Bandipur – The accidental Tourist

 

Es kommt selten vor, dass ich mich über eine Woche am selben Ort aufhalte, und noch seltener, dass mir der Abschied so schwer fällt. Doch die Stadt, obwohl hektisch und eine Touristenfalle erster Ordnung, hat mich mit ihrem Charme und der entspannten Atmosphäre überrascht.


Abschied ohne Freude

Und so esse ich um 6.15 mein letztes Frühstück, verabschiede mich vom Personal und vom Boss und wünsche ihnen allen viel Glück für die Zukunft. Die floskelhafte Beteuerung, auf jeden Fall wiederzukommen, scheint mir in diesem Augenblick etwas schal, denn natürlich ist mir bewusst, dass es das letzte Mal gewesen sein könnte.

Ich bin früh dran, also gehe ich den Weg zur Busstation zu Fuss und geniesse wie immer die noch morgendliche Stille vor dem Sturm, die würzige Luft, das langsame dem Tag Entgegengehen. Eine keuchende Kohorte uniformierter Soldaten joggt an mir vorüber, mit Ausnahme der Führenden scheint niemand so richtigen Spass dabei zu haben. Meine mitleidigen Blicke werden mit einem resignierten Schulterzucken beantwortet.

Der Bus steht bereit, neben vielen anderen, mein vollgestopfter Rucksack passt wieder mal nicht in die Gepäckaufbewahrung über dem Kopf, aber dass ich den Rucksack in den Laderaum gebe, steht nach dem Debakel bei der Retourfahrt von Syabrubesi ausser Frage. Jä nu, dann halt auf den Knien.


The Accidental Tourist

Bandipur, so wurde mir auf dem Trek ans Herz gelegt, lohnt einen Abstecher in die Berge. Der Name ist mir unbekannt, aber auch der Hotelmanager kennt den Ort und findet es eine ausgezeichnete Idee, auf dem Weg nach Chitwan einen Abstecher zu machen. Nun gut, betätige ich mich wieder mal als Accidental Tourist, also jemand, der aus purem Zufall über Orte und Erlebnisse stolpert. Es erinnert mich a) an einen wunderbaren Film mit William Hurt und b) den entsprechenden ebenso wunderbaren Roman von Anne Tyler, der die Grundlage für den Film schuf.

 

Macon Leary ist Autor von Reiseliteratur. Als sein Sohn bei einer Schießerei stirbt, gerät seine Ehe mit Sarah in eine Krise. Macon lernt die lebenslustige Muriel Pritchett kennen, die ihm als das Gegenteil seiner Ehefrau erscheint.

Macon und Sarah haben ein Gespräch, in dem Sarah erwähnt, dass sie bereits daran gedacht hat, noch einmal ein Kind zu kriegen. Sie streiten sich deswegen. Nachdem sie sich wieder beruhigt haben, sagt Macon seiner Frau, sie habe den Tod ihres Kindes überwunden und brauche ihn nicht mehr. Er brauche allerdings Muriel, die ihm geholfen habe herauszufinden, wer er selbst sei.

Er unternimmt eine Reise nach Paris und sitzt gerade in einem Taxi, als er auf dem Bürgersteig Muriel sieht. Das Auto hält an und Muriel freut sich, als sie Leary erblickt.


Dr. med. aus Barcelona

Eine junge Dame, die sich später als eine Dr. med. aus Barcelona herausstellt, setzt sich neben mich. Wir schweigen uns, nachdem sich der Bus zeitgemäss in Bewegung gesetzt hat, eine Weile gegenseitig an, bis mir ihr Buch auffällt, das sie liest. „Siddharta“ von Hesse. Erstaunlich, dass diese Hippie-Literatur nach wie vor gelesen wird. Wahrscheinlich schätze ich sie deswegen etwas jünger ein, als sie offenbar ist, denn ihre Karriere im Spital hat längst begonnen.

Es geht natürlich nicht ohne meinen Senf dazu. Und so entwickelt sich eine lange und intensive Diskussion, unterbrochen lediglich von einem kurzen Kaffee-Stopp. Natürlich taucht irgendwann das Thema Katalonien auf, eine schwierige Geschichte, die im Moment in einer klassischen Sackgasse steckt. Aber als  Schweizer kann ich mich auf meine neutrale Position zurückziehen und bleibe ebenso diplomatisch wie nichtssagend.


Dumre

Aber schon erreichen wir Dumre, ich verabschiede mich, „Buen Viaje“, ein Winken, und eine kurzzeitige Bekanntschaft, so wie so viele andere, verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Staub des abfahrenden Busses.

