Mitternacht im Zug

Mitternacht vorbei, es ist beinahe still geworden. Mit Ausnahme des Mark durchdringenden Geräusches von Metall, das auf Metall trifft. Seien es Räder, die auf Schienen schlagen, Stossdämpfer auf was auch immer die aufstossen, Wagenwände gegen Wagenwände, alles, was irgendwie zusammenhält und auseinander gerissen zu drohen scheint. Der buddhistische Mönsch schaut immer noch stoisch auf sein Mobile, ich habe einen Blick riskiert und gesehen, dass er einen ziemlich brutalen Action-Film am Laufen hat. Manchmal scheinen auch dem Jenseits zugewandte Seelen ein Bedürfnis nach weltlichen Dingen zu haben. Ich gönne es ihm. Was kann man in dieser Vorhölle auch anderes tun …

Physikalische Grenzfälle

Manchmal kommt der Moment, wo man denkt, das ist es, jetzt entgleist der Zug. Es kann einfach nicht sein, dass er noch auf den Schienen bleiben kann. Irgendjemand hat einige Tage später eine plausible Erklärung dafür, dass es eben doch nicht geschieht: da der eine Wagen immer in die Gegenrichtung des dahinter oder davor fahrenden kippt, heben sie sich physikalisch sozusagen auf. Sie halten sich gegenseitig im Gleichgewicht. Es klingt zwar absonderlich, und jeder Physikstudent würde vermutlich einen Schreikrampf kriegen, aber irgendwie funktioniert’s. Erst wenn alle Wagen gleichzeitig in die gleiche Richtung kippen, wird’s gefährlich.

Menschenknäuel am Boden

Das Klappern bleibt die immerwährende Begleiterscheinung im Hintergrund, während wir, müde und erschöpft, in unseren Sitzen hängen. Der nächste Wagen ist eine sogenannte Ordinary Class, Holzsitze, kaum Platz, vollgestopft mit Frauen, Männern, Kindern, Babies, Reissäcken, Gepäckstücken, Tuchballen …

Niemand scheint es zu stören. Nach Mitternacht wird das Gepäck auf die Sitze verstaut, während man es sich am Boden gemütlich macht. Na ja, gemütlich nicht gerade. Man muss sich einfach einen in sich verwobenen Menschenknäuel vorstellen, der sich den ganzen Gang entlang zieht, sich auf den Zwischengang fortsetzt, die Tür zur Toilette blockiert, die Ausgänge besetzt. Hat man also irgendwann die wirklich schlechte Idee, das WC aufsuchen zu müssen, muss man über Arme und Beine und schlafende Kinder hinwegsteigen und mit viel Kraft versuchen, die Tür zur Toilette zu öffnen. Was dem Schläfer davor ein grimmiges Knurren entlockt …

Nacht im Zug

Ein Menschenknäuel am Boden

Aber irgendwann wird es hell, eine geisterhafte Welt steigt empor, der Wind treibt Nebelschwaden wie weisse Schafe vor sich her. Wir sind kurze Zeit später da, in Naba, allerdings hätte ich ohne des Hilfe eines englisch sprechenden Jungen kaum erkannt, wann ich aussteigen muss. Es ist sieben, die Sonne geht auf.

Burmesische Anmache

Ich werde wie alle anderen Reisenden auf ein sogenanntes Tricycle verladen und nach Katha gefahren. Mir gegenüber sitzt eine sehr gepflegte ältere Dame, sie trägt eine silberne Strickmütze auf dem Kopf. Nach eingehender Musterung meiner Person beginnt sie, auf mich einzureden, und während ich keine Ahnung habe, was sie will oder wovon sie spricht, lachen sich die übrigen halbtot. Auf jeden Fall verstehe ich irgendwann ihre Zeichensprache. Sie hält zuerst sechs Finger auf, dann fünf und zeigt auf sich. Soll da sheissen, dass sie fünfundsechszig ist? Macht mich die Dame an?

Ayaurveddy Guesthouse

Auf jeden Fall bin ich in Katha, das Hotel Ayaurveddy Guesthouse ist reserviert, entpuppt sich allerdings als eine nicht mal für mich annehmbare Unterkunft. No Sir! Warum ein Grossteil der jungen Travellers ausgerechnet dieses Etablissement als Unterkunft wählt, ist mir schleierhaft. Ich hatte eigentlich ein Zimmer mit Bad reserviert, aber dieses scheint nun geisterhafterweise bereits vergeben zu sein. Und die dazugehörige Dusche entpuppt sich als schmutziges Loch mit einem Kübel Wasser am Boden. Es scheint, dass der Hotelwirt ganz froh ist, den missmutigen Gast vom Leib zu haben.

