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Kategorie: Laos Seite 1 von 3

A380 – Der Koloss hebt ab

Flug nach Asien

Leider kann man den Riesenvogel gar nicht richtig sehen, höchstens erahnen, doch beim Einsteigen wird schnell klar, um was für einen Koloss es sich handelt. Nachdem er sich – endlich – langsam in Richtung Abflugschneise begeben hat, scheint es doch ein Hindernis zu geben, auf jeden Fall sind wir schon bald wieder auf dem Weg zurück ans Dock, wo irgendein Schaden zuerst geflickt werden muss.

Wenn das ein Omen ist, dann kann ich mich auf was gefasst machen. Ist mir aber egal, irgendwie werden wir den Anschlussflug nach Chiang Mai schon kriegen.

Dann fliegen wir doch noch los, langsam zuerst, die Tonnen müssen in Bewegung gesetzt werden, dann schneller, man spürt die ungeheure Kraft der Motoren, und wir heben ab … Der Koloss hebt ab.

Endlich. Asien, ich komme.

Europa – vom Winter geschunden

Unter mir verflüchtigt sich Europa, ein Land nach dem anderen, öde Gegenden, vom Winter geschunden, es geht schnell, und man merkt, wie klein unser geliebter Kontinent ist.

Irgendwann ein Meer unter uns, düster und bedrohlich, und ich habe den komischen Eindruck, dass Nordafrika zugeschneit ist, bis ich meinen geographischen Fehler entdecke. Wir fliegen über das Schwarze Meer und das, was zugeschneit ist, ist die nördliche Türkei.

Vollmond

Vollmond über der Türkei

Erinnerung an eine lange mühsame Reise

Irgendwann fliegen wir über Iran, Afghanistan, Pakistan, eine raue, gelbe, verbrannte Gegend, der Mondoberfläche ähnlich. Und wieder holt mich die surreale Einsicht ein, dass wir für die Strecke bis hierher einige Wochen anstrengenden Fahrens mit dem VW-Bus benötigten. Aber hier, zehntausend Meter über der Erde, sind wir gerade mal ein paar Stunden unterwegs.

Schliesslich die Überquerung von Indien, schwarz in immer noch dunkler Nacht, und irgendwann im Anflug an Indochina ein Schimmer am Horizont, und bei der Landung in Singapur ist es warm und hell und wunderbar …

Und dann sind wir da …

Wir erwischen wie erwartet den Anschlussflug, eine kleinere Maschine der Silk Air, aber ganz in Ordnung, und es geht wieder nordwärts, teilweise denselben Weg zurück, nur auf der andern Seite der malaysischen Halbinsel. Nördlich von Bangkok versuche ich mich an die erste Reise zu erinnern, an Chiang Mai, den Trek mit Sam und alles andere …

Blick auf Chiang Mai vom Doi Suthep aus

Chiang Mai von oben

Und dann landen wir, sogar aus grosser Höhe ist zu erkennen, dass aus dem Städtchen eine Metropole geworden ist. Ich nehme ein Taxi, der Fahrer versteht den Namen des Hotels nicht, bis er ihn geschrieben sieht. Im Gegensatz zur Stadt hat sich das Hotel nicht gross verändert, wenigstens ein Hauch von Stabilität in der verrückten Welt.

Ich bin da. Es ist der 7. Februar.

PS Song zum Thema:  Spirit – Colossus

Chiang Mai – Dieser eine flüchtige Augenblick

Chiang Mai im heissen Mittagstaumel

Bei der Landung in Chiang Mai ist es heller Nachmittag, die Stadt liegt in heissem Mittagstaumel, und genauso geht es mir. Aber, entschlossen, der Müdigkeit die Stirn zu bieten, setze ich mich ins Hotelrestaurant (nichts hat sich geändert, nicht mal die Tischtücher), lese im Führer und erkundige mich schon mal nach Touren in den Norden. Die Dame an der Rezeption ist begeistert und bucht mich auf den Trip vom 10. Februar. Bis dahin hoffe ich, mich genügend an die veränderten Umstände gewöhnt zu haben, an eine neue Umgebung, an Sonne und Wärme, eine andere Kultur, andere Gewohnheiten.

Das System brennt weiter

Aber das innere System brennt weiter, unruhig, nervös, getrieben von Energie und Leistung. Aber das wird sich geben. Zuerst mal zur Ruhe kommen. Heute heisst die Devise herumhängen, ein kaltes Bier trinken. Herunterkommen. Vergessen. Schnee und bittere Kälte sind bereits eine ferne Erinnerung.

Schrödingers Katze

Ja, und dann sitze ich wieder einmal vor leeren Seiten im Tagebuch, die gefüllt werden müssen, ich fühle mich leer, der Kopf aber noch voll vom Reisestress. Es scheint mir, als ob ich noch nicht richtig angekommen bin, ich bin hier und gleichzeitig noch weg. Schrödingers Katze sozusagen. Etwas fehlt noch, vielleicht die Seele, die noch irgendwo im Hindukusch festhängt.

Night-Market in Chiang Mai

Night-Market in Chiang Mai

Dieser eine flüchtige Augenblick

Gegen Abend, die Dunkelheit ergiesst sich wie gewohnt von einem Augenblick zum anderen über die Welt, nimmt die bisher heroisch bekämpfte Müdigkeit überhand. Aber ich schaffe es noch bis zum Nachtmarkt, der mir seltsam fremd vorkommt. Hier kauften wir vor langer Zeit Winterjacken (!) und liessen sie uns nach Hause schicken, wo sie tatsächlich nach einer dreimonatigen Seereise bei uns eintrafen.

Bevor ich mich endgültig ins Nirvana abmelde, noch ein letztes Singha Bier im Gartenrestaurant. Motorengeräusche überall, der Vollmond hängt rötlich am Himmel.

Alles ist gut.

Alles, was wir haben, ist dieser eine flüchtige Augenblick.

PS Song zum Thema:  Art of Noise – Moments in Love

Chiang Mai – Auf der Suche nach Dejà-Vus

Wo ist das alte Chiang Mai?

