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Kategorie: Südindien 1 Seite 1 von 2

Indien – ein Traum

Erwartungen

Hier bin ich, einmal mehr, mit freudigen, entspannten Erwartungen auf das, was vor mir liegt. Indien im Kopf. Rings um mich lautes, vielstimmiges, vielsprachiges Chaos, freudige, bange Hoffnung, der Mix aus Träumen, Ängsten und Alleinsein.

Ich bin noch nicht mal weg, trotzdem fliegen meine Gedanken und erheben sich in die Lüfte.

Auf zum Meer

Der Flug ist angenehm, ich habe viel Platz und da der Sitz neben mir leer bleibt, kann ich mich so richtig vertun. Der Blick schweift immer wieder aus dem Fenster, ein Lächeln zieht um meine Mundwinkel, als wir die dichte Wolkendecke durchstossen und zum ersten Mal die Sonne aufblinkt. So bleibt es bis in den nahen Osten, wo sich die Wolken auflösen und den Blick auf eine öde Wüste mit merkwürdigen kreisrunden Schatten öffnen. Ich kann mir nicht erklären, was es ist, aber es sieht schön aus.

Sonnenuntergang

Abendlicht

Vollmond – ein gutes Omen

Irgendwann steht wie beim letzten Mal der Vollmond am Himmel, der mir Gutes verspricht. Dazwischen Filme, ein, zwei Blicke in den Indienführer, aber noch ohne Euphorie. Die kommt schon noch. Dann wird der Himmel erst farbiger, gelber, die Sonne verschwindet am andern Ende des Horizonts und hinterlässt eine warme Spur aus Licht und Farben, bis sich auch diese auflösen und Dunkelheit sich breit macht. Wir sind über dem Arabischen Meer und nähern uns dem Lichtermeer Mumbais, das wir erst überfliegen (Warteschlage) und dann von der andern Seite her ansteuern.

Touchdown. Ein wunderbares Gefühl des Ankommens

Alles geht seinen gewohnten Gang, sehr schnell und zügig sogar, und schon nach kurzer Zeit schlendere ich an den Mundschutz-bewehrten Beamten vorbei zum Ausgang, wo Hunderte von Tafeln und Zetteln in die Höhe gehalten werden. Man muss die Schlange langsam abgehen, denn sonst übersieht man womöglich die eigene Tafel, aber da ist sie, Rodolf Landult, und ein junger smarter Inder lächelt mich erleichtert an, begrüsst mich in Indien und führt mich zum Ausgang, wo er kurz ins Handy spricht, um das Taxi heranzuholen. Ich ziehe die warme aromatische indische Luft in vollen Zügen ein und bade im unvergleichlichen Laut- und Lärmgewitter, dass ich um mich herum entlädt.

Es ist ein kleines Hotel, zu dem mich das Taxi nach kurzer Fahrt führt, in einer schmutzigen Nebengasse gelegen und einen Moment lang bin ich im Zweifel, ob ich am richtigen Ort gelandet bin. Aber es hat alles seine Richtigkeit, ich greife zum ersten Mal zwecks Tippverteilung in die Tasche, verwechsle ebenfalls zum ersten Mal einige Köpfe und ernte gelassenes Lachen. Dann bin ich im Zimmer, die AC dröhnt, der Kopf dröhnt, es ist alles so, wie erwartet und trotzdem anders.

Ich bin angekommen.

Goa revisited

Rückkehr nach Goa

Meine Mundwinkel haben sich im Verlauf der letzten Stunden ein ganzes Stück in Richtung Wohlbefinden bewegt. Oder bilde ich mir das nur ein, weil es so sein muss? Ich fühle mich aber zum ersten Mal seit Wochen wirklich wohl, beinahe ausgeruht, obwohl der Schlaf in diesem merkwürdigen kleinen Hotel in Flughafennähe kurz und unruhig war.

Aber sogar durch den infernalischen Lärm der AirCon und durch die Ohrenstöpsel hindurch ist das Läuten des iPhones an mein offenbar aufmerksames Ohr gedrungen und hat mich aus dem Schlaf geholt. Das Erwachen kam mir vor wie das Auftauchen aus tiefem schlammigem Wasser. Das mit Vorfreude erwartete Frühstück ist leider ins Wasser gefallen, denn im Hotel ist gar kein Morgenessen vorgesehen (wie konnte ich das nur vergessen).

Nun sitze ich hier im Flughafenrestaurant, vor mir ein gezuckerter Kaffee und der gestrige Tages-Anzeiger, beinahe wie zuhause, im Ohr Nelly Furtado gemischt mit der vielstimmigen Kakophonie der Inder und Touristen um mich herum. Die Bauchschmerzen, die tiefen Furchen im Gesicht – alles wie weggeblasen.

Indien tut gut

Also zurück in diesem verrücktesten aller Länder. Lange her seit dem denkwürdigen Indientrip auf dem Hippytrail. In einem alten heruntergekommenen VW-Bus. Während eines knappen Jahres.

Wirklich lange her.

Das wird Gegenstand eines weiteren Reviews sein. Der Höhepunkt meiner Reiseabenteuer. Aber zu diesem Zweck muss ich zuerst alles zusammensuchen, was es noch an Informationen gibt.

Ich will Südindien erkunden. Die Unterschiede zum Norden herausfinden. Wärme tanken. Das Gefühl der Unbeschwertheit reaktivieren.

Aber da ist noch etwas anderes. Etwas, das lange darauf gewartet hat, ans Tageslicht gebracht zu werden. “Der lachende Mann”. Mein erster Roman. In Form einer Basisversion bereit zur Überarbeitung. Oder zumindest bereit zum Überdenken der Probleme. Finden von Lösungen. Eliminieren der Schwachstellen. Und davon hat es viele.

Wir werden sehen.

Landung in Goa

Und dann lande ich in Goa, Check-out, Shiva wartet auf mich mit der Tafel „Ruedi“, geschrieben von einer alten Freundin, wir begrüssen uns herzlich und machen uns auf den Weg. Es ist heiss um die Mittagszeit, jetzt wird mir das veränderte Klima erst so richtig bewusst. Es wird eine ruhige entspannte Fahrt durch die Palmenwälder, die grünen Wiesen und Sümpfe, vorbei an den farbigen Menschen, an Abwasserkanälen, deren Gestank für einen Moment meine Nüstern bläht, an ausgetrockneten Bächen, an Müll an den Strassenrändern, an Ständen und Läden und an auf dem Boden ausgebreiteten Teppichen mit allerhand Tand und Firlefanz.

Das ist Indien. So wie ich es kenne.

Eine Art Heimkommen

Es ist eine Art Heimkommen. Aber in Calangute es ist auch ein schleichendes Gefühl dabei, dass all die negativen Seiten immer noch da sind, vieleicht sogar schlimmer. Dickbäuchige, tätowierte Touristen, in vollkommener Ignoranz gleichmütig durch die Strassen flanierend.

Aber sind wir anders? Unterscheiden wir uns dadurch, dass wir glauben, mehr über das Land zu wissen? Dadurch, dass wir weniger dickbäuchig und nicht tätowiert sind und weniger vulgär zu sein glauben? Vielleicht eine verhängnisvolle Fehleinschätzung, die jeder Einheimische in Abrede stellen würde. Der Unterschied ist für Inder nicht erkennbar. Für sie sind wir alle gleich: reich, arrogant und haben von nichts eine Ahnung. Das ist die Ausgangslage.

Balkon

Ein kleiner Balkon mit Blick auf den Garten

Alte Bekannte

Das Zimmer ist in Ordnung, vor allem der kleine Balkon auf der Schattenseite wird mir Freude bereiten. Ich begrüsse alte Bekannte und fühle mich schon beinahe wie an einem Veteranentreffen. Am Abend gehe ich essen, treffe eine alte Freundin, die ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen habe. Austausch der Lebensinformationen. Dann Schlaf unter dem Ventilator, der leise schwirrt und kühle Luft verteilt.

Buddha am Strand

Kühler Sand unter blossen Füssen

Der erste Gedanke nach dem Aufwachen – wo bin ich? Der Blick durch das Halbdunkel entdeckt Unbekanntes, Möbel, Stühle, ein Kasten. Das leise Summen des Ventilators bringt mich in die Wirklichkeit zurück, die Vorhänge bauschen sich alle paar Sekunden, bevor sie wieder in sich zusammenfallen. Langsam wird alles klar – ich bin in Indien, rings herum Goa. Der Schlaf schleicht sich schnell weg, das System wird hochgefahren, der leere Magen verlangt nach Energiezufuhr.

Ein Gefühl, auf das ich mich gefreut habe – der kühle Sand unter meinen blossen Füssen. Ich stehe einen Augenblick still, geniesse die zarte Berührung, doch nur bis zur Stelle, wo der Schatten dem hellen Morgenlicht weicht. Von einem Augenblick zum anderen ist der Sand mit Hitze aufgeladen, erschreckt mache ich einen Satz zur Seite, bis ich meine Flip-Flops finde und erleichtert aufatme.

