So entstehen Geschichten

Alle diese Steine auf dem Salzsee von Uyuni in Bolivien haben eine Geschichte zu erzählen. Vielleicht eine wie die folgende:

Ein Mann in einem heruntergekommenen Bus. Irgendwo südlich des Atlasgebirges in Marokko. Allein unter Einheimischen. Ganz zuhinterst. Es ist Ramadan. Die Dunkelheit fällt über das Land.

Ein islamischer Geistlicher erhebt sich, einen Plastiksack in seiner Hand. Er geht von Sitzreihe zu Sitzreihe, langsam, bedächtig, mit grosser ernster Würde. Immer wieder gleitet seine Hand in den Beutel, blickt dem Empfänger seiner Gabe einen kurzen Augenblick in die Augen, manchmal lächelt er. 

Dann steht er vor dem Fremden, zögert. Sie schauen sich in die Augen. Es ist still geworden im Bus. Ein versonnenes Lächeln überzieht das Gesicht des Geistlichen. Dann greift er in den Beutel, entnimmt ihm eine der letzten Datteln und legt sie in die Hand des Fremden.

So entstehen Geschichten.

Man erlebt sie oder erfindet sie. Mit dem gleichen Effekt.

Man ist erstaunt. Überrascht. Gefesselt. Abgestossen. Atemlos. Fassungslos.

Bis die Reise zu Ende geht. Oder bis zur letzten Seite.

Wenn man das Buch zur Seite legt.

Dann wird man wieder eingeholt. Von der Wirklichkeit. Von der Kompliziertheit des Lebens.

Dann will man wieder flüchten.

In andere Welten. Erfundene und erlebte.

Die Ideen

Es heisst, dass ein Vielleser früher oder später selbst in die Tasten greift, um eine Geschichte zu schreiben.

Ich weiss nicht, ob das stimmt. Aber es ist doch so, dass sich im Lauf der Jahre Geschichten ansammeln, Bilder, Träume, Personen. Solche, die man selbst erlebt hat, und andere, die im Kopf entstanden sind. Und manche gehen vergessen …

Was sehr schade ist.

Um dem Vergessen zu entgehen, beginnt man seine Reiseabenteuer festzuhalten. Man schreibt Tagebücher und wundert sich später, was man alles ohne diese Einträge vergessen hätte. Alle diese wunderbaren Erlebnisse in Indien, in Laos, in Burma

Aber beim Schreiben beginnt noch etwas anderes. Man spürt die Freude daran und ahnt schnell, dass es neben den erlebten Geschichten auch andere gibt. Noch viel verrücktere, die man erzählen sollte.

Und so kommt dieser Tag, der alles verändert. Man legt die ewigen Zweifel beiseite und entscheidet, das zu tun, was man schon lange tun wollte.

Geschichten erzählen.

Egal, ob es zehn Leser sind, die Gefallen daran finden, oder tausend. Der Weg ist das Ziel. Der Versuch. Um nicht am Ende des Lebens einzusehen, dass man etwas verpasst hat.

Doch der Anfang ist schwer. Es gilt, das Chaos der Gedanken und Ideen zu organisieren. Um die Dinge in Ordnung zu bringen. Um das einzig wahre Ziel zu erreichen.

Das Blau vom Himmel zu holen.

Die Geschichten

Und so entsteht zum ersten Mal etwas Besonderes. Eine kleine Geschichte aus Marokko, eigenen Erlebnissen nacherzählt.

Aber gleichzeitig entstehen die Umrisse einer grösseren Geschichte. Ganz langsam, ganz vorsichtig.

Eine Schlange in der Dunkelheit von [Landolt, R. B.]Eine Geschichte, die ihren Anfang vor langer Zeit genommen hat, am Bett der Kinder, die vor dem Einschlafen eine spannende Geschichte hören wollten. Und die während des Reisens ihre endgültige Form gefunden hat.

Sie entsteht beim Reisen. Am Strand. In allerhand guten und weniger guten Hotelzimmern. Manchmal im Kopf während tagelanger Bus- oder Bahnreisen.

In durchwachten Nächten in der fiebrigen Hoffnung, etwas Sinnvolles zu schaffen.