sein könnte.

Gautama und ich

Wir stehen uns lange gegenüber, Gautama und ich, er mit seinem Blick in der Ewigkeit, ich mit der Trinkflasche in der Hand. Es ist eine der Darstellungen des normalgewichtigen Erhabenen, nicht die fette Version, auch nicht die magere. Seine rechte Hand berührt den Boden, die andere liegt, Handfläche nach oben, auf seinem Schoss. Es hat eine besondere Bedeutung, ich weiss sie aber nicht mehr.

Vielleicht sollte ich doch Buddhist werden.

Morgen mein letzter Tag in Myanmar. Es wird mir schwer fallen. Verdammt, wie kann man sich in einem Land so wohlfühlen?

Taunggyi – Ballonfestival

Ein Höhepunkt – Das Ballonfestival in Taunggyi

Irritiert und verärgert und wehmütig über die Veränderungen der Stadt, beschliesse ich, mit dem Velo die Umgebung zu erkunden, dorthin, wo sich garantiert kein Massentourist verirrt. Ich überquere die Brücke, die zu den äusseren Quartieren führt. Boote fahren den braungelben Kanal entlang.

Boote

Boote auf den Kanälen

Boote legen an

Ein geschäftiges Tun an allen Ufern

Es dauert nicht lange, und der Lärm und die Abgase bleiben zurück, eine schmale Strasse führt durch schattige Alleen, entlang sumpfiger Kanäle zu den Hügeln der Shan-Berge.

Boote auf den Kanälen

Es braucht einiges Geschick, um auf den engen Kanälen zu manövrieren

Hütten im Sumpf

Und immer wieder Hütten im Sumpf

Money!

Manchmal überholt mich in schnellem Tempo ein Ausländer, im Stress wie’s scheint, während ich das Schritttempo geniesse. Manchmal stehen Kinder am Strassenrand, doch anstelle eines scheuen Mingalaba (Guten Tag) heisst es nun Money. Damn it!

Knaben und Wasserbüffel

Knaben und Wasserbüffel – eine harmonische Beziehung

Die Zerstörungskraft des Massentourismus am lebenden Beispiel. Kein Lächeln mehr im Gesicht, die angeborene Freundlichkeit verschwunden, ersetzt durch MONEY, MONEY. Irgendwo bei einem Kloster steige ich vom Rad, sofort tauchen ein paar Buben auf, Money klar, und einer greift mir doch tatsächlich an die Brieftasche.

Tja, was soll man dazu sagen? Nichts. Es ist der Lauf der Welt.

Auf nach Taunggyi

Um halb fünf werde ich abgeholt, Sammeltaxi zum Ballonfestival in Taunggyi, ein Event, der jährlich zu dieser Zeit ausgetragen wird und tausende von Zuschauern aus der ganzen Gegend (und mittlerweile der ganzen Welt) anzieht.

Je näher wir Taunggyi kommen, desto dichter der Verkehr. Es scheint sich halb Burma auf den Weg zum Ballonfestival zu machen. Bei der Ankunft ist es bereits dunkel, die bunten Silhouetten der Karussels zeigen den Weg. Es erinnert an die Chilbi (Jahrmarkt) in der Schweiz, an den Rummelplatz, den Lärm, die Musig aus allen Richtungen.

Jahrmarkt

Jahrmarktstimmung

Karussels

Wunderbare Farben gegen den dunklen Himmel

Zuschauermassen

Tausende von Menschen, alle gespannt auf das kommende Spektakel

Dem Höhepunkt entgegen

Und heute ist der Höhepunkt und – es ist Vollmond, für alle Buddhisten ein wichtiges monatliches Ereignis. Die Fahrt dauert, hervorgerufen durch den dichten Verkehr, der in den Bergen um Taunggyi immer schlimmer wird, ziemlich lang, doch genau zur richtigen Zeit erreichen wir den riesigen Platz, wo die berühmten Ballone aufsteigen werden.

Wie ein Stones-Konzert

Es sind bereits tausende Zuschauer versammelt, zum Teil noch Kilometer entfernt, sind hunderte noch zu Fuss auf dem Weg. Die Atmosphäre erinnert mich an Stones-Konzerte, an das Durcheinander vor dem Konzertbeginn, die erwartungsvolle Stimmung. Überall dröhnen riesige Lautsprechertürme, Beats wie an der Streetparade, Jahrmarktstimmung, Essstände (mit allerhand undefinierbarem Zeugs; einiges sieht verdächtig nach Innereien aus), Stände mit Geschicklichkeitsspielen, an denen sich die Jugend trotz wenig Erfolg vergnügt. Man lässt sich durch die Menge treiben, wartet auf den Beginn des Spektakels, das dann einigermassen pünktlich startet.

Eisenbahn

Karussel für die Kleinsten

Geschicklichkeitsspiele

Geschicklichkeitsspiele

Und dann geht’s los – endlich

Der Tross von Fahrzeugen, die sich mitten durch die dichteste Menge mühen, erinnert ebenfalls an die Streetparade. In der Platzmitte beginnt dann die Vorbereitung.

Erwartungen

Erwartungsvolle Stimmung

Irgendwoher taucht dann etwas auf, das die Hülle sein könnte, irgendwo brennt plötzlich Feuer, die Erregung der Menge steigt, man hört Gesänge, erkennt tausende von Armen, ekstatisch in die Höhe gereckt, dazu das rhythmische Schlagen von irgendwelchen Schlaginstrumenten.