Der Weg zum Meer hinunter ist das erste Highlight des Tages. Ich rieche das süssliche Aroma der blühenden roten Gebüsche am Wegrand. Ich spüre die vom Sand aufsteigende Hitze, die Wärme der Morgensonne auf meinem Gesicht. Ich höre das ferne Kreischen der Möven. Ich sehe den blauen Himmel, die verdorrten Hügel, die Palmen und Gräser.

So muss ein Morgen sein.

Weg

Blumenbesetzter Weg zum Strand

Schild

Välkomna!

Das Schild am Wegrand zeigt mir den Weg zu den zahllosen Shacks am Strand. Välkomna! Dipl. Kock! Da kann eigentlich nichts schiefgehen.

Buddha im Kopf

Ein paar Minuten später sitze ich im Schatten, das Meer, blau und wild in Wurfentfernung, das Plätschern der Wellen am Ohr. Eine Tasse Kaffee, ein Ananassaft, ein Banana Pancake vor mir auf dem Tisch. Ein Gefühl des Wohlbehagens stellt sich ein, der Ruhe, des beinahe inneren Friedens. Ich sitze einfach da. Ich bin froh, da zu sein. Am richtigen Ort.

Frühstück

Mehr braucht es nicht

Ein warmes Gefühl des Wiedererkennens

Während ich so dasitze, nichtsdenkend, nichtstuend, sozusagen als Buddha am Strand von Goa, tauchen aus der Tiefe der Erinnerung merkwürdige, kaum fassbare Szenen früherer Ereignisse oder Gefühlszustände auf.

Eine Zehntelsekunde oder weniger. Und für einen winzigen Moment lang erscheint etwas Bekanntes auf, ein warmes Gefühl des Wiedererkennens. Aber es kann nicht festgehalten werden. Es verschwindet im gleichen Moment, an dem man es fassen will. Es kann eine Melodie sein, eine Erinnerung, ein Geruch, ein Bild, und für einen Schnipsel Zeit ist alles da, was den damaligen Augenblick ausgemacht hat. Wunderbar und traurig zugleich, denn man hat das Gefühl, um etwas Wichtiges betrogen zu werden.

Strand

Der Strand von Calangute

Die Füsse im Sand

So ist es jetzt, in diesem Moment, am Strand von Calangute, die Füsse im Sand, der Blick auf dem Meer, das unter dem diffusen grauen Himmel schwimmt. Es sieht gleich aus wie immer, und trotzdem ist alles anders.

Langsam stellt sich ein Zustand der Stille ein. Vielleicht ist es die Umgebung, die das alte Denken verlangsamt und das neue beschleunigt. Der lange Blick aufs Meer hinaus wird immer weniger unterbrochen durch all das, was man tun sollte und tun könnte. Der rationale Geist verstummt, lässt anderes zu Wort kommen, bringt Verschüttetes ans Tageslicht.

Und schon ist die Realität wieder da

Aber da ist diese alte Frau mit dem Baby auf dem Arm. Unbestimmbares Alter, vielleicht 60, vielleicht erst 40. Eine winzige, verschrumpelte Frau, zart im Körperbau, mit bittenden klaren Augen. Ich drücke ihr, wie immer in diesen Augenblicken voller Scham, eine 10-Rupie-Note in die Hand und weiche ihrem Blick aus.

Auch das gehört zu diesem Morgen.

Auf Jason Bournes Spuren

Am Strand

Es dauert etwas, bis ich merke, warum mir der Strand so bekannt vorkommt.

Jason Bourne rennt

Natürlich – Jason Bourne Supremacy. Die berühmte Szene am frühen Morgen, als Matt Damon alias Jason Bourne am Strand entlang rennt (siehe Bourne Supremacy – Running Scene). Nur Minuten, bevor er den russischen Killer entdeckt und es mit der Ruhe ein für alle Mal vorbei ist.

Und seine Freundin tot ist …

Eigentlich wäre es ganz gut, es Matt Damon gleichzutun und dem Strand entlang zu joggen. Mein sich immer noch in der Phase des Aufbaus befindliches System lässt mich aber wissen: no way! Jetzt ist Urlaub, kein Stress, keine Leistung, somit auch kein Sport! Zumindest heute nicht. Was morgen ist, werden wir sehen.

Strand von Goa

Dunst am Himmel, Wärme am Strand

Touristen am Strand

… und alle Touristen in einer Reihe

Traurig vor sich hin rostend

Immerhin kann ich mich nach dem Frühstück im Ocean Blue, meinem bevorzugten Shack, dazu aufraffen, einen Strandspaziergang zu machen. Und ich entdecke, überrascht und ein bisschen traurig, dass der weit aussen im Meer still vor sich her rostende Kahn wieder ein bisschen schlimmer aussieht als bei meinem ersten Goa-Besuch vor drei Jahren.

Man muss sich das vorstellen: unweit des Ferienparadieses Goa, genauer gesagt am Strand von Calangute, liegt ein gestrandetes Schiff, offenbar ein Frachtschiff, und rostet seinem Untergang entgegen. Niemand macht sich die Mühe, den Kahn ans Ufer zu schleppen und abzuwracken.

Nichts und niemand, auch kein altes Frachtschiff, hat dieses miese Ende verdient.

Ich bin sicher, dass wenn ich das nächste Mal hier bin, das Schiff immer noch da sein wird, vielleicht auf der Seite liegend, vielleicht mit ein paar Löchern mehr in den rostigen Wänden. Ein trauriges Schicksal für das einstmals stolze Schiff, das sicher viele Male um die Welt gereist ist und dabei tadellos seinen Dienst erfüllt hat.

Schiff

Traurig vor sich hin rostend

Gefährliche Unterwasser-Strömungen

Die Liegestühle sind belegt, die Sonnenanbeter lassen sich rösten, doch nur ein paar wenige wagen sich ins warme Wasser. Das hat auch seinen Grund. Hier gibt es zahlreiche fiese Strömungen, die, wenn ihre Klauen dich in ihrem Griff haben, nicht mehr loslassen. Und so kommt es jedes Jahr zu Todesfällen, wenn sich kreuzdumme Touristen oder unwissende einheimische Badegäste ins Meer hinaus wagen und es nicht mehr zurückschaffen.

Nun, für mich besteht garantiert keine Gefahr; ich, als wasserscheuer Bergler, habe nicht den geringsten Wunsch, mich ins Meer zu begeben.

Strand

Alltagsleben am Strand von Calangute

Fischerboote Calangute

Fischerboote am Strand

Zwei Welten

Der Unterschied zwischen den zwei Welten, die auf diesem kurzen Abschnitt am Meer aufeinandertreffen, könnte nicht grösser sein. Hier die gelangweilten weisshäutigen, rotgebrannten Touristen auf ihren gemieteten Liegestühlen, da die Einheimischen, an ihren Fischernetzten hantierend, irgendwelchen Krimskrams verkaufend, die hungrigen Augen auf die Gegenwelt gerichtet.

Immer wieder spannend zu sehen, welche Dynamik sich daraus ergibt. Falls sich denn überhaupt eine ergibt. Meistens erschöpft sich die Kommunikation in “Hello Mister, very cheap!” und die entsprechende Antwort “How much?”

Fischer

Eine tägliche Mühsal

Deadend Street

Aber der langsame Spaziergang dem endlos langen Ufer entlang lässt Raum für Gedanken. Und während ich im morgenfeuchten Sand vor mich hintappse, läuft auf meinem iPod Deadend Street von den Kinks.

There’s a crack up in the ceiling,
And the kitchen sink is leaking.
Out of work and got no money,
A sunday joint of bread and honey.

What are we living for?
Two-roomed apartment on the second floor.
No money coming in,
The rent collectors knocking, trying to get in …

Ein Glücksmoment.

Aber auch die plötzliche Einsicht, dass die andere Welt auch bei uns existiert.

Wie schreibt man eine gute Geschichte?

Und während Ray Davis von Rissen an der Decke singt, von Arbeitslosigkeit und Armut, kippt der gedankliche Hintergrund. Vor meinem geistigen Augetaucht eine Stadt auf, rundherum Einöde, Verlassenheit. Auf einer Mauer sitzt ein Junge und starrt angestrengt zum Horizont …

Wie schreibt man eine gute Geschichte?

Manchmal, in guten Momenten, denke ich, dass alles da ist.

Die Protagonisten. Jaco, der einsame elternlose Junge, von allen verachtet und ausgegrenzt. Tiburon, ein spinnerter Erfinder, sein bester Freund. Serafina, die Tochter des Zirkusdirektors, ebenso attraktiv wie kratzbürstig.