Heute will ich herausfinden, was an Erinnerungen an den letzten Besuch noch geblieben ist. Die Devise lautet also: Chiang Mai – Auf der Suche nach Dejà-Vus.

Jetzt, beim Frühstück an der Sonne, neben dem gemächlich dahinfliessenden Fluss, ist es angenehm warm, vielleicht 25 Grad. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch, um herunterzukommen. Und um die Stadt zu erkunden.

Auf der Suche nach Déja-Vus.

Eine würdevolle alte dame

Die würdevolle alte Dame, die mir Brot und Eier und Kaffee bringt, verbeugt sich schüchtern. Ich frage sie nach ihrem Namen, doch die Gesprächsversuche scheitern an der Sprachgrenze, es bleibt nur der Austausch eines gegenseitigen Lächelns.

Die ersehnte Ruhe

Während ich am Kaffee nippe, spüre ich, wie sich langsam die Ruhe einstellt, auf die ich mich so gesehnt habe. Die letzten Wochen waren krass – bezüglich Arbeitsbelastung, Stress, Frustrationen. Unser Leben in Reinkultur, manisfestiert an schlaflosen Nächten, an Bauchschmerzen, an Rückenproblemen.

Frühstück

So muss ein Frühstück sein

Wo ist das alte Chiang Mai?

Der gemütliche, langsame Gang durch die Stadt zeigt, dass die Erinnerungen nach mehr als zwanzig Jahren verblasst sind. Was aber nicht nur mit der beschränkten Kraft des Gedächtnisses zu tun hat, sondern vor allem mit der Geschwindigkeit, mit der sich die Stadt verändert hat. Mein Gott, wo sind die stillen Gassen geblieben, die kleinen Restaurants, die freundlichen Menschen, die eine ganz besondere Ruhe und Gelassenheit ausströmten? Alles fort, weggefegt durch die Dynamik des Fortschritts.

Déja-Vus

Und doch – innerhalb der Stadtmauern, einem letzten Refugium der alten Kultur – scheint alles so zu sein wie immer … Der Buddha liegt auf seinem Ruhebett, in Gedanken im Nirwana, seinem Ziel.

Buddha

Buddha mit Blick auf das Nichts

PS Song zum Thema:  Spliff – Deja Vu

Busfahrt nach Chiang Khong

Endlich nach Norden

Es geht los, endlich. Ein Minibus, vollgestopft mit zahlreichen anderen Travellers, macht sich um Punkt 10.00 auf den Weg nach Norden. Eine ganz angenehme Fahrt, wäre da nicht der Dauer-Quassler am Steuer, der seinem Handy mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem dichten Verkehr.

Es erinnert mich an die erste Fahrt durch Thailand, ein Bus von Hua Hin Richtung Süden. Der Chauffeur, ein junger drahtiger Kerl mit einem breiten Lächeln im Gesicht, macht seine Sache gut, ausser wenn auf dem Bildschirm, senkrecht über ihm, eine besonders spannende Szene läuft und er der Versuchung nicht widerstehen kann, mitzuschauen.

Landschaft in Richtung Norden

Die Landschaft saust vorbei

Reise durch die Linse des Fotoapparats

Die ersten Gesprächspartner auf dem Weg nach Laos sind zwei ältere Leutchen aus Kanada. Sie planen voller Freude, in eine klassische Touristenfalle zu tappen, nämlich von einer Baumhütte aus, weit oben in den Bäumen, Affen zu beobachten.

Der Mann fotografiert ohne Unterbruch, sozusagen eine Reise durch die Linse seines Geräts. Später stelle ich fest (und er bestätigt die Beobachtung voller Stolz), dass er auch jedes Essen fotografiert. Meine ironisch gemeinte Bemerkung, dass er somit später genau feststellen kann, von welcher Mahlzeit er Dünnpfiff gekriegt hat, findet er überhaupt nicht lustig.

grauenhafter Tempel

Ein wirklich grauenhafter Tempel

Erstklassige Kitscharchitektur

Chiang Rai – Zwischenhalt, Verpflegung. Als Bewunderer der thailändischen Architekturkunst kann ich mir beim Anblick des nahegelegenen weissen Tempels ein spöttisches Grinsen nicht verkneifen. Die thailändischen Besucher sind aber begeistert, es wird auf Teufel komm raus fotographiert und gestaunt. Hoffentlich die einzige architektonische Missetat, die mich in den nächsten Wochen erwartet.

Taj Mahal

Von Chiang Khong, dem letzten Kaff vor der Grenze, aber bereits am Mekong gelegen, ist bei der Ankunft am Abend noch nicht allzu viel zu sehen. Wir werden in einem ziemlich heruntergekommenen Hotel (na ja, ist ja schliesslich im Preis inbegriffen) ausgeladen.

Es gibt weder Lavabo noch WC im Zimmer, dafür bestehen die Wände aus Papier, so zumindest scheint es mir in der Nacht, als man beinahe das Atmen der Gäste nebenan hören kann. Atmen würde ja noch gehen, aber auf die mitternächtlichen Telefonate im Nebenraum hätte ich gerne verzichtet. Lange nicht mehr derart mörderische Gedanken gehabt …

Hotelzimmer

Tja, nicht gerade das Taj Mahal

Eine mühselige Nacht

Das wird dann eine dieser Nächte. Lang und unerquicklich. Kalt und schlaflos.

Beim Morgenessen lerne ich die andern Mitreisenden kennen. Ein älteres englisch sprechendes Paar fällt auf. Er ähnelt einem Waldschrat oder zumindest einem Hobbit: klein gewachsen, mit Bauch und langen Haaren. Sie ist rundlich, passt zu ihm, mit herrlich unmodernem Hut. Ich beobachte sie am Pool (oh ja, den gibt es). Sie springt anmutig ins Wasser, seine Antwort darauf ist einfach grossartig: You’re a great Lady.

