Swayambhu und Strassenkinder

An sich ist der Weg zum bekanntesten und heiligsten aller Heiligtümer Kathmandus nicht allzu weit, allerdings – wie sagt man so schön – der Weg zum Himmel ist mit Sünden gepflastert. In diesem Fall sind es nicht meine Sünden, sondern diejenigen der Stadt.

Kurz und gut – die Strecke ist irgendwo zwischen 2 und 3 Kilometer lang, also keine grosse Sache. Ich merke aber schon nach den ersten Metern nach dem Verlassen von Thamel, dass ich vom Regen (verstopfte Strassen, schlimme Luft, Hupkonzerte, etc.) in die Traufe geraten bin.

Die schlimmste Luft vorstellbar

In die Traufe heisst nicht nur schlimme Luft, es ist die absolut schlimmste Luft auf der Strasse, die in die Richtung des Swayambu geht, die meine Lungen je gekostet haben. Ein dicke Nebelschicht, bestehend aus Auspuffgasen, Rauch aus Kaminen und offenen Feuern, Staub und aufgewirbelter Dreck, durch die man gehen muss.

Ich komme mir wieder mal vor wie in der Vorhölle.

Aber das ist noch nicht alles. ‘Verstopfte Strassen’ ist ein Euphemismus für das, was sich hier abspielt. In beiden Richtungen ist eine Million Vehikel unterwegs, mit einem oder zwei oder vier Rädern, und alle machen einen Krach, der in den Ohren klingt wie ein Orkan aus mörderischen, die Trommelfelle malträtierenden Geräuschen. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod. Und ich muss die Strasse überqueren.

Und wieder einmal kann ich meine im Lauf der Jahre angelernten Fähigkeiten, auch im schlimmsten Verkehr die Strasse überqueren zu können, anwenden. Ich wiederhole es gerne (siehe Backpacking Südostasien / Siem Reap): es gilt, absolut furchtlos (zumindest sollte es so aussehen) auf die Strasse zu treten, die auf einen zurasenden Gegner fest im Auge, und dann geht man weiter, einen Schritt nach dem anderen, weicht keinen Moment zurück. Der/die anderen müssen sich darauf verlassen können, dass ich keine überraschenden Schritte mache, dann geht alles gut.

Ich erreiche also unbeschädigt das rettende andere Ufer, wo es zwar immer noch laut und lärmig ist, aber mindestens bin ich nun auf der richtigen Seite der Strasse. Auf einer Kreuzung staut sich der ganze Verkehr, einen Augenblick lang scheint alles stillzustehen. Mittendrin, mit stoischer Ruhe, steht ein Verkehrspolizist, dem ich bei diesem Mass an Luftverschmutzung einen grausigen Tod in jungen Jahren prophezeie.

Es wird nun tatsächlich etwas ruhiger, man überquert einen Fluss,den den Tod längst erlitten hat und nur noch aus Dreck, Fäkalien und was weiss ich besteht. Grauenhaft! (Wobei der Ganges in Varanasi auch nicht viel besser aussieht, und dort baden die Gläubigen und trinken das “heilige” Wasser).

Verdreckter Fluss

Kein Anblick, der zum Baden einlädt …

Ein roter Punkt auf der Stirn

Zu allem Überfluss beginnt es auch noch zu regnen, ich habe Glück und kann mich unter dem Vordach einer Schreinerei vor dem Wolkenbruch in Sicherheit bringen. Auf der anderen Strassenseite eilt eine Kolonne uniformierter Schüler dem Regen davon.

Schulkinder

Schulkinder auf dem Weg zur Schule

Es dauert nicht mal eine Minute, bis sich eine magere Hand aus der Seite heranschleicht und mir etwas auf die Stirn drückt.

Es handelt sich um einen Sadhu, also einer der hinduistischen Heiligen, der mir nun herausfordernd eine ziemlich leere Büchse vor die Nase hält. Und natürlich – er hat mir einen roten Punkt auf die Stirn gedrückt, was ich nun überhaupt nicht lustig finde. Mit Mühe und Not gelingt es mir, die ziemlich fest klebende Verzierung wegzuwischen, während der Heilige immer noch auf seinen Obolus wartet …

Sadhu

Sadhu mit leerer Büchse

Die Treppe

Und dann endlich – die Treppe zur Stupa hinauf. Sie ist genauso steil und mühsam wie in Erinnerung. Allerdings kommt es mir vor, als hätte sich die Anzahl der Besucher/Gläubigen in der Zwischenzeit verhundertfacht. Alle paar Meter will mir irgendwer irgendwas andrehen, wahrscheinlich nochmals zum doppelten Preis der Thamelregion.