Die Antagonisten. Grimm, der Bürgermeister, schlau, korrupt, gefährlich. Olin, sein engelsgesichtiger Sohn, bösartig, feige. Jacos grösster Feind.

Aber da ist noch jemand, eine Bedrohung. Jemand, der es auf ihn abgesehen hat. Doch den Grund weiss er nicht.

Eine alte Geschichte. Die ausgerechnet in dieser abgelegenen Stadt wieder zum Leben erwacht und das Schicksal vieler Menschen beeinflusst …

Aber da sind auch die weniger guten Momente. Wenn die Zweifel aufkommen. Kannst du das überhaupt? Bringst du eine Geschichte zusammen, die konsistent ist? Die den erzählerischen Bogen schafft?

Ich weiss es nicht.

Aber heute morgen, an diesem mythischen Ort an der Westküste Indiens, fasse ich Mut. Und korrigiere im Kopf einen Abschnitt, der mir wichtig erscheint.

Diesmal wusste er, woher der Schrei gekommen war. Es war ein Wagen, der abseits der anderen stand, kleiner und nicht bemalt, doch es war nicht nur die Abwesenheit der Farben und Zeichnungen, die ihm etwas Trauriges und Trostloses verlieh. Sein Puls schlug hart und schnell, er holte einmal, zweimal tief Luft und huschte mit ein paar Sprüngen näher heran. Der Vorhang vor dem kleinen vergitterten Fenster bauschte sich im Nachtwind. Am Boden kauernd, überlegte er, was er tun sollte. Ein drückendes Gefühl der Angst überfiel ihn. Die Vorstellung, dass sich hinter der Wand ein unheimliches Wesen verbarg, war so schrecklich, dass er kaum noch atmete. In seiner Phantasie versammelten sich die wildesten Kreaturen, nur darauf wartend, dass dumme Jungen wie er den Weg zu ihnen fanden …

Was tust du hier, du Idiot? hörte er sich in seinen Gedanken sagen, doch dann meldete sich eine andere Stimme. Sei kein Feigling! rief sie ihm zu. Komm schon! Du willst doch wissen, was da drin ist!

Mit einem Bittgebet zum Himmel trat er um die Ecke, stieg zögernd die Treppe hoch und klopfte an die Tür, bis er merkte, dass sie nur angelehnt war und wie von selbst aufging. Das Mondlicht warf einen hellen Pfad ins Wageninnere und ließ etwas Glänzendes aufblitzen.

Ein großer eiserner Käfig.

Erregung überkam ihn. Einen Moment lang verschwamm alles, doch er verhielt sich ganz still, atmete tief ein, atmete nochmals ein, und sein Blick wurde wieder klar, doch der Drang wegzulaufen war überwältigend. „Was zum Teufel mache ich hier?“, flüsterte er sich zu. Dann fischte er mit zitternden Fingern ein Streichholz aus der Tasche und trat hinein. Sein Herz klopfte wild.

Die plötzliche Helligkeit blendete ihn. Den hinteren Teil des Raumes beherrschte, einem Zwinger gleich, der Käfig. Die Gitterstäbe strahlten eine Festigkeit aus, die ganz und gar nicht zu dem zerbrechlich wirkenden Wesen passten, das mit aufgerissenen Augen am Gitter stand.

Es war ein gespenstischer Anblick. Die Frau war klein und zart und reichte ihm kaum bis an die Schultern. Ihre Haut war käseweiß, wie gebleicht, als ob sie lange Zeit keine Sonne gesehen hätte. Sie starrte Jaco unruhig an, doch er hatte nicht den Eindruck, dass sie sich fürchtete. Auf einem Tischchen entdeckte er eine Kerze und zündete sie an. Erneut tauchte das Wageninnere aus dem Dunkel auf. Die Gitterstäbe umschlossen einen kleinen Raum mit einem Bettgestell, auf dem eine Matratze und einige schmutzige Decken und Kissen lagen. „Keine Angst, ich tue Ihnen nichts“, sagte er leise. „Ich habe Sie gehört. Brauchen Sie Hilfe?“

Ihre Augen blieben so leer wie ein blinder Spiegel.

„Haben Sie Hunger?“ Er griff nach dem Blechnapf, der auf dem Tischchen lag. Das Essen roch besser, als er befürchtet hatte. „Oder Durst?“ Keine Reaktion. Mit einem letzten Versuch deutete er mit dem Kerzenhalter auf einen Schal, der an einem Haken an der Wand hing. „Ist Ihnen kalt?“

Sein Gesicht glitt in den Lichtkegel.

Kaum hatte er den Kerzenhalter wieder gesenkt, bemerkte er eine Veränderung an der Frau. Sie schien starr von einem Schrecken, der so groß war, dass sie nicht mehr atmete. Ihr Mund verzog sich zu einem lautlosen Schrei, ihre eingefallene Brust hob und senkte sich.

Dann riss sie die Augen auf und stieß sie einen markerschütternden Schrei aus.

Jaco stolperte vor Schreck rückwärts über Tisch und Schemel und schlug heftig auf dem Boden auf. Im gleichen Augenblick, als er wieder zu atmen wagte, sprang die Frau ans Gitter und begann mit aller Kraft, an den Stäben zu rütteln. Ein Gurgeln ertönte zwischen ihren aufgerissenen Lippen, kaum verständlich am Anfang, doch dann wurde es zu einem Wort, einem Namen, er verstand ihn nicht. Er sprang auf die Beine und stürzte mit einem einzigen Satz zur Tür hinaus und die Treppe hinunter und jagte den Hang hinauf, ohne sich ein einziges Mal umzusehen …

Goa – Die letzten Hippies

Ein paar Worte zu Goa

(Wikipedia) Goa – auch Konkani oder Marathi genannt – ist der kleinste indische Bundesstaat. Er liegt an der mittleren Westküste Indiens, hat eine Fläche von 3702 Quadratkilometern und knapp 1,5 Millionen Einwohner (Volkszählung 2011). Die Hauptstadt Goas ist Panaji.

Goa - Wikitravel

Goa ist nach der ehemals gleichnamigen Stadt, heute Velha Goa, benannt. Die Region war rund 450 Jahre lang portugiesische Kolonie und weist daher eine besondere kulturelle Prägung auf. Kaum ein indischer Bundesstaat ist kulturell so nachhaltig von einer europäischen Kolonialmacht beeinflusst worden wie Goa. Dies zeigt auch der hohe katholische Bevölkerungsanteil.

Am 18. Dezember 1961 marschierten indische Truppen mit etwa 20-facher Übermacht in Goa ein. Das Unternehmen trug den Namen „Operation Vijay“ und war nach 26 Stunden abgeschlossen. Die portugiesischen und goanesischen Truppen kämpften auf verlorenem Posten. Indien bombardierte strategische und zivile Ziele in Goa, Damao und Diu, unter anderem den Marktplatz von Damao. Im darauffolgenden Jahr wurde Goa, zusammen mit Daman und Diu, zu einem indischen Unionsterritorium.

Wer detaillierte Infos möchte, hier der Link zu Wikipedia.

Die letzten Hippies

Wenn ich das Wort Goa höre, tauchen vor meinem geistigen Auge augenblicklich langhaarige, wilde Gestalten in bunten Kleidern auf, Hippies, damals wie heute das Synonym für alternative Lebensformen, für Aussteiger, für Drogen, psychedelische Musik. Ich habe sie auf dem Hinweg nach Indien, damals unterwegs mit einem alten VW-Bus, angetroffen, die meisten davon auf dem Weg nach Goa oder wahlweise nach Kabul oder Kathmandu, immer schön der Nase nach, dorthin, wo es viele und billige Drogen gegeben hat.

Heute morgen, auf dem Weg durch die Stadt, habe ich einen gefunden, einen der letzten überlebenden Hippies. Dem Aussehen nach hat er seine besten Jahre hinter sich. Sein Alter ist schwer zu schätzen, aber wenn ich davon ausgehe, dass er seit den Siebzigerjahren hier ist, muss er mindestens zwischen 60 und 70 sein. Sein eingefallenes runzliges Gesicht deutet allerdings eher auf 80 hin. Auch eine Aussteigerbiographie scheint nicht für ewige Jugend zu sorgen.  Da dürften auch ein paar Drogen eine Rolle gespielt haben.

Während ich im Restaurant am Strassenrand meinen Kaffee trinke (hervorragend), sitzt er teilnahmslos auf dem Trottoir und bettelt die vorbei flanierenden Touristen an. Einige greifen in die Tasche, aber ihre Gesichter sagen deutlich, dass hinter ihrer milden Gabe Mitleid steht. Oder gehört auch eine Portion Schadenfreude dazu? Die späte Rache des Bürgertums? Wer weiss …

Calangute Town

Calangute

Calangute Town

Calangute ist ein kleines Städtchen im Norden von Goa mit ca. 14’000 Einwohnern, zusätzlich ein paar Tausend einheimische und ausländische Touristen während der Hochsaison über Weihnachten und Neujahr und im Sommer, der hier in erster Linie im Mai abgehalten wird.

