„Wo wollen Sie denn hin mit diesem Wagen?“

Der Mann, der den 1200-er Boxermotor unseres VW-Busses unter seine professionelle Lupe genommen hat, macht einen skeptischen Eindruck. Auf unsere hoffnungsvolle Frage nach der Tauglichkeit des Motors hin verzieht er den Mund,

„Nach Indien.“

Er scheint wohl einen Augenblick lang an einen Scherz zu glauben, doch dann, als er die Ernsthaftigkeit unserer Antwort erkennt, zieht ein gleichzeitig belustigtes und ungläubiges Grinsen um seine Mundwinkel. Er schüttelt den Kopf und brummt: „Mit diesem Auto würde ich nicht mal nach Liechtenstein ins Ausland fahren.“

Na ja, ein wirklich hoffnungsvoller Beginn unseres Abenteuers, das uns nach Indien bringen soll, würde anders aussehen.

Aber alles schön der Reihe nach.

Pläne und allerlei Probleme

Es ist im Frühling 1974, der Motor des alten Simca 1000 brummt, durch das geöffnete Fenster strömt milde Frühlingsluft herein, meine Gedanken sind bei der geplanten Reise durch Afrika.

Die ersten Abklärungen haben ergeben, dass wir uns auf schwerwiegende Probleme einstellen müssen. Immerhin besteht der Kontinent aus unzähligen Ländern mit unzähligen Währungen, Sprachen, Grenzen, Klimata, und für jedes einzelne muss ein Visum eingeholt werden. Und es wird uns klar, dass es ziemlich viele Gefahren auf dem Weg gibt.

Alles nicht wirklich beruhigend.

Wir, das sind Monika und ich, beide Mitte zwanzig, beide ungebunden und reiseerprobt.

Monika and Ruedi Monika and me

Und jetzt, in diesem Frühjahr 1974, bereit, den Gang etwas höher zu schalten. Uns sozusagen auf ein neues Level zu heben.

Nichts anderes haben wir im Sinn als die Welt zu erobern.

Aber eben, Afrika steht noch im Vordergrund, bis mich aus heiterem Himmel die Erkenntnis trifft, dass wir keine Reise durch Afrika unternehmen werden, sondern eine ganz andere.

Es dauert eine Weile, bis wir es wagen, unser Umfeld über das geplante Unternehmen zu informieren. Die Reaktionen sind erwartungsgemäss. „Seid ihr verrückt geworden?“

Und doch, ein paar Monate später, um zahlreiche unvorhergesehene Problemen reicher, sind wir Mitte September 1974 endlich bereit für das grosse Abenteuer.

Mit einem alten, ziemlich heruntergekommenen VW-Bus auf dem Landweg nach Indien und Nepal zu fahren.

Aber vorher haben wir einige schwierige Wochen mit unzähligen Problemen zu bewältigen.

Planung? Wenigstens ein bisschen

Es ist nicht so, dass wir uns keine Gedanken über die Route, die Länder, die es zu durchqueren galt, die Währungen, die Voraussetzungen, die zu erwartenden Risiken und Probleme machen, im Gegenteil. Aber eigentlich haben wir gar keine Zeit dazu.

Wir geben uns damit zufrieden, die Bibel für alle, die den Hippie-Trail zu bewältigen versuchten, in unserem Besitz zu haben, nämlich Robert Treichlers Jahrhundertwerk „Der billigste Trip nach Indien, Afghanistan und Nepal.“

Der Wälzer von mehreren hundert Seiten gibt nicht nur detaillierte Tipps und Informationen zu allen erdenklichen Themen, er informiert einfach über alles. Über Strassen, Orte, Sehenswürdigkeiten, Übernachtungsmöglichkeiten, Währungen und alles andere. Er wird unser Begleiter in dunklen Stunden sein, unser Leuchtturm, unser Wegweiser, unsere Enzyklopädie, unsere Unterhaltung, unser Gesprächspartner.

Damit kann eigentlich nichts schief gehen.

Aber eben, auch der beste Reiseführer nützt manchmal wenig, wie wir sehr schnell und schmerzlich feststellen müssen.

