Wie entstehen Geschichten?


Man erlebt sie

Man erinnert sich und erzählt sie weiter.

Aber die Erinnerung funktioniert auf merkwürdige Weise, manchmal hängt sie an einem Gegenstand. Oder einem Geruch. Einem Gesicht. Dem zornigen Schnauben eines wütenden Elefanten.

Doch man vergisst mit der Zeit. Die Bilder, die Geräusche, die Gerüche verändern sich, schwanken, täuschen etwas vor, was so nicht gewesen ist.

Sind sie deswegen weniger wahr? Müssen sie wahr sein, wenn man sie erzählt? In der festen Überzeugung, dass alles genauso gewesen ist?

Die berührende Geschichte in Marokko – hat sie sich tatsächlich so abgespielt? War der Geistliche alt oder jung? Hat er tatsächlich gezögert, bevor er mir die Dattel in die Hand drückte oder konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, einen banalen Vorgang dramaturgisch zu erhöhen?

Es ist egal. Eine gute Geschichte lebt aus dem Leben.


Man erfindet sie

Der Unterschied ist weniger gross als man denkt.

Der Effekt ähnelt sich.

Man ist erstaunt. Überrascht. Gefesselt. Abgestossen. Fassungslos.

Bis zur letzten Seite.

Wenn man das Buch zur Seite legt.

Dann wird man wieder eingeholt. Von der Wirklichkeit. Von der Kompliziertheit des Lebens.

Dann will man wieder flüchten.

In andere Welten.

Erlebte und erfundene.


Die Ideen

Es heisst, dass ein obsessiver Leser früher oder später der Versuchung nicht widerstehen kann, eine Geschichte zu schreiben.

Ich weiss nicht, ob das stimmt.

Aber im Lauf der Jahre sammelt sich so einiges an. Geschichten. Bilder. Träume. Personen.

Solche, die man selbst erlebt hat, und andere, die im Kopf entstanden sind. Und manche gehen vergessen …

Was sehr schade ist.

Um dem Vergessen zu entgehen, beginnt man seine Reiseabenteuer festzuhalten. Man schreibt Tagebücher und wundert sich später, was man alles ohne diese Einträge vergessen hätte. Alle diese wunderbaren Erlebnisse in Indien, in Laos, in Burma

Aber beim Schreiben beginnt noch etwas anderes. Man spürt die Freude daran und ahnt schnell, dass es neben den erlebten Geschichten auch andere gibt. Noch viel verrücktere, die man erzählen sollte.

Und so kommt dieser Tag. Man legt die ewigen Zweifel beiseite und entscheidet, das zu tun, was man schon lange tun wollte.

Geschichten erzählen.

Egal, ob es zehn Leser sind, die Gefallen daran finden, oder tausend. Der Weg ist das Ziel. Der Versuch. Um nicht am Ende des Lebens einzusehen, dass man etwas verpasst hat.

Doch der Anfang ist schwer. Es gilt, das Chaos der Gedanken und Ideen zu organisieren. Um die Dinge in Ordnung zu bringen. Um das einzig wahre Ziel zu erreichen.

Das Blau vom Himmel zu holen.


Die Geschichten

Und so entsteht zum ersten Mal etwas Neues.

Ganz langsam, ganz vorsichtig.

Die Umrisse einer Geschichte.

Eine Schlange in der Dunkelheit von [Landolt, R. B.]

Eine Geschichte, die ihren Anfang vor langer Zeit genommen hat.

Sie entsteht manchmal beim Reisen. Am Strand. In allerhand guten und weniger guten Hotelzimmern. Manchmal im Kopf während tagelanger Bus- oder Bahnreisen.

In durchwachten Nächten in der fiebrigen Hoffnung, etwas Sinnvolles zu schaffen.

Aber hier ist sie.

Meine Geschichte.