Ballonhülle

Die Hülle wird aufgeblasen

Ballon kippt

Dann kippt sie kurzzeitig zur Seite Oh Ah

Und dann ist es endlich soweit. Die Hülle wird durch die heisse Luft langsam aufgebläht, jetzt erkennt man die wunderbaren Farben, die Zeichnungen und Schriftzeichen darauf, sie werden grösser und grösser, bis der Ballon in seiner ganzen Pracht über der Menge hängt.

Eine Minute lang kippt er auf die Seite, ein Stöhnen geht durch die Menge, aber wundersamerweise gelingt es der Crew, ihn wieder in die Senkrechte zu bringen.

Ballon bereit zum Fliegen

Und dnn endlich, in der ganzen Pracht

Schliesslich rennen Leute heran, sie tragen ein viereckiges Gestell, das unten angehängt wird, und jetzt, zum Entzücken der tausenden von Zuschauern – Ah! Oh! – erhebt sich der Ballon in den Nachthimmel, und kaum hat er eine gewisse Höhe erreicht, spuckt er Feuerwerk aus dem angehängten Gestell. Ein Funkenregen senkt sich herab, rote, grüne, gelbe Explosionen, Sterne, alles da, alles, was wir auch kennen, aber nie wie in diesem Wahnsinnsspektakel.

Endlich steigt der Ballon (Video)

Und noch einer (Video)

Und ein dritter (Video)

Feuerwerk

Er spuckt Feuer und Sterne

Ballon am Nachthimmel

Ein unglaublicher Anblick

Es ist irgendwie unglaublich schön und irgendwie auch sehr traurig, wie der Ballon immer kleiner wird, eine Minute hinter Wolken verschwindet, während die Funken und Explosionen daraus hervorschiessen, und wieder auftaucht, schon ganz klein, und während die Zuschauer ihre Aufmerksamkeit längst wieder ihren Smartphones zuwenden, verschwindet er im Dunkel der Nacht. Ein winziger kleiner Funke, ein letztes Glühen, und weg ist er, irgendwo auf dem Flug nach Nirgendwo …

Trekking Inlé-Lake – Tag 2

Trekking Inlé-Lake – Tag 2

Der Morgen fängt gut an, wir sind, trotz Kälte und nächtlichen Störgeräuschen guter Stimmung, geniessen das Frühstück, lachen, schwatzen.

Ein nebliger Morgen

Ganz und gar nicht Burma-like hängt am frühen Morgen ein dünner Nebel in der Luft. Die Bäume im Hintergrund verschwinden in der milchigen Suppe.

Eine wunderbar friedliche Stimmung. Auch bei den Kühen.

Kühe beim Frühstück

Es scheint zu munden

Gnus?

Andere müssen noch auf den ersten Kaffee warten

Morgennebel

Eine milchige Suppe über den Wiesen

Die Phase des gegenseitigen Austausches von mehrheitlich banalen Reiseerlebnissen ist längst vorbei, jetzt sind andere Themen angesagt. Von Game of Thrones bis Königin Beatrix, von Hauspreisen und Heiratsplänen, von dem, was in der Zukunft Angst macht, und dem, was nicht früh genug geschehen kann. Und über den Terrorismus, die Paris-Anschläge und all das, was sich daraus ergeben könnte.

Dann wandern wir los. Zuerst in eine Art Apotheke, wo Sanny jemanden kennt, der ein todsicheres Mittel gegen Durchfall und Bauchschmerzen verkauft. Ich bin etwas misstrauisch, als er mir einen Becher mit einer seltsam aussehenden Flüssigkeit entgegenstreckt. Das Zeug sieht aus, als könnte man damit jemanden vergiften, aber was soll’s – viel schlimmer kann’s nicht werden. Und tatsächlich – im Verlauf des Tages erholt sich mein Magen-Darm-Trakt. Wahrscheinlich vor lauter Schrecken über die ungewohnte Medizin.

Frodo-Country

Heute sind noch einmal knapp 20 Kilometer angesagt, deswegen geht’s früh los, damit wir der sengenden Sonne entgehen können. Wir sind nun ein eingeübter Trupp, fast schon Profis, obwohl die zierliche Stefanie immer noch behauptet, alles, aber sicher keine Wandererin zu sein.

Die ersten paar Kilometer sind eine Reise durch Lord-of-the-Rings Territorium. Fast wie Frodo und seine Begleiter folgen wir dem schmalen Fusspfad, umgeben von mit Spinnweben behangenen Gebüschen, die sich leise im Morgenwind wiegen. Allerdings erinnern die Spinnweben auch an den Düsterwald, wo die 13 Zwerge mit Bilbo auf die mörderischen Riesenspinnen trafen. Das hingegen muss nicht sein. Oder hat sich da was bewegt im dichten Gebüsch?

Spinnweben im Morgennebel

Die Spinnweben glänzen feucht im Morgennebel

Wanderung durch den nebligen Morgen

Und weiter geht die Reise …

Der Aussichtsturm

Irgendwann am Nachmittag fällt uns schon von weitem eine seltsame Konstruktion ins Auge. Ist es ein Aussichtsturm? Und falls ja, wofür? Es gibt weit und breit nichts zu sehen. Natürlich können wir der Versuchung nicht widerstehen, bis ganz nach oben zu klettern. Allerdings schwankt die Konstruktion unter dem Gewicht, und es ist empfehlenswert, die Tragfähigkeit nicht weiter zu testen.