Mir fällt auf, dass sich seit dem letzten Besuch in 2007 die Zusammensetzung der Herkunftsländer der Touristen verändert hat. Waren es früher vor allem Engländer, die aus geschichtlichen Gründen ihre alte Kolonie besuchten, sind es heute Russen und andere Nationalitäten. Und – vor allem übers Wochenende – jede Menge Einheimische, die, dank lockeren Gesetzen bezüglich Alkohol, ausgiebig Party feiern und sich volllaufen lassen. Zumindest ein Teil der Todesfälle im Meer ist weniger den Strömungen, sondern dem Alkohol zuzuschreiben. Die Meinung der Einheimischen, d.h. Ladenbesitzer, Wirte, Standverkäufer etc., ist klar: obwohl es viele englische Touristen mit wenig Niveau gegeben hat, so stellen die heutigen im Vergleich eindeutig eine qualitative Verschlechterung dar. Und diese Bezeichnung ist sogar noch freundlich gemeint.

Sand in der Kamera

Manchmal kommt die eigene idiotische Natur zum Vorschein. Heute Vormittag zum Beispiel beim Spaziergang dem Meer entlang, um den Shack mit dem besten Kaffee zu suchen. Nun, ich habe den Shack nicht gefunden, dafür meine Camera in den Sand fallen lassen. Auf den ersten Blick nicht besonders aufregend, auf den zweiten hingegen schon. Erkenntnis (böse, zornig, aufgebracht): es genügt ein einziges winziges Sandkorn, um den Mechanismus des Geräts lahmzulegen. Auf jeden Fall werde ich meinen Abschied um einen Tag verschieben müssen, um entweder die Camera flicken zu lassen oder – im schlimmsten Fall – eine neue zu kaufen.

Ich bin nicht abergläubisch, aber ich ahne Böses.

Vieh am Strand

Die letzten Bilder mit meiner Camera

Pläne – oder doch keine?

Gegen Abend sitze ich hier auf meinem gewohnten Stuhl mit den rot-schwarz karierten Polstern, spüre, wie sich die Anstrengungen des Tages langsam auflösen. Die Unruhe, die ich von zuhause als unerwünschtes Souvenir mitgenommen habe, ist immer noch da, die schon fast beiläufige Nervosität, etwas tun zu müssen, etwas zu vergessen oder zu verpassen. Vielleicht erwartet man einfach zuviel. Urlaub als eine Art Arztbesuch mit der Erwartung sofortiger Linderung des Schmerzes. So läuft das nicht.

Aber es gibt etwas zu tun. Die Reise in den Süden hat bisher genau ein Ziel definiert: den untersten Zipfel des indischen Subkontinents zu erreichen und dabei etwas Verrücktes zu tun.

Dort, wo das Arabische Meer und der Golf von Bengalen zusammentreffen, die Füsse ins Wasser zu halten. Einer in diesem Meer, der zweite im anderen. Ich stelle mir das irgendwie mythisch vor. Ich stehe gleichzeitig in zwei riesigen Meeren.

Wahrscheinlich werde ich keinen Unterschied bemerken.

Aber wie gesagt, ich sollte mir doch langsam Gedanken machen, wo’s hingehen soll.

Muss ich das?

Oder soll ich so vorgehen wie immer? Ohne Plan, ohne Ziele, einfach Achtung-Fertig-Los? Auf jeden Fall werde ich den Trip in den Süden langsam und gemütlich angehen. Es geht nicht darum, möglichst viele Orte abzuhaken sondern das Gefühl des Treibenlassens zu erleben. Und dabei möchte ich bestimmte negative Dinge – Erinnerungen, Gedanken, Gefühle, Ängste, Sorgen – am Wegrand in Indien zurücklassen. Das Land ist gross genug, um auch diesen Müll noch zu schlucken.

Der lachende Mann

Ein Einschub zu meinem Literaturprojekt: ich bin gestern Abend sozusagen nach Hause gerannt, um meine im Kopf vorgenommene Korrektur des Abschnitts sofort zu Papier zu bringen. Grosse Freude beim Durchlesen, aber auch wiederkehrende Zweifel über den weiteren Verlauf.

Vor allem der Arbeitstitel “Der lachende Mann” bereitet mir Sorgen. Wer interessiert sich schon für ein Buch mit diesem Namen. Dabei stammt er aus einem Abschnitt, der vieles über die Handlungsweisen bestimmter Protagonisten aussagt.

Hier ist er.

Jaco hatte aufgehört zu arbeiten. Sein Unbehagen war in den letzten Minuten immer größer geworden. Die Trunkenheit Shi-Shas hatte ein Mass erreicht, das nur in einer Katastrophe enden konnte.

„Achte mal auf die … glänzenden Augen der Zuschauer, wenn sie uns … anstarren, mich oder Jon oder Matumbo. Wir sind die eigentlichen … Höhepunkte der Vorstellung, wir, die … die Missgeburten, wir, die Zwerge und … Riesen, die bärtigen Frauen, die zusammengewachsenen Zwillinge. Wir sind die beliebtesten … Ausstellungsobjekte, die wahren Attraktionen … Was meinst du, Matumbo, mein schwarzhäutiger Freund? Es ist doch deine Haut, die sie sehen wollen, nicht deine … Kunststücke.“

Matumbo zuckte die Schultern.

„Das sollte dir nicht egal sein“, rief Shi-Sha, „deine Haut ist dein … Kapital, verstehst du denn nicht? … Und das Schöne ist, dass es nie genug von uns … gibt. Wir sind eine seltene Ware, die einen hohen … Preis hat. Der Natur gelingt ein solches … Meisterwerk nur in den seltensten Fällen … Schau mich an oder Jon, wir sind die lebenden … Beweise für die Erfindungsgabe der Natur.“ Er lachte wieder laut, doch es lag keine Fröhlichkeit darin. „Aber der Mensch ist … kreativ, wenn er ein Problem hat, sucht er eine Lösung. Die … Chinesen haben gezeigt, wie man das macht. Sie steckten kleine Kinder in … Töpfe, in Töpfe, verstehst du? Kleine, große, runde, gebauchte Töpfe.

Die Glieder der Kinder … dehnten sich und breiteten sich aus … in dem Raum, der ihnen zur Verfügung stand. War das unglückliche Wesen acht oder … zehn Jahre alt, zerschlug man den … Topf, und eine vasenförmige, krummbeinige Masse kam zum Vorschein. Eine lebende Masse, welche watscheln, lallen und zur Not auch … denken konnte.“ Er hielt ein. „Das ist die … Wahrheit. Genauso wie die Geschichte von den … Kindern, denen man den Mund bis zu den … Ohren aufschnitt. Oder denen man die Nase zerdrückte oder die … Stirne zerschnitt, um damit künstliche Falten zu schaffen. Hast du mal was vom …  ‘lachenden Mann’ gehört? Nein? Die Gesichter, die man auf diese … Weise schuf, nannte man den ‘lachenden Mann’. Man verkaufte sie an Höfe, an vornehme … Damen oder an Gaukler, die für ihre … Vorstellungen einen Hanswurst mit wirklicher … Maske brauchten.“

„Der lachende Mann?“

„Der lachende Mann, genau …

Panaji: Hauptstadt von Goa

Panaji – ein ungeplanter Abstecher

Anstatt bereits auf dem Weg nach Trivandrum zu sein, sitze ich im Local Bus nach Panaji, eine gefühlte halbe Million Schulkinder um mich herum und ein paar wenige Einheimische, die still und stumm und reglos aus dem Fenster schauen. Ich bin wieder mal der einzige Ausländer, was mir den einen oder anderen neugierigen Blick einbringt.

Nova Goa

Dann also Panaji, früher portugiesisch auch Nova Goa, „Neu-Goa“) genannt, ist die Hauptstadt von Goa und war ursprünglich eine kleine Vorstadt von Velha Goa. Vor allem in der Stadtmitte finden sich zahlreiche Gebäude im portugiesischen Kolonialstil. Darunter die Kirche Our Lady of the Immaculate Conception aus dem Jahre 1619. Die Stadt beherbergt aber auch den hinduistischen Mahalaxmi-Tempel und die Jama Masjid-Moschee.

Es gibt eine gesetzliche Regelung, wonach im Stadtzentrum der durch den Monsun regelmäßig stark in Mitleidenschaft gezogene Putz an den Gebäuden jährlich ausgebessert werden muss. Weitere architektonische Denkmäler befinden sich in Alt-Goa. Panaji ist heute jedoch auch eine moderne Stadt mit einer wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung.

Nun, das ist mir alles vom letzten Besuch noch bekannt; ich kann mich aber erinnern, dass mir die Stadt gefallen hat. Heute hingegen habe ich keine Zeit für touristisches Flanieren, es rufen geschäftliche Pläne, die sich nicht verschieben lassen.