Route Part 1: from Zurich to Tehran
Von Zürich nach Teheran
Route Part 2: from Tehran to Lahore
Von Teheran nach Lahore
Route Part 3: from Lahore/Amritsar to Kathmandu
Von Lahore/Amritsar nach Kathmandu

Das Geldproblem

Wie man weiss, ist der Weg von der Idee zur Verwirklichung ein von vielen Rückschlägen und Zweifeln gepflasterter.

Es gibt von Anfang an ein paar fundamentale Probleme zu bewältigen.

Zum ersten haben wir absolut kein Geld, zumindest keines, das auf einer Bank schlummert und wie von Zauberhand zur Finanzierung eines blödsinnigen Traums abgehoben werden kann. Ich stehe noch mitten im Studium (eine weitere Hürde) und arbeite im Stundenlohn. Also müssen wir uns sputen, viel arbeiten, jeden Rappen zur Seite legen und mit Genugtuung und gelegentlichem Frust zusehen, wie das Geld mehr wird oder auch nicht.

Aber manchmal hilft den Dummen das Glück. Im Herbst 1973 geben die Rolling Stones in Bern eine lang ersehntes Konzert, wir natürlich mit viel Vorfreude und Tickets dabei, allerdings nicht nur für uns, sondern auch für eine Anzahl Freunde. Ein paar Tage vor dem Konzert werden aus unserem alten VW-Käfer nicht nur unsere Reisetaschen, sondern auch die darin aufbewahrten Tickets entwendet (ich hoffe heute noch, dass die Diebe wenigsten das Konzert besucht haben).

Also Anzeige bei der Polizei, Angabe der gestohlenen Utensilien samt Tickets, dazu schmerzhafte Frustrationen, denn das Konzert ist selbstverständlich ausverkauft (es sollte aber das einzige bleiben, das ich verpasst habe; in der Zwischenzeit bin ich bei einer zweistelligen Zahl angekommen).

So weit so schlecht.

Nun, nach einem halben Jahr vorsichtige Nachfrage bei der Polizei, doch dort kann man die Unterlagen zu unserem Diebstahl nicht mehr finden. Offenbar hat es kurz zuvor eine Reorganisation gegeben. Dass dabei gelegentlich etwas abhanden kommt, ist bekannt. Blöd gelaufen, könnte man sagen, doch das Blatt wendet sich nun zu unseren Gunsten, indem die Versicherung eine Pauschalabfindung vorschlägt, die weit über dem ursprünglichen Betrag liegt. Heureka!

Zumindest das monetäre Problem kann so durch die gnädige Mithilfe der Stones abgemildert werden.

Das Auto Problem

Das Hauptproblem ist natürlich das Vehikel, das uns, so Gott will, nach Indien bringen soll.

Man muss sich die damalige Zeit um 1974 vorstellen: der sogenannte Hippie-Trail ist seit einiger Zeit bekannt, also die Route, die von Europa über die Türkei, Iran, Afghanistan und Pakistan nach Indien und Nepal führt. Eine damals noch relativ harmlose Route, auch wenn es bereits allerhand seltsame Geschichten zu hören gibt. Von Überfällen, korrupten Beamten, Lebensmittelvergiftungen, Unfällen, Betrugsversuchen beim Geldwechsel. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Was uns aber selbstverständlich nicht im Geringsten davon abhält, unseren Plänen nachzugehen.

Es gibt verschiedene Varianten nach Indien zu gelangen.

Man kann sich einem Transport mit Bus oder Lastwagen anschliessen, die Fahrt auf der unbequemen und je nach Wetter oder Saison frostigen Ladebrücke verbringen. Ein Luxus, den wir uns nicht antun wollen.

Viel besser ist die Variante, mit einem eigenen Auto zu fahren, am besten, so wie die meisten Indienfahrer, mit einem VW-Bus. Das mit Abstand problemloseste Auto von allen. Luftgekühlt (also ohne Kühler und Kühlflüssigkeit), einfach zu warten, grosszügig auch dem schlimmsten unbrauchbarsten Benzin gegenüber.

Unsere Suche nach einem geeigneten Gefährt führt uns schliesslich zur Forch oberhalb Zürich hinauf, wo uns ein junger Mann die Vorzüge seines nicht gerade ansehnlichen Vehikels näherbringt. Wir, keine Ahnung von Tuten und Blasen, lassen uns bereitwillig überzeugen und schlagen tatsächlich in den Handel ein. Wie sich später herausstellen wird, nicht unser bester Deal.

