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Kategorie: Nepal Seite 1 von 2

Chitwan Nationalpark – Leben und Überleben

Die zweite Exkursion

Beim Erwachen, es ist noch Nacht, stelle ich aus alter Gewohnheit das iPhone ein, und da, ein paar Schlagzeugtakte, und dann steigt wie aus dichtem Nebel eine Melodie auf, eine zerbrechliche Stimme.

Ian Curtis. Der Frontmann von Joy Division. Meine Lieblingsband der späten Siebzigerjahre.

Während ich mit geschlossenen Augen der sonoren Stimme von Curtis lausche, spüre ich einmal mehr die dunkle Trauer und Verlorenheit darin. Hell’s darker Chambers. So gesehen war sein Selbstmord nicht überraschend gewesen.

Joy Division – Decades

Einer der traurigsten Songs aller Zeiten.

Here are the young men, the weight on their shoulders
Here are the young men, well, where have they been?
We knocked on the doors of Hell’s darker chamber
Pushed to the limit, we dragged ourselves in

Watched from the wings as the scenes were replaying
We saw ourselves now as we never had seen
Portrayal of the trauma and degeneration
The sorrows we suffered and never were free

Man könnte auch mit optimistischerer Musik den Tag beginnen.

Positivere Vibes

Ich hoffe, dass die heutige Exkursion meine durch Joy Division ins Pessimistische gedrückte Stimmung aufhellt und im Vergleich zur gestrigen mehr Insight in die Besonderheiten des Nationalparks bringt. Und vor allem, dass der verantwortliche Guide mehr als nur alle dreissig Minuten den Mund öffnet.

Es ist auch eine Einsicht (die ich eigentlich schon lange habe, aber immer wieder zu vergessen scheine), dass touristische Angebote genauso zweifelhaft sein können wie die Wetterprognosen oder die Börse. Mal korrekt, mal nicht.

Aber was soll’s (oder übersetzt “what the fuck!”, passt zum wunderbaren Titel eines kürzlich gelesenen Buches):

The Subtle Art of Not Giving a F*ck: A Counterintuitive Approach to Living a Good Life

In this generation-defining self-help guide, a superstar blogger cuts through the crap to show us how to stop trying to be “positive” all the time so that we can truly become better, happier people.

For decades, we’ve been told that positive thinking is the key to a happy, rich life. “Fk positivity,” Mark Manson says. “Let’s be honest, shit is fked and we have to live with it.” In his wildly popular Internet blog, Manson doesn’t sugarcoat or equivocate. He tells it like it is—a dose of raw, refreshing, honest truth that is sorely lacking today. The Subtle Art of Not Giving a F**k is his antidote to the coddling, let’s-all-feel-good mindset that has infected American society and spoiled a generation, rewarding them with gold medals just for showing up.

Das Kanu und die Krokodile

Der Tag beginnt geordnet, nicht so wie gestern, es gibt einen Plan, eine durchdachte Organisation des Tages, mit dem Ziel, möglichst viel Positives zu generieren.

Das TukTuk fährt zur Abwechslung mal in die andere Richtung, sodass ich nun auch in dieses abgelegene Quartier Saurahas einen kurzen Einblick erhalte.

Am Rand eines Flusses, offenbar ein Zufluss zum gestrigen, steigen wir eine Böschung zu einigen schmalen Kanus (heissen die Dinger Kanus oder Kähne oder Boote oder wie? Und was ist der Unterschied? Grösse?) hinunter, die mir in der Zwischenzeit bekannt sind. Allerdings sind wir heute allein, nur der Guide, zwei Bootsmänner (oder eher Bootsjungen) und ich.

Kanus am Fluss

Kanus am Fluss

Bedrohte Ghariale

Es dauert nicht lange, und die lange, spitze Schnauze eines Gharials taucht aus dem Wasser, zwei tote Augen wie bei Haien (remember “Jaws”) werfen uns einen kurzen, desinteressierten Blick zu und schliessen sich gelangweilt.

Die Ghariale sind extrem bedroht. Diese besondere Spezies lebt nur noch hier und an einigen wenigen Orten im Norden Indiens und muss mit viel Aufwand vor dem Aussterben bewahrt werden.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/17/Indian_Gharial_Crocodile_Digon3.JPG

Gharial (Copyright Wikipedia)

Die Aufzucht und spätere Auswilderung in der Krokodil-Station, so wie gestern gesehen, ist also notwendig, weil die frei lebenden Krokodile keine Überlebenschance haben. Einer der Hauptgründe: von der Industrie verseuchtes Wasser im oberen Teil des Flusses.

Einmal mehr spielt also der Mensch die Rolle des Richters und Henkers in einem. Es ist zum Kotzen.

Langsame Fahrt den Fluss hinunter

Mit gemächlichen Schlägen bringen uns die beiden Bootsjungen den Fluss hinunter. Das leise Klatschen der Ruder und ein vielstimmiges Konzert von Vogelstimmen sind die einzigen Geräusche in der lastenden Stille.

Fluss

Einfach ruhig und still und schön

Manchmal kreuzen oder überholen wir ein anderes Boot, ein kurzes Nicken, vielleicht sogar ein Lächeln.

Begegnungen

Begegnungen am Fluss

Der Himmel ist noch grau, auf jeden Fall hat sich ein vorgestelltes morgendliches Blau rar gemacht. Aber wir nehmen an diesem stillen Morgen auch jede Schattierung von Grau, auch grau passt zum Cocktail aus süss-bitteren Aromen, die um die Nase schweben, den Klängen von Wasser und Tieren und sonst nichts.

Reiher, Störche und andere Vögel

Immerhin kriege ich nun – Fotos sei Dank – die ersehnte Auskunft zu den Vögeln in Pokhara. Es handelt sich tatsächlich um Reiher (Egrets), genauer gesagt Fischreiher, sie sind im Unterschied zu vielen anderen Vogelarten (noch) nicht bedroht.

Was allerdings für die seltenen Störche, die hier leben, nicht zutrifft. Wie für so viele andere Tiere wird ihr Lebensraum immer begrenzter.

Manchmal denke ich, dass der Song am frühen Morgen haargenau zu diesen Beobachtungen und Erkenntnissen passt.

The weight on their shoulders.

Diese Last haben wir zu tragen. Für immer und ewig.

Storch

Bedrohte Spezies – wie viele andere

Apropos Fotos: in einem berühmten Buch eines berühmten Schriftstellers stand da schwarz auf weiss, dass man nicht gleichzeitig sehen und fotographieren kann. Das eine oder das andere bleibt auf der Strecke. Man sollte sich das merken und wieder anfangen, zu sehen. Mit den Augen. Oder manchmal mit dem Herzen.

Pessimistische Erkenntnisse auf Spaziergängen

Man kann sich allem entziehen. Indem man den Kopf in den Sand steckt. Oder nicht hinsieht und nicht hinhört.

Aber alles, was mir an diesem wunderschönen Morgen Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass wir – wenn wir nicht aufpassen – am Rande eines gigantischen Friedhofs stehen. Der Friedhof ist gefüllt mit all den Tieren und Pflanzen, die durch den Mensch, durch uns, für immer verschwunden sind.

Und jetzt stehe ich hier, an einem Ort, der vermeintlich dafür steht, dass sich der Mensch (oder zumindest einige) sich kümmert. Dass es ihm nicht egal ist, was mit der Natur geschieht. Dass wir etwas tun müssen. Einhalt gebieten.

Aber alles, was ich höre, ist erschreckend.

Dass die Tigerpopulation zwar wächst, aber durch Inzucht gefährdet ist.

Dass viele andere Tierarten durch das gleiche Problem bedroht sind.

Dass – wie oben festgestellt – Ghariale nur noch mittels Aufzucht überleben können.

Dass eine ganze Storchenart vom Aussterben bedroht ist.

Dass durch die Klimaveränderung und die daraus entstehenden Überschwemmungen zahlreiche Nashörner einfach weggeschwemmt werden und kläglich ertrinken.

Dass die Elefanten, die für Touristenausflüge benutzt werden, durch die ungewohnten schweren Lasten Rückenprobleme entwickeln.

Dass der drohende Klimawandel bereits jetzt schlimme Folgen für den ganzen Park hat.

Was soll man da sagen? Ich weiss es nicht.

Versuch einer Aufheiterung

Der Guide, dem meine zunehmende Schweigsamkeit nicht entgangen ist, versucht ein paar aufheiternde Informationen. Immerhin ist vorläufig das Schlimmste verhindert worden. Die Populationen sind trotz der obig beschriebenen Probleme gewachsen, die Wilderei hat dank Unterstützung durch die Regierung sprich Armee abgenommen. Durch den Tourismus ist vorläufig auch die Finanzierung gesichert.

Ich bin nur ein bisschen beruhigt.

Tiger oder Nashorn?

Beinahe am Ende unserer Tour erklingt aus dem nahen Wald ein archaisches Geheul. So stellt man sich die Zeit der Dinosaurier vor, mit wildem Angriffsgebrüll und Todesschreien.

Der Guide glaubt zuerst an den Angriff eines Tigers, ändert dann aber die Meinung und denkt eher an den Kampf zweier Nashörner. Eines der beiden scheint aber definitiv den Kürzeren gezogen zu haben. Was dann geschieht, wage ich mir lieber nicht vorzustellen.

Elefantencamp

Am Ende der Tour ein Elefantencamp.

Elefantencamp

Das Elefantencamp ist grosszügig angelegt; es sind mindestens zwanzig stattliche Elefanten untergebracht

Riesige Bullen mit gewaltigen Stosszähnen stehen angebunden an ihren Plätzen. Offenbar wäre es zu gefährlich, sie frei laufen zu lassen.

Bullen

Man möchte ihnen nicht begegnen, wenn sie wütend sind

Feierabend

Es sieht nach Feierabend aus

Andere kommen zurück, vom Feld, von der Arbeit? Sie scheinen es zu geniessen, genauso wie ihre Betreuer, die Mahuts.

Menschliche Dummheit

Manchmal nimmt die menschliche Dummheit Züge an, die angesichts der Erkenntnisse des Morgens noch erschreckender wirken. Auf den ersten Blick scheinen sie lustig, es ist sozusagen der Mensch in seiner ursprünglichsten Form: etwas dumm, ungeduldig, aggressiv, auf seltsame Weise unschuldig in seiner Blödheit.

Eine einfache dramaturgische Versuchsanordnung: da die Strasse an einigen Stellen tiefe Löcher aufweist, die sich  bei Regen mit Wasser füllen, soll sie ausgebessert werden. Es fahren nun also Lastwagen heran, leeren Schotter und Sand aus, sodass die Strasse alle paar Meter mit einem meterhohen Haufen bedeckt ist.

Die entsprechenden Maschinen zum Verteilen des Schotters stehen bereit, man kann annehmen, dass in einer Stunde wieder gefahren werden kann.

Eine Stunde warten? Auf keinen Fall. Also fahren ein paar Vehikel auf Teufel komm raus los, Jeeps, Minibusse, alles, was Räder hat. Und alle bleiben stecken. Versuchen es vorwärts. Rückwärts. Die Motoren heulen, der Sand spritzt nach allen Seiten, die Räder fressen sich tief ein. Erfolgslos.

In der Zwischenzeit hat sich eine stattliche Menge Zuschauer versammelt, und alle  lachen, klatschen, verspotten die unglücklichen Driver, die mit hochrotem Gesicht versuchen, sich aus der selbst angerichteten Bredouille zu retten.

Wie sagte ich doch vom Mensch? Auf seltsame Weise unschuldig in seiner Blödheit.

Und wieder kein Strom

Langsam wird es zur Gewohnheit, dass jeweils am Abend der Strom ausfällt. Mal durch Gewitter, dann wieder durch Reparaturarbeiten oder was auch immer.

Dies bedeutet jeweils auch, dass der hauseigene Generator zwar Strom fürs Licht und anderes Notwendige bereitstellt, nicht jedoch für den Ventilator im Zimmer. Also komme ich auch in der letzten Nacht zu einem Schlaf in heisser (>35 Grad) und feuchter Luft, während draussen ein kühlendes Gewitter tobt, das allerdings nicht bis in meine Unterkunft gelangen kann … Jä nu.

Chitwan Nationalpark – Nashörner, Affen, Vögel

Wo sind die Tiere?

Mein Lieblings-Restaurant Apple verwöhnt mich mit Toast mit Butter und Konfitüre, dazu zwei Spiegeleier (Sunny-Side up) und Black Coffee. Man könnte sagen, dass der Tag so begonnen hat, wie es sein sollte.