Es gilt, meine blöde Camera mit dem einen winzigen Sandkorn flicken zu lassen.

Eine neue Kamera

Was sich aber wesentlich schwerer bewerkstelligen lässt als angenommen. Der Sony Shop ist schnell gefunden, die Angestellten machen einen professionellen Eindruck, der meine Hoffnungen bezüglich einer schnellen Lösung zum Himmel steigen lässt.

Die gefurchte Stirn des Kundenbetreuers zeigt aber schnell, dass der Himmel an diesem Tag kein Einsehen hat und schon gar keine Gnade walten lässt. Nach eingehender Inspektion des Geräts kommt er – unter Zuhilfenahme der Ratschläge seiner Kollegen, die sich alle um uns gruppiert haben – zur Aussage, dass er keine Möglichkeit sieht, das Ding zu reparieren. Man könne die Camera allenfalls nach Mumbai schicken und sie dort reparieren lassen. Verflucht!

Das ist nun genau das, die ich am wenigsten brauchen kann. Ich will und muss morgen nach Süden abfahren, und zwar mit Camera. Nach einigen Minuten weiteren Palavers und der Eruierung weiterer Optionen, die sich alle als heisse Luft entpuppen, bleibt am Schluss nur noch eine Möglichkeit offen: ich nehme die defekte Camera nach Hause und kaufe hier zähneknirschend eine neue.

Sony

Eine echte indische Cybershot, die mich auf vielen Reisen begleitet hat

Der Verkäufer ist entzückt, ich weniger. So ganz sicher bin ich nicht, ob ich nicht gewaltig über den Tisch gezogen werde. Auch die überfreundliche Behandlung, die mir plötzlich angedeiht wird, die dampfende Tasse Tee, die unversehens vor mir steht, lässt meinen Argwohn nicht verschwinden. Aber was soll’s – die jungen Leute sollen ihren Spass haben, und ich komme dafür in den Besitz einer wunderschönen knallroten Camera (Anmerkung: die ich immer noch besitze, ebenso wie die Sandkorn-Camera, die in irgendeiner Schublade verstaubt).

Und nochmals Pläne (die keine sind)

Mein bescheidenes Heim – bereit zum Aufbruch

Tja, und dann liege auf meinem Strandsessel, und probiere meine neue Camera aus. Die Sonne, die bereits gegen den Horizont sinkt, bietet dazu des beste Sujet. Ein sanftes Lüftchen weht, das Meer donnert und schreit, wie seit Millionen von Jahren, halbnackte Touristen strecken ihre bleichen Körper der Sonne entgegen. Macht nichts, jetzt fühle ich mich gut und widme mich andern Dingen.

Thiruvananthapuram

Das Ticket bis Trivandrum ist gekauft. Heute heisst die Stadt Thiruvananthapuram, ein Name, den sich ein ausgemachter Sadist ausgedacht haben muss. Wer kann sich das merken und erst noch richtig aussprechen? Ich bleibe aber – die Inder mögen es mir verzeihen – bei Trivandrum.

Über den Grund, warum mir die nette Dame im Tourist Office nach dem Blick auf den Pass eine Verbilligung hat zukommen lassen, möchte ich lieber nicht sprechen. Der Rucksack ist gepackt, das Abschiedsessen hat stattgefunden, ich brenne darauf, endlich loszufahren.

Bereits erwähnt – es gibt nach Trivandrum keine fixen Pläne, bestenfalls Absichtserklärungen, die nicht mal die Synapsen wert sind, mit denen sie ausgedacht worden sind.

Also, wir werden sehen, wohin die Winde (oder die indischen Verkehrsmittel) uns tragen …

Lagaan – Es war einmal in Indien

Bye-bye Goa

Meine irgendwie ebenso notwendigen wie langweiligen Tage in Goa sind vorbei, und ich bin froh darüber. Die Vorstellung, hier mehrere Monate zu verbringen, hat sich verflüchtigt. Es fehlt die Herausforderung, das Prickeln, die Momente der Erkenntnis. Goa (oder Indien an sich?) ist ein Anachronismus, mit dem ich nicht fertig werde.

Bahnhofidyllen

Schon das Eintreffen auf dem Bahnhof kommt mir vor wie ein erstes Atemholen nach einem tiefen Schlaf, der mir zwar zu Ruhe, aber auch Kopfschmerzen verholfen hat. Jetzt scheine ich zurück zu sein auf der Welt.

Bahnhof

Bahnhofsidyllen

Mittagsschlaf

kein Platz zu unbequem für ein Mittagsschläfchen

Im Zug nach Trivandrum

Nun bin ich endlich genau dort, wo ich sein will. Unterwegs nach irgendwohin. Mir gegenüber sitzt ein älterer Inder, er stellt sich als Wissenschaftler heraus, freundlich, gescheit, aber auch ein indisches Ehepaar, mit Handys ausgerüstet, deren Klingeltöne Tote zum Leben erwecken könnten.

Mit der typisch indischen Neugier erkundet er sich nach dem Woher und Wohin, stimmt mit dem typisch indischen Kopfschütteln zu oder verzieht zweifelnd den Mund. Da ich nicht zum ersten Mal in Indien bin, kenne ich die Bedeutung des Kopfwackelns und weiss, dass sie Zustimmung meint. Nicht ganz einfach für uns Westler. Ich erinnere mich gut an das Gesicht des Obstverkäufers irgendwo nahe der Grenze zu Pakistan, als ich mich nach Bananen erkundigte und als Antwort das Kopfwackeln erhielt. Sein verständnisloser Blick wird mir ewig in Erinnerung bleiben, als ich mich mit einem bedauernden Blick verabschiedete.

Am Horizont, knapp erkennbar durch die fürchterlich verschmutzte Fensterscheibe, hängt eine goldgelbe Sonne über braunen, gelben, grünen Landschaften, die vor dem Zug vorüber huschen. Indien gleitet dahin, ich bin glücklich. Und während verbrannte Landschaften an die Oberfläche des Mars erinnern, schiebt sich eine andere Erinnerung ins Gedächtnis.

Sonnenuntergang

Der Sonnenuntergang durch die verschmutzte Fensterscheibe

Lagaan – Es war einmal in Indien

Ein Film, ein indischer Film, ein Bollywood-Film, der sich tief in meine filmische Erinnerungsreihe eingepflanzt hat. Ein wahrer Schinken von knapp vier Stunden, wovon keine einzige Minute überflüssig oder langweilig gewesen war.

Lagaan spielt im Indien des späten 19. Jahrhunderts. Der Regionaloffizier des britischen Hauptquartiers unterdrückt die Leute in der Region mit hohen Steuern (lagaan), während diese zusätzlich noch unter einer ungewöhnlichen Dürre leiden. Er bietet Russell den Bauern des Dorfs Champaner eine Wette an: Er wird für ganze drei Jahre die Steuern der gesamten Provinz erlassen, wenn eine Dorfmannschaft seine Männer beim Cricket besiegen kann – eine Sportart, die den Bewohnern bisher völlig unbekannt ist. Wenn sie jedoch verlieren, wird die dreifache Steuer erhoben.

Lagaan – der Film (Trailer)

Eine schwierige Ausgangslage für die Dorfbewohner. Das zu lösende Problem ist auf den ersten Blick unmöglich zu lösen. Vor allem weil es im mausarmen Dorf an potentiellen Kandidaten für die geforderten Spieler fehlt.

Ohne die Pointe zu verraten, nur soviel: eine Szene gegen Schluss ist ein Magic Moment. Nicht verpassen.

Langsames Abdriften in die Nacht

Ich habe einen Fensterplatz erwischt und erst noch den Lower Bench, was immer ein Vorteil ist, denn man ist dann nicht gezwungen, auf die obere Pritsche zu klettern. So sitze ich also da, schaue aus dem Fenster, denke nichts.

Irgendwann, die Sonne hat sich in üblicher Pracht verabschiedet, wird das Nachtessen serviert. Es dauert etwas, bis sich mein anfängliches Misstrauen in anerkennendes Essvergnügen verwandelt. Diese positiven Erkenntnisse beinhalten ein gewisses Risiko: ein paar Tage später werde ich schmerzlich erfahren müssen, dass nicht jedes Essen im Zug unproblematisch ist, aber dazu später.

Und dann, mit vollem Magen nach einem wirklich guten Essen, der Höhepunkt des Tages – das wohlige Einkuscheln in den Schlafsack, das monotone Rattern der Räder im Ohr, das Hin- und Herschlagen des Wagens beim Überfahren einer Weiche oder sonst was …

Trivandrum – Ein dunkler Morgen

Ankunft in Trivandrum

Dunkelheit über der Welt, ich bin angekommen, früher als erwartet, noch ganz schwer und verschlafen. Die indischen Züge sind immer wieder für eine Überraschung gut. Hier ist Endstation auf der Fahrt in den Süden, mindestens was die Reise per Zug anbetrifft. Ab hier gibt es nur noch Busse.