PS Song zum Thema:  Rise Against – Architects

Der Mekong – eine Liebe erwacht

Endlich der grosse mächtige Fluss

Nach dem Frühstück werden wir zum Fluss transportiert. Da ist er endlich, der Mekong, auf den ich mich so lange gefreut habe. Breit, braun, schnell, massig, kräftig. Ein Monster von einem Fluss.

Und dann – endlich – Laos. Neues Land. Auf dem Fluss, überquerend in einem alten Boot, der Gedanke an Styx, an den „Fährmann“. Dann die ersten Schritte, eine steile Treppe hinauf zum Grenzhaus, wo es wimmelt von Travellern wie in einem Ameisenhaufen.

Fähre

Vor der Überfahrt nach Laos

Schiffe am Mekong

Schiffe im trüben Morgen am trüben Fluss

Warten auf das Boot

Irgendwie muss man sich durch das Gewühl kämpfen, man steht an langen Schlangen an, merkt irgendwann, dass es die falsche ist, und sucht sich eine andere. Dann Geld wechseln, viele Kips für ein paar Dollars, wieder die Erinnerung an Burma, aber irgendwann, ganz entspannt, ganz gelassen, ist alles getan, alles erledigt.

Wir sitzen in einem Restaurant, warten auf das Schiff. Langsam bildet sich eine Gruppe. Die meisten anderen Travellers sind jung, freundlich, oberflächlich, manche nicht gerade Lichter am Himmel, aus Irland, Australien, England, Spanien. Man versteht sich, hilft sich, unterhält sich, rückt zusammen im fremden, unbekannten Land.

Und dann das Schiff, der Fluss. Alles ist etwas grösser als vorgestellt. Die Passagiere  sitzen in Zweierreihen mit einem Zwischengang. Leider sind die Sitze so tief, sodass man sich strecken muss, um die vorbei schiessende Landschaft geniessen zu können.

Vorbeifahrt an Felsen und Bäumen

Felsen am Mekong

Durch die braunen Fluten

Und zu sehen gibt es viel. Obwohl Slowboat genannt, pflügt sich das Boot mit beeindruckender Geschwindigkeit durch die braunen Fluten, vorbei am busch- und baumbestandenen Ufer, an dem Kinder spielen, Männer lange Fischerruten ins Wasser halten, sich Wasserbüffel träge suhlen, Frauen ihre bunte Wäsche waschen. Immer wieder fliegen schroffe Felsen vorbei, das Boot ruckelt vorsichtig daran vorbei, Stromschnellen lassen zum ersten Mal das Abenteuerherz hüpfen (allerdings noch in Unwissenheit darüber, welche Stromschnellen der Nam Ou bereithalten wird). Manchmal schiessen Speed Boats vorbei, der infernalische Lärm der Aussenbordmotoren springt uns einen Moment an und verebbt nach wenigen Sekunden hinter einer Kurve.

Felsen im Fluss

Gefährlich aussehende Felsen im Fluss

 

Ich liebe den Fluss jetzt schon (ich habe Flüsse schon immer geliebt, auch wenn sie mir mit meinen begrenzten Schwimmkünsten Respekt einflössen). Man spürt die ungeheure Kraft des Wassers, dieses Ziehen, Drücken, und glaubt, die leise Drohung zu erkennen.

Am Flussufer

Arbeit am Ufer

Der Bug pflügt sich in beeindruckendem Tempo durch die Wellen, vorbei an den Felsen, den Untiefen, die nur ein guter Lotse und Kapitän kennt. Ich habe zwar einen sehr netten jungen Mann auf dem Nachbarsitz, einen Schweden auf längerer Reise, bevor er sich ins bürgerliche Arbeits- und Karriereleben einfügen will, doch ich will mehr sehen vom Fluss, von der wilden Fahrt auf dem Rücken des Monsters.

Es sitzen, stehen zwar schon einige Leute am Bug, doch irgendwie schaffe ich es, einen vorzüglichen Sitz auf dem aufgestapelten Gepäck zu finden. Und so beginnt der wirklich atemberaubende Teil der Reise, auf einem Hochsitz über den Wellen. “I’m the King of the World”, würde Leonardo Di Caprio auf dem Bug der Titanic rufen. Mir genügt der heruntergekommene Kahn auf dem Mekong.

Am Ufer des Mekong

Hütten, kleine Dörfer, Schiffe, Menschen …

Wäsche zum Trocknen

Wäsche zum Trocknen aufgehängt

Laos gleitet vorbei

Und so gleitet Laos an uns vorbei, grün, braun, grau, bunt, eintönig, aber nie langweilig. Manchmal sehr lange kein Lebenszeichen, ausser den Vögeln, dann wieder Herden von Kühen und Büffeln, winkende Kinder, Männer mit ernsten Gesichtern. Manchmal beobachte ich die andern Touristen, ihre Verhaltensweisen, Paare, eng umschlungen auf das Wasser starrend, plappernde Jungs mit neuen Bekanntschaften, Laoten, die ihren Kindern den wilden Fluss zeigen. Schön …

Pak Beng

Zwischenhalt in Pak Beng

Übernachtung in Pak Beng

Nach langen, aber nicht langweiligen Stunden der Zwischenhalt, Pak Beng, ein Kaff, das wahrscheinlich nur existiert, weil die Touristenboote hier Zwischenhalt machen. Man muss das Gepäck eine steile Betontreppe hinauftragen, was aus dem Hobbit-Paar ein paar tiefe Schnaufer herauspresst.

Die Unterkunft ist nun nicht mehr Teil des Pauschalarrangements, also gilt es zum ersten Mal, ein Hotel zu finden. Was angesichts der beeindruckenden Anzahl kein Problem ist. Das Zimmer ist angenehm, das Bett gross, das Bad akzeptabel.

Und das Essen vorzüglich. Ich setze mich zu den Hobbits, die sich als ein sehr kluges, wohlinformiertes Paar aus Kanada erweist. Die Vierte im Bunde erweist dem Bild einer ältlichen Jungfer Respekt. Sie ist Bibliothekarin, wohlbelesen, und aus der merkwürdigen Zusammensetzung ergibt sich ein wunderbarer Abend mit den wahrscheinlich hochstehendsten Diskussionen seit langer Zeit. Die alte Dame entpuppt sich als Kennerin der “Gormenghast-Trilogie” und findet in mir einen begeisterten Fan.