Eine andere Dame ist eben dabei, ein Taxi nach Bandipur zu organisieren, unsere Blicke treffen sich, „Shall we share?“ Das Taxi, eines dieser winzigen Vehikel (koreanisch? japanisch? Oder sogar chinesisch?), steigt mit röhrendem Motor über die steile Strasse und die zahlreichen Serpentinen den Berg hinauf, während Heba und ich uns bekanntmachen.


Das Himchuli Guesthouse

Ein paar Meter neben der Haltestelle liegt mein Hotel, das Himchuli Guesthouse. Es liegt am Hang, ein paar mörderische Stufen führen zum Eingang hinunter. Die Dame des Hauses ist nicht nur nett, sondern auch ausserordentlich hübsch.

Himchuli
Mein Hotel Himchuli – am Hang gelegen und auch sonst eine Offenbarung

Wie schon in Pokhara fühle ich mich sofort wohl (nicht nur der Dame wegen) und kann mir die nächsten zwei Tage schon mal als angenehm vormerken. Das Zimmer hat einen Balkon mit Sicht auf das Tal, und auf der obersten Terrasse stehen ein paar Tische für das Frühstück bereit. Momoll, das wird mir gefallen …


Bandipur

Die ersten Schritte durch das Städtchen zeigen, dass hier eine vollkommen andere Welt herrscht. Es liegt auf einem Bergrücken, verteilt über mehrere Hügel, verbunden durch Strässchen und unbefestigte Pfade. Seit die zentrale Basarstrasse für den Verkehr gesperrt wurde, herrscht eine Atmosphäre wie vor hundert Jahren.

 

Bandipur
Bandipur – verkehrsberuhigt und deshalb an längst vergangene Zeiten erinnernd
Kaum jemand auf der Strasse
Es sieht nach längst vergangenen Zeiten aus
Restaurants und Hotels und Läden
Restaurants und Hotels und Läden

Entlang der plattenbelegten Strassen sind zahlreiche Restaurants und Hotels und Läden angesiedelt, Kinder spielen johlend zwischen den gemächlich spazierenden Touristen, die staunenden Auges das unübliche Bild geniessen.


Ein Bier und viele Gespräche

Ich habe mich mit Heba zu einem Spaziergang durch das Städtchen verabredet, wir schlendern entspannt und immer wieder erfreut über die überraschenden Bilder durch den stillen Ort. Doch das Bier an der Basarstrasse ist erstens verdient und zweitens notwendig. Und so stossen wir an, Heba, die Libanon-Schweizerin, und ich, der Schweizer-Schweizer.


Samay Baji

Die vielen Touristen haben die Restaurants gestürmt, alle Plätze, besonders die im Freien, sind besetzt, also suchen wir, ein bisschen frustriert, nach einer Alternative. Sie findet sich in einem Restaurant mit offener Vorderseite, also halb drinnen, halb draussen, wo das Hausmenü Samy Baji heisst und aus allerhand Zutaten zusammengesetzt ist. Offenbar ein typisches Newar Gericht, mit Kartoffeln, Chicken, Linsen, Linsen-Pancake, Kartoffelsalat mit Yoghurt-Sauce und als Spezialität Beaten Rice.

 

Samay Baji
Samay Baji
Samay Baji
Es sieht besser aus als es schmeckt

Geschlagener Reis? Klingt für meine Ohren etwas seltsam, sieht sehr trocken aus und schmeckt auch so. Keine Ahnung, was das soll, aber dieser Beaten Rice ist ungeniessbar. Der Rest ist, na ja, ziemlich kalt, mit Ausnahme des Huhns, das dafür ziemlich zäh ist. Heba findet es zu Recht etwas problematisch und gibt nach ein paar Bissen auf.


Späte Gäste

Die Zeit fliegt. Nachdem auch die lärmende Guppe Italiener (jedes Vorurteil wird bestätigt) das Lokal verlassen hat, sind wir plötzlich die einzigen Gäste. Auch auf der Strasse ist es mucksmäuschenstill geworden, alle Restaurants und Läden geschlossen. Ich finde knapp den Weg ins Hotel zurück, die elenden abschüssigen Stufen zum stockfinsteren Eingang hinunter. Es kommt mir ein bisschen vor wie in einer Jugendzeit, nur war es dann morgens um vier und nicht um knapp zehn Uhr abends …


PS Song zum Thema:  Lana Del Rey – Summertime Sadness


Und hier geht die Reise weiter …

 

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