Und so stehe ich mit Sack und Pack auf dem Bahnhof, es ist knapp fünf Uhr morgens, und ich versuche mich zu orientieren. Gemäss Führer müsste unweit des Bahnhofs auch der Busbahnhof sein (was er auch ist), und ebenso nahe müsste ein Restaurant bzw. Café sein, wo man frühstücken können müsste.

Auf der Suche nach einem Restaurant

Nichts von alledem. Ich irre mit dem ganzen Gepäck durch schlecht beleuchtete, allerdings gar nicht menschenleere Strassen und finde heraus, dass ich zu früh bin und die besagten Adressen geschlossen sind.

Bahnhofbuffet

Kein angenehmer Ort für Frühaufsteher

Aber immerhin – es gibt ein geöffnetes Bahnhof-Restaurant, das mir ob der Neon-beleuchteten Atmosphäre jeglichen Hunger nimmt. Der seltsam aussehende und merkwürdig riechende Milchkaffee bleibt stehen.

Schliesslich finde ich ein winzig kleines Restaurant von ungefähr vier Quadratmetern, wo ich etwas Weisses, Undefinierbares esse und dazu Mineralwasser trinke. Aber das, was ich mir am meisten wünsche, ein Kaffee, bleibt mir vorenthalten.

Das Lokal ist aber wunderbar indisch und sehr einheimisch. Man sieht kaum die Hand vor den Augen, was angesichts des undefinierbaren Essens wahrscheinlich gar nicht schlecht ist. Ich kann mich dem Charme nicht entziehen, verzichte aber aus Höflichkeit darauf, Fotos zu schiessen. Eigentlich schade, denn die frühmorgendliche Zeit spült eine Menge unterschiedlicher Leute herein. Ich bin als Ausländer natürlich ein Aussenseiter und werde heimlich, aber intensiv begutachtet.

Trivandrum erwacht

Während sich die Dunkelheit leise davonschleicht, erwacht die Stadt zum Leben. Der Markt öffnet seine nicht vorhandenen Pforten, erste Kunden wühlen sich durch das Angebot, das Stimmengewirr wird lauter.

Endlich geht was.

Ich – immer noch mit Rucksack und allem – schlendere durch die Strassen. Ich beobachte gespannt, welche Mechanismen sich einstellen, angefangen bei den TukTus, die sich mit röhrendem Motor einreihen, bei den Shops, die einer nach dem anderen ihre Türen öffnen und die ersten Kunden durch die Eingänge verschwinden.

Alles ist anders und trotzdem auf seltsame Weise bekannt.

Trivandrum

Trivandrum erwacht

Südwärts

Dann endlich finde ich heraus, an welcher Stelle der Bus nach Kanyakumari abfährt. Allerdings gilt es bis Acht zu warten, denn erst dann wird der Local Bus auftauchen. Und tatsächlich, da ist er, pünktlich wie die indische Eisenbahn. Ich setze mich wie gewohnt ganz hinten hin. Da die Nachfrage nach den hintersten Plätzen mehr als beschränkt ist (man wird je nach Instandhaltung der Federung hin und her geworfen), besteht immer eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es genügend Platz hat.

Local Bus

Local Bus Richtung Süden

Höllenritt und Höllenspass

Die Fahrt dauert über drei Stunden, ein Höllenritt wie gewohnt, in rasendem Tempo zwischen Fussgängern und Velos und Hunden und Kühen und Kindern hindurch. Der Bus weicht mit röhrendem Getöse andern Autos und Bussen und Lastwagen knapp aus. Knapp bedeutet im besten Fall ein paar Zentimeter, im schlimmsten Fall ein paar Millimeter. Aber es macht – falls man imstande ist, das Risiko eines mörderischen Crashs auszublenden – einen Höllenspass.

Auch abgesehen vom Risiko, als eines der Millionen Opfer des Strassenverkehrs in die Annalen einzugehen, ist es eine mehr als unterhaltsame Fahrt durch Keralas Süden.

Kerala

Übrigens, der Bundesstaat ist nicht nur seiner wunderbaren Strände berühmt, sondern auch wegen der politischen Lage. Seit 1962 wechselten sich – bis auf kurze Phasen der President’s rule – die Communist Party of India (Marxist) und der Indische Nationalkongress an der Regierungsspitze ab.

Hinsichtlich der sozialen Entwicklungsindikatoren (Alphabetisierungsgrad, gesellschaftliche Stellung der Frau, wirtschaftliche Entwicklung, Kontrolle des Bevölkerungswachstums) belegt Kerala einen der Spitzenplätze unter den indischen Bundesstaaten.

Die unmittelbare Auswirkung ist fatal: weil die properierenden indischen Unternehmen den Einfluss der Politik fürchten, meiden sie Investitionen in den Bundesstaat. Dies führt wiederum dazu, dass die gut ausgebildeten Bürger, d.h. mehrheitlich junge Männer, dazu gezwungen werden, im Ausland zu arbeiten, wo sie zum Teil ausgebeutet werden.

Kanyakumari

Bedauerlicherweise erreichen wir schon gegen Mittag Kanyakumari, den südlichsten Punkt des indischen Subkontinents. Ich hätte es noch stundenlang ausgehalten.

Das im Führer vorgeschlagene Hotel ist mehr als nur fragwürdig. Erstens muss ich jedes Mal fünf Stockwerke hoch steigen (immerhin etwas sportliche Betätigung). Zweitens gibt es nur ein asiatisches Steh-WC, wo es mir zum Leidwesen meiner Geruchsnerven nicht gelingt, die Spülung richtig zu betätigen. Aber was soll’s, morgen bin ich weg.

Ein seltsamer Ort

Das Städtchen hat mit Sicherheit schon bessere, ruhigere Zeiten erlebt. Die Tatsache, dass es neben der geographischen Lage auch noch ein hinduistisches Heiligtum und ein sehr sonderbares Gebäude zu Ehren Gandhis, dessen Asche hier im Meer verstreut wurde, beherbergt, hat eine Jahrmarkt-artige Atmosphäre hervorgebracht.

Gandhi

Kaugummi? Marzipan? Gandhi hätte sich im Grab umgedreht

Touristenattraktionen

Touristenattraktionen

Überall stehen Stände, es wird eine Unmenge an undefinierbaren Dingen angeboten, es wimmelt von Pilgern, von Sadhus und andern heiligen Leuten und zahlreichen, vor allem indischen Touristen.

Vivekananda-Denkmal und Tiruvalluvar-Statue

Ich lasse mich treiben, atme die spezielle Atmosphäre ein und versuche, nichts zu denken. Ich habe dauernd Hunger und finde trotzdem nichts, was mir zusagt oder was mir unbedenklich scheint.

Es gibt einen wirklich schönen Fischerhafen, wo die Fischer gemächlich ihre Netze flicken, ein langer Steindamm führt weit ins Meer hinaus (wo ist nun der südlichste Punkt, hier oder doch weiter westlich, wo die beiden winzigen Inseln mit weiteren Heiligtümern liegen?).

Fischerhafen

Fischerhafen

Arabisches Meer – Golf von Bengalen

Eigentlich möchte ich ja die Füsse ins Wasser tauchen, den rechten ins Arabische Meer, den linken in den Golf von Bengalen, ich kann aber die richtige Stelle nicht finden. Auch gut. Übrigens befindet sich auf der einen der beiden Inseln eine riesige Statue, die mich an die beiden am Strom liegenden Figuren aus „Lord of the Rings“ erinnert. Boote fahren unermüdlich hin und her, bringen indische Touristen zu den Heiligtümern und wieder zurück.

Ich kann mich irgendwie nicht so recht damit anfreunden, aber wahrscheinlich fehlt mir schlicht der religiöse Kontext, um die Bedeutung erkennen zu können.

Heiligtümer

Vivekananda-Denkmal und Tiruvalluvar-Statue

Ein besonderer Sonnenuntergang?

Gegen Abend versammeln sich unzählige Leute am Meer, wo es den Sonnenuntergang zu bestaunen gibt. Der versprochene gleichzeitige Mondaufgang findet aber heute nicht statt, also fotografieren die Leute wie verrückt die untergehende Sonne. Ganz ehrlich, sie sieht nun wirklich genauso aus wie an jedem andern Ort, wo die Sonne untergeht.

Ich fotografiere also die Leute, die die Sonne fotografieren, und habe einen Heidenspass dabei. Leider habe ich immer noch nicht herausgefunden, welches nun der heilige, Nicht-Hindus unzugängliche Tempel ist. Ich betrete das tempelartige Gebäude am Meer nicht, obwohl es sich später herausstellt, dass der eigentliche Tempel ganz woanders ist …

Sonnenuntergang

Warten auf den Sonnenuntergang

Abend mit Larry

Am Abend bin ich müde von der langen Reise und setze mich in ein Gartenrestaurant eines ziemlich guten Hotels, warte auf das Essen und beobachte die Gruppen von Touristen, die lachenden jungen Menschen, die verliebten Paare.