Mervin Peake – Gormenghast

Schloss Gormenghast, ein mächtiges, labyrinthisches Gemäuer, beherbergt seit jeher das alte Geschlecht der Grafen Groan. Die Zeit vergeht anders hinter den dicken Mauern und die Schlossbewohner pflegen rätselhafte Zeremonien. Auch Titus, der 77. Erbe des Geschlechts Groan, muss sich den Traditionen beugen, doch für ihn gleicht das Schloss einem Gefängnis. Als die dunklen Kammern und die nicht enden wollenden Gänge von unerklärlichen Ereignissen heimgesucht werden, muss er um sein Leben fürchten. Kann er dem unheilvollen Gormenghast entkommen?

Und ich schlafe zum ersten Mal durch und erst noch gut.

PS Song zum Thema:  Bishop Briggs – River

Pak Beng – Oudomxai: Fahrt durch wildes Land

Wildes Land

Durch die Fahrt nach Oudomxai muss ich wieder mal Abschied nehmen. Frühstück also zum letzten Mal mit meinen neuen Bekannten, die das Boot nach Luang Prabang nehmen. Wie jedermann ausser mir, der ich wieder mal alles anders machen will als der Rest der Welt. Ich beobachte das Herumwuseln, bis endlich alle und alles wieder verstaut ist, bis endlich das Boot Fahrt aufnimmt und nach kurzer Zeit im frühmorgendlichen Nebel entschwindet. Leises Bedauern.

Banana Pancakes

Doch der Norden ruft. Ich finde eine Bäckerei und Banana Pancakes und ähnliche Kostbarkeiten. Eine perfekte Zwischenverpflegung auf der Fahrt nach Oudomxai.

Süsse Dinge

Pavlov’s Dog: eine erfreuliche Aussicht auf Süsses (endlich)

Ein TukTuk bringt mich zur Busstation, wo schon einige Leute geduldig auf die Abfahrt warten. Der Bus, nicht besonders gross, aber in beruhigend gutem Zustand, steht bereit. An einem Stand werden allerhand Dinge gegrillt. Sie sehen nicht nur seltsam aus, sondern riechen auch etwas streng und entpuppen sich beim näheren Hinsehen als Schlangen.

Eine Fahrt durch wildes Land, durch hellgrüne Wälder, vorbei an Feldern, Hütten auf Stelzen und solche auf dem Boden. Nicht viel Verkehr, das Land ist so arm, dass sich niemand ein Auto leisten kann. Dafür Roller, viele Roller, auf denen gelegentlich ganze Familien transportiert werden. Indien lässt grüssen. Der Bus wird doch noch voll, wechselnde Besetzung, immer wieder Halte in Dörfern oder an seltsamen Orten, wo jemand zu- oder aussteigen will.

Oudomxai – Dorf im Niemandsland

Die fünf Stunden gehen schnell vorüber, die Berge bleiben hinter uns zurück, eine weite Ebene öffnet sich dem Blick, eine schnurgerade Strasse führt geradewegs nach Oudomxai. Ich bin seltsam glücklich, beinahe euphorisch, schlendere langsam die Hauptstrasse entlang, bis ich das gesuchte Hotel finde. Es ist gross, angenehm und ziemlich leer. Soll mir egal sein, auf jeden Fall macht das Zimmer einen sauberen, einladenden Eindruck.

Eine neue Stadt

Spaziergang durch eine neue Stadt, immer ein besonders Erlebnis. Dann, wenn der Orientierungssinn noch strauchelt, wenn der Blick nach Wahrzeichen sucht, etwas, woran er sich festhalten kann. In Oudomxai kein Problem, da die Stadt eher ein Städtchen ist. Ein gemütliches, gelassenes Kaff mit einer ziemlich geraden Hauptstrasse mitten hindurch, gesäumt von unzähligen Läden, Ständen, Restaurants. Es gefällt mir.

Kein Treck, dafür Schnapps für alle

Allerdings klappt alles, wonach ich suche, erst mal nicht. Es gibt keine Kurztrecks, allenfalls allein, dafür teuer. So berichtet man mir im eigentlich gar nicht geöffneten Touristenbüro. Und der Fahrradvermieter hat gerade keine Bikes zum Vermieten, schon gar nicht eines nach Muang Khoua (später sollte mir klar werden, dass mir dadurch ein elendiglich mühsamer Tag erspart geblieben ist).

Dafür bewirtet er eben ein holländisches Ehepaar; man ist von einer Hochzeit zurückgekehrt und feiert den Tag nun mit Schnaps und befindet sich momentan in einer Phase alkoholumschwängerter Euphorie. Ich kann dem Angebot, ein Gläschen mit zutrinken, widerstehen und oute mich als Antialkoholiker.

Oudomxai

Vogelhaus? Briefkasten?

Mutige Biker

Abendessen in einem Restaurant. Relativ düster, aber auch relativ billig (es sollte der kostenmässige Tiefpunkt bleiben). Ein gefüllter Teller Fried Noodles mit Chicken, einem Liter Mineralwasser und einem Bier kostet gerademal etwa drei Franken. Ein ausländisches Ehepaar sitzt unweit, ich spreche sie an. Amerikaner aus Alaska, auf dem Weg per Velo nach China, Zentralasien, Kasachstan … Mutig.

Aber die beiden, obwohl in den Jahren, machen einen zähen Eindruck. Sie werden es schaffen. Sie erzählen von einem ebenso zähen Schweizer, den sie in Kalifornien trafen auf dem Weg nach Alaska, ebenso auf dem Velo notabene, wo sie ihm später wieder über den Weg liefen. Er hatte es geschafft. Ich bin fast ein bisschen stolz auf meine zähen und mutigen Landsleute …

PS Song zum Thema:  Bruce Springsteen – Tougher than the Rest

Oudomxai – Ein Phantomwasserfall

Der Zufall führt

Morgenessen an der Sonne in einem nahe gelegenen Restaurant. Die Bedienung ist, wie die meisten Laoten, geradezu schmerzhaft freundlich, der Banana Pancake ein Gedicht.