Aussichtsturm

Ein Aussichtsturm wofür? Eine ziemlich schwankenden Angelegenheit

Knaben hinter Gebüschen

Wir werden wieder mal misstrauisch beäugt

Abgebrochener tonnenschwerer Ast

Auch der stärkste Baum ist manchmal machtlos gegen die Schwerkraft

Auf dem Weg zum Inlesee

Wir nähern uns dem Inle-See

Im Schatten des Banyan Baumes

Man kommt sich sehr klein vor im Schatten dieser riesigen Bäume

Zum letzten Mal Kung-Fu

Weiter also durch die wechselnd farbige Landschaft, doch nun geht’s mehrheitlich bergab, der Ebene entgegen, wo der Inle Lake liegt. Wir erreichen ihn sozusagen pünktlich, ein weiteres lukullisches Mittagsmahl erwartet uns, und Sanny gibt zum Abschluss eine weitere Kostprobe seiner KungFu Nummern zum Besten, diesmal mit Stöcken.

Essenspause

Wie immer ein Schmaus

Also eines ist klar, mit ihm möchte ich auf keinen Fall in Streit geraten. Er würde mich – und auch die um einen Kopf grösseren Chris und Sebastian – schlicht und einfach zerschmettern. Der Abschied von ihm, denn ab hier übernimmt uns der Bootsfahrer, ist wehmütig, denn wir wissen, dass wir ihn nie mehr wiedersehen werden.

Abschied von Sanny

Abschied von Sanny – das letzte Bild unserer Truppe

Der Inle-See

Die ersten Kanäle tauchen auf, braunrotes Wasser führend. Boote knattern vorbei, manche mit Lebensmittel gefüllt, die zu den Dörfern auf dem See gebracht werden.

Unser Boot

Man erwartet uns bereits

Seerosen

Seerosen im brackigen Wasser

Ein zwiespältiges Erlebnis

Die Fahrt über den Inle See ist für mich ein zwiespältiges Erlebnis. Die Unterschiede zur Fahrt vor 11 Jahren sind krass: Nun brausen beinahe im Sekundentakt Speedboote vorbei, vollbeladen mit Touristen, das Wasser ist verschmutzt, man hat den Eindruck, als wäre eine allgemeine Zerstörung in Gang gesetzt worden. Was unendlich schade wäre, denn dieses Kleinod sollte dringend geschützt werden.

Hütten auf Stelzen

Hütten auf Stelzen mitten im Inlesee

Fischerboote auf den Kanälen

Fischerboote …

Speedboote

Speedboote mit Touristen…

Nyaungshwe

Und Nyaungshwe kommt näher

Weitere Abschiede

Und dann erreichen wir Nyaung Shwe, und ich sage Goodbye zu Chris und Stefanie, mach’s gut, Sebastian. Wir werden uns nicht wiedersehen.

Das Herz wird ein bisschen schwer.

Nyaung Shwe

Es scheint, dass nicht nur der Inle Lake sich gewandelt hat, sondern auch das früher so friedliche und gemütliche Nyaung Shwe. Ich kann mich an geruhsame Fahrradtouren erinnern, an Strassen ohne Verkehr, an eine entspannte Atmosphäre.

Das ist vorbei. Der Massentourismus hat Einzug gehalten. Die Hauptstrasse ist permanent verstopft, die Luft eignet sich kaum noch zu atmen. Waren vor 11 Jahren ein paar wenige Fahrzeuge auf der Strasse anzutreffen, so sind es heute hunderte, tausende. Überall Staus, Abgase, Hektik, und mitten drin – als Auslöser der ganzen Misere – die Touristen. In Scharen, nicht nur Backpacker, sondern jetzt auch die Vertreter des Massentourismus, riesige Cars, die ganze Wagenladungen ausspucken und auf die Stadt und den See loslassen.

Der Weg zu meinem Hotel ist wesentlich länger als in Booking.com beschrieben, und so bin ich ziemlich erschöpft, als das Emerald Moon Hotel endlich auftaucht. Ein Bungalow mit allen Wunderbarkeiten moderner Hotellerie wartet auf mich. Nicht ganz überraschend, dass ich um acht bereits in tiefem Schlummer liege …

Trekking zum Inlé-Lake – Tag 1

Trekking von Kalaw zum Inlé-See

Es ist immer ernüchternd und etwas schmerzhaft, wenn man an das eigene Alter erinnert wird. Ich erinnere mich gut an das erste Mal, ich war Mitte Dreissig, also noch mitten in der Jugend.

Dachte ich.

Nun, auf jeden Fall mass mich die junge Dame im damals angesagten Jeans-Shop von Kopf bis Fuss, um mir dann mit einem mitleidigen Blick mitzuteilen, meine gewünschten Hosen doch besser im PKZ (damals ein Kleidergeschäft für ältere Herrschaften) zu suchen. Autsch! Das tat weh!

Wie sagte schon Mae West (oder war es Kris Kristofferson?):

“Altwerden ist nichts für Feiglinge.”

Ich muss ihr zustimmen.

„You walk? .. Yes. Why? .. You old!!“

Heute Morgen werde ich an die damalige Geschichte erinnert. Das Mädchen an der Rezeption des Railroad Hotels namens Sima scheint die westliche Zurückhaltung bezüglich unpassender Bemerkungen zum fortgeschrittenen Alter ihrer Kunden noch nicht verinnerlicht zu haben (obwohl ich mir diese Direktheit manchmal wünschen würde).

Auf jeden Fall beginnt mein 2-tägiger Treck Richtung Inle-Lake mit genau diesen Worten. Wir lachen beide herzlich (ich ein wenig verkrampft) und verabschieden uns. Es war – trotz Badezimmer – ein wunderbarer Aufenthalt.