Ein nicht mehr ganz junger Kanadier am Nebentisch setzt sich nach einer höflichen Begrüssung an meinen Tisch. Es entwickelt sich ein langes und intensives Gespräch über Gott und die Welt. Er stellt sich als Larry vor, hat keine Familie und verbringt den Winter jeweils für zwei Monate irgendwo auf der Welt (er ist Dachdecker und hat in diesen Monaten keine Arbeit).

Ich gehe früh ins Bett, während der permanent starke Wind am Fenster rüttelt, und werfe ein Medikament gegen die Kopfschmerzen ein. Bereits um Vier werde ich geweckt von einer schrecklichen Frauenstimme, die über Lautsprecher hinduistische Gesänge zum Besten gibt. 

Fremde im Zug

Im Zug nach Kollam

Seltsamerweise gibt es doch eine direkte Zugverbindung zwischen Kanyakumari und Trivandrum. Entweder habe ich etwas missverstanden, oder, was eher anzunehmen ist, ich bin wieder mal einer dieser zwar liebenswürdigen, aber vielfach ins Verderben führenden Falschaussagen aufgesessen. Die Angst davor, einen Fehler zu machen und damit das Gesicht zu verlieren, ist bei vielen Indern grösser als der Wunsch zu helfen.

Was mich an meine erste Reise im VW-Bus durch Indien und an einen entscheidenden Fehler erinnert: jemanden nach dem Weg zu fragen und gleichzeitig mit der Hand die mögliche Richtung anzugeben. Die Antwort ist mit tödlicher Sicherheit ein zustimmendes Nicken, auch wenn der Gefragte nicht den Hauch einer Ahnung hat.

Geschichten, die im Zug geschrieben werden

Hitchcock – Strangers on a Train

Während einer Fahrt mit der Eisenbahn lernt Guy Haines, ein Tennisstar mit politischen Ambitionen, im Zug einen Mann namens Bruno Antony kennen. Bruno, ein Muttersöhnchen aus reicher Familie, hat aus der Presse umfangreiche Kenntnisse über Guys Privatleben gesammelt: So weiß er zum Beispiel auch von Auseinandersetzungen, die Guy mit seiner von ihm getrennt lebenden Frau hat, und von Guys Plänen, sich scheiden zu lassen, um Anne Morton, die Tochter eines Senators, zu heiraten.

Bruno schlägt ihm einen Handel vor: Da er immer davon träume, das „perfekte Verbrechen“ zu begehen, sei er bereit, Guys Frau zu töten, wenn dieser im Gegenzug Brunos verhassten Vater umbringen würde. Da die Opfer den Mördern jeweils völlig fremd wären, gäbe es für die Polizei keinerlei nachvollziehbare, logische Motive. Guy glaubt, bei Bruno handle es sich um einen harmlosen Verrückten (Wikipedia).

Zugfahren mit Larry

Heute stehen keine düsteren Pläne und Morde zur Diskussion. Ich fahre zusammen mit Larry Richtung Norden, das gestrige Gespräch erfährt eine Fortsetzung. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich Menschen, vor allem Allein-Reisende, anfreunden und ihrem bis vor kurzem unbekannten Gegenüber allerhand Privates, auch Tragisches und Persönliches anvertrauen. So ist es auch mit Larry. Hinter seiner liebenswürdigen, offenen Art offenbaren sich dunkle Abgründe, Seelenschmerz, Einsamkeit.

Das ist mir nicht neu. Und immer muss ich mich im Nachhinein fragen, ob ich auch zu dieser Spezies gehöre. Dass ich Verborgenes und Verschwiegenes eher einem Fremden anvertraue als den Menschen, die mir wichtig sind. Es gibt Zeiten, da weise ich solche Gedanken vehement von mir, in lichteren Augenblicken bin ich mir nicht sicher.

Getrennte Wege

In Trivandrum trennen sich unsere Wege. Einmal mehr ein Abschiednehmen auf Nimmerwiedersehen. Für eine sehr kurze Zeit haben sich zwei Menschen getroffen, ihre Geschichten, ihre Verletzungen, ihre Hoffnungen, ausgetauscht, und nun schüttelt man sich die Hand, im Wissen, dass man sich nie mehr wiedersehen wird.

Schönheit bleibt Schönheit

Nach der geruhsamen Fahrt von Kanyakumari nach Trivandrum hat sich das Abteil mit Indern gefüllt, es ist heiss, stickig. Eine junge Inderin, eine dieser früh erblühten Schönheiten, die bereits in ihrer Jugend erste Ansätze von Molligkeit zeigen, sitzt gegenüber. Aber was soll’s, Schönheit bleibt Schönheit.

Die gestrigen Kopfschmerzen sind verschwunden, das schreckliche Hotel Baghya treibt bereits in den Untiefen der Erinnerung. Norden ist die einzig mögliche Richtung, und so fahre ich im langsamen Tempo der indischen Bahn im vollbesetzten Abteil in Richtung Kollam oder Quillom, wie es früher hiess, wo ich auf ein besseres Hotel und eine angenehme Stadt hoffe.

TukTuk

Immer noch das wichtigste Verkehrsmittel in Indien

Gedanken über das Schicksal

In Indien liegt es auf der Hand, dass man sich früher oder später Gedanken über das Schicksal macht und die unverständlichen Mechanismen der Auswahl. Oder des Zufalls. Hier der wohlbehütete, reiche, verwöhnte Mensch aus dem Westen, dort der mausarme, verstörte, jeden Tag ums Überleben kämpfende andere Mensch. Was macht den Unterschied? Ein früheres Leben oder die Abfolge davon? Gute oder schlechte Taten und wenn ja, gibt es demzufolge  eine Instanz, die das Ganze mittels Wertmassstab steuert und kontrolliert und organisiert? Oder ist es der Zufall, ein steuernder, als Guillotine wirkender, elender Zufall, der die Menschen in diese oder eine andere Gruppe kippt?

Keine Antworten

Der Mensch will Antworten, die ihm niemand geben kann, und trotz Buddha und Jesus und Mohammed, die spekuliert und nach der Wahrheit gesucht haben, ist er verloren in der Welt. Er will wissen, ob er sich freuen soll an seinem guten Schicksal, ob er gleichzeitig ein schlechtes Gewissen haben muss, weil es andern schlecht geht, ob das, was er jetzt lebt, ihm zum Vorteil oder Nachteil gereicht. Oder ob er eine Art Versuchskaninchen darstellt für Wesen höherer Ebene, die sich einen Heidenspass daraus machen, die Milliarden Kaninchen zu beobachten und gelegentlich in ihr Schicksal einzugreifen. Ein schlechtes Spiel, ein mieser Zeitvertreib gelangweilter Existenzen? Ist Gott da, hört er die Bitten und Klagen und bleibt stumm?

Ich weiss es nicht. Ich werde es nie wissen.

Gespräche zwischen (Ersatz-)Vater und Sohn

Doch wie immer in diesen Augenblicken, wenn der Geist, angestossen durch äussere Umstände, den normalen Faden verliert und die ewig gleichen Gedanken vergisst, kehre ich automatisch zu meinem in Entstehung befindlichen Roman zurück. Auch dort geht es letztlich um Einsamkeit inmitten von Menschen, um das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Um die Suche nach Kraft.

Dieser Junge, sechzehn Jahre alt, ein Aussenseiter, ein Paria, ein Ausgestossener, kämpft um Anerkennung, die ihm verwehrt ist. Doch da trifft er, aus heiterhellem Himmel, Angehörige eines Wanderzirkus’, er verliebt sich in das kratzbürstige Mädchen Serafina, und er begegnet einem Mann, der ihn gleichzeitig ängstigt und trotzdem eine seltsame Anziehungskraft ausübt. Hat er mit ihm eine Art Vaterersatz gefunden? Der Zauberer Caligari ist eine eindrückliche Persönlichkeit, ebenso verschlossen wie warmherzig und mitfühlend. Er erkennt die Probleme des Jungen, hilft ihm in entscheidenden, besonders dunklen Momenten. Ich habe noch in Goa einen Abschnitt geschrieben, der einen dieser Momente darstellt.

Hier ist er.

Caligari hob die Kerze hoch, in seinen schwarzen Augen spiegelte sich das Licht. „Vielleicht findest du es ja wieder. Ich kann mir vorstellen, dass es für dich wichtig gewesen wäre, mehr über deine Eltern zu erfahren.“ Jaco spürte, wie die sanften Worte des Zauberers etwas in ihm auslösten. „Wenn ich dir einen Rat geben darf: Lass die Vergangenheit ruhen! Sie bringt nur Trauer und Verlust und Kummer. Deine Eltern sind tot, das ist nicht zu ändern. Aber es gibt so viel Gutes und Schönes auf der Welt. Auch für dich! Auch wenn es nicht immer so aussieht.“

„Sie haben recht“, murmelte Jaco nach einer Weile.