Heute soll mich der Zufall führen, wohin auch immer. Ich befinde mich also in einem Kaff irgendwo im Norden von Laos, von dessen Existenz ich bis vor wenigen Tagen nichts wusste, allein, mit dem höchsten Grad an Autonomie, ich sitze hier und geniesse diesen wundervollen Morgen in den höchsten Zügen (trotz infernalischem Lärm und in die Nase stechenden Abgasen von der Strasse her).

Ein wunderbarer Tag, wie angekündigt. Zuerst ein langsamer Spaziergang durch die Stadt, Sabaidee hier, Sabaidee da, eine Nase voll laotischen Alltags.

Shop

Ein Shop mit lauter Dingen

Besuch der Stupa auf dem Hügel, keine Menschenseele zu sehen, nur ich und der Buddha, riesenhaft, still, in sich ruhend.

Buddha

Der Buddha mit Blick in die Ewigkeit

Der Nase nach

Es gibt – irgendwie passend zu diesem Morgen, denn er hat was anderes vor mit mir – keine Velos zu mieten (ebenso habe ich weder gestern noch heute die im Lohse verheissene Bakery gefunden).

Ich marschiere also los, gefasst, entschlossen, den südlichen Hügeln entgegen, wo es laut Karte einen Wasserfall geben soll. Der ist mir zwar ziemlich egal, aber der Mensch braucht Ziele. Heiss, staubig, lärmig – Roller, Lastwagen, protzige SUVs machen das Marschieren etwas mühsam, aber was soll’s.

Sabaidee

Ich schreite aus, langsam am Anfang, dann schneller, entschlossener, mit meinem üblichen Wanderschritt, denn der Weg scheint weit zu sein. Es fühlt sich gut an, dieser Marsch durch das grüne Land, vorbei an Feldern, verschmutzten Flüsschen, chinesischen Protzbauten, kleinen, verhutzelten Hütten, vor denen lächelnde Frauen mit ihren Kindern sitzen und mir ein fröhliches Sabaidee nachrufen.

Häuser

So wohnen viele Laoten

Manchmal oder eigentlich meistens bin ich der Sabaidee-Mann und erhalte postwendend ein ebensolches zurück. Soviel Armut, soviel Lebensfreude und Freundlichkeit.

Dröhnend heiss

Die Strasse hört nicht auf, es ist dröhnend heiss. Die Abzweigung nach Luang Prabang, die gemäss Karte schon vor Kilometern hätte kommen müssen, taucht endlich auf. Von nun an geht’s bergauf, eine löchrige, staubige Strasse entlang, gesäumt von Bäumen und Gebüschen, manchmal im Schatten grosser Laubbäume, deren Namen ich nicht weiss. Hühner und Truthähne und anderes Getier scharrt unsichtbar im Dickicht.

Die Passhöhe ist sozusagen erreicht, ich bin auch schon über 2 Stunden unterwegs, vom Wasserfall keine Spur. Er wird wohl für ewig eine Fata Morgana bleiben. Nun, mindestens gibt es hier eine kleine Beiz, auf jeden Fall kriegt man was zu trinken, und so setze ich mich auf einen von Wind und Wetter gebleichten Plastikstuhl, esse etwas Brot und rede mit dem Besitzer die wenigen Worte in Laotisch, während unzählige Hunde und Katzen um meine Beine streifen. Dann gehe ich den weiten gleichen Weg zurück, den ich gekommen bin …

Alles gut.

PS Song zum Thema:  TLC – Waterfalls

Oudomxai – Muang Khoua: Ein voller Bus

Von Oudomxai nach Muang Khoua

Ein eigenartiger Tag. Er fängt mit schlechten Omen an, und einmal mehr zeigt sich, woher der Aberglaube seine Kraft bezieht. Irgendetwas drängt zum Aufbruch, und in der Tat: trotz einer Stunde vor Abfahrt ist der Bus gerammelt voll. Meiner Charmeattacke kann sich die junge Dame, die den Zutritt zum Bus unter Kontrolle hat, nicht entziehen und lässt mich einsteigen, allerdings mit der freundlichen Warnung, dass es unter Garantie keinen Sitzplatz mehr hat.

Kein Sitzplatz mehr

Und so verbringe ich die nächsten wackligen Stunden aufrecht stehend, die Hände um irgendwelche Stangen und Haltegriffe geklammert, inmitten eines farbigen Völkleins, distinguierte ältere Damen, in bunte Trachten gekleidet, laut und lustig schwatzend, mangels Sitzgelegenheiten auf Campingstühlen kauernd, während der neueste Tratsch lauthals und gelegentlich unter heftigen Lachattacken ausgetauscht wird.

Bus nach Muang Khoua

Ein farbiges Völklein im Bus

Wo ist das Gepäck?

Mit Ausnahme der Arme, die vom krampfhaften Halten schmerzen, geht es eigentlich ganz gut. Die Fahrt führt, soweit ersichtlich, ähnlich wie die letzte durch dicht bewaldetes Gebiet, mal rauf, mal runter, viele Kehren, die das Stehen mühsam machen. Dann ein erzwungener Halt: ein paar Gepäckstücke haben sich vom Dach gelöst und sind auf die Strasse gefallen.

Stop im Niemandsland

Sammeln der verlorenen Gepäckstücke

Nicht gerade beruhigend mit Blick auf den eigenen Rucksack, doch es ist nichts passiert, das Gepäck wird wieder festgezurrt und weiter geht’s, rauf und runter, und wenn ich an die geplante Velotour denke, wird mir ganz übel. Das wäre eine echte Herausforderung gewesen. Das vermeintliche gestrige Pech hat sich einmal mehr als Glücksfall erwiesen.