4 Personen plus Guide

Bei der organisierenden Agentur findet sich nach und nach die Truppe von insgesamt 4 Personen plus Guide zusammen (genau die richtige Grösse, denn immerhin ist man für 2 Tage eng zusammengeschweisst und erleidet sozusagen das gleiche Schicksal). Sebastian, ein junger Deutscher aus Rosenheim, Chris und seine Freundin Stefanie aus Amsterdam und Sanny, unser Guide. Zu ihm wird es noch einiges zu sagen geben, denn er wird sich als die grosse Attraktion unseres Ausflugs erweisen. Alles in allem eine gute Zusammensetzung, eine sehr gute.

Guide und Trekker

Sanny, unser Guide, mit interessierten Zuhörern

Sanny, unser Guide

Wir werden, da nur 2 Tage unterwegs, den ersten Teil mit dem Sammeltaxi in die Hügel hinausgefahren, wo wir schliesslich irgendwo im Nirgendwo ausgeladen und uns selbst überlassen werden. Na ja, immerhin haben wir ja Sanny. Er ist ein 55-jähriger, kleiner, drahtiger Mann mit einem feinen Geflecht von Falten in seinem sonst glatten Gesicht, immer mit einem Lächeln, auf dem Kopf eine Wollmütze, um die Beine schlottern sehr weite helle Hosen, die ihn von Weitem erkennen lassen. Dass er ein äusserst eloquenter Gesprächspartner und ein Geschichtenerzähler wie aus Tausend und einer Nacht ist, wird sich schon bald erweisen.

Sticky Rice

Nun denn, auf geht’s! Wir folgen dem Weg anfänglich gegen Osten, über gut ausgebaute Wege, dann wieder ausgewaschene Fusspfade, vorbei an gelben Feldern mit blühenden Sesampflanzen, an Feldern mit Sticky Rice (allerdings soll es gemäss Sanny auch Sticky Sticky Rice geben, der muss dann ziemlich sticky sein). Für die Nichtexperten: Sticky Rice ist anders als der Wet Rice etwas anders im Geschmack und gehört je nach Stamm, Volk oder Land mehr oder weniger zum täglichen Menü.

Banyan-Bäume

Manchmal kreuzen wir die riesigen Banyan-Bäume, stehen einen Moment still und bewundern die uralten, heiligen Monstren. Dann wieder vorbei an einem gelben Meer von Blumen. Das Auge wird müde ob der schieren Pracht.

Wenn ich unserem gut informierten Führer glauben kann (Einschränkung: ich glaube ihm nicht alles, obwohl ich überzeugt bin, dass ER alles glaubt, was er uns erzählt. Die Geschichte mit seinen Heilerqualitäten (was ein eigenes Kapitel füllen würde) ist so abstrus und gleichzeitig komisch, dass, falls nicht wahr, doch wenigstens gut erfunden ist).

Wenn ich ihm also glauben kann, gibt es unterschiedliche Banyan-Bäume, nämlich die heiligen und die anderen. Wie sie sich unterscheiden, ist allerdings unklar. Die einen sind einfach heilig und werden mit ebenso heiligen Utensilien bekränzt, während die anderen, obwohl vollkommen gleich aussehend, eben nicht heilig sind.

Aber sei’s drum, Banyan-Trees haben eine wichtige Rolle in Buddhas Geschichte gespielt. Soweit ich weiss, meditierte er in Bodh Gaya, einem Kaff in Indien, ein paar hundert Kilometer von Varanasi (Benares) entfernt, unter einem Banyan-Tree und wurde eben dort erleuchtet (ein Ur-Ur-… Enkel des damaligen Baumes wächst immer noch an der gleichen Stelle, selbst gesehen und kein Wort geglaubt) …

Banyan-Baum

Ein riesiger Banyan-Baum

Sonnenblumen so weit das Auge reicht

Ein gelbes Meer von Sonnenblumen

Durch Felder und Wälder

Es ist einer der schönsten Wanderungen ever. Ein gemütlicher Spaziergang entlang Wiesen und Felder und Wälder, an lieblichen Flüssen und Bächen vorbei, dazwischen aufgelockert durch Wasserbüffel und Kühe und Kinder …

Bienenkästen

Bienenkästen?

stillgelegte Geleise

Entlang stillgelegten Geleisen

Wasserbüffel und Bäume

Einsame Bäume mitten in der Landschaft mit ein paar Wasserbüffeln

Wasserbüffel

Er schaut ziemlich grimmig (“Haut ab!”)

Stopp zum Durchatmen

Angeregte Diskussionen

Mönchsordination

Manchmal muss man etwas Glück haben. Auf dem Weg nach Osten treffen wir auf einen buddhistischen Tempel, wo eben eine seltsame Zeremonie im Gange ist. Unweit eines Tempels warten unter den ausladenden Ästen eines Banyanbaumes (siehe unten) eine Menge Leute, alte, junge, Babies, Kinder,die Blicke auf den Eingang des Tempels gerichtet, wo man das monotone Gemurmel buddhistischer Rezitationen hört.

Wir stellen uns dazu, und Sanny, unser Führer, erklärt uns, dass eine Ordination im Gang ist. Offenbar werden an diesem Tag zahlreiche neue Mönche (Bhikkus) ordiniert, d.h. sie erhalten ihren Status als Mönch und müssen ab diesem Tag die über zweihundert Gebote (die meisten davon betreffen lustigerweise die Vorgaben, wie man richtig am Tisch sitzt, isst und trinkt) einhalten.