Kommt dazu, dass es noch angenehm kühl ist, erst gegen Mittag steigt das Thermometer unaufhörlich bis über 30 Grad und stoppt erst bei einer Temperatur, die gemeinen Mitteleuropäer bereits mit dem Prädikat “unerträglich” bezeichnet wird.

Mein erstes Nashorn

Der Hotelmanager bringt mich mit seinem Motorrad zum Startpunkt der angekündigten “Safari” durch den Chitwan-Nationalpark . Ein dicht gedrängter Haufen Touristen hat sich mit ihren Guides um ein kleines Häuschen versammelt.

Während also die Dinge langsam und träge ihren Lauf nehmen, gehe ich ein paar Schritte dem Fluss entlang, winke einem jungen Mann auf einem schmalen Boot zu, und da – ich traue meinen Augen nicht – auf der anderen Seite des Flusses watet ein stattliches Nashorn im Ufergestrüpp, ungeachtet des Lärms von der anderen Seite. He, mein erstes frei lebendes Nashorn.

Mann auf Boot

Er hat alle Zeit der Welt

Nashorn

Mein erstes echtes, frei lebendes Nashorn

Ticketkontrolle auf nepalesische Art

Eine seltsam konfuse Art, Tickets zu verteilen. Es dauert eine Ewigkeit, bis der uniformierte junge Mann an seinem behelfsmässigen Pult alle Angaben geprüft hat. Erst wenn wirklich alles stimmt, wird der entsprechende Stempel auf die Tickets gedrückt. Man könnte schon beim Zusehen wahnsinnig werden.

Unser Guide ist ein Herr in den besten Jahren, kleingewachsen, drahtig. Der erste Eindruck überzeugt. Er führt uns zum Fluss hinunter, wo lange, schmale Boote die Touristen zum gegenüber liegenden Ufer bringen.

Man zwängt sich in den fragil aussehenden Kahn, für jeden Arsch steht ein niedriger Hocker bereit, und erst wenn mindestens zehn Personen in einer Reihe sitzen, stösst der Bootsführer ab. Es geht ganz langsam und vorsichtig los, man gleitet lautlos über das trübe Wasser, bis man nach ein paar Minuten am anderen Ufer ankommt.

Bootsüberfahrt

Alle paar Minuten überqueren die Boote den namenlosen Fluss

Der Jeep, der Guide und wir

Der Jeep ist gross, bietet auf der offenen Ladefläche Platz für knapp zehn Personen, die Sitze sind einigermassen bequem, also beste Voraussetzungen für einen spannenden Nachmittag.

Wir sind einmal mehr eine zusammengewürfelte Truppe. Drei ältere englische Herrschaften, die sich vor allem als Vogelliebhaber outen, ein bayrisches Ehepaar, ein Inder oder Nepalese mit seinen zwei Söhnen, deren Interesse eher ihrem Smartphone als der Tierwelt gilt, eine hübsche junge Dame, die ich nirgendwo unterbringen kann, da sie kaum einmal den Mund öffnet, dazu der Guide und ich.

Über holprige Strassen hinein in den Dschungel

Man ist gespannt auf das, was da kommen möge, und so bohren sich von Anfang an zehn Augenpaare in das hüfthohe Grün in der Hoffnung auf tierische Überraschungen. Die lassen aber noch etwas auf sich warten. Es dauert eine Weile, bis sich der Jeep über die schlechten Strassen durch dichten Wald, dann wieder offenes Gelände, bis in die Region gekämpft hat, wo nun die versprochenen Viecher sichtbar werden sollten.

Wir sind natürlich nicht die einzigen, sondern eher Teil einer langen Kolonne von identischen Jeeps, alle vollgestopft mit aufgeregten Besuchern. Manchmal kommt es zu einem Stau, dann muss man geduldig warten, bis sich der Verkehr beruhigt hat.

Strasse im Park

Auf holprigen Strassen hinein in den Dschungel

Wo sind die Tiere?

Es ist heiss, eine der beiden englischen Damen flüchtet sich zwecks Schatten mit hochrotem Kopf  in die Fahrerkabine, während der Bayer seine GoPro verliert und der Jeep zurückfahren muss. Es erinnert mich an Slapstick-Einlagen, Monty Python hätten es nicht besser machen können. Ich unterhalte mich prächtig, denn auch ohne Tiere ist die Fahrt äusserst unterhaltsam.

Nur der Guide verhält sich seltsam zurückhaltend. Eigentlich würde man erwarten, dass er uns Informationen vermittelt, auch solche, die nicht nur mit den vorläufig unsichtbaren Tieren zu tun haben. Über die Geschichte des Nationalparks, über die Probleme, über die Bewachung, über alles, was zu einem derart weltbekannten Park zu sagen wäre. Na ja, vielleicht erwartet man zuviel. Auf jeden Fall kommt nichts, und wie sich im Verlauf des Nachmittags herausstellen wird, wird es so bleiben.

Aber wo sind sie, die Tiere? Man hat uns doch jede Menge Nashörner, Tiger, Bären, Affen und Vögel versprochen. Dass die Wahrscheinlichkeit, einen Tiger oder einen Bären zu sichten, verschwindend klein ist, scheint klar zu sein. Nicht mal ein Bär mit einem IQ von Null würde sich ausgerechnet am hellen Nachmittag einer Kolonne von Jeeps mit ein paar kuriosen Touristen zeigen, von Tigern ganz zu schweigen.

Wenn ich mir die Gesichter meiner Mitreisenden ansehe, ihre langsam aufsteigende Ungeduld, ihre Enttäuschung, wenn sich ein vermeintliches Nashorn mal wieder als verrottender Baumstumpf entpuppt, dann kann ich mir ein boshaftes Grinsen nicht verkneifen.

Doch noch ein Nashorn

Ich stelle mich in Gedanken bereits darauf ein, den Tag als gemütliche, etwas teure Fahrt durch den Dschungel zu deklarieren, da taucht unweit der Strasse ein Tümpel auf, und darin – man glaubt es kaum – tummeln sich tatsächlich zwei echte lebende Nashörner.

Nashörner

Tatsächlich – zwei Nashörner!

Nashörner

Zwei wirklich schöne Exemplare

Nun kommen Smartphones, Kameras, Film- und Videorecorder und GoPros zum Einsatz, alles, was der moderne Tourist an Technologie mitträgt, es wird geknippst und gefilmt und oh! und ah!, bis die beiden Dickhäuter, offenbar intelligenter als ihre menschlichen Beobachter, ihren Auftritt beenden und im Dickicht verschwinden.

Ein Kingfisher und ein Nashorn-Methusalem

Manchmal müsste man eine bessere Kamera und etwas mehr Talent zum Fotographieren haben. Dann würde ich wunderbare Bilder eines Kingfishers (bei uns Eisvogel) zeigen können, die ich nun in Ermangelung eigener Fotos im Internet suche. Sie sind meine absoluten Lieblingsvögel, und offenbar gibt es hier im Nationalpark sehr viele davon. Aber sie sind so klein und so wendig, dass man sie kaum vor die Kamera bekommt.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c4/Eisvogeltreffen.jpg

Von Joefrei – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40585848

Irgendwo auf einer Wiese, ganz in der Nähe der Strasse, weidet ein Nashorn, ein ziemlicher Brocken, aber aufgrund seines Aussehens mit Sicherheit ein älteres Exemplar. Es lässt sich nicht stören, auch durch die Stimmen und die Motorgeräusche nicht, und frisst sich gemütlich durch das hohe Gras.

Ein aussergewöhlicher Anblick.

Altes Nashorn

Er hat viel erlebt, der alte Methusalem

Stopp bei den Krokodilen

Alle Jeeps halten am gleichen Ort, offenbar einem Zentrum für die Aufzucht von Krokodilen. Und tatsächlich, in grossen Becken werden unterschiedliche Generationen aufgezogen, von ganz winzig bis fast ausgewachsen. Da der Guide auch dazu nichts zu sagen hat, bleibt nichts anderes übrig, als mich später schlau zu machen.

Der Rückweg mit Affen und vielen Vögeln

Der Grund, warum wir bei jedem Schwanz, der auch nur annäherungsweise wie ein Vogel aussieht, liegt bei den drei Birdwatchers aus Brexit-Land. Offenbar kennt sie der Guide persönlich und wacht nun darüber, dass ja kein einziges Federvieh vergessen wird. Wir, die wir nicht über die notwendigen Utensilien verfügen, haben keine Ahnung, wovon die mit starken Feldstechern operierenden Ornithologen sprechen, wenn sie aufgeregt in eine Richtung zeigen, wo sich eben ein kaum sichtbarer Schatten im Geäst eines Baumes bewegt hat.

Offenbar soll es sich um Fasane, Pfauen (die sehen sogar wir), Kuckuck und Spechte handeln. Die anderen Vögel sind mir hingegen so unbekannt, dass ich nicht mal den deutschen Ausdruck dafür google.

Immerhin, einen Vogel sehen alle, auch diejenigen ohne Fernglas – einen Weisskopf-Adler. Ein wunderschöner, stolzer Raubvogel, der uns nicht nur mit Desinteresse sondern Verachtung straft. Recht hat er.

Weisskopf-Adler

Ein Weisskopf-Adler – stolz und aufmerksam

Aber immerhin wird auch der Rest der Truppe gelegentlich unterhalten, sei es durch wunderbar gesprenkelte Rehe, die sich erst mit langen Sprüngen aus dem Staub machen, als sie unser ansichtig werden.

Rehe

Bunt gesprenkelte Rehe – scheu und flink

Languren

Und wieder einer meiner Freunde aus dem Langtang – ein Langur

Oder ein Langur, ebenso niedlich wie im Langtang, wenn auch bei massiv weniger frostigen Temperaturen. Sind es wirklich die gleichen Affen?

Für einmal erfüllt auch der Guide seine Aufgaben und deutet auf ein kleines, flinkes Tier, das erst flüchtet, als wir uns ihm bedrohlich nahe kommen.

Ein Mungo!

Mungo

Kaum zu sehen, so klein und so flink

Und da – weitere Nashörner, Affen, sogar ein Wildschwein macht sich mit einem empörten Grunzen aus dem Staub.

Arbeits-Elefanten

Arbeits-Elefanten bei ihrem schweren Tun; immerhin beschäftigt man sie

Ein Gewitter im Anzug

Langsam nähern wir uns dem Ende der Tour, beim Krokodilcamp war ja der Umkehrpunkt, nun fahren wir seit geraumer Zeit denselben Weg zurück.

Der Himmel bezieht sich ebenso mit dunklen Wolken wie das Gesicht des bayrischen Herrn, der sich angesichts des drohenden Gewitters Sorgen um seine wahrscheinlich sündhaft teure Ausrüstung  macht.

Es würde auch mir nicht gefallen. Vor allem auch deshalb, weil meine gesamte restliche Wäsche in der Laundry ist, und ich deshalb mit nassen Kleidern bis am Abend ausharren müsste.

Was aber unsere Vogelfreunde nicht im Geringsten zu stören scheint, trotz baldigem Hereinbrechen des Himmels über unseren Köpfen, gibt es immer noch einen Vogel zu entdecken (“oh even a new bird for me”). Der Rest der Truppe ergibt sich apathisch dem Schicksal, obwohl man gelegentlich ein leises Stöhnen zu hören glaubt.

Am Ziel

Aber wir haben Glück, die ersten Tropfen fallen erst beim Warten auf die erneute Überfahrt über den Fluss. Die Bayern sind wie ich etwas ungehalten über die mangelnde Unterstützung durch den Guide. Aber was soll’s, es ist Abend geworden, man ist etwas müde (vom ergebnislos-ins-Gebüsch-starren?) und ist froh, das “Abenteuer” überstanden zu haben.

Wir haben ein paar Tiere gesehen, die meisten aus ziemlicher Entfernung, wir haben uns andere im Kopf vorgestellt, vor allem zahlreiche Vögel, und wir haben viele Stunden im Freien, an Hitze und frischer Luft verbracht.

Wir fühlen uns zwar nicht gerade wie Dr. Livingstone, der berühmte Entdecker und Abenteurer im 19. Jahrhundert, aber ein bisschen dürfen wir stolz sein, dass wir uns tollkühn mitten in den Dschungel gewagt haben.

Das ist doch auch schon etwas …

Chitwan – Hitze und Elefanten

Bandipur – Sauraha

Ich wünschte mir, noch eine Weile hierbleiben zu können, doch die Zeit wird knapp. Und der Chitwan Nationalpark wartet.