Niemandsland

Irgendwann hält der Bus. Niemandsland. Wo ist dieses Muang Khoua? Ich schliesse mich dem Zug der Lemminge an, klammere mich an die Ladefläche eines TukTuks und harre der Dinge, die da kommen. Die Freude ist gross: Wind im spärlichen Haar, es geht schnell und lärmig und staubig dem Dorf entgegen wie einst auf Papas Lastwagen. Ferne Erinnerungen …

Nichts für meine bescheidenen Ansprüche

Die Suche nach einem Hotel gestaltet sich schwieriger als gedacht. Das Kaff ist klein, doch zu beiden Strassenseiten gesäumt von unzähligen Buden und Restaurants. Das erste, im Führer empfohlene Hotel entpuppt sich als unbrauchbar, sogar für meinen ziemlich bescheidenen Geschmack. Vielleicht ist es auch das unfreundliche Wesen in Gestalt eines jungen Mädchens, das mich ins Zimmer führt. Nein! Am Schluss lande ich in einem gesichtslosen, hässlichen Bau, offenbar aus der Stalinzeit, aber das Zimmer ist ok.

Der Ort ist in ein paar Minuten abgelaufen. Eine enge Strasse führt zum Nam Ou hinunter, dem Fluss, der mich morgen in Richtung Süden bringen soll. Der Transfer nach Vietnam gestaltet sich immer noch schwierig und muss via Booten vorgenommen werden.

Lastwagen Transfer über den Nam Ou

Lastwagen Transfer zwischen Vietnam und Laos

Riesige Lastwagen müssen auf vergleichsweise schwächliche Boote verladen werden. Ein Kommen und Gehen, entlang der Hauptstrasse tägliche Chilbi, Stand reiht sich an Laden an Stand an Handwerksbude. Ausschau nach eventuellen Souvenirs, aber wie üblich vergebens. Es gibt in Laos schlicht nichts, was sich zu kaufen lohnen würde. Der immer gleiche Plastikmüll, farbig und giftig und für die Ewigkeit gedacht.

Schulbesuch

Eine Hängebrücke, wacklig und im Dauerschwingen, führt über einen dreckigbraunen Zufluss zum Nam Ou. Eine Menge Schüler, alle identisch gekleidet in Weiss und Schwarz, begegnet mir auf dem Weg hinüber in den andern Dorfteil. Ich folge ihnen durch einen schattigen Hain.

Ein Junge, dessen Namen ich nach knapp zwei Sekunden wieder vergesse, spricht mich an. Er will mir unbedingt das Schulhaus zeigen, wo er sich in einer halben Stunde zur nächsten Lektion einfinden muss. Aufregung und vielstimmiger Lärm künden das Schulareal an. Ein grosser orangebrauner Platz vor einem weissgestrichenen Gebäude, dazwischen wie weisse unruhige PacMen, die Schüler.

Ich werde im Nu umringt von Mädchen und Jungen, die alle ihre spärlichen Englischkenntnisse anbringen wollen. Der Lehrer steht bereits an der Tafel, gibt offenbar Nachhilfeunterricht, bevor der eigentliche Unterricht beginnt. Ich bin froh um die Glocke, die zum Unterricht ruft, und enteile dem aufgeregten Geschnatter, bevor ich auch noch Algebra büffeln muss.

Schule

Schule in Muang Khoua

Kein angenehmes Dorf

Ansonsten gibt es nicht viel über das Dorf zu sagen, ein veritables Kaff am Arsch der Welt halt. Der Einfluss der zahlreichen Chinesen, die sich hier unweit der chinesischen Grenze niedergelassen haben, ist spürbar. Die einzigen vernünftigen Restaurants finden sich  an der Strasse, die zum Fluss hinunterführt, und auch diese sind merkwürdig unangenehm, wie es in Laos äusserst selten vorkommt.

Zum ersten Mal – der Nam Ou

Nach einem ausgedehnten Mittagsschlaf begebe ich mich auf die Suche nach Informationen zu meinem geplanten Bootstrip den Nam Ou hinunter. Es gibt zwar eine Art Schalter, der sogar geöffnet hat, nur Tickets werden erst am andern Tag ausgegeben. Immerhin stosse ich auf zwei Holländer, die ebenfalls nach Süden wollen. Macht immerhin schon drei Personen. Mal sehen, ob es morgen noch einige mehr gibt, dann sollte es klappen.

Ich folge dem Fluss aufwärts bis zu einer Lagune, die wasseraffine Leute zum Schwärmen und Schwimmen bringt. Zu diesen gehöre ich bekanntermassen nicht, und so verfolge ich das Treiben durch die Brille der Voreingenommenheit, beobachte lärmige Franzosen bzw. Französinnen, von denen ich hoffe, dass sie am andern Tag irgendwohin reisen, nur nicht in den Süden.

PS Song zum Thema:  Eminem – Bus a Rhyme

Nam Ou: Ein wilder Trip

Das Abenteuer beginnt – Teil 1

Heute steht der Nam Ou auf dem Programm. Das wird hoffentlich genau der verrückte und etwas gefährliche Trip werden, den ich mir erträumt habe. Die Kellnerin im Restaurant, in dem ich kurz nach sieben hastig eine Omelette und einen wirklich guten Kaffee zu mir nehme, ist definitiv kein Kandidat für den Oskar an Freundlichkeit. Vielleicht ist es einfach noch zu früh am Morgen. Oder einfach ein blödes Kaff.

Frühstück mit Kaffee Nom

Wenigstens der Kaffee ist ausgezeichnet

Reto

Kurz vor acht bin an der Anlegestelle, wo sich bereits ein ansehnlicher Haufen anderer Touristen eingefunden hat, darunter ein Schweizer, den ich an seinem Englischakzent aus einer Million heraus hätte identifizieren können. Er heisst Reto, ein Aargauer, etwas jünger als ich. Später stellt sich heraus, dass er bereits seit Jahren unterwegs ist, Haus und Job in der Schweiz aufgegeben hat und nun die Welt als Heimat angenommen hat.