Erstaunlicherweise ist der Buddhismus in dieser Beziehung sehr locker und offen: eine Ordination wie im katholischen Glauben beispielsweise, die für die Ewigkeit gilt, kann hier problemlos wieder aufgelöst werden, man wird also nach mehr oder weniger Tagen oder Wochen oder Jahren auf eigenen Wunsch von seinen Gelübten gelöst und kann sein normales Leben weiterführen.

Es dauert nicht lange, und die gut zwanzig frischgebackenen Mönche verlassen mit ernsten Gesichtern den Tempel, sie werden durch die Zuschauer mit Musik begrüsst, und die ganze Prozession geht würdevoll von dannen, ohne uns auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen …

Wir verlassen die Feier mit einem zwiespältigen Gefühl. Einmal mehr möchte man gern Teil der Kultur sein, ist sich aber bewusst, dass wir nicht dazugehören.

Tempel auf dem Weg

Ein kleiner Tempel im Nirgendwo

Versammlung der Gläubigen

Die Gläubigen versammeln sich im Schatten der Bäume

Zeremonie beim Tempel

Die Zeremonie beginnt

Feierlicher Umzug

Sonnenschirme? Oder doch nicht?

Musikanten

Musikanten mit seltsamen Instrumenten

Kinder und Wasserbüffel

Manchmal laufen Kinder über den Weg, scheu, zurückhaltend, rennen weg, sobald eine Kamera gezückt wird. In einem Dorf dann eine ganze Meute, die nach Pencils schreien. Pencils? Jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, die restlichen Farbstifte loszuwerden. Der Verteilprozess ist allerdings etwas mühsam, denn zehn Kinder springen an mir hoch, versuchen mit ausgestreckten Händen an die begehrten Stifte zu kommen. Also muss das organisiert werden, alles in eine Reihe, dann faire Verteilung, damit auch die jüngeren nicht zu kurz kommen.

Kinder auf dem Weg

Ist das bereits eine bittende Geste?

Kinder

Noch mehr Kinder

Kinder

Genussvoll kauend

Immer wieder Wasserbüffel, das schönste Bild ein Wasserpfuhl, wo sich zehn Stück aufs Mal wohlig suhlen, während im Hintergrund eine Mutterkuh ihr Junges bewacht und uns misstrauische Blicke zuwirft.

Wasserbüffel beim Baden

Es gibt nichts Schöneres

Hirte im Schatten

Der zugehörige Hirte im Schatten

Peperoncini

Was den Fotographen unter uns, Chris, besonders erfreut, sind die zum Trocknen ausgelegten Peperoncini, man hat den Eindruck, dass ganze Fussballfelder in dunklem Rot schimmern. Darauf kauern sich Frauen und Kinder, zum Teil in ihren wunderbar farbigen Trachten des Pa-O Stammes, und wenden die Dinger oder sammeln sie ein.

Den genauen Ablauf habe ich nicht ganz verstanden, allerdings erscheinen mir gewisse Details der Anpflanzung von Gemüse, das ich nicht besonders mag, auch nicht besonders erinnerungswürdig (ausser den wunderbaren Farben natürlich).

Peperoncini

Ein rotes Meer von Peperoncini

Frau auf dem Peperoncini Feld

Die mühselige Arbeit in der brennenden Sonne ist das tägliche Brot

Mein Magen/Darm rebelliert

Etwas müsste ich vielleicht noch erwähnen: gestern Nachmittag, müde und heisshungrig auf etwas Süsses, habe ich den einen Fehler gemacht, den man tunlichst vermeiden sollte, nämlich in einem indischen Restaurant einen lauwarmen Kaffee zu trinken. Natürlich hätte ich das Gebräu zurückzuweisen müssen, aber manchmal ist man einfach zu dumm oder zu höflich.

In der Konsequenz: Punkt fünf Uhr morgens die unangenehme Überraschung, die man sich vorstellen kann. Nun bin ich also auf einem 2-tägigen Treck, der mich irgendwohin führt, auf jeden Fall nicht in Gegenden, die für anständige WCs bekannt sind. Aber wie gesagt, mein Fehler, aber das gehört halt irgendwie dazu. Ein gehöriger Input von Loperamid-Mepha wird hoffentlich dafür sorgen, dass ich mich nicht allzu sehr als Störenfried entpuppen werde.

Ein gelbes Meer

Und dann wieder, fast verloren im endlosen gelben Meer, der Weg durch blühende Felder.

Es ist wie in einem Traum. Einem wunderschönen Traum.

blühende Blumen

Weg durch ein gelbes Meer

Trecker im Blumenfeld

Blauer Himmel, blühende Felder, lachende Trecker

Die Pa-O Dame

Alle paar Stunden ein Halt, wie es sich gehört, einmal ein Teestopp bei einer Pa-O Dame, die emsig am Weben von wunderbaren Tüchern und Taschen ist. Ein endloser, mühsamer Prozess, der für ein einziges Tuch mehrere Tage dauern kann, und – nach unseren finanziellen Gegebenheiten – für ein Trinkgeld verkauft wird.