Wo bleibt der Bus?

Irgendwie läuft alles ein bisschen komisch an diesem Morgen.

Kein Frühstück in Gesellschaft meiner gefiederten Freunde (zu früh für den Koch?), dafür ein seltsam schmeckendes Irgendwas im Dorf.

Kein Bus, der pünktlich um acht losfährt, sondern nur einer, der eine geschlagene Stunde in den Schatten gestellt wird.

Kein Taxi, das mich nach Dumre fährt, sondern nur bis zu einer gigantischen Baustelle, die ein baldiges Durchkommen verunmöglicht. Dafür zu Fuss über Stock und Stein und Bauschutt bis zu einem weiteren Taxi, das auf der anderen Seite wartet.

Kein Restaurant bei der Haltestelle, dafür eine nette alte Dame in einem winzigen Shop, der ich etwas abkaufe, damit ich mich an den Tisch setzen darf (das etwas entpuppt sich allerdings nicht als Chips sondern als Fertignudeln). Sie serviert mir ausserdem einen Black Coffee, so stark und so süss, der auch den biblischen Lazarus ohne die Hilfe von Jesus zum Leben erweckt hätte.

Warten

Ich hättte mindestens was zu lesen, wenn ich es denn lesen könnte

Und vor allem – kein Bus, der mich irgendwann zwischen neun und zehn abholen sollte.

Ich warte also, und warte, und warte … Andere Touristen, deren Bus erheblich später als meiner terminiert ist, kommt pünktlich an und fährt weiter. Aber wo ist meiner?

Beobachtungen beim Warten

Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das Große vergebens warten (Pearl S. Buck).

So kommt es mir vor. Ich bin also wieder mal auf der Suche nach dem kleinen Glück. Vielleicht ist es die Familie der Ladenbesitzerin, ein zusammengewürfeltes Patchwork aus Kindern, Jugendlichen, Grosseltern (?), Onkeln und Tanten (?) und allerhand Freunden der Familie.

Man trinkt Kaffee oder Tee oder was auch immer die Nepalesen vormittags trinken, man schwatzt und lacht, putzt die Zähne, spielt mit dem Hund (der mir ein bisschen leid tut) und begutachtet die Küken eines Verkäufers, der diese zusammengepfercht in einem Korb auf dem Kopf trägt (die Küken tun mir noch viel mehr leid).

Küken

Die armen Viecher tun mir leid

Man hat mich vergessen

Es gibt tausend Sprichwörter und Kalendereinträge zum Thema warten, allerdings keines, das mir an diesem Vormittag die Wartezeit erträglich machen kann. Auf der anderen Strassenseite entleert ein gelber Schulbus seine uniformierten Insassen auf die Strasse, während andere bereits wieder auf dem Nachhauseweg zu sein scheinen.

Und ich warte.

Doch dann, es ist mittlerweile 10.10 geworden, höre ich eine Stimme. “Chitwan?”, ruft sie. Und tatsächlich, ein junger Bursche eilt mir entgegen, wiederholt seine Frage. Ich nicke und werde bereits in den Local Bus verfrachtet, der mit röhrendem Motor abfährt.

Etwas konsterniert, erkundige ich mich, was los ist. Offenbar hat man vergesssen, an meiner Haltestelle zu stoppen und hat mich schlicht vergessen. Und ich selbst habe den Bus übersehen, was angesichts des dichten Verkehrs eine lässliche Sünde ist. Erst im Zentrum von Dumre ist aufgefallen, dass da jemand fehlt, hat den Busbegleiter kurzerhand zurückgeschickt, um das verlorene Schaf zu suchen.

Eine geruhsame Fahrt in den Süden

Der Bus ist voll, für einmal ausschliesslich von Touristen besetzt. Man wirft mir zwar beim Einsteigen ein paar seltsame (mitleidige?) Blicke zu, doch dann ist das Thema abgehakt.

Es ist eine geruhsame Fahrt, anfänglich dem Prithvi-Highway entlang, bis der Bus ungefähr auf halbem Weg nach Kathmandu bei der Muging Bridge in Richtung Süden abzweigt. Die Route führt nun einem Fluss, der eine tiefe Schlucht gegraben hat, entlang nach Süden.

Es sind zahlreiche Querrillen in den Strassenbelag gefräst worden, vermutlich um den Verkehrsfluss zu beruhigen. Ob es wirkt, ist fraglich, aber für die Insassen des Busses ist es alles andere als eine Beruhigung, sie werden alle paar Minuten mit einer Art Schüttelfrost beglückt.

Die asiatische Dame neben mir fällt in tiefen Schlaf, ihr Kopf sinkt auf meine Schulter, und als Gentleman wage ich mich selbstverständlich nicht mehr zu bewegen.

Die Hitze

Dass der Chitwan-Distrikt im Süden Nepals liegt und damit bereits zur nordindischen Ebene gehört, ist zwar bekannt, aber die Auswirkungen davon eher nicht. Denn beim kurzen Stopp nach der Durchquerung der Berge schlägt die Hitze wie ein Dampfhammer zu.

Einerseits eine willkommene Abwechslung zu den frostigen Temperaturen im Himalaya, andererseits aber auch eine Herausforderung. Denn es wird richtig heftig. Und so wird es auch die nächsten Tage bleiben.

Sauraha

Wir durchqueren nun eine weite Ebene, die Wiesen, die Häuser, die Strassen sehen versengt aus, als wäre jemand mit einem Flammenwerfer darüber gefahren. Dann eine grosse Stadt, Bharatpur, sie scheint endlos zu sein, dann eine weitere, Ratnagar. Ich erkenne die Ähnlichkeiten zu den Städten in Nordindien, alles gleicht sich, auch die Menschen auf den Strassen, die Tiere, die Vehikel. Ich komme mir fast ein bisschen vor wie zuhause.

Das Tagesziel Sauraha, am Rand des Chitwan-Nationalparks gelegen, ist gottlob klein und übersichtlich. Der Bus hält etwas ausserhalb des Dorfzentrums, ein TukTuk bringt mich zu meinem Hotel, dem Rhinoceros Homestay.

Das Zimmer ist okay, ein riesiger Fan an der Decke wird mir hoffentlich die notwendige Kühlung verschaffen, denn es ist heiss wie in der tiefsten Hölle.

Zimmer

Schön und bequem und sehr heiss

Und auch der Hotelmanager ist äusserst nett und zuvorkommend, auch kein Wunder, denn er betreibt ausserdem ein Touristen-Office. Es bietet, ebenfalls keine Überraschung, auch Jeep-Touren in den Nationalpark an. Auf jeden Fall habe ich bereits nach einer halben Stunde eine solche für den nächsten Tag organisiert.

Die ersten Elefanten

Man sollte bei dieser Hitze eigentlich irgendwo im Schatten ein kühles Bier trinken und auf die Abkühlung am Abend warten. Was auch die meisten Leute tun, denn die Strassen sind verwaist, die Restaurants leer, nur ich und ein Elefant werfen uns einen kurzen Blick zu beim Begegnen.

Gewitter und Stromausfall

Zur allgemeinen Freude aller, vermag gegen Abend ein heftiges Gewitter die Hitze etwas zu lindern. Was allerdings dazu führt, dass der Strom ausfällt (ein Phänomen, das nicht nur bei Gewittern auftritt, sondern sozusagen täglich, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen).

Nach dem Nachtessen im Apple Restaurant (das ich von nun an zu meinen Favoriten bezüglich Essen und Trinken einreihen werde), kehre ich also in ein Zimmer zurück, das sich im Verlauf des Tages so richtig aufgeheizt hat und mir nun eine Ventilator-lose Nacht mit geschätzten 35 Grad bieten wird.

Es ist von grossem Vorteil, wenn man im letzten Leben ein Rikschafahrer in Kerala war und grosse Hitze als normal empfindet. Und so schlafe ich erstaunlich gut, werde kurz aufgeweckt, als sich um Mitternacht der Ventilator ächzend und knatternd in Bewegung setzt und die heisse Luft durcheinander wirbelt. Mehr ist nicht zu erwarten …

Bandipur – Die Süsse des Morgens

Paradies in den Hügeln

Heute ist einer der Tage, die man als Atemholen zwischen zwei Stürmen nennen könnte. Es scheint mir passend, den Tag mit einem von unzähligen Vogelstimmen untermalten Frühstück auf der Dachterrasse zu beginnen und dabei den Blick über die in allen Schattierungen von Grün und Braun leuchtenden Hügel wandern zu lassen. Wie gestern haben sich die Bergketten des Himalaya hinter eine Dunstwand geflüchtet. Kein Annapurna, nur ein flirrender Vorhang aus Feuchtigkeit.

Die Süsse des Morgens

Dieser Morgen scheint mir etwas Besonderes zu sein. Manchmal erschliesst sich nicht jedes Glück von selbst. Man muss es suchen.

Anyway, ich sitze also da, kein Mensch weit und breit, nur ich und die Vögel und die Süsse des Morgens. Vor mir ein Banana-Pancake, der endlich mal wieder diesen Namen verdient; solche im Langtang Valley konnten fast alles sein, aber niemals richtige Pancakes, auch wenn die Menükarte dies behauptete. Man hätte die Dinger eher als Karton-Cakes bezeichnen können.

Ich würde gerne wissen (wie schon so oft, ich Banause), welche beiden Vögel auf dem Mäuerchen ihre gegenseitige Zuneigung beschwören. Es erinnert an Liebesszenen aus Filmen und Büchern, auf jeden Fall scheint Romantik eine Rolle zu spielen. Oder gefällt mir einfach die Vorstellung, weil sie so gut zur Stimmung dieses Morgens passt?

Eigentlich egal. Ich nippe an meinem Kaffee, das iPad daneben, doch es wird heute und für den Rest der Reise deaktiviert bleiben. Die permanenten Probleme mit den schwachen Wlans haben mich nicht nur zermürbt, sondern zur Weissglut getrieben.

Eine entscheidende Rolle bei diesem Zermürbungsprozess hat aber eine amerikanische Plattform namens Spamhaus gespielt, die mich regelmässig auf eine Blacklist mit entsprechendem Zugriffsverbot auf meine eigene WordPress-Plattform brachte. Grund: illegale Zugriffsversuche durch irgendwelche IP-Adressen.

Nur dass jene IP-Adressen meine eigenen waren.

Also fertig mit Ärger und Frustrationen, ich werde den Blog in aller Ruhe zuhause fertigschreiben.

Der Mensch – eine seltsame Spezies

Die Gegend um das Dorf herum besteht hauptsächlich aus Hügeln, dazwischen ein paar Fusspfade und vereinzelte Häuser. Es geht also dauernd rauf oder runter. Um mich auf die zu erwartenden Anstrengungen vorzubereiten, genehmige ich mir noch einen Kaffee in einem der zahlreichen Restaurants an der Bazarstrasse und lasse das geschäftige Treiben auf mich wirken.

Tempel

Mitten im Dorf – ein Tempel

Eine alte Frau ruft einer anderen etwas zu, beide lachen und deuten auf einen älteren Mann, der mit würdevollen Schritten die Strasse abschreitet, als gehörte sie ihm und ihm ganz allein. Ein kleines Mädchen fällt mir auf, sie strahlt etwas Quirliges aus, sie erinnert mich an meine Enkeltochter, meine kleine süsse Mila. Aber da kommt, Schirme über dem Kopf, Schutzmaske vor den bleichen Gesichtern, eine chinesische Gruppe die Gasse herauf, man schaut sich um, zückt das Handy und den Selfiestick, klick – klick – klick, und auch diese Sehenswürdigkeit ist im Kasten.

So vergeht die Zeit, gefüllt mit Beobachtungen der Spezies Mensch, diesem ganz und gar mysteriösen Wesen, das mich immer wieder zu erstaunen vermag.

Tadchi Mai – vergeblich gesucht

Die Tasse ist leer, ebenso die Strasse, also Zeit, meinen Muskeln Bewegung zuzuführen. Dazu scheint sich die höchste Erhebung des Dorfes, ein Hügel namens Tadschi Mai, besonders gut zu eignen. Ein letzter Blick auf die Karte und Google Maps und los geht’s.

Ich folge also frohgemut einem anfänglich steilen, schweisstreibenden Pfad den Hang hinauf, er führt mich an baufälligen Häusern (habe ich je andere gesehen?), an Scheunen und Gärten und kleinen Wiesen immer höher hinauf, bis das Dorf unter mir liegt.