Ich zitiere aus meinen damaligen Aufzeichnungen:

Der Kauf unseres Busses steht nicht unter einem besonders guten Stern. Als erstes sind wir zufrieden, heil von der Forch nach Altstetten zu kommen. Während dieser Fahrt kommen die ersten Zweifel an der Indien-Tauglichkeit unseres soeben für teures Geld erworbenes Vehikel. Es kommen im Verlauf der Vorbereitungen noch weitere dazu.

Man sieht, eigentlich hätten wir es wissen müssen. Die Anzeichen sind da, die Omen, der Wink des Himmels. Aber wer oder was kann zwei zu allem entschlossene, absolut unbedarfte junge Leute davon abhalten, den Traum ihres Lebens zu verwirklichen?

Nichts und niemand.

Das Pässe Problem

Ich zitiere weiter:

Alles in allem ist die Zeit vor der Abreise, also die letzten zwei Monate, ein echter Anschiss. Wir arbeiten wie die Wahnsinnigen bis kurz vor dem Start, um unser Budget aufzubessern. Dazwischen viel Hetze, Stress und dergleichen mehr. Dann drei Tage vor der Abreise der grosse Knall – keine Pässe mehr.

Man muss sich vorstellen, dass man die notwendigen Visa, und es sind viele, am besten schon vor der Abreise einholt. Vor allem das Visum für Afghanistan muss zwingend vorhanden sein. Da es aber weder eine Botschaft oder ein entsprechendes Konsulat in der Schweiz gibt, muss man die Visa in Bonn bei der afghanischen Botschaft einholen. Aber eben, drei Tage vor Abreise keine Pässe da, hektisches Nachfragen, in der Botschaft weiss niemand etwas von zwei Pässen aus der Schweiz.

Da gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit, das Problem zu lösen, man muss neue Pässe beantragen. Wie ich aus leidvoller Vergangenheit weiss, sind die Schweizer Passbehörden in dieser Hinsicht mehr als nur misstrauisch, aber irgendwie schaffen wir es, den zuständigen Verantwortlichen soweit zu bezirzen, dass er uns zwei brandneue Pässe ausstellt. Und übrigens – nach unserer Rückkehr sind die beiden verschwundenen Pässe wieder aufgetaucht. Man habe sie in einer Schublade gefunden, wird uns lakonisch mitgeteilt,

Und noch eine wunderbare Anekdote: wenn man plant, längere Zeit im Ausland zu verbringen, muss man sich bei der zuständigen Instanz in Zürich abmelden. Die ältere Dame am Schalter, die mich und meine langen Haare mehr als misstrauisch mustert, fragt mich nach der Adresse im Ausland. Schliesslich gibt es auf dem Formular ein entsprechendes Feld, das zwingend ausgefüllt werden muss.

„Wir sind unterwegs, da gibt es keine Adresse.“ Ihre Miene deutet darauf hin, dass ich nun sämtliche Regeln bürgerlichen Tugendverhaltens verletze. Am liebsten würde sie mich wahrscheinlich verhaften lassen.

„Ich brauche eine Adresse, es gibt ein Feld, das ausgefüllt werden muss. Wo sind Sie denn zum Beispiel?“

„Nun, zum Beispiel auf dem Campingplatz in New Delhi.“

Und so trägt die gute Dame in ihrem heiligen Feld tatsächlich als Adresse ein „Campingplatz New Delhi“.

Aber dann doch – Die Abreise

Irgendwann ist zu unserer eigenen Überraschung alles bereit – der VW-Bus mit zweifelhaftem Motor, die wahrscheinlich viel zu mickrigen finanziellen Mittel, die Ausrüstung, die sich später in vielerlei Hinsicht als unbrauchbar erweisen wird, aber das alles wissen wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Dem Himmel sei Dank!

Und so dämmert der Morgen des 17. Septembers 1974 herauf, wir so müde wie nur vorstellbar, abgekämpft bis zur Erschöpfung, aber immer noch mit genügend Mumm, um die Welt zu erobern.

So beginnt hier der Trip unseres Lebens …

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