Anlegestelle am Nam Ou

Anlegestelle am Nam Ou

Abfahrtsort des Nam Ou

Hier beginnt das Abenteuer auf dem Nam Ou

Nachdem sich die wartenden Touristen im Boot bequem gemacht haben, stösst das vollbeladene Boot pünktlich um 9.30 ab. Das Abenteuer beginnt.

Nam Ou

Im Boot auf dem Nam Ou

Stromschnellen und ein wackliges Boot

Und ein Abenteuer ist es fürwahr. Es könnte der Höhepunkt dieser Reise werden (was tatsächlich auch so sein wird). Das Ufer, von Bäumen, Gebüschen und kargen Wiesen gesäumt, gleitet schnell, viel schneller als vorgestellt, vorbei; der Aussenbordmotor knattert und röhrt und bringt das schmale Holzboot zum pfeilschnellen Gleiten auf dem unruhigen Fluss.

Es hat Platz für knapp 10 Personen, die zu beiden Seiten hintereinander sitzen. Der Kapitän sitzt majestätisch vorne am Bug, in der Hand lässig das Steuerrad, in der andern Hand eine Zigarette. Wir sind ein farbiger Haufen.

Urwald und riesige Bäume

Im Hintergrund, an den hügligen Gebirgszügen entlang, zieht sich ein dichter Urwald bis zum Horizont. Riesige Bäume,mir völlig unbekannt, stossen bis zum Himmel, andere neigen sich mit ausladenden Kronen, Schatten verbreitend, über das Ufer. Das Wasser ist schnell, gleitet schäumend an den ausgewaschenen Ufern vorbei, das Boot ruckelt und zuckelt, und es dauert nicht lange, bis uns die erste Stromschnelle durchschüttelt.

Stromschnellen

Erste Stromschnellen

Neugierige Wasserbüffel

Wir werden neugierig, wenn auch etwas gelangweilt, beobachtet

Ruhiger Abschnitt

Manchmal ein ruhiger Abschnitt …

Brücke im Bau

… dann wieder Vorboten der Zukunft

Wir sind begeistert, glauben an das grosse Abenteuer, in Unkenntnis davon, dass dies erst der Beginn ist. Die wirklich furchterregenden Stromschnellen liegen flussabwärts, aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

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Ein holländischer Gentleman

Irgendwo im Niemandsland wechseln wir das Boot, niemand weiss den Grund, aber es ist letztlich egal. Allerdings ist das Boot grösser, vor allem kann es mehr Gepäck aufnehmen. Aus einem offenbar nahegelegenen Dorf tragen Männer und zierliche Frauen gewaltige Lasten herbei, die allesamt ins Boot verladen werden. Wenn das bloss gut geht.

Ein Holländer bietet sich ganz Gentleman-like an, beim Transport zu helfen, und gerät kurz, obwohl einen Kopf grösser und wesentlich breitschultriger als die schwachbrüstigen Laoten, an seine körperlichen Grenzen. Sein Keuchen ist von weitem zu hören. Wir bemitleiden ihn alle, aber nur ein bisschen …

Mutter mit Kind und Gepäck

Gepäck, Kinder und ein freundliches Lächeln

Weitere Stromschnellen, immer ein wenig furchterregender werdend, ein wilder Tanz auf den Wellen, der Bug hebt und senkt sich im Takt des Wassers, das peitschend am Boot rüttelt. Manchmal wird man nass und fühlt sich wunderbar. Was sind wir bloss für wilde Kerle …

Muang Ngoi

Nach Stunden ruhigen und dann wieder wilden Treibens auf dem Fluss, erreichen wir Muang Ngoi. Es ist einer der Orte, die jeder Traveller kennt und in denen es garantiert wimmelt von kleinen Läden und Restaurants, wo du alles erhältst, wonach sich dein Herz sehnt. Er ist nur über den Fluss erreichbar, was ihn speziell und gottlob etwas abseits macht.

Muang Ngoi

Anlagestelle in Muang Ngoi

Zimmer mit schlechtem Ruf

Ich nehme ein Zimmer in einem sauberen und günstigen Hotel (Fr. 7.- pro Nacht). Jemand erzählt, dass dieses Zimmer meistens frei steht. Offenbar wurde hier vor einiger Zeit ein junges Paar tot aufgefunden steht (deswegen der niedrige Preis?). Ich bin höchstens ein bisschen abergläubisch, also soll mich diese traurige Geschichte nicht gross beeinflussen (und tatsächlich: ich schlafe beide Nächte fest und tief wie ein Baby).

Unser Hotel

Ein erstklassiges Hotel mit teilweise schlechtem Ruf

Mein Hotelzimmer

In diesem wunderbaren Zimmer scheint sich eine Tragödie abgespielt zu haben

Seltsame Souvenirs

Wir essen eine Kleinigkeit auf der Terrasse, schwatzen über Gott und die Welt, machen einen Rundgang durch das wirklich herzige Kaff. An allen Ecken raucht und riecht es nach allerhand Köstlichkeiten, und manchmal steht irgendwo an einer Ecke der Überrest einer Fliegerbombe aus dem Vietnamkrieg. Seltsame Souvenirs! Eine grosse Anzahl Backpackers streunen durch die Gassen und unbefestigten Strässchen.

Backpacker Hotspot

Eine typische Hauptstrasse in einem Backpacker Hotspot

Gassen

Gassen wie vor hundert Jahren

Alte Flugzeugbomben

Etwas irritierende Souvenirs aus dem Vietnamkrieg

Ausblick Nam Ou

Ausblick auf den Nam Ou bei einem kühlen Bier

Das Dorf gefällt mir wirklich, und deshalb entschliesse ich mich kurzfristig, noch etwas hierzubleiben und am nächsten Tag einen Trip ins nächste Dorf zu unternehmen. Der Abend ist kühl, um zehn wird der Strom abgestellt, und ich stehe mit meiner Zahnbürste im Dunkel …

PS Song zum Thema:  The Killers – This River is wild

Muang Ngoi – Auf der vergeblichen Suche nach Mr. Wong

Ein Abstecher ins nächste Dorf

Beim Morgenessen Gespräch mit einem englischen Paar, James und Suzie. Er ist Reiseschriftsteller (aber später stellt sich heraus, dass er noch viel mehr ist; seine Vita ist beeindruckend, aber davon später mehr). Auf jeden Fall entschliessen wir uns, zusammen mit James Ruddy, so heisst der Mann, ins nächste Dorf zu wandern. Reto möchte einen alten Bekannten aufsuchen, einen Herrn Wong.