Paradies in den Hügeln

Ein kleines Paradies in den Hügeln

Es ist ein wunderbar anregender Spaziergang durch blühende und duftende Wiesen, die – im Unterschied zu unseren Breitengraden – noch von summenden Bienen und Insekten bevölkert sind. Manchmal folgt der Weg horizontal zwischen Wiesen hindurch, dann wieder auf staubigen Pfaden steil hangaufwärts. Traktoren kreuzen meinen Weg, man winkt sich zu, freundschaftlich.

Irgendwo dann eine Tafel, darauf steht “Cave”, versehen mit einem Pfeil, der hangabwärts zeigt. Ich überlege eine Sekunde, ob ich mir den Abstieg und späteren Wiederaufstieg antun soll, verzichte aber grosszügig darauf. Der Tadchi Mai wird Belohnung genug sein.

Die Kuppe des Hügels, den ich als eben diesen Tadchi Mai identifiziert habe, scheint immer noch recht weit zu sein. Ausserdem verläuft sich der Pfad nun zwischen den Bäumen, allerdings in einer anderen Richtung. Irgendwas stimmt nicht, also frage ich den netten Herrn, der wie gerufen aus den Bäumen tritt.

“Tadchi Mai?”, frage ich und deute auf den Hügel oberhalb unseres Standortes. Sein Lachen ist anfangs etwas ungläubig, doch dann wird es lauter, und er deutet mit der Hand auf die gegenüber liegende Talseite, wo sich ebenfalls ein stattlicher Hügel erhebt.

“That’s the Tadchi Mai?”, frage ich ungläubig, einmal mehr überrascht von meinem fehlenden Orientierungssinn, der mich wieder mal in die Irre geführt hat.

Ja, es ist so. Ich öffne Google Maps und erkenne, dass die Himmelsrichtung nicht stimmt. Es ist alles genau umgekehrt. Ich lache auch, tippe mir an die Stirn, was den freundlichen Herrn noch mehr zu amüsieren scheint. Recht hat er.

Der richtige Tadchi Mai

Es macht mir aber eigentlich überhaupt nichts aus. Ich habe eine Seite des Tales gesehen, wo sich normalerweise kein Tourist hinbewegt. Der Weg hinunter ins Dorf ist genauso schön wie hinauf, allerdings hat sich nun eine lähmende Hitze über die Welt gelegt.

Es dauert etwas, bis ich den Pfad hinauf zum Tadchi Mai finde, doch dann geht’s so richtig los. Mir kommt es schon bald vor, als hätte mich mein Schicksal am Vormittag davon abhalten wollen, die tausend Treppenstufen zu bewältigen.

Es ist tatsächlich eine weitere Übung in Kraft und Durchhaltevermögen, gepaart mit Schnaufen und Fluchen und Ächzen. Die Häuser bleiben unter mir zurück, der Raum öffnet sich, wird weit und hell und grossartig.

Parkour

Immerhin gibt es sogar so etwas wie ein Ruheplatz, wahrscheinlich explizit für ältere Herrschaften wie mich angelegt. Doch der Ruheplatz auf halber Höhe ist  belegt. Ein junger Mann bewegt sich mit allerlei seltsamen Bewegungen fort, springt ein paar Meter den Hang hinauf, wuchtet sich über den Steintisch, landet auf den Füssen und macht einen letzten langen Sprung, der ihn vor die Füsse seiner hübschen Freundin bringt.

Als grosser Fan von Casino Royale, einem der besten Bondfilme überhaupt, weiss ich natürlich sofort, was der junge Mann da treibt.

Parkour.

Allerdings habe ich noch nie jemanden live gesehen, der diese Technik zu beherrschen scheint. Es handelt sich um ein Paar aus Italien, reisend so wie ich, doch noch nicht müde genug vom Aufstieg. Wie unterhalten uns über Daniel Craig und seinen Widersacher im Prolog von Casino Royale, Sébastien Foucan, einer der Begründer einer ähnlichen Sportart, dem l’art du deplacement.

Ein Tempel ganz oben

Dann geht es plötzlich ganz schnell, obwohl mich eine johlende Schulklasse noch einen Augenblick lang aufhält. Die Schüler möchten ihre knappen Englisch-Kenntnisse an den Mann bringen, d.h. ausgerechnet an den schnaufenden und keuchenden Herrn aus der Schweiz.

Die Aussicht ganz oben ist überragend, sie wäre allerdings noch viel überragender, wenn man die Berge sehen könnte. Aber der Fluch, der 1990 begann und seither wirkt, vermag auch an diesem Nachmittag die Berge zu verschleiern. Ein Hinweis zu 1990: Der Trek der Kali Gandaki Schlucht entlang führt zwischen den Giganten des Himalaya  Massivs durch. Also rechts der Daulaghiri, links der Annapurna. Eine wunderbare Aussicht, etwas, was man sein Leben lang nicht vergisst.

Beziehungsweise nicht vergessen würde im Konjunktiv. Wir schafften es nämlich, eine Woche lang zwischen den schönsten Bergen zu wandern, ohne auch nur eine einzige Sekunde lang etwas davon zu sehen.

Anyway, ich bewundere halt den Rest, setze mich auf eine Mauer und lasse die Aussicht wirken.

Tempel auf dem Kadchi Mai

Keine Ahnung, warum der Tempel mit Seilen abgesperrt ist, es gibt weder viel zu sehen noch zu stehlen (falls dies die Absicht war).

Was dieses seltsame Gebäude soll, ist unklar

Die besten Momos aller Zeiten

Zum Mittagessen erwarten mich die besten Momos aller Zeiten. Während eine junge Amerikanerin dem Koch detailgenaue Angaben zur Zubereitung des gewünschten Menüs gibt (“I hope you don’t use the same frying pan for the potatos as for the Chapatis”), streift mein Blick über die Bazarstrasse, doch ausser ein paar wenigen der Hitze trotzenden Touristen ist kein Mensch zu sehen.

Die Chicken Momos hingegen sind ein Gedicht. Nicht nur eine Belohnung für meine Irrfahrten am Vormittag sondern vor allem für den heroischen Aufstieg zum Tadchi Lai.

Tudikhel

Mit Ausnahme grüner Hügel und dörflicher Atmosphäre (was an sich schon sehr viel ist), sucht der Tourist natürlich alles, was der Guide an Sehenswürdigkeiten noch zu bieten hat. Es soll also einen Aussichtspunkt namens Tudikhel geben, eine Art Sportplatz, der gelegentlich auch für Helikopterlandungen herhalten muss.

Ich folge also wieder mal schmalen Pfaden und staubigen Strassen und erreiche schliesslich den Aussichtspunkt. Seine besondere Bedeutung ist einmal mehr nur im Konjunktiv zu beschreiben, denn so sehr ich mich bemühe, etwas zu erkennen, ich sehe nur im Dunst verschwommene Landschaften.

So geht es auch einer Gruppe farbig gekleideter Frauen, die anstelle der nicht vorhandenen Aussicht einen forschenden Blick auf den älteren Herrn werfen, der es nicht lassen kann, seinen ganzen Charme spielen zu lassen (na ja, versuchen kann man es ja mal).

Immerhin erhalte ich von einer der Damen ein Kompliment, das alle Frustrationen bezüglich Leistungsfähigkeit in den Bergen im Nu verschwinden lässt. “You’re very strong.” Natürlich vollkommen aus der Luft gegriffen, aber trotzdem wohltuend.

Frauen in Trachten

Meine Verehrerinnen – you’re very strong – haha

Cricket-Training

Cricket ist trotz “Lagaan” immer noch ein Buch mit sieben Siegeln für mich. Doch als ich auf dem Heimweg einen jungen Burschen sehe, der verzweifelt und mit ziemlich wenig Talent Schläge übt, kann ich nicht widerstehen, ihm ein wenig Hilfe zu leisten. Schliesslich kann ich mich genau erinnern, wie der Werfer den Ball wirft (eine seltsame Bewegung aus dem gestreckten Arm heraus).

Und so entwickelt sich eine ungleiche Paarung. Ich auf englisch Anweisungen gebend (obwohl ich keine Ahnung habe), er auf nepalesisch fluchend, wenn er zum x-ten Mal daneben schlägt. Doch nach einer halben Stunde geschieht das Wunder: er trifft nun beinahe jeden Ball, jubelnd und sich am Schluss tausend Mal bei mir bedankend für den unerwarteten Fortschritt seiner Kunst. Wahrscheinlich denkt er, dass er einem wahren Cricket-Meister begegnet ist.

Ein Abend wie in den Fünfzigerjahren

Der Ausklang dieses denkwürdigen Tages an der Bazarstrasse. Kinder spielen, Erwachsene flanieren vorbei, auch das quirlige kleine Mädchen, das mir bereits am Morgen auffiel, ist wieder da. Man spielt mit Reifen (so wie wir vor hundert Jahren), mit allem, was zur Verfügung steht, und ist vollkommen glücklich.

Man könnte endlos zusehen.

Doch der Tag, ebenso wie der Aufenthalt in diesem kleinen wunderbar entspannten Ort, geht zu Ende. Morgen beginnt ein neues Kapitel, das schon beinahe letzte dieser Reise. Chitwan.

Pokhara – Bandipur

Ostwärts

Es kommt selten vor, dass ich mich über eine Woche am selben Ort aufhalte, und noch seltener, dass mir der Abschied so schwer fällt. Doch die Stadt, obwohl hektisch und eine Touristenfalle erster Ordnung, hat mich mit ihrem Charme und der entspannten Atmosphäre überrascht.

Abschied ohne Freude

Und so esse ich um 6.15 mein letztes Frühstück, verabschiede mich vom Personal und vom Boss und wünsche ihnen allen viel Glück für die Zukunft. Die floskelhafte Beteuerung, auf jeden Fall wiederzukommen, scheint mir in diesem Augenblick etwas schal, denn natürlich ist mir bewusst, dass es das letzte Mal gewesen sein könnte.

Ich bin früh dran, also gehe ich den Weg zur Busstation zu Fuss und geniesse wie immer die noch morgendliche Stille vor dem Sturm, die würzige Luft, das langsame dem Tag Entgegengehen. Eine keuchende Kohorte uniformierter Soldaten joggt an mir vorüber, mit Ausnahme der Führenden scheint niemand so richtigen Spass dabei zu haben. Meine mitleidigen Blicke werden mit einem resignierten Schulterzucken beantwortet.

Der Bus steht bereit, neben vielen anderen, mein vollgestopfter Rucksack passt wieder mal nicht in die Gepäckaufbewahrung über dem Kopf, aber dass ich den Rucksack in den Laderaum gebe, steht nach dem Debakel bei der Retourfahrt von Syabrubesi ausser Frage. Jä nu, dann halt auf den Knien.

Dr. med. aus Barcelona

Eine junge Dame, die sich später als eine Dr. med. aus Barcelona herausstellt, setzt sich neben mich. Wir schweigen uns, nachdem sich der Bus zeitgemäss in Bewegung gesetzt hat, eine Weile gegenseitig an, bis mir ihr Buch auffällt, das sie liest. “Siddharta” von Hesse. Erstaunlich, dass diese Hippie-Literatur nach wie vor gelesen wird. Wahrscheinlich schätze ich sie deswegen etwas jünger ein, als sie offenbar ist, denn ihre Karriere im Spital hat längst begonnen.

Es geht natürlich nicht ohne meinen Senf dazu. Und so entwickelt sich eine lange und intensive Diskussion, unterbrochen lediglich von einem kurzen Kaffee-Stopp. Natürlich taucht irgendwann das Thema Katalonien auf, eine schwierige Geschichte, die im Moment in einer klassischen Sackgasse steckt. Aber als  Schweizer kann ich mich auf meine neutrale Position zurückziehen und bleibe ebenso diplomatisch wie nichtssagend.

Dumre

Aber schon erreichen wir Dumre, ich verabschiede mich, “Buen Viaje”, ein Winken, und eine kurzzeitige Bekanntschaft, so wie so viele andere, verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Staub des abfahrenden Busses.

Eine andere Dame ist eben dabei, ein Taxi nach Bandipur zu organisieren, unsere Blicke treffen sich, “Shall we share?” Das Taxi, eines dieser winzigen Vehikel (koreanisch? japanisch? Oder sogar chinesisch?), steigt mit röhrendem Motor über die steile Strasse und die zahlreichen Serpentinen den Berg hinauf, während Heba und ich uns bekanntmachen.