„Ich habe gehört, dass man immer noch hinter dir her ist wegen der Schlägerei.“

„Die Leute mögen mich eben nicht. Sie finden, dass ich nicht hierhergehöre.“

„Vielleicht solltest du es von einer anderen Seite her betrachten“, sagte Caligari. „Wenn sie dich hassen und dir das Leben schwermachen, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder du gibst nach, dann wirst du irgendwann genau so klein und schwach sein, wie sie dich haben wollen. Dein Leben wird für immer die Hölle sein … Oder aber du kämpfst und lässt dir nichts gefallen, auch wenn’s manchmal schwer ist. Aber es wird dich stark machen, es wird dich lehren, auf dich selber zu vertrauen. Wenn du ihnen zeigst, dass du keine Angst hast, werden sie dich irgendwann mit anderen Augen sehen. Nicht alle, aber diejenigen, auf die es ankommt. Verstehst du, was ich meine?“

Ich weiss nicht so recht. Die Konzentration auf die entscheidenden Passagen, die in meinem Kopf eingebrannt sind, ist ein Weg, vielleicht der falsche. Irgendwann muss ich sie zusammenbringen. Wir werden sehen …

Kollam – nichts Besonderes

Auf jeden Fall erreiche ich am Nachmittag Kollam, lasse mich von einem Tuk-Tuk in das Shines-Hotel bringen und bin ganz zufrieden damit. Die Cockroaches tauchen erst später auf und ärgern mich gewaltig. Diese Viecher, auch wenn ich ihnen kein Leid antue, kann ich nicht ausstehen. Wie sagt man so schön – im Falle eines dritten Weltkriegs sind sie zusammen mit Keith Richards die einzigen Überlebenden.

Immerhin habe ich einen Balkon, von dem aus man über die Stadt sehen kann, ein riesiges Doppelbett mit einem schwirrenden Ventilator darüber und ein akzeptables Bad. Immerhin eine spürbare Verbesserung gegenüber dem letzten Hotel.

Aussicht

Keine wirklich schöne Aussicht

Abendstimmung

Abendstimmung

Heldenmut am Abend

Kollam selbst ist aber nichts Besonderes. Leider kriege ich im Tourist-Office heraus, dass es keinen Zug über die wundervollen Western Ghats gibt, der während des Tages fährt, also bleibt vermutlich nur ein Bus. Mal sehen. Auf jeden Fall ist der morgige Tag mit der Backwaters Tour nach Alleppey gebucht (es hat mir einiges Kopfzerbrechen verursacht, die beste Variante für die Tour und am Tag danach die Reise nach Madurai herauszufinden, aber oha, ich hab’s geschafft).

Am Abend spaziere ich die Strasse entlang und versuche in diesem ungeheuren Chaos zu überleben. Es braucht einigen Heldenmut, um die Strasse zu überqueren, und es gibt Momente, an die ich mich lieber nicht erinnern will.

Verkehrschaos

Das übliche Verkehrschaos

Familie auf Motorrad

Eine ganze Familie auf dem Motorrad

MOV02177 (schlechte Qualität, sorry)

Abend mit indischen TV-Sendern

Immerhin finde ich ein Restaurant in einem der besseren Hotels und schlage mir den hungrigen Bauch voll. Es gibt ein frühes Gutenacht, allerdings verführt mich HBO und andere Sender dazu, dumme, gewalttätige, amerikanische B-Movies anzusehen, und einmal mehr wundere ich mich über die Erkenntnis, dass die amerikanische Kultur primär auf Gewalt aufbaut. Allerdings muss ich gestehen, dass die zahlreichen indischen Sender zwar weniger Gewalt, dafür ein Mass an Kitsch und schlechtem Geschmack produzieren, dass sogar mir der Genuss am Fernsehen verleidet wird …

Kerala Backwater Tour

Ein spezieller Ausflug

Ich bin früh auf den Beinen und bemerke mit leisem Bedauern, dass meine Haus- und Hof Kakerlake die Nacht nicht überlebt hat. Sie ist einem hinterhältigen Angriff der winzigen Killer-Ameisen zum Opfer gefallen. Obwohl sie nicht zu meinen bevorzugten Kreaturen gehören, tut sie mir irgendwie leid.

Aber das ist das Leben – wild und meistens tödlich.

Ich esse in „meinem“ Restaurant das Frühstück, bevor ich mich dann in Richtung der Anlegestelle des Boots in Bewegung setze. Es ist ein alter Kahn, dreckige Scheiben, durchgesessene Sitze, er füllt sich langsam mit den gemächlich eintrudelnden Touristen. Zwei Japaner sind dabei, schweigsam und scheu die ganze Tour lang. Eine ältere englische Lady trifft mit dem Fahrrad ein, dann zwei junge Schweden, ein gut aussehender Engländer, ein Gruppe Russinnen und einige andere, deren Herkunft sich nicht auf den ersten Blick erkennen lässt.

Backwater Tour

Der Kahn startet zeitgerecht um 10.30, aber nur um auf dem See eine Kurve zu drehen und wieder am gleichen Ort anzulegen. Schwer verständlich, aber das alltägliche Wundern über die Welt in Indien gehört dazu. Irgendwann startet dann doch die Tour. Die Passagiere verziehen sich auf das Oberdeck und lassen uns die nächsten 8 Stunden gemächlich durch die Backwaters treiben. Mal sind wir beinahe auf dem offenen Meer, dann wieder auf schmalen Buchten und Kanälen, den nahe am Wasser gebauten Hütten und Häusern entlang.

Boote am Ufer

Heruntergekommene Boote am Ufer

Fischernetze

Gestelle für Fischernetze (das letzte Mal in Cochin gesehen)

Boote am Ufer

Schiffsparade am Ufer

Ein anderes Leben

Wir gewinnen einen Einblick in das Leben dieser Menschen, wie sie leben, im Freien kochen, die Wäsche waschen, wie die Kinder spielen und herumtoben, die Hunde bellen und dem Schiff nachrennen. Zeitlupe.

Die langsame Fahrt ermöglicht Sehen und Reflektieren, man hat Zeit, das Gesehene zu analysieren und sich Gedanken zu machen über die Unterschiede unserer Leben. Wir sind bewusst oder unbewusst Voyeure, aber das sind wir nicht nur hier sondern grundsätzlich auf solchen Reisen.

Havariertes Boot am Ufer

Vielleicht der letzte Ruheort?

Hütten am Ufer

Ein intimer Blick in ein anderes Leben

Ärmliche Hütten am Ufer

Ärmlich und idyllische zugleich

Manchmal entwickeln sich Gespräche, am Nachmittag fallen langsam die Barrieren zwischen den verschiedenen Nationalitäten. Es ergeben sich Diskussionen, lustige, spannende, langweilige, und immer wird klar, wie sehr wir Westler uns unterscheiden und trotzdem gleich ticken.

Es sind immer die gleichen Gesprächsstrukturen: wo kommst du her, wohin gehst du, warst du schon dort oder dort, wie gefällt dir Indien, oh du bist aus England, das ist unser nächster Gegner bei der EM-Ausscheidung, ja ich bin ein glühender Fussball-Fan, nein ich kenne Roger Federer nicht persönlich etc.

Irgendwann ist genug, und man zieht sich wieder zurück in seine eigene kleine stumme Welt.

Kerala Backwaters

Die Kerala Backwaters – von grossartiger Schönheit

Fischer in seinem Boot

Ein Fischer auf seinem Kahn

So gehen die Stunden dahin, es ist entspannend, meditativ, man sitzt gedankenverloren an der Reling. Das indische und das eigene Leben gleitet vor dem echten und dem inneren Auge vorbei, Ruhe und Frieden kommen auf, gute Gedanken, alles Hektische fällt weg …

Fahrradfahrer am Ufer

Ein Fahrradfahrer wirft uns einen vorsichtigen Blick zu

Ausflugsboot auf den Kerala Backwaters

Ein Ausflugsboot in die andere Richtung

Boote vor Alleppey

Wir nähern uns Alleppey

Hafen in Alleppey

Kurz vor dem Ziel

Und so erreichen wir um sechs Uhr abends Alleppey, eine schnelle Verabschiedung der temporären Freunde und schon sitze ich im Bus zurück nach Kollam. Und wieder ist es ein Höllenritt wie viele vorher und viele, die noch kommen werden.

Ein guter friedvoller Tag geht mit der im Meer versinkenden Sonne dem Ende entgegen und auch für mich ist Schluss, früh und mit guten Gedanken.

 

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