Kurz vor dem Ende

Ich befinde mich zwischen den Welten. Mit einem Fuss noch im kühlen Sand am Strand von Calangute, mit dem anderen zuhause.

Ein Anflug von Wehmut

Und so bin ich zurück am Ausgangspunkt. Der Kreis hat sich geschlossen. Eine Art Heimkommen. Eine längst bekannte Erkenntnis: Sobald man an einen bekannten Ort zurückkehrt und sei er in noch so negativer Erinnerung, fühlt man sich zuhause. Unterwegs zu sein, heisst ja auch, die Sicherheit des Bekannten hinter sich zu lassen. Sich hineinfallen zu lassen ins das Unbekannte. Cees Noteboom sagt es sehr treffend in seinem wunderbaren Reisebuch Im Frühling der Tau: Man muss wählen zwischen dem Schrecken des einsamen Zimmers zuhause und der Maskerade der ständigen Ortswechsel.

Der zweite Schrecken

Ich habe mich für den zweiten Schrecken entschieden. Es ist keine Wahl zwischen Pest und Cholera, es ist die Wahl zwischen zwei verschiedenen Arten von Unruhe. Das einsame Zimmer zuhause, vollgestopft mit den notwendigen Ingredienzien modernen Lebens, gaukelt einen vermeintlichen Zugang zur Welt vor, während es doch in Tat und Wahrheit eine Vorspieglung falscher Tatsachen ist.

Es ist und bleibt ein einsames Zimmer.

Dem man – zumindest gelegentlich – entfliehen muss.

In den Schrecken Nummer zwei.

Apropos Zimmer

Ich bin zwar am gleichen Ort gelandet, allerdings nicht im gleichen Zimmer. War das letzte eher klein und gemütlich, so befinde ich mich diesmal in einem vergleichsweise gigantischen Flat mit mehreren Räumen. Allerdings ist keiner wirklich brauchbar. Und das Bett, was soll ich dazu sagen?

Es hat mehrere, doch keines erfüllt auch nur ansatzweise den primären Zweck eines Betts, nämlich schlafen zu können. Schon mitten in der Nacht, nach einer mehrstündigen Tortur auf einer nicht nur dem Namen nach existierenden Matratze, wechsle ich auf das andere Bett im gleichen Zimmer. Es ist nicht wirklich besser, aber man hat immerhin den Eindruck, auf etwas Weichem zu liegen.

Ich bin nach der Tortur der letzten zwei Wochen in den Beobachtungsmodus zurückgekehrt. Alles geht nun langsamer vor sich. Das ist gut so.

Kuh im Garten

Meine eigene Haus- und Hof Kuh

Kühe am Strand in Calangute

Kühe am Strand – ein übliches Bild

Ich beobachte Tiere – Raben, Hunde, Kühe – und dann wieder die Menschen, ob Inder oder Touristen, und stelle Gemeinsamkeiten fest. Überleben als höchste Priorität. Die altbekannte Bedürfnis-Pyramide. Essen, Dach über dem Kopf, Sicherheit. Das gilt für die Inder. Den Fremden geht es mehr um die Befriedigung der oberen Ebenen, aber letztlich geht es immer um Befriedigung.

Zwischen den Welten

Ich bin sehr introspektiv diesen Morgen. Der Autor des Ferrari-Mönchs hat ein neues Buch geschrieben, es bringt mich zum Nachdenken und hilft mir auf die Sprünge. Wenige Stunden vor der Heimreise befinde ich mich zwischen den Welten. Mit einem Fuss noch im kühlen Sand am Strand von Calangute, mit dem anderen zurück in der vermeintlichen Zivilisation, im Kopf bei der nächsten Sitzung …

Der Blick klärt sich, Prioritäten bilden sich heraus, was wichtig ist, wird klarer. Es sind keine neuen Erkenntnisse, nur das Wiederfinden alter, die wie schon so oft in Vergessenheit geraten sind. Wie gut es wir im Westen doch haben, dass wir diese Überlegungen überhaupt anstellen können. Es gilt wieder, sich weder von der Hektik noch vom gesellschaftlichen Druck überrennen zu lassen. Todo-Listen sind manchmal dienlich, doch sie dürfen nicht das Leben bestimmen. Manchmal ist es besser, Einhalt zu gebieten, stehen zu bleiben, Inseln der Ruhe zu finden. Frieden.

Beim Vorbeigehen an den Rosen riechen.