Alles verändert sich

Um halb elf geht’s los, die Häuser fallen hinter uns zurück.  Es ist (noch) ein gutes Dorf, dieses Muang Ngoi, aber wie lange noch? Es verändert sich mit rasender Geschwindigkeit, wie alles, das auf dem Radar der touristischen Weltgemeinde auftaucht. Allein heute Morgen sind ein paar schöne alte Palmen gefällt worden, um Platz für ein weiteres Guesthouse oder eine Spelunke zu machen, die dann mangels Erfolg über kurz oder lang zerfällt. Oder auch nicht. Der Lauf der Welt, wie immer auch ein düsteres Kapitel … Ich wage nicht mir vorzustellen, wie es hier in ein paar Jahren aussehen wird.

Noch Idylle

Wie wird es hier in ein paar Jahren aussehen?

Summende Stille zwischen den Bäumen

Der  Weg ins abgelegene Dorf ist angenehm, meistens flach, an sprudelnden Bächen und weidenden Kühen und Wasserbüffeln vorbei.

Spaziergang ins nächste Dorf

Meine Begleiter auf dem Weg

ein wundetbarer Spaziergang

Hütten, weidende Kühe – idyllisch

Manchmal führt der schmale ausgetretene Pfad durch Alleen durch, Äste schwingen herab und manchmal ins Gesicht, eine summende Stille zwischen den Bäumen, die wie aufrechte Soldaten gegen den Himmel schauen. Gelegentlich gilt es einen Bach zu durchqueren, barfuss mit Vorteil, denn das Wasser ist teilweise recht tief und wunderbar kühlend. Schuhe aus, waten, Schuhe an.

Alleen

Alleen im Dschungel

James

James ist klug, belesen, sehr sympathisch und höflich, wie man sich einen Engländer vorstellt. Er ist aus dem Arbeitstrott ausgeschieden und verdient sich nun seinen Lebensunterhalt mit dem, was er am liebsten macht: Reisen. Er ist auch schon sechs Monate unterwegs und schreibt ein neues Buch für Reisende über 50 mit dem Arbeitstitel „Born to be mild“.

Ganz bescheiden, wie er ist, verweist er auf ein anderes seiner Bücher: “The Kindness of a Stranger“. Er beschreibt darin seine Aufenthalte in Kriegsgebieten, die Gräuel, das menschliche Leid, die Perspektivlosigkeit der Welt.

Eine vergangene Welt

Dann endlich das Dorf. Das Gefühl, im Mittelalter oder einer längst vergangenen Welt angekommen zu sein. Ein paar da und dort herumliegende Plastikflaschen stören das Bild, doch die Holzhäuser auf Stelzen, die gackernden Hühner auf den unbefstigten Gassen zwischen den Hütten, die schwach rauchenden Feuerstellen, die lärmenden Kinder, alles deutet auf etwas hin, das in unserer westlichen Welt längst vergessen ist: Ruhe, Frieden und Harmonie. Auch wenn sie trügerisch ist …

Dorf

Eine vergangene Welt

Hütten im Niemandsland

Wie vor hundert Jahren

schlafender Hund

Mittagsschlaf in der Hitze

Während Reto sich auf die Suche nach Mister Wong macht (der sich als Phantom entpuppt, auf jeden Fall ist er unauffindbar), lassen James und ich uns auf der Terrasse des einzigen Restaurants nieder, bestellen Suppe, Bier und was sonst noch alles dazugehört.

Lachendes Elend

Der Wirt ist ein seltenes Unikum: klein, rundlich, ein verschmitztes Lachen im Gesicht. Sein Englisch würde jeden Comedypreis erhalten, aber wir erfahren trotzdem so einiges über das Dorf, über diese kleine, dem Untergang geweihte Welt.

Er ist nicht nur Restaurantbesitzer, sondern hätte auch ein paar Bungalows zu vermieten, Kostenpunkt 5000 Kips pro Nacht. Das sind umgerechnet gut 70 Rappen! Meine Güte! Ob sie unseren ziemlich niedrigen Standards genügen würden, ist eine andere Frage. Wohl eher nicht. Es dauert allerdings nicht lange, bis ein paar junge Travellers dem Angebot nicht widerstehen können und die Zimmer beziehen.

Fröhliche Runde

Die Runde wird immer fröhlicher …

Nach ein paar Bieren und Schnaps wird die Stimmung immer besser, das Lachen lauter. Am lautesten lacht der Wirt; wir wälzen uns beinahe am Boden, obwohl wir eigentlich nicht wissen, warum. Während er lacht, erzählt er traurige Geschichten, von seiner Frau, die einen Unfall hatte, in Luang Prabang und Vientiane behandelt wurde, bis ihm das Geld ausgegangen ist. Nun ist sie wieder zuhause, aber es geht immer noch nicht gut. Das Lachen bleibt im Hals stecken …

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Irgendwann machen wir uns trotz angenehmer Gesellschaft auf den Rückweg, die Sonne steht bereits am Horizont, wir schaffen es aber eben noch vor Einbruch der Dunkelheit. Meine Zehe macht mir etwas Sorgen. Falls es sich zu einer Blutvergiftung entwickeln sollte, habe ich ein Problem. Aber so weit sind wir noch nicht.

Dann der letzte Abend in Muang Ngoi, ich werde eine wehmütiges Gefühl mitnehmen, nicht nur des Dorfes, sondern auch der Gesellschaft der neu gewonnenen Freunde wegen, die ich nun wahrscheinlich wieder einmal für immer verlassen muss.

PS Song zum Thema:  Lynyrd Skynyrd – Searching

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