Nun gut, das alternative Hotel ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss, aber für eine Nacht, warum nicht? Das Zimmer ist unglaublich klein, ich komme mir vor wie in einem Kleiderkasten, aber wie gesagt, was soll’s, das ist Burma.

Aber erst mal etwas essen. Der Magen verlangt nach den anstrengenden Stunden im Zug Nachschub, also setze ich mich in das erstbeste Restaurant und bestelle einen Kaffee plus Frühstück.

Frühstück

Das sind genau die Restaurants, die ich liebe; etwas schwummrig, lärmig, unendlich viel zu sehen und zu hören

Frühstück

Endlich Frühstück – Kaffee mit Milchpulver (sieht schlimmer aus als es schmeckt)

Der grosse Fluss

Nun wie gesagt Katha ist ein kleines Dorf im Norden, direkt am Irrawaddy gelegen. Boote bringen allerhand Krimskrams und Menschen von einem Ufer zum anderen, es herrscht sozusagen eine gelassene Hektik.

Boote

Transportboote auf dem Irrawaddy

Boote

Ein emsiges Treiben …

Burmese Days

Die Strassen sind mehrheitlich unbefestigt, gesäumt von Teestuben und kleinen Läden. Es herrscht eine geruhsame Stimmung, man ist hier nicht der Mittelpunkt der Welt, die Uhren ticken anders.

Bekannt ist das Dorf eigentlich nur durch George Orwell geworden. Hier verbrachte er 1926 seinen Dienst in der Armee und benutzte seinen Aufenthalt im Krankenhaus (Denguefieber), um seinen berühmten Roman „Burmese Days“ auf der Basis seiner eigenen Erfahrungen zu skizzieren. Ich habe ihn vor Jahrzehnten gelesen, viel ist mir nicht geblieben, nur der unendlich traurige Schluss, wo sich der Protagonist, angeekelt durch die Dummheit und Arroganz seiner Landsleute, umbringt. Zuvor gibt er seinem über alles geliebten Hund Flo den Gnadenschuss. Aber lesen, unbedingt lesen!

Karneval?

Ich weiss nicht, was der Umzug am Nachmittag bedeutet. Ist es eine Art Karnevalsumzug? Oder eine politische Manifestation? Auf jeden Fall ist es sehr laut und lärmig, die Lautsprecher klingen blechern, übertönen die lauten Rufe der auf den Wagen sitzenden Leute. Sehr seltsam …

Umzug

Karneval?

Politik?

Politik?

Hochzeit

Eine Hochzeit?

Zeit und Neugier

Wie meistens ein wunderbares Erlebnis. Alles, was es braucht, ist Zeit und Neugier. Das sind die beiden unabdingbaren Eigenschaften im Gepäck jedes Reisenden. Denn dann öffnet sich eine wunderbare Welt der Gerüche, der Klänge, der Eindrücke. Es erinnert mich an einen Ausschnitt aus Eine Schlange in der Dunkelheit:

Der Duft von gebratenem Fleisch und frischem Fisch mischte sich mit dem fremdartigen Aroma von Pfefferschoten, die auf Tüchern ausgebreitet waren, von Muskatnuss und anderen Gewürzen, gelben, roten, braunen, schwarzen. Es roch nach ausgestopften Vögeln und nach solchen, die noch lebten und in ihren viel zu kleinen Käfigen kreischten und fiepten und einen Höllenlärm veranstalteten, nach geröstetem Brot und Süßigkeiten, frischen Kuchen und Nüssen, nach kandierten Früchten, Marzipan, Konfekt und Pralinen und Tafeln aus gebranntem Zucker.

Verkäuferin am Irrawaddy

Die Verkäuferin bietet sehr appetitliche Dinge an

Kinder beim Tempel

Eher gelangweilt am Eingang zum Tempel

Rikscha

Eine Einladung zum Mitfahren?

nicht sehr befahren

Hauptstrasse

Gebäude

Seltsames Gebäude 1

Hotel?

Seltsames Gebäude 2

Garküche

Garküche am Strassenrand

Vögel

Schwarz und weiss mit eigener Würde

Fahrrad

Es hat seinen Dienst getan, die Zukunft sieht eher schlecht aus

Rei oder Rice?

Etwas später am Abend Sweet and Sour Chicken auf einer Terrasse über dem Fluss. Ich möchte Reis dazu, doch der mich bedienende Junge behauptet standhaft, dass es solchen nicht gibt. Keinen Reis in Myanmar? Also gehen wir zusammen in die Küche, und ich zeige ihm, was Reis oder Rei, wie es hier ausgesprochen wird. Ach so, sagt sein Gesicht, DAS ist Reis?

Irrawaddy

Blick auf den riesigen Fluss

Dinner

Chicken mit Rei oder Rice?

PS Der Song zum Thema:  Talking Heads – Cities (Live)