Das Himchuli Guesthouse

Ein paar Meter neben der Haltestelle liegt mein Hotel, das Himchuli Guesthouse. Es liegt am Hang, ein paar mörderische Stufen führen zum Eingang hinunter. Die Dame des Hauses ist nicht nur nett, sondern auch ausserordentlich hübsch.

Himchuli

Mein Hotel Himchuli – am Hang gelegen und auch sonst eine Offenbarung

Wie schon in Pokhara fühle ich mich sofort wohl (nicht nur der Dame wegen) und kann mir die nächsten zwei Tage schon mal als angenehm vormerken. Das Zimmer hat einen Balkon mit Sicht auf das Tal, und auf der obersten Terrasse stehen ein paar Tische für das Frühstück bereit. Momoll, das wird mir gefallen …

Bandipur

Die ersten Schritte durch das Städtchen zeigen, dass hier eine vollkommen andere Welt herrscht. Es liegt auf einem Bergrücken, verteilt über mehrere Hügel, verbunden durch Strässchen und unbefestigte Pfade. Seit die zentrale Basarstrasse für den Verkehr gesperrt wurde, herrscht eine Atmosphäre wie vor hundert Jahren.

Bandipur

Bandipur – verkehrsberuhigt und deshalb an längst vergangene Zeiten erinnernd

Entlang der plattenbelegten Strassen sind zahlreiche Restaurants und Hotels und Läden angesiedelt, Kinder spielen johlend zwischen den gemächlich spazierenden Touristen, die staunenden Auges das unübliche Bild geniessen.

Ein Bier und viele Gespräche

Ich habe mich mit Heba zu einem Spaziergang durch das Städtchen verabredet, wir schlendern entspannt und immer wieder erfreut über die überraschenden Bilder durch den stillen Ort. Doch das Bier an der Basarstrasse ist erstens verdient und zweitens notwendig. Und so stossen wir an, Heba, die Libanon-Schweizerin, und ich, der Schweizer-Schweizer.

Samay Baji

Die vielen Touristen haben die Restaurants gestürmt, alle Plätze, besonders die im Freien, sind besetzt, also suchen wir, ein bisschen frustriert, nach einer Alternative. Sie findet sich in einem Restaurant mit offener Vorderseite, also halb drinnen, halb draussen, wo das Hausmenü Samy Baji heisst und aus allerhand Zutaten zusammengesetzt ist. Offenbar ein typisches Newar Gericht, mit Kartoffeln, Chicken, Linsen, Linsen-Pancake, Kartoffelsalat mit Yoghurt-Sauce und als Spezialität Beaten Rice.

Samay Baji

Es sieht besser aus als es schmeckt

Geschlagener Reis? Klingt für meine Ohren etwas seltsam, sieht sehr trocken aus und schmeckt auch so. Keine Ahnung, was das soll, aber dieser Beaten Rice ist ungeniessbar. Der Rest ist, na ja, ziemlich kalt, mit Ausnahme des Huhns, das dafür ziemlich zäh ist. Heba findet es zu Recht etwas problematisch und gibt nach ein paar Bissen auf.

Dafür gibt es viel zu erzählen. Vom DEZA, dem Departement für Entwicklungszusammenarbeit und ihrem langjährigen Arbeitsort, den Veränderungen, idie es in den letzten Jahren erfahren hat. Von unseren Lieblingsbüchern und Filmen und Büchern arabischer Künstler (sie arbeitet jetzt als Projektmanagerin für die lokale Kunstszene in Beirut). Ein paar Witze über Trump und andere Idioten. Befürchtungen über unsere Welt, die sich in einer heiklen Transistionsphase befindet, wobei der Ausgang unklar bis erschreckend ist.

Späte Gäste

Die Zeit fliegt. Nachdem auch die lärmende Guppe Italiener (jedes Vorurteil wird bestätigt) das Lokal verlassen hat, sind wir plötzlich die einzigen Gäste. Auch auf der Strasse ist es mucksmäuschenstill geworden, alle Restaurants und Läden geschlossen. Ich finde knapp den Weg ins Hotel zurück, die elenden abschüssigen Stufen zum stockfinsteren Eingang hinunter. Es kommt mir ein bisschen vor wie in einer Jugendzeit, nur war es dann morgens um vier und nicht um knapp zehn Uhr abends …

Pokhara – The World Peace Stupa

Die Stupa, rote Frauen und alte Nähmaschinen

Die Stupa thront hoch über dem See und der Stadt, ein idealer Ort, um eine Friedensbotschaft in die Welt zu senden. Meine Bucketlist für Pokhara neigt sich langsam dem Ende entgegen, und so mache ich mich schon am frühen Vormittag (eine Ausnahme) auf, um den Hügel zu besteigen.

Junge Reiher?

Auf dem Weg zum See komme ich immer wieder an den Bäumen vorbei, aus denen schon von weitem lautes Schnattern und Krächzen und Flügelschlagen erklingt. Niemand, auch die Einheimischen nicht, können mir den Namen der wunderbaren Vögel sagen. Ich tippe auf eine nepalesische Gattung von Reihern.

Junge Reiher

Die Äste biegen sich unter der Last der hunderten von Vögeln

Junge Reiher

So wunderbar anzusehen – man könnte ihnen stundenlang zusehen und zuhören

Sie scheinen alle noch in jugendlichem Alter zu sein, weisses Gefieder, Hals und Kopf manchmal gelblich. Es sind soviele (hunderte), dass die Äste sich unter ihrem Gewicht durchbiegen. Ein wunderbares Bild.

Ein schmales Boot und Schwimmwesten

Die kurze Fahrt über den See kostet 500 Rupien, dazu 70 Rupien für die zwingend erforderliche Schwimmweste. Einerseits ein einträgliches Geschäft für den Verleiher, andererseits vermutlich auf schlechte Erfahrungen der Schwimmkünste ihrer Klienten zurückzuführen. Mit mir zusammen wartet ein junges deutsches Paar auf die Abfahrt.

Die Insel

Das Boot ist klein und schmal, der Ruderer sitzt ganz hinten und schwingt sein Werkzeug mit gemächlichen, professionellen, beinahe lautlosen Bewegungen. Wider Erwarten gibt es einen Zwischenhalt auf der kleinen, offenbar heiligen Insel mitten im See.

Hier finden sich vor allem Hindus ein, um im kleinen Tempel ihre Anbetungen an die zahllosen indischen Götter anzubringen. Die Schlange vor dem Eingang ist lang, doch die Gläubigen warten, leise schwatzend, geduldig.

Heiligtum

Offenbar ein hinduistisches Heiligtum

Der Aufstieg

Der Weg zur Stupa hinauf bietet mal wieder Stufen ohne Ende, doch mit dem leichten Gepäck am Rücken ist das alles ein Klacks.

Stufen

Wieder mal Stufen, doch ohne Gepäck ein Klacks

Es wäre sicher schön, allein durch den dichten Wald zu steigen, den würzigen Geruch der Bäume und Gebüsche einzuatmen, um endlich all den Staub und Dreck der Grossstadt loszuwerden. Allerdings bleibt der Solo-Aufstieg eine Illusion, denn vor mir und hinter mir und manchmal auch neben mir keuchen ganze Heerscharen den Berg hinauf.

Der Hügel

Wie nicht anders zu erwarten, bieten bei der Ankunft ganz oben eine ganze Menge Restaurants und Läden ihre Produkte und Dienste an. Ich setze mich auf eine kleine Terrasse, nippe an einem Black Coffee und ärgere mich erneut, dass die Feuchtigkeit der Luft jegliche Fernsicht vermiest.

Pokhara

Pokhara und See im Dunst

Doch der Kaffee ist zur Abwechslung mal erste Sahne. Die Dame am Tresen, bei der ich bezahle, klärt mich auf. Offenbar gibt es hier in der Gegend einen kleinen Kaffeeanbau, von dessen Produkten ich eben eine Tasse voll geniessen durfte. Ich würde gerne einen Sack kaufen, aber wenn ich an meine übervollen Rucksäcke denke, verzichte ich lieber und halte mich an den Ferrari-Kaffee in Dietikon.

Die Stupa

Die Weltfriedesnstupa auf 1113 Meter Höheauf dem Bergkamm gehört zu den schönsten Ausflugszielen in der Umgebung von Pokhara. Sie ist 40 Meter hoch und wirkt irgendwie falsch. Zuviel Bombast?

Stupa

Die World Peace Stupa – haut mich nicht aus den Schuhen

Natürlich muss man beim Betreten der Stupa die Schuhe ausziehen und auf jegliche lauten Geräusche verzichten. Wenn ich an die vergleichbaren Stupas in Burma denke, dann wirkt das Ding hier ausgesprochen künstlich. Aber was soll’s, wenn ich schon mal hier bin …

Der Abstieg

Es gibt mehrere Varianten, zurück in die Stadt zu gelangen. Man kann natürlich denselben Weg wählen und das Boot über den See nochmals nehmen. Finde ich nicht so attraktiv. Man kann aber auch einen kürzeren Weg durch den Dschungel nehmen, oder man nimmt den längeren, der allerdings etwas unübersichtlich ist.

Da ich jeweils mit Genuss die falscheste aller Alternativen wähle, ist klar, dass ich die dritte Variante wähle. Wie sich herausstellt, ist auch diese Wahl nicht das Gelbe vom Ei. Die Strasse ist zumindest im oberen Teil einigermassen verkehrsarm, das ändert sich jedoch schnell, als sie in die Hauptstrasse einbiegt, die vom Tal hinten in Richtung Pokharas verläuft. Nun also dichter Verkehr, stinkende und rauchende Busse und Lastwagen, Hupen und Brummen, und einmal mehr die Gefahr, über den Haufen gefahren zu werden. Als ich endlich die Ebene erreiche, sind bereits zwei Stunden verflossen.

Ein Fanta und rotgekleidete Damen

Ich setze mich am Srassenrand an einen Tisch vor einem Shop, bestelle ein Fanta und beobachte wieder mal, mit viel Genuss, das alltägliche Leben an einer gewöhnlichen nepalesischen Strasse. Wie immer ein Schauspiel, eine Operette, ein Drama, manchmal Komödie, manchmal Tragödie, doch immer Leben in all seinen Facetten.

Mein Blick fällt schliesslich auf eine Gruppe wunderschöner, in allen Tönen von Rot gekleideter Damen, sehr würdevollen Schrittes an mir vorbei stolzierend, bis eine ihren Daumen an das eine Nasenloch hebt und sich schnäuzt und damit die ganze stolze Würde auf einen Schlag zerstört …

Lemon Meringue Pie

Nach der selbstverschuldeten, ziemlich sinnlosen Anstrengung habe ich mir ein spezielles Dessert zwar nicht verdient, ich schlage aber trotzdem zu. In meinem favorisierten Restaurant Moondance werden nämlich nicht nur erstklassige Speisen aller Art angeboten, sondern auch ein Lemon Meringue Pie, der schon beim Gedanken daran heftige Pavlov’sche Reaktionen auslöst.

Lemon Meringue Pie

Lemon Meringue Pie und Black Coffee – eine kleine Belohnung

Dem See entlang

Am Nachmittag dann zum letzten Mal der Spaziergang entlang des Sees, eine besondere Attraktion, die mich allerdings etwas an einen Senioren-Urlaub erinnert, der vor allem aus langen Spaziergängen und noch längeren Mittagsschläfchen bestehen soll (wie ich höre).

Ohne Zukunft

Auf halber Strecke kommen mir zwei Jungen entgegen, ziemlich verwahrlost, dem Kindesalter längst entwachsen und auf direktem Weg in eine Zukunft, die keine ist. Der jüngere der beiden stellt sich in Kung-Fu Pose vor mich hin, Herausforderung und Aggression in den bereits erloschenen, kalten Augen. Keine guten Aussichten …

Gespräche über alte Nähmaschinen

Auf der Suche nach Geschenken, die mein beschränktes Platzangebot in den Rucksäcken nicht allzu sehr strapazieren, treffe ich auf einen Schneider, der auf einer uralten Singer-Nähmaschine besonders schönen T-Shirts näht, und komme mit ihm ins Gespräch.

Ich habe hier in Nepal schon einige dieser 50-Jahre Maschinen in Betrieb gesehen,und jedes Mal erinnere ich mich daran, wie wir sie in den sechziger- und siebziger-Jahre genussvoll zertrümmerten, da sie rettungslos ausser Mode gekommen waren. Irgendwie stimmt mich das traurig …

Alte Nähmaschinen

Alte Nähmaschinen – damit fertigt er die wunderbaren T-Shirts an

Pokhara – Mountainbiking

Mountainbike statt Damenfahrrad

Endlich – die Berge

Bisher haben sie sich rar gemacht, Pokharas Hausberge, aber an diesem blauen Morgen sind sie endlich da, etwas verschwommen im Dunst, aber immerhin.

