Zwischen den Welten

 

Ich befinde mich zwischen den Welten. Mit einem Fuss noch im kühlen Sand am Strand von Calangute, mit dem anderen zuhause.

Und so bin ich zurück am Ausgangspunkt. Der Kreis hat sich geschlossen. Eine Art Heimkommen. Eine längst bekannte Erkenntnis: Sobald man an einen bekannten Ort zurückkehrt und sei er in noch so negativer Erinnerung, fühlt man sich zuhause. Unterwegs zu sein, heisst ja auch, die Sicherheit des Bekannten hinter sich zu lassen. Sich hineinfallen zu lassen ins das Unbekannte. Cees Noteboom sagt es sehr treffend in seinem wunderbaren Reisebuch Im Frühling der Tau: Man muss wählen zwischen dem Schrecken des einsamen Zimmers zuhause und der Maskerade der ständigen Ortswechsel.


Zwischen den Welten

Ich habe mich für den zweiten Schrecken entschieden. Es ist keine Wahl zwischen Pest und Cholera, es ist die Wahl zwischen zwei verschiedenen Arten von Unruhe. Das einsame Zimmer zuhause, vollgestopft mit den notwendigen Ingredienzien modernen Lebens, gaukelt einen vermeintlichen Zugang zur Welt vor, während es doch in Tat und Wahrheit eine Vorspieglung falscher Tatsachen ist.

Es ist und bleibt ein einsames Zimmer.

Dem man – zumindest gelegentlich – entfliehen muss.

In den Schrecken Nummer zwei.


23 Uhr und müde

Dieses Gefühl stellt sich an diesem späten Abend am riesigen Flughafen in Mumbai ein. Ich fühle mich müde und möchte schlafen, doch es gibt keine Gelegenheit dazu. Es sind schon viele Stunden vergangen seit dem frühen Morgen. Seit der Verabschiedung meiner Freunde in Calangute. Der Fahrt mit dem Taxi zum Flugplatz. Der scheinbar endlosen Warterei auf den Abflug inmitten lärmender Familien. Und endlich dem Flug mit Spicejet nach Mumbai.

Goa-Mumbai
Goa-Mumbai mit Spicejet

Hier sitze ich nun auf einem unbequemen Sitz, umgeben von anderen halb- und ganzschlafenden oder sonstwie dösenden Passagieren. Sie haben alle das gleiche Ziel. Endlich einsteigen und abfliegen zu können. Es herrscht eine seltsame Stille, nur manchmal unterbrochen durch die blecherne Stimme einer Ansage oder das leise Schnarchen eines übermüdeten Mitleidenden.

Das Problem ist einfach: zwischen Hin- und Weiterflug liegen mehrere Stunden Wartezeit, die man sich mit Kaffeetrinken, Essen, Spazieren, Lesen und Langweilen vertreibt. Doch irgendwann hat man genug Kaffee getrunken, sämtliche Gänge und Hallen mehrmals abgelaufen und keine Lust mehr, Zeitungen oder Romane zu lesen.

Man ist einfach nur noch müde und möchte schlafen.


Und wieder schlägt die Dummheit zu

Immerhin habe ich es geschafft, doch noch etwas gegen die Langeweile zu tun. Es hätte allerdings auch böse herauskommen können. Aber alles schön der Reihe nach.

Es geht einmal mehr darum, dass man auch als erfahrer Traveller die dümmsten Fehler macht (siehe Laos). In Mumbai liegt der Domestic Flughafen abseits vom International Airport, es gilt also, den dafür vorgesehenen Gratisbus zu benützen. An sich kein Problem, ausser man verlässt vor der Abfahrt trotz Warnung das Flughafengebäude.

Dabei steht auf einer grossen Tafel sehr deutlich und in zahlreichen Sprachen, dass es nach Verlassen des Gebäudes keinen Eintritt mehr gibt. Mit anderen Worten: ist man mal draussen, nützt weder Bitten noch Flehen etwas. Der bewaffnete Soldat am Eingang hat absolut (und zu Recht) keine Lust, für den Deppen eine Ausnahme zu machen.

Es gilt also, ein Taxi zu finden, das mich zum International Airport bringt. Gar nicht so einfach. Es ist spät, es ist zappenduster, es hat keine Taxis. Langsam werde ich etwas nervös, bis mich ein properer junger Inder anspricht, offenbar auf diese Fälle vorbereitet, und mir ein Angebot für fünfzig verspricht. Ich hätte vielleicht nach der Währung fragen müssen, denn im Taxi, das sich als heruntergekommener Lieferwagen entpuppt, sitzen neben dem Chauffeur zwei ziemlich dubiose Figuren, die nicht fünfzig Rupien sondern fünfzig Dollars verlangen, die man mir für die dreizehn Kilometer abnehmen will.

Ganz blöd gelaufen, wirklich ganz blöd.

Doch für einmal erweist mir mein cholerisches Temperament in der nicht ganz ungefährlichen Situation einen guten Dienst. Der saublöde plumpe Trick macht mich derart wütend, dass ich alle Vorsicht ausser Acht lasse und so laut schimpfe, dass man mich konsterniert aus dem Wagen lässt. Der Tuktuk-Fahrer, der mich dann für hundert Rupien ans Ziel bringt, wird mit einem saftigen Trinkgeld belohnt.

Tja, man weiss nie, wofür auch schlechte Angewohnheiten irgendwann ihr Gutes haben.


Revue

Anyway, ich bin hier, wie gesagt müde und gereizt und warte auf den Aufruf zum Boarden, was allerdings die Möglichkeit verschafft, die vergangenen Wochen nochmals Revue passieren zu lassen. Also nochmals das Gefühl der Ungebundenheit, der entspannten Ruhe, des Nichts-tun-Müssens, bevor mich in ein paar Stunden die Welt wieder einholt.

Die vergangenen Tage und Nächste schweben vorbei, winken noch einmal kurz und verschwinden, lösen sich auf, bis sie irgendwann nur noch undeutliche Erinnerung sein werden. Einiges wird bleiben, Bilder, Erlebnisse, Stimmungen, doch sie werden sich ändern in den komplizierten Katakomben des Gedächtnisses, das seine eigenen Gesetze hat.

Irgendwann werden es nur noch geisterhafte Landschaften, grüne, braune, gelbe, rote, sein, die vor einem virtuellen Fenster vorbei fliegen, untermalt durch ein vielstimmiges Konzert aus menschlichen Stimmen, Hupen, Glocken, Rasseln, Muhen, Bellen, Bremsgeräuschen, Motoren und immer wieder dazwischen Kinderstimmen, laute, fröhliche, leise und traurige.

Und die Nase wird sich erinnern an die Gerüche, die scharfen, zarten, süssen, sauren Aromen, die das Land ausmachen, an den Duft der Obst- und Gemüsemärkte, den Gestank der Kanäle, der Ausscheidungen zahlloser Lebewesen, der verfaulenden Lebensmittel am Strassenrand, das Odeur des Meeres, den Duft des Banana-Pancakes auf meinem Frühstückstisch.

Beim Vorbeigehen an den Rosen riechen …

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