Frau bei der Arbei

Langsam, gemächlich entstehen Kunstwerke

Bunte Tücher

Die Ergebnisse ihrer Arbeit sind atemberaubend

Mittagessen im Homestay

Mittagessen dann in einem Haus, das für andere Trekkinggruppen als Homestay dient. Ein runder Tisch ist bereitgestellt, man setzt sich auf den Boden (ah, wie ich das hasse, wie mein blöder Rücken protestiert) und erhält ein mehrgängiges Menü aus Noodles, Gemüse, unedefinierbaren Beilagen, die aber, so höre ich, sehr gut schmecken (ich begnüge mich aus verständlichen Gründen mit einem Teller Suppe). Es wird gequatscht und gelacht, langsam findet sich die Gruppe zusammen. Einmal mehr ist Englisch die Lingua Franca.

Frau am Fenster

Die Dame des Hauses schenkt uns einen vorsichtigen Blick

Mittagessen

Es sieht nicht nur gut aus

hungrige Arbeiter

Im Nebenraum sind andere hungrige Mäuler am Essen

Zieleinfahrt beim Sonnenuntergang

Gegen Abend dann, nach einem Zwischenspurt, denn wir haben viel Zeit verloren, erreichen wir eben vor Sonnenuntergang das Dorf, wo wir übernachten werden.

seltsames Haus

Irgendwie eine seltsame Architektur

Frau und Kühe

Eine Idylle gegen Abend

Der Homestay

Der Homestay macht einen recht ordentlichen Eindruck (von den Toilette möchte ich lieber nicht sprechen), es gibt einen grossen Raum, in dem wir schlafen werden, die Schlafplätze mit Decken und Matratzen sind bereits vorbereitet. Auf die Dusche allerdings (ein Kübel eiskaltes Wasser über den Kopf) verzichte ich gerne (nur Sebastian ist genügend Masochist, um sich das anzutun).

Nach dem Abendessen im Freien – es wird sehr schnell ziemlich kalt – und einem längeren Vortrag von Sanny über seine Fähigkeiten als Heiler (!), über Buddhismus und einer Präsentation seiner KungFu Künste ist es Zeit, sich unter die Decken zu verkriechen. Allerdings, die vom Organisator versprochenen 5 Zentimeter dicken Matratzen erweisen sich eher als 5 Millimeter dick (wahrscheinlich hat er die Masse verwechselt), aber die Decken scheinen ziemlich warm zu sein (wenn vermutlich auch schon tausend Mal in Gebrauch gewesen).

Homestay

Unser Homestay

Das alles erinnert an alte SAC Hütten mit müffelnden Wolldecken (und den fehlenden Duschmöglichkeiten). Auf jeden Fall bin ich froh um meinen Baumwollschlafsack, der zwar wärmemässig nicht allzu viel hergibt, aber zumindest vor der direkten Berührung mit den Decken schützt. Ich werfe noch eine Tablette ein, in der Hoffnung, jeglichen nächtlichen Gang auf die besagte Toilette vermeiden zu können, und drehe mich auf die Seite. Es ist kalt, und es ist hart, aber irgendwie … wunderbar.

Zumindest im ersten Moment …

Wie gesagt, irgendwie wunderbar, langsam stellt sich Wärme ein, die Matratze ist besser als gedacht, der Magen im Moment ruhig gestellt – da beginnt das, was in jeder Beziehung, im Militär oder bei den Pfadfindern, unweigerlich zu Problemen führt: Schnarchen!

Eine Symphonie des Grauens

Das, was neben mir aus der Kehle Sebastians dringt, ist aber nicht einfach Schnarchen, es ist viel mehr als das, es ist ein Angriff auf Ruhe und Frieden an sich, eine Kakophonie von schaurigen Tönen, mit denen man kleine Kinder zu Tode erschrecken könnte, eine Symphonie des Grauens. Manchmal klingt es, als würde er in den letzten Zügen liegen, manchmal holt er lautlos Atem, um diesen dann in furchterregenden Schüben hinauszupressen. Gott im Himmel!

An Schlaf ist nicht zu denken, denn nun beginnt das, was man dann in solchen Fällen tut, man wartet auf den nächsten Angriff auf die Ohren und kann nicht schlafen. Und die blöden Ohropax habe ich zurückgelassen!

Nun, irgendwie vergeht die Nacht trotzdem, ich falle zwischendurch sogar in einen mehrstündigen Schlummer, der Punkt sechs durch die Geräusche des Morgens unterbrochen wird.

Kalaw – brennend heiss und eiskalt

Kalaw – genau so schön wie beim ersten Mal

Zuerst das Wichtigste, das Allerwichtigste: heute wird mein Sohn 25 stattliche Jahre alt. Mein Gott, Böbel, ein Vierteljahrhundert und schon bald muss man den Hut vor dem Herrn Doktor ziehen. Alles Gute zum Geburri, mein Kleiner!

Das Railroad Hotel

Das Railroad Hotel ist zwar recht neu, hat sich aber bereits einen Namen gemacht. Hier trifft sich alles, was ein echter Backpacker ist, das Durchschnittsalter dürfte unter dreissig liegen. Zeit, es mal wieder etwas in die Höhe zu stemmen, also schreibe ich in der Kolumne Age mit sichtlichem Vergnügen die dämonische Zahl 66 hinein (was den einen oder anderen schon etwas irritieren dürfte – der ist ja älter als mein Grossvater!).

Ich kriege ein nettes Zimmerchen, in dem man sich durchaus ein paar Tage wohlfühlen kann. Das Bett ist weich, die Laken duften wunderbar sauber, es gibt einen Tisch mit Stuhl und ein Badezimmer.