Annapurna

Der Annapurna im zarten Morgenlicht

Machapuchare

Und auch der Machapuchare

Karbon und hundert Gänge

Eigentlich hätte mir ein altes klappriges Damenfahrrad genügt, um die geplante Tour durch die Stadt zu absolvieren, aber die Verleiher ziehen natürlich die viel teureren Mountainbikes vor.

So fährt man dann schliesslich für 500 Rupies los, ein knallgrünes, ziemlich neu aussehendes Rad unter dem Arsch, mit geschätzten 100 Gängen und einem karbongehärteten Gestell (so hat mir die Dame beim Verleih glaubhaft versichert, aber der Glaube an ihre Beteuerungen hält sich in Grenzen).

Eine beeindruckende Maschine

Natürlich alles vollkommen unnütz für meine Zwecke, aber was soll’s. Allerdings scheint mein Fahrrad Eindruck zu machen, denn kaum bin ich zögernd – wie schaltet man mit diesem verfluchten Ding einen Gang runter? – losgefahren, werde ich bereits angehalten.

Ein Italiener, wie sich herausstellt, möchte unbedingt wissen, wo ich mein Velo gemietet habe, denn seins sei absoluter Schrott. Ein Profi wie ich gibt natürlich gerne Auskunft, auch über Gänge und Karbon und dergleichen, obwohl ich keinen Dunst habe. Auf jeden Fall ist der junge Mann sehr beeindruckt und macht sich schnellstens auf den Weg zu meinem Vermieter.

Wie schaltet man runter?

Stolz und erhobenen Hauptes ziehe ich nun von dannen, fühle mich schon ein bisschen wie Eddy Merckx oder Ferdy National (was wahrscheinlich eher mit meinem Alter zu tun hat), allerdings immer noch in einem viel zu hohen Gang.

Erst nach einer Weile – es ist ziemlich anstrengend und meine Gesichtsfarbe dürfte sich einem tiefen Rot nähern – merke ich, dass sich unter meiner rechten Hand noch ein Schalter verbirgt, und tatsächlich – damit kann man runterschalten. Es gibt also einen Schalter zum rauf- und einen zum runterschalten. Interessant.

Auf der Suche nach dem Mountain-Museum

Mit dem Gefühl, die Sache nun vollkommen im Griff zu haben, mache ich mich auf den Weg zum Mountain-Museum, irgendwo gegen Westen in der Nähe des Flugplatzes. Für einmal bin ich der Offline-Karte von Google Maps dankbar, denn ohne sie hätte ich mich im Gewirr der unzähligen Strassen und Strässchen rettungslos verirrt.

Trotzdem muss ich alle paar hundert Meter anhalten, um einen Blick auf die Karte zu werfen. Es gibt die eine oder andere knifflige Situation zu überstehen, vor allem beim Kreuzen einer Strasse oder beim linksseitigen Umfahren eines Kreisels. Ich bin den Lastwagen und Bussen, die sich an allerhand Idioten im Strassenverkehr gewohnt sind, dankbar, dass sie mich nicht über den Haufen fahren oder ins Gebüsch schubsen.

Das Mountain Museum

Durch das Eingangstor, beinahe so bewacht wie das Schloss Versailles, wird man in eine weitläufige Anlage voller Grün und Wiesen und Gebüsch und Bäume geführt. Das Fahrrad muss natürlich zurückgelassen werden, man deutet aber an, ein besonders wachsames Auge darauf zu werfen.

Gedenkstätte

Eine Gedenkstätte für alle verunfallten Bergsteiger

Gedenktafel

Es sind viele ….

Mountain Museum

Das Mountain Museum ist ein beeindruckender Bau mit ebenso beeindruckendem Inhalt

Der grosse Bau inmitten der Parkanlage macht schon von weitem Eindruck. Man steigt ein paar Stufen hinauf, wird durch eine Sicherheitsschleuse gelotst, deren Zweck mir unklar ist. Ein terroristischer Anschlag ist kaum zu erwarten, und ob sich der Diebstahl uralter Bergsteigerausrüstungen lohnen würde, ist fraglich.

Bewunderung und Kopfschütteln

Es gibt viel zu sehen. Neben zahlreichen wunderbaren Bildern aller Gipfel des Himalayas, den Trachten der jeweiligen Bergvölker, der Bilder aller Erstbesteigungen und Expeditonen, finden vor allem die Ausrüstungsgegenstände der damaligen Zeit mein Interesse.

Der Vergleich mit den heutigen Utensilien mit den damals benutzen,, von den gewärmten Schuhen über die UV-Strahlen abwehrenden Brillen, den Eispickeln und alle den anderen Dingen, löst ebenso Erstaunen wie Kopfschütteln aus.

Weil sie da sind

Wie zum Teufel überlebten die Männer die Eiseskälte in ihren Lederschuhen? In den zwar gefütterten, aber trotzdem suboptimalen Handschuhen? In der Unterwäsche, die alles andere als Thermo war?

Das alles kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Das Bild von Louis Lachenals erfrorenen Händen, neben Maurice Herzog einer der beiden Erstbesteiger der Annapurna Expedition 1950, bestätigt die Fragezeichen.

Einmal mehr wird klar, zu welchen Leistungen der Mensch fähig ist, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Die Antwort auf die Frage, warum man die Berge, und wenn sie noch so gefährlich sind, besteigen will, sagt einiges aus.

“Weil sie da sind.”

Klimaveränderung

Das grosse Problem unserer Zeit, die Klimaveränderung, stellt auch hier ein zentrales Thema dar. Wir sind uns in der Zwischenzeit an die Hiobsbotschaften bezüglich Gletscherrückgang gewohnt und zucken lediglich noch mit den Schultern.

Wer allerdings schon mal den Morteratsch-Gletscher besucht hat und die erste Tafel mit dem Datum (Anfang letztes Jahrhundert) des damaligen vorderen Endes des Gletschers gelesen hat und nun weit hinten im Tal, Kilometer weit weg, das aktuelle Ende sieht, weiss, wie dramatisch die Entwicklung ist.

Hier im Himalaya stellt das Problem eine ernsthafte Bedrohung dar. Die Gletscher des Gebirges sind die Quelle einiger der grössten Flüsse der Erde, Brahmaputra, Huang He, Jangstekiang, Indus, Ganges … Und die Gebirgsvölker in Nepal oder auch in Ladakh sind auf Wasser angewiesen (das bereits heute versiegt und ganze Dörfer zum Umziehen zwingt).

Aber wer weiss, vielleicht ist es ja noch nicht zu spät (als Zeichen gegen den Klimawandel zeigte die Uhr am Fraumünster in Zürich einige Tage lang 5 vor 12 an). Greta sei Dank!

Heiss und feucht

Während sich das Museum mit ganzen Herrscharen von Besuchern füllt (die sicher alle motorisiert angekommen sind), verlasse ich Eispickel und Louis Lachenal und schwindende Gletscher und trete hinaus in die flirrende Hitze des Vormittags.

Es scheint mir, dass es in den letzten Tagen merklich heisser geworden ist. Und allabendlich knallt es nun vom Himmel, dass einem Hören und Sehen vergeht. Die Gewitter sind manchmal richtig heftig, sodass sich das Touristenvolk am Durbar Marg schleunigst in die Restaurants verzieht.

Und noch eine unglückliche Entwicklung: die Feuchtigkeit in der Luft führt dazu, dass sich die Berge tagein, tagaus mit einem undurchdringlichen Wolkenschleier verhüllen. Machapuchare, Annapurna und all die anderen machen sich wieder rar.

Innenstadt

Die Dienste von Google Maps weiterhin benutzend, fahre ich Richtung Innenstadt, natürlich anfänglich mal wieder auf einer der dümmsten, da meistbefahrenen Strassen und komme damit einmal mehr in der Genuss einer vollen Ladung Auspuffgase und Staub. Als Ausweichrouten bieten sich die schmalen Strassen und Gassen an, wo das Leben auf der Strasse stattfindet und Lärm und dreckige Luft weitgehend verschwunden sind (zumindest stelle ich mir das so vor).

Erst jetzt erkennt man, wie gross die Stadt wirklich geworden ist. Auch nach zwei weiteren Stunden scheine ich nur einen Bruchteil abgefahren zu haben. Man hat Mühe, Unterschiede zwischen den einzelnen Quartieren zu erkennen. Überall die gleichen Strassenzüge, die gleichen Läden, Handwerksbetriebe, Restaurants, Wohnhäuser oder das, was sich die Bewohner darunter vorstellen.

Paragliding Landezone

Der Weg zurück zum See bringt mich auf die Idee, die Strasse bis zum Ende am Paragliding Landeplatz abzufahren. Eine nicht wirklich gute Idee. Am Anfang ist der Verkehr wie überall dicht und gefährlich, bis dann die Strasse zu einem Bachbett wird, und man sogar als professioneller Mountainbiker aufpassen muss, keinen Unfall zu bauen.

Paragliding

Da sind sie wieder, meine Freunde

Schwitzend und schnaufend und fluchend erreiche ich schliesslich doch noch den Zielort, um dort feststellen zu müssen, dass die heutigen Landungen beendet sind und man es doch lieber am nächsten Tag versuchen solle. Die freundliche zerknitterte alte Dame beim winzigen Restaurant überredet mich zu einer Fanta, und erzählt mir ihr Leben, wovon ich allerdings kein Wort verstehe …

Abend mit einer Million anderer Touristen

Die Hauptstrasse, deren hauptsächlicher Zweck die Verbreitung von allerlei unnötigen Souvenirs besteht (dessen Sog auch ich mich nicht entziehen kann), ist jeweils am Abend hauptsächlich von Touristen bevölkert. Man flaniert rauf und runter, wühlt in den unzähligen Shops nach Singing Bowls, Messern, Sportbekleidung und anderem Krimskrams.

einkaufen

Ein billiges und zweifelhaftes Vergnügen – einkaufen

Ich denke, neunzig Prozent der angebotenen Ware ist gefälscht oder auf billigste Weise industriell hergestellt. Natürlich ist die Qualität lausig, aber das scheint niemanden davon abzuhalten, eine North Face Jacke für 10 Dollars zu kaufen, natürlich im Bewusstsein, dass sie zuhause das zehnfache kostet.

Pokhara – Paragliding

Der grosse Tag

Dann also der grosse Tag. Das Geburtstagsgeschenk an mich selbst. Der Himmel ist klar und ganz blau, wie er sein sollte, ein leichtes Wolkengeflirr um den Machapuchare, nichts Aufregendes. Der Blick zum Hügel von Sarankot zeigt Grün und Braun und Gelb, Wald und nochmals Wald und darüber der Gipfel.

Der Startplatz.

Gin Tonic

All the Best and many happy Returns

Wie bereits erwähnt, möchte ich den gestrigen Tag im Tal des Vergessens verschwinden lassen, also lassen wir’s besser bleiben. Es war ein ganz gewöhnlicher Tag, mit wunderbar entspannten Spaziergängen dem See entlang und einem Gin Tonic am Abend, verbunden mit nicht ganz ernst gemeinte Gratulationswünschen an mich selbst. That’s it!

Perfekte Aussichten für einen erfolgreichen Jungfernflug

Sollte man etwas spüren an einem solchen Morgen? Gibt es Statistiken über Unfälle? Todesstürze? Ich nehme ein betriebswirtschaftliches Argumentarium zu Hilfe.

Jeder Unfall, verursacht durch suboptimale Qualität des Piloten, würde das Geschäft sofort zum Erliegen bringen. Also müssen die Veranstalter alles tun, um ein solches Szenario zu vermeiden. Alles klar? Mit diesen (vermeintlichen) Erkenntnissen widme ich mich beruhigt dem Frühstück und verpasse beinahe den Zeitpunkt, wo ich vom Veranstalter abgeholt werde.

Nur die schlechten Piloten übrig?

Wie alles in Asien geht es igendwie vorwärts und doch nicht. Irgendwo in einem Büro muss ich ein Dokument ausfüllen, darunter auch eine Adresse, an die man sich im Fall der Fälle wenden könnte. Der freundliche Herr, ein beinahe perfektes Englisch sprechend, erzählt, dass an diesem Tag auch eine Competition stattfindet, an der die besten Piloten teilnehmen.

“It means that there are only the bad ones left for today’s flights?” Meine Frage klingt lustig, ist aber eigentlich ernst gemeint.