Treppe zur Stupa

Hier beginnt die Treppe hinauf zur Stupa

Man erreicht also keuchend und fluchend die oberste Etage (einige beleibte Gläubige mit dem Anschein eines baldigen Herzinfarktes), und pünktlich zum Erreichen des Tagesziels beginnt es erneut wie aus Kübeln zu giessen. Ich verziehe mich unter das Vordach eines kleinen Tempels und habe nun viel Zeit, mir das Treiben anzusehen.

Treppe

Die Treppe ist immer noch steil und mühsam …

Die Stupa

Die Hauptstupa im Zentrum des Heiligtums, wahrscheinlich DAS Wahrzeichen der Stadt, ist unbeschädigt geblieben. Buddha oder wer auch immer hat dabei wohl eine schützende Hand darüber gehalten. Aber es könnte auch sein (eine Erkenntnis, die sich später mehrmals einstellen wird), dass die Heiligtümer recht schnell eine Finanzierung finden. Auf jeden Fall schneller als die betroffenen Menschen …

Swayambunath

Swayambunath – die buddhistische Stupa

Andere Gebäude jedoch sind in sich zusammengefallen, andere stehen zwar noch, müssen aber abgestützt werden. Dazwischen klaffen Löcher, wo einst Tempel oder kleinere Stupas gestanden haben. Man ist zwar mit der Restaurierung beschäftigt, aber im Tempo, das an den Tag gelegt wird, dauert es wahrscheinlich bis zur Wiederkunft des nächsten Buddhas (Metreya).

Sonntag

Ob es damit zusammenhängt, dass es Sonntag ist, weiss ich nicht, auf jeden Fall scheinen tausende von Besuchern sich den engen Platz zwischen den Tempeln und Stupas streitig zu machen.

Regen

Regen mit Blick auf Kathmandu

Regen

Grau und nass – und traurige Fahnen

Kathmandu von oben

Blick hinunter auf das Monstrum – Kathmandu im Regen

Heiligtümer

Noch mehr Heiligtümer …

Stupas

… und Stupas …

Gebetsmühlen

… und Gebetsmühlen

Augen des Buddha

Der Blick in die Ewigkeit …

Selfietag

Und was ist die Hauptbeschäftigung? Voller Bewunderung und Staunen vor den prächtigen Heiligtümern stehen und dabei ein stilles Gebet beten? Das wäre in der heutigen Zeit wohl etwas viel verlangt.

Nein, natürlich sind wir auch hier in Selfie-Asien, das heisst, es wird geknippst, was das Zeug hält, mal mit Stupa oder Gebetsmühle im Hintergrund, mal nur mit einfältigem Lächeln im Gesicht.

Erhaltene Schönheit

Eine Dame, deren Alter schwer zu schätzen ist, betreibt einen kleinen Laden. Sie verkauft die gleichen Souvenirs wie alle anderen Läden auch, doch ihre würdevolle Austrahlung macht sie zu etwas Besonderem. Als sie merkt, dass ich sie fotographieren will, schliesst sie die Augen …

Rhesusaffen

Sie sind überall, die Rhesusaffen. Sie sitzen auf den Geländern, auf den Dachvorsprüngen, auf den Bäumen, am Boden, immer auf der Hut und gleichzeitig auf Nahrungssuche aus.

Rhesusaffen

Ein vorsichtiger Blick auf mögliche Beute

Die Strassenkinder

Irgendwann ist es dann genug, man steigt die knochenbrechenden, vom Regen genässten Treppenstufen vorsichtig hinunter, und ist froh, den ebenen Boden zu erreichen. So also Adios Swayampu, das könnte nun wirklich das letzte Mal gewesen sein.

Ich entscheide mich für eine andere Strasse zurück ins Zentrum, eine völlig verdreckte, mit Löchern übersäte, die offenbar äusserst selten von Ausländern begangen wird. Auf jeden Fall wird mir der eine oder andere neugierige Blick zugeworfen.

Und dann geschieht etwas, was mir den Atem nimmt. Auf dem Trottoir kauern ein paar kleine Kinder am Boden, alle völlig verdreckt, alle barfuss, alle bis auf die Haut abgemagert, und wühlen im Unrat, den dort jemand ausgeleert hat.

Davon lesen und sich schon bei der Vorstellung entsetzen, ist das eine. Das ganze Elend mit eigenen Augen zu sehen, ist das andere. Man sucht verzweifelt nach Ideen, wie man helfen könnte, doch alles, was man hat, sind ein paar Rupien. Das genügt vielleicht bis zum frostigen Abend.

Es bricht einem das Herz.

Doch das Leben geht – auch wenn es furchtbar ist – weiter. Morgen um halb sechs geht mein Trek los, zuerst 7-8 Stunden mit dem Bus hinauf in die Berge nach Syabrubesi, wo wir die erste Nacht verbringen werden.

Doch das ist ein anderes Kapitel.