Zimmer im Railroad Hotel

Hier kann man sich wohlfühlen

Ein sehr besonderes Badezimmer

Hier muss ich doch etwas ausholen, denn dieses Badezimmer schreit danach, näher beschrieben zu werden. Ich bin überzeugt, dass bei der Planung (falls es denn eine gab) und Ausführung massiver Genuss von Betelnuss oder anderen Drogen eine Rolle gespielt haben muss.

Ganz von vorne: man muss zuerst eine ziemlich gefährliche Stufe hinab steigen, um den Boden zu erreichen, der permanent überflutet ist. Grund: der Konstrukteur hat vergessen, einen Ablauf für das Duschwasser einzubauen. So muss man der trockenen Höhenluft und anderen physikalischen Einflüssen Zeit lassen, das Ding auszutrocknen. Das ist aber noch nicht alles an Verrücktheiten.

Ein Blick hinunter auf die irdische Welt

Da der Boden wie erwähnt etwas gar weit unten ist, steht man vor einem Lavabo, das dafür viel zu weit oben ist, im Kurztext: man muss sich auf die Zehen stellen, um sein Gesicht sehen zu können. Haken sind nirgends zu sehen, also sind Ideen gefragt, wo man die Frottetücher und das Necessaire hinhängt.

Zum Schluss die Toilette: sie wurde wahrscheinlich wie das Lavabo auf der richtigen Höhe geplant, was – wen überrascht’s – dazu führt, dass man sich tatsächlich auf dem Thron fühlt und von weit oben auf die irdische Welt hinunterblickt. Burmesische Baukunst ist generell nicht sehr berühmt, aber dieses Badezimmer erhält tatsächlich die goldene Himbeere für das schlechtest geplante und noch schlechter ausgeführte Bauwerk westlich des Irrawaddy …

Das Leben ist gut

Aber sonst lässt sich absolut nichts Nachteiliges über das Etablissement sagen: das Personal ist freundlich und hilfsbereit, das Frühstück eines der sieben Weltwunder. Im Sekundentakt werden Früchte, Pancakes, Brot, Konfi, Butter, Kaffee gereicht, dass man kaum zum Atmen kommt. Mein Gott, das Leben kann so gut sein …

Frühstück im Railroad Hotel

Essen wie König in Frankreich

Noch zu erwähnen: der 3-Tage-Treck fällt ins Wasser und wird durch einen zweitägigen ersetzt. Grund: alle Agenturen sind restlos ausgebucht. Es muss auf diesen Touren zu- und hergehen wie am Carneval in Rio, also nein, nicht unbedingt etwas, was ich in voller Länge mitmachen möchte. Also steht mir ein zusätzlicher Tag in Kalaw zur Verfügung.

Wiedersehen

Schon beim ersten Besuch 2004 stellte Kalaw einer der Höhepunkte der Reise dar. Nicht nur wegen den angenehm kühlen Temperaturen (im Vergleich zum restlichen Burma), sondern weil die Stadt eine eigene Grazie ausströmt. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre, die Leute sind freundlich und zuvorkommend.

Also freue ich mich auf ein Wiedersehen.

Auf den ersten Blick hat sich nicht viel verändert, auf den zweiten jedoch erkennt man den Einfluss des rasant wachsenden Tourismus. Es gibt nun an jeder Ecke Läden und Stände, wo es alles zu kaufen gibt, was das Backpackerherz erfreut. Dazu die üblichen Restaurants, die auf ausländischen Geschmack ausgerichtet sind.

Die burmesischen Eigenheiten sind dabei etwas untergegangen. Aber immerhin ist der gedeckte Markt im Zentrum noch da, immer noch voller Kleider und Hüte und Früchte und Gemüse und Dinge, die ich nicht identifizieren kann (siehe unten).

Markt in Kalaw

Was könnte das sein?

gedeckter Markt in Kalaw

Wer kauft all dieses Zeug?

Souvenirs in Kalaw

Alles auf Touristen ausgerichtet

Früchte- und Gemüsemarkt

… und der obligate Früchte- und Gemüsemarkt

Ein kühler Abend

Ein paar ergänzende Worte zu Kalaw: es gibt an die 80’000 Einwohner, verteilt über die Stadt und die vielen Hügel der Umgebung. Zu Zeiten der Engländer war Kalaw eines der beliebten Bergdörfer, wohin man sich in den heissen Sommermonaten zurückzog.

Die Lage auf gut 1400 Metern ermöglicht ein angenehm kühles Klima, was ich bereits am gestrigen Abend und vor allem in der Nacht am eigenen Leib erfahren musste. Es wird nämlich saukalt. Sobald die Sonne verschwindet, sinkt die Temperatur schnell und macht das Sitzen in kurzen Hosen schnell einmal etwas unangenehm, so dass man sich in die vermeintliche Sicherheit des Hotels flüchtet. Nur ist es dort auch nicht wesentlich wärmer, verflixt!

Als leidenschaftlicher Frischluft-Fanatiker kann es natürlich nicht sein, dass ich nicht mindestens ein Fenster sperrangelweit offen lasse, was ich als böser Fehler erweist. Irgendwann so um zwei Uhr morgens pfeift mir eine Bise um die Ohren, dass es nur so kracht. Aufstehen und das Fenster schliessen? Viel zu kalt, also ziehe ich die Decke über den Kopf und gelobe Besserung.

Die Bahnstation in Kalaw

Heute aber ist die frostige Nacht vergessen, die Sonne brennt vom Himmel, und ich mache mich auf zu einem Waisenhaus, um endlich meine Farbstifte und Zeichenhefte loszuwerden.