Pilot

Mein Pilot – ebenso intelligent wie kompetent

Er lacht lauthals und gibt mir recht. “Exactly. Only the bad ones.”

Nicht überraschend, dass ich in sein Lachen etwas verkrampft einstimme.

Auf dem Weg nach Sarankot

Der Jeep muss sich den Weg nach Sarankot durch das dichte Verkehrsgewühl suchen, einmal mehr fragt man sich, ob es in diesem Land überhaupt Verkehrsregeln gibt und ob jemand von deren Existenz weiss.

Auf der ganzen Welt gilt eine doppelte Linie als heilig und nicht überfahrbar und wird bei Missachtung streng geahndet. Hier scheint es so zu sein, dass sie eine Art Einladung darstellt, auf die andere Spur zu wechseln und den dort vorhandenen Platz für die eigenen Zwecke zu nutzen.

Anyway, auch nicht überraschend ist, das der obere Teil des Hügels nicht mehr asphaltiert ist. Einmal mehr kommt mir das Spiel der Lottokugeln in den Sinn, und da ich als elder Statesman vorne sitzen darf (natürlich unangeschnallt, da das Gegenstück des Verschlusses nicht auffindbar ist), werde ich noch ein bisschen mehr durchgeschüttelt als die Herren auf den Rücksitzen.

So ganz klar Ist mir ihre Rolle nicht, doch ein junger Mann chinesischer Provenienz scheint ebenfalls fliegen zu wollen. Die anderen gehören offenbar irgendwie zum Team.

Der Startplatz

Ja, und dann sind wir da, der Startplatz ist eine leicht abfallende Wiese, wo sich zahlreiche Männer (wo sind die Frauen?) eingefunden haben, um sich in die Tiefe zu stürzen. Der nette Herr, der sich um mich gekümmert hat, stellt sich auch als mein Pilot vor, sein Name ist Anil, was mir nun doch einen sehr willkommenen Schubs in positiver Richtung verschafft (für Eingeweihte: siehe “Der Fährmann”, Protagonist, überlebt jedoch nicht mal die ersten zwanzig Seiten der Geschichte).

Vor dem Start

Noch entspannt vor dem Start

Ich werde mit entsprechender Ausrüstung versehen, Helm, Gurten, viele Verschlüsse. Der wunderbar knallrote Schirm liegt ausgebreitet am Boden, und schon werde ich über die ersten entscheidenden Schritte informiert. Erstaunlicherweise bleibt mein Puls ruhig, habe ich doch eine ziemliche Aufregung erwartet.

Wo ist der angekündigte Adrenalin-Schub?

Aber schon laufen wir den Hang hinunter, ein kurzer Ruck, und der Boden bleibt unter uns zurück.

Wir fliegen

So sanft wie eine Feder. Lautlos, ganz ruhig, die Erde entgleitet uns, wir werden hinausgetragen ins scheinbare Nichts. Eine seltsame Ruhe überkommt mich. Anil fotographiert und filmt, während er bedächtig sein Gerät steuert. Die Thermik ist perfekt, langsam schrauben wir uns höher und höher …

Wir fliegen

Wir fliegen – sanft und schwerelos

Die Thermik erlaubt uns, immer höher zu fliegen

Ach, Tiburon, jetzt weiss ich endlich aus eigener Erfahrung, was du gespürt hast. Ich zitiere aus “Eine Schlange in der Dunkelheit”:

Tiburon fuhr mit der Zunge über die Lippen und bekreuzigte sich. Dann fasste er die Querstange, so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten, nahm einen Anlauf und rannte mit stolpernden Sprüngen den Hang hinunter. Am Anfang geschah nichts, das Keuchen wurde lauter und seine Beine schlaffer, und er zweifelte, dass er das Tempo noch lange halten würde, da ging plötzlich ein kaum merklicher Ruck durch die Tragfläche, er wurde von den Füßen gerissen und hob ab.

Er flog.

Einen Meter unter ihm huschte der Boden vorbei, dann zwei Meter, drei, vier, die Erde glänzte nass und kalt. Er spürte weder den eisigen Fahrtwind, der ihm die Tränen in die Augen trieb, noch die Riemen, die sich schmerzhaft in die Handgelenke gruben. Sein Traum war wahr geworden, er war der Erde entflohen, ein Gott, unsterblich für alle Zeiten. Verwunderung überkam ihn und ein Staunen. Zum ersten Mal fühlte er sich frei, herausgeschleudert aus der Welt. Ich habe es geschafft, dachte er. Wenn ich jetzt sterbe, ist es egal.”

Andere Flieger

Wir sind nicht die einzigen

Ich fühle mich zwar nicht gerade als Gott, aber das Gefühl ist schon etwas ausserirdisch. Zahlreiche andere Flieger zirkeln um uns herum, manchmal bedrohlich nahe, doch die Piloten verstehen ihr Handwerk. Schliesslich ist das etwas, was sie tagtäglich vollziehen.

Ich kann mich allerdings an ein Gespräch in der Schweiz erinnern, beim Zusehen der startenden Gleitschirmflieger. Offenbar sind es nicht die ganz Jungen oder die Neulinge, die verantwortlich für die meisten Unfälle sind. Es sind die älteren, erfahrenen Piloten, die sich duch ihre Erfahrungen so sicher fühlen, dass sie übermütig werden.

Aber das gilt wohl für alles. Man denke nur ans Kochen. Der erste Versuch ist meistens der beste. Dann glaubt man, die Sache im Griff zu haben und scheitert kläglich.

Ja, die menschliche Natur. Immer wieder ein Rätsel …

Die Welt im Auge des Adlers

Zum Rätsel soll mir aber dieser Flug nicht werden. Es sieht auch gar nicht danach aus.Ganz ruhig drehen wir unsere Runden, mal etwas weiter hinunter, bis man beinahe in die Küche der dortigen Häuser blicken kann. Dann wieder aufwärts, unter Ausnützen der perfekten Thermik, bis die Welt im Auge des Vogels ganz klein und unbedeutend erscheint.

Keinen Moment scheint irgendeine Gefahr da zu sein. Der Puls schlägt ruhig, als würde ich gemütlich vor dem TV sitzen. Erstaunlich, ich hätte anderes erwartet. Soll mir aber recht sein. Die Berge scheinen weit weg und gleichzeitig ganz nahe zu sein. So hoch oben in der Luft ist man ein Teil der Welt, ein anderer als sonst. Berge, Hügel, kühle Luft, darüber der blaue Himmel. Und wir.

Ein bisschen Akrobatik gefällig?

Ich könnte endlos zu weiter gleiten, doch die Zeit vergeht schnell. Wir nähern uns dem See, fliegen darüber hinweg, unter und über uns nur noch blau, der See an seinen nördlichen Enden allerdings braun und voller Dreck.

kein Adrenalin

Ganz entspannt – wo bleibt der Adrenalinschub?

Über dem See

Über dem See wird’s noch eine Stufe spannender

Hoch hinaus

Ganz schön hoch für einen Bergler

Anil erzählt, dass der Klimawandel auch hier seine Auswirkungen zeigt, dass immer wieder ganze Hänge in den See stürzen und ihn langsam verlanden lassen.

“You want some Acrobatics?”

“Acrobatics? What do you mean?”

“I show you.”

Akrobatik

Akrobatik – Loopings, Übereschläge – Magen irgendwo

Im nächsten Moment schlagen wir die verrücktesten Dreher, ein altes Gefühl nach Chilbi macht sich bemerkbar. Mein Magen hüpft nach alter Manier in alle Richtungen, genauso wie ich es schon als Kind über alles liebte.

Ein wunderbarer Abschluss eines wunderbaren Fluges.

Wir gleiten nun schnell nach unten,ein paar kurze Anweisungen zur Landung, und schon stehen wir auf der Wiese, wie zahlreiche andere Flieger, und alle, wirklich alle, auch der junge Chinese, der eine Flagge seines Heimatlandes umgebunden hatte, zeigen ein stolzes Gesicht. Ich auch.

Man bringt mich mit dem gleichen Wagen zurück zum Hotel. Der Wirt empfängt mich mit einem wissenden Grinsen.

“All well?”

“I survived.”

Und am Ende – der Vollmond

Das Ende eines wirklich besonderen Tages – erleuchtet durch den Vollmond …

 

Von Kathmandu nach Pokhara – Der Prithvi Highway

Kathmandu – Pokhara

Die Schlange von Bussen entlang der Strasse, frühmorgens um halb sieben, ist lang und unübersichtlich. Es geht nun darum, den richtigen Bus zu finden, einen rot-gelben, der mich heute nach Pokhara bringen soll. Gar nicht so einfach, denn irgendwie scheinen alle gleich auszusehen, vielleicht sind es auch nur meine verschlafenen Augen, die etwas Mühe haben.

Bus

Für einmal ein geradezu schöner Bus

Der Prithvi Highway

Heute also geht’s nach Westen, nach Pokhara. Der Prithvi Highway ist die zentrale Verbindungsstrasse zwischen den beiden grössten Städten des Landes, gut 200 Kilometer lang, und bietet einen grossartigen Eindruck von Hügeln und Bergen und tiefen Tälern entlang schäumender Flüsse.

Wenn auch – wie nicht anders zu erwarten – vernebelt durch die Staub- und Abgaswolken der Busse und der überladenen LKWs.

Zuerst aber gilt es, der Stadt zu entfliehen, was unter Umständen Stunden dauern kann. Auch zu früher Morgenstunde sind die Strassen verstopft, es gibt keine Möglichkeit zur schnelleren Flucht. Kathmandu ist ein Gefängnis, das seine Insassen nicht so schnell entwischen lässt.

Wenn man sich dann bei Thankot aus dem Kathmandutal herausgequält hat, beginnt die lange Serpentinenstrasse hinunter, bis die Strasse den Trisuli Fluss trifft, dem wir von hier an folgen werden.

Leichtes Gepäck

Der gestrige Tag hat nicht nur dazu gedient, die Strapazen des Treks (und der letzten Busfahrt) zu verdauen, sondern auch einigen organisatorische Pflichten nachzukommen.

Man muss sich im Klaren sein: Solo-Traveling heisst auch immer organisieren. Nicht der Tour Operator kümmert sich um Hotels, Essen, Tickets, Abfahrtszeiten und alles andere. Das liegt alles bei mir selbst und kann mitunter viel zeitlichen Aufwand bedeuten, viel mehr, als man es sich vorstellt.

Ich werde die nächsten zwei Wochen mit sehr leichtem Gepäck reisen. Also mit dem kleinen Rucksack, wenig Kleidern, einfach nur dem Allernötigsten.

Ich habe die Vorstellung schon immer verführerisch gefunden, nur mit dem zu reisen, was man wirklich braucht zum Leben. Das Leben auf die Basics zu reduzieren und dabei festzustellen, wie wenig man wirklich braucht. Ein paar wenige Kleider (es gibt tausend Laundries, die das Waschen für wenig Geld anbieten), Zahnbürste/-pasta und Deo und Duschzeugs, Medikamente (im schlimmsten Fall gibt es überall Apotheken und Ärzte) und da im 21. Jahrhundert lebend, einen (schweren) Sack voll technischen Schnickschnacks wie Ladekabel und solchen Blödsinns, der das Sinnentleerte unserer Existenz erst so richtig nachweist.

Man müsste es mal ausprobieren. Sehen, was nach einigen Tagen ohne Smartphone und iPad und Camera geschieht. Konzentriert man sich endlich wieder auf das Schöne, das Überraschende, das Erstaunliche, ohne gleich nach Camera oder iPhone zu greifen, ohne im Kopf bereits die Beschreibung vorzuformulieren?

Fühlt man sich abgenabelt von der Welt? Hat man den Eindruck, nicht mehr dazu zu gehören? Stellt sich ein Gefühl der Leere ein?

Der ultimative Test. Ìrgendwann werde ich es ausprobieren. Irgendwann.

Der Rucksack ist tatsächlich so klein, dass er heute sogar in die Gepäckaufbewahrung oberhalb meines Sitzplatzes passt. Das Hotel in Pokhara, das Nirvana-Hotel (schon der Name deutet auf gute Zeiten hin), ist für ein paar Tage gebucht, alles andere wird sich zeigen.

Verstaubte Erinnerungen

Auf dem Weg entlang des Flusses versuche ich angestrengt, irgendeine Erinnerung an das letzte Mal vor knapp dreissig Jahren oder das erste Mal vor über 40 Jahren zu aktivieren. Erfolglos!

Fahrt ins Tal

Die endlos langen Serpentinen hinunter ins Tal des Trisuli

Dunst

Ein bisschen dunstig, aber genau richtig für eine lange Busfahrt

Die Sache mit dem Gedächtnis

Das Gedächtnis ist eine seltsame Sache. Es ist so ungefähr das am wenigsten Vertrauenswürdige in der Suche nach Vergangenheit. Es tendiert dazu, Ereignisse zu entsorgen, dafür andere zu kreieren, die es so nie gegeben hat. Und weitere werden manchmal so verändert, bis sie eine vollkommen andere Form angenommen haben.

Vielleicht eine, die uns besser gefällt.

Obwohl ich diese Strasse schon zweimal durchgefahren bin, scheint mein Gedächtnis bezüglich dieser Route auf brutale Entsorgung geschaltet zu haben. Es ist schlichtweg nichts geblieben. Ich muss also Annahmen treffen.

Ich bin also zweimal hier durchgefahren. Das erste Mal mit unserem klapprigen VW-Bus, das zweite Mal mit einem Touristenbus so wie heute. Ich nehme an, dass es Anfang 1975 eher wenig Verkehr gegeben haben muss. Ob die Strasse damals wirklich schlechter war, bezweifle ich. Sie ist nämlich auch heute nicht in einem Zustand göttlicher Offenbarung. Immerhin – da es sich um einen sogenannten Tourist-Bus handelt – sind nur die Sitze belegt, also für einmal keine Sardinenbüchse mit Aussicht auf Erstickungstod.

Trisuli

Wir folgen dem Trisuli fast den ganzen Tag

Trisuli

Ein wildes, schöumendes Wasser

Hängebrücke

Manchmal überquert von einer Hängebrücke

Neben mir sitzt ein dezent gekleideter Herr in mittleren Jahren, Frau und Sohn auf den beiden Sitzen vor uns. Offenbar auch auf dem Weg nach Pokhara, ein Familienausflug. Wir kommen uns allerdings nicht näher, seine spärlichen Englischkenntnisse sind eine zu grosse Barriere.

Blick aus dem Fenster in eine fremde Welt

Manchmal beim Vorbeifahren oder bei kurzen Stopps – ein Blick in eine fremde Welt. Obwohl – ist sie wirklich fremd, oder scheint es nur so? Da stehen Menschen inmitten von Autos, vor Läden und Restaurants, schwatzend, lachend, wartend …

Alles, was sie von uns unterscheidet, ist eine andere Hautfarbe, eine andere Kultur, eine andere Nationalität? Mehr nicht. Alles andere ist gleich. Sie leiden unter der Hitze oder Kälte, sie fühlen sich gross oder klein, reich oder arm, sie lieben ihre Kinder und hassen Ungerechtigkeit. Manchmal lachen sie oder weinen, sind hungrig oder durstig. Alles eine Frage der Perspektive.

Warten

Warten auf den Bus oder sonstwas

 Es ist eine lange, beinahe siebenstündige Fahrt, in einem Zustand meditativer Versunkenheit, denn alles, was ich tue, ist aus dem Fenster schauen und versuchen, nichts zu denken. Natürlich gelingt es nicht, immer wieder tauchen Erinnerungen auf, assoziativ, zusammenhangslos, auf merkwürdige Weise traurig. Hat es etwas zu tun mit meinem baldigen runden Geburtstag, der mir am nächsten Tag droht? Wer weiss …

Pokhara – eine ferne Erinnerung

Schon viele Kilometer vor dem Erreichen der Stadt entsteht der Eindruck, nicht mehr weit vom Ziel entfernt zu sein. Was aber täuscht, denn die Stadt wächst an allen Ecken und Enden. Aus dem kleinen geruhsamen Städtchen ist eine Metropole geworden, laut und hektisch und voller Leben. Das Taxi bringt mich in ein paar Minuten zum Hotel Nirvana, ein freundlicher Herr empfängt mich, und ich fühle mich sofort wohl und beinahe zu Hause.

Hotel Nirvana

Hotel Nirvana – hier werde ich mich eine Weile wohlfühlen

Der See ist nahe, die lange Strasse entlang dem Phewa Lake ebenso, nichts steht einem sehr geruhsamen Aufenthalt in einer Stadt, die ich vollkommen vergessen habe, entgegen.

Langtang Trek – Tag 8

Syabrubesi – Katmandu

Vor der Rückfahrt nach Kathmandu trennen sich die Wege guter alter Bekannter endgültig. Die einen nehmen zwecks schnellerer Fortbewegung einen Jeep, andere weniger glückliche, so wie wir beiden, nehmen einen dieser schrecklichen Busse, die bereits um sieben rauchend und röhrend vor den verschiedenen Hotels stehen.

Abfahrtsbereit

Der Schlafsack wird zum letzten Mal zusammengerollt und aufgebunden, ein letztes Goodbye der freundlichen Bedienung im Hotel zugerufen, und ab geht die Post. Man hat es schon beinahe vergessen, das Hin- ind Her-Gewirble im Bus, die stinkenden Auspuffgase der entgegenkommenden Fahrzeuge, die engen Sitze, die sogar für mich zu klein geraten sind.

Bus

Die Sardinenbüchse von aussen

Physikalische Grenzen

Wir haben allerdings nicht vergessen, dass es sich um einen LocalBus handelt, was bedeutet, dass er alle paar Meter, wo ein Hund hingepisst hat, stoppt. Was wir nicht wissen, dass dieses Exemplar nicht nur dauernd hält, sondern auch die physikalischen Grenzen des Füllens eines hohlen Raums unbeachtet lässt.

Bus

Vollgestopft wie in einer Sardinenbüchse

Die Auswirkungen des gestrigen Neujahrsfests

Aber alles von vorne. Zu unserem Erstaunen wurde gestern offenbar das hinduistische Neujahrsfest gefeiert (2076). Wenn nicht gegen Abend ein Lastwagen mit lauter Musik vorbeigefahren wäre, hätte man nichts davon bemerkt.

Heute allerdings sind die Auswirkungen spürbar. An allen Strassenecken stehen Gruppen von Leuten, die alle mitgenommen werden möchten. Wahrscheinlich haben sie das Fest bei Verwandten verbracht und wollen nun alle nach Hause.

So stellt man sich die Gans beim Stopfen vor

Es beginnt nun eine dieser unvergesslichen Geschichten, die beim Erleben alles andere als lustig sind, beim späteren Erzählen aber erst ihre besondere Note erhalten.

Eigentlich beginnt es ganz harmlos. Der Gang füllt sich schnell mit Passagieren, kleinen, grossen, alten und jungen, manche mit viel Gepäck und allerhand Krimskrams. Irgendann denkt man als stiller Beobachter, dass nun das Ladepotential erschöpft ist und man dementsprechend bei den nächsten Wartenden mit einem entschuldigenden Lächeln vorbeifahren wird.

Denkste! Der Bus hält immer, IMMER. Ganze Heerscharen drücken sich durch den Eingang, werfen einen abschätzenden Blick durch den übervollen Bus und quetschen sich hinein, Platz hin oder her. Die neben uns Stehenden und gegen Sitaram Stützenden (der Arme sitzt im Gang) wechseln langsam die Farbe, man hört leises Stöhnen und etwas lauteres Fluchen, was den Fahrer aber nicht davon abhält, neue Gruppen willkommen zu heissen.

Sardinenbüchse

Nun werden auch wir als bevorzugte Sitzende etwas unruhig, denn ein kleines Mädchen neben Sitaram wird langsam aber sicher zerdrückt. Sie wehrt zwar anfänglich sein Angebot, auf seine Knie zu sitzen, schüchtern ab, doch der immer noch zunehmende Druck von allen Seiten lässt sie schliesslich nachgeben.

Verrückt! Und grenzwertig

Ich bin auf allen Kontinenten immer mit viel Spass mit Local Buses gefahren, viele bis an die Grenzen gefüllt, aber dieses Spektakel ist eimalig. Und wieder mal eine Sensation für alle Sinne. Die Stimmen der Leute vermischt mit dem Brummen des Motors und dem permanenten Hupen.

Die neben und über uns schwebenden Köpfe, manche grösser, manche verschwindend im dichten Haufen. Die betörenden, die Nase reizenden Gerüche, Schwitzen, Alkohol, Erbrechen … Aber immer wieder macht jemand einen Witz, und lautes Gelächter erfüllt die Sardinendose …

Irgendwie scheint es nur mir (na ja, Sitaram findet’s auch etwas seltsam) grenzwertig zu sein. Für die Leute scheint es nichts Besonderes zu sein, alles schon mal erlebt, und ausserdem ist es ja der Tag nach Neujahr. Da ist alles möglich.

Die Strasse? Das alte Lied

Die Strasse im übrigen, damit auch sie nicht vergessen wird, ist genauso schecht wie bei der Hinfahrt, sie kommt einem sogar noch etwas schlimmer vor. Der einzige Vorteil ist, dass die Passagiere gar nicht mehr herumgeworfen werden können, dazu fehlt schlicht der Platz.

Halt

Wenigstens ein Halt zum Durchatmen

Man stellt sich zum makabren Zeitvertreib vor, was bei einem Versagen der Bremsen passieren würde. Mein Blick durch den Bus schätzt, dass es mindestens 50 Tote geben würde, ein paar Touristen eingeschlossen. Man lässt den Zeitvertreib besser sein und versucht, in all dem Chaos ein paar Minuten Schlaf zu finden.

Das letzte Dal Bhat

Im nächsten grösseren Ort ein Stop, die Sardinendose leert sich in Windeseile, und ja, die Hoffnung stirbt zuletzt – die Leute verstreuen sich in alle Himmelsrichtungen. Aufatmen. Sitaram bestellt – oh Wunder! – das dreihunderdfünfzigste Dal Bhat und isst wie immer mit grossem Genuss.

Dal Bhat

Sitaram und Dal Bhat – unzentrennliche Zwillinge

Man muss sich das vorstellen (wir haben uns öfters darüber unterhalten): ein Mensch isst jahraus, jahrein mindestens zweimal täglich das gleiche Gericht (manchmal auch zum Frühstück).

Es wäre also das Gleiche, wenn ich zwei bis drei mal täglich (und das seit Jahren) Spaghetti Carbonara oder Älplermagronen (ein Schweizer Gericht) oder Risotto Milanese essen würde. Unvorstellbar! Aber ihm mundet’s, immer wieder, zwei Mal täglich, bis ans Lebensende.

Das ist das Wunderbare an den kulturellen Unterschieden. Wie unendlich vielfältig der Mensch ist und lebt. Obwohl er zu 100% aus den gleichen Komponenten besteht. Alles, was ihn unterscheidet, ist kulturell bedingt.

Deswegen reist man.

Aber auch der schlimmste Bustrip geht irgendwann zu Ende (zu erwähnen: natürlich füllte sich der Bus auch nach dem Zwischenhalt mit der gleichen idiotischen Anzahl an Passagieren, nicht der kleinste Unterschied zu vorher festzustellen, aber wie an alles im Leben gewöhnt man sich daran.

Ein nicht mehr wiederzuerkennender Rucksack

Der endgültige Stop dann irgendwo an einem Strassenrand in Kathmandu. Der für den “Gepäckraum” Verantwortliche, ein ziemlich unsympathischer Typ mit gefärbter Haartolle, öffnet ihn, und einen Moment lang stockt allen der Atem.

Rucksack

In Wirklichkeit sieht’s noch viel schlimmer aus; ich muss mir später im Hotel eine Bürste ausleihen, um das Ding wieder einigermassen sauber zu kriegen

Unser Gepäck ist nicht wieder zu erkennen, bzw. man weiss schon gar nicht mehr, wem was gehört, denn alles ist mit einer dicken Staub- und Schmutzschicht überzogen. Ein junger Traveller empört sich so sehr, dass er kurz davor ist, der Haartolle an die Gurgel zu gehen.

Ich bin irgendwie zu müde, um mich noch aufzuregen, packe den wieder erkannten Rucksack vorsichtig in ein Taxi und wir lassen uns die letzten Meter bis Thamel fahren. Dann lade ich Sitaram zu einem Abschiedsbier ein, allerdings wird klar, dass der junge Mann überhaupt noch nie Alkohol getrunken hat. Dann gehört sich das auch heute nicht, wir stossen also mit meinem Bier und seinem Lassidrink auf die letzten acht Tage an und wünschen uns alles Gute für unsere Zukunft, die für ihn ein bisschen länger, für mich ein bisschen kürzer ist …

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