Bahnhof in Kalaw

Der kleine niedliche Bahnhof (für einen Zug, der nicht mehr fährt)

1300 Meter über Meer

Immerhin über 1300 Meter über Meer

Der Weg führt bei der Bahnstation vorbei, dort, wo wir 2004 sehr sehr lange auf den Zug warten mussten, der uns im Schritttempo zum Inlé-See führte. Alles ist noch so wie damals, doch hat man den Eindruck, dass sich bezüglich Technik im Bahnhofsbüro doch einiges verändert hat.

Technik im Bahnhofsbüro

Die damaligen technischen Geräte, mit viel Stolz präsentiert

Das Waisenhaus

Und wen wundert’s – niemand scheint etwas von einem Waisenhaus gehört zu haben, nicht der Uniformierte, der etwas Undefinierbares bewacht, nicht der Portier beim Luxushotel, niemand auf der Strasse.

Muss ich das Zeug tatsächlich wieder nach Hause nehmen? Doch der Himmel hat ein Einsehen mit mir, denn der gepflegten Dame an der Reception ist doch noch in den Sinn gekommen, was ich gemeint haben könnte und weist mir den Weg zu einem grossen, etwas baufälligen Haus, das sich tatsächlich als das gesuchte Waisenhaus entpuppt.

Es handelt sich dabei um ein Kinderheim, das von einer Deutschen und ihrem Verein gegründet und unterstützt wird. 58 Kinder aus den besonders armen Regionen der Shan-Berge leben hier. Nur, wo sind sie? Ein junges Mädchen macht mir klar, dass sie alle an der Sonntagsandacht sind und erst am Nachmittag zurückkehren.

Solange möchte ich nicht hierbleiben und drücke die Spielsachen mit einem Gruss dem Mädchen in die Hand und verabschiede mich schnell, bevor die Überzeugung, ein besonders guter Mensch zu sein, allzu übermächtig wird (hier fehlt mir ein schief grinsendes Emoji) …

Die falsche Kirche

Eine Ergänzung: zwei Stunden später stehe ich vor einer Kirche, höre einen Chor Kinderstimmen und frage mich, ob das die Andacht sein könnte, wo meine in Zukunft malenden und zeichnenden Schützlinge beten, doch weit gefehlt. Eine resolute Dame macht mich auf den Fehler aufmerksam. Ich habe schlicht die falsche Kirche, die falsche Religion erwischt. Hier sind es Baptisten, die anderen sind Katholiken. Ach so.

Auf der Suche nach Mr. Singh

Dann weiter auf meinem Erkundungsmarsch. Ich hoffe immer noch, irgendwo den Führer, der uns bei der letzten Reise auf einem erinnerungswürdigen ganztägigen Trek als Führer begleitete, d.h. einen Tag lang durch die angrenzenden Hügel und Dörfer.

Man muss sich einen sanften Menschen vorstellen mit weicher Stimme und Manieren wie aus dem alten England, grossgewachsen, hager, mit dicken schwarzen Haaren, eine Erinnerung an seine indische Abstammung.

Und er wusste schlicht alles, was es zu wissen gab. Seine Augen blieben warm und freundlich, auch dann noch, als er uns erzählte, dass er früher Lehrer war und nun als Guide der einzige in einer Grossfamilie war, der gelegentlich etwas Geld verdiene. Zur Grossfamilie gehörten auch seine Söhne, beide studiert, mit ihren Familien, die keine Chance hatten, einen angemessenen Job zu finden.

Eine Oase des Friedens

Und dann – ganz unerwartet – stosse ich bei meinem Spaziergang auf einen buddhistischen Tempel. Die Mönche sind  eben beim Essen (sorry für die schlechte Bildqualität, es musste schnell und unbemerkt gehen).

Mönche im Tempel

Mönche mit Hunger

Der Tempel (den wir beim letzten Trip verpassten) ist wie immer grossartig und strömt das aus, was immer da ist: eine ganz eigene innere Ruhe. Als wäre es eine Insel inmitten der Hektik des täglichen Lebens. Eine Oase des Friedens.

Buddhastatue in Kalaw

Einfach nur schön …

kunstvolle Gegenstände

… und zierlich

Glocke

… an der zugehörigen Glocke

Reisepläne

Das Lustige ist, dass ich zwar plane, Ende der Woche die Grenze nach Thailand auf dem Landweg zu überqueren, aber eigentlich niemand mit Sicherheit sagen kann, ob dies überhaupt möglich ist. Und da mein Burma-Visum am 1. Dezember abläuft, mir also höchstens noch zwei Tage bleiben, um ein Flugzeug zu erwischen, spiele ich momentan etwas Vabanque. Macht aber nichts.

Seit einiger Zeit hat Burma nämlich die Grenzen etwas offener gemacht, will heissen, dass man nun an vier Orten die Grenze nach Thailand überqueren kann. Gemäss Führer braucht es dazu aber ein Special Permit, das nur in Yangon mindestens 2 Wochen vorher beantragt werden muss und 85$ kostet. Einige Fellow-Travellers haben mir aber glaubhaft versichert, dass dies Unsinn ist. No problem, man, absolutely no problem! Wir werden sehen.

Merkwürdigerweise kann man den burmesischen Grenzort Tachileik nur via Flugzeug erreichen, da die Strasse entweder a) unpassierbar ist b) durch ein Gebiet der Aufständischen führt oder c) eine Verschwörung zwischen den Fluggesellschaften und der Regierung ist. Anyway, ich poste mir schon mal ein Ticket für den 28. November. Dann heisst es bye bye Myanmar. Bin jetzt schon irgendwie traurig.

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