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Die Laos Bücher Laos

Die Laos Bücher

Philip Pullman – His dark Materials

Die Waise Lyra, Hauptfigur in »Der Goldene Kompass«, lebt in einer Parallelwelt – der unseren ganz ähnlich –, in der Wissenschaft, Theologie und Magie eng miteinander verwoben sind. Als ihr bester Freund verschwindet, macht Lyra sich auf die Suche nach ihm und kommt einer finsteren Verschwörung auf die Spur.

Sie muss herausfinden, was es mit dem seltsamen »Staub« auf sich hat. In »Das Magische Messer« bekommt sie dabei Unterstützung von Will, der ein besonderes Messer besitzt: Mit ihm kann er Fenster zwischen den Welten öffnen. Nach und nach entdecken Lyra und Will die Wahrheit über Lyras Herkunft. Und über ihre Rolle in der großen Schlacht, die nicht nur eine Welt umfasst und die in »Das Bernstein-Teleskop« ihren spannenden Abschluss findet.

Philip Pullman – His Dark Materials, ist eine unvergleichliche Fantasy-Serie, die das Leserherz von Millionen gerührt hat. Die Verfilmung von Band 1 Der goldene Kompass erhielt nicht gerade euphorische Kritiken, deshalb wurde auf die Verfilmung der Bände 2 und 3 verzichtet. Aber jetzt hat die BBC in Zusammenarbeit mit HBO eine neue Bearbeitung als Mini-Serie produziert. Sie ist grossartig! Und ja, Pullman schreibt eine neue Trilogie, das Prequel zu den Dark Materials.

 

Charles Dickens – Great Expectations

Es gibt 100 000 Bücher, die schön sind; 10 000, die sehr schön sind; 1 000, die noch viel schöner sind als alle die anderen. Und es gibt 100 Bücher, die den lieben Gott zum Weinen bringen: Eines davon ist Charles Dickens’ Große Erwartungen.

Muss man mehr dazu sagen?

Ich habe jahrelang vergessen, mich an dieses Buch zu erinnern. Und ausgerechnet in Laos, zeitlich, geographisch und kulturell Lichtjahre vom Englang des 19. Jahrhunderts entfernt, bin ich daran erinnert worden. Zu meiner Freude und Befriedigung.

 

 

Patrick Leigh Fermor – A Time of Gifts / Between the Woods and the Water

18 Jahre alt ist Patrick Leigh Fermor, als er sich aufmacht, Europa zu erkunden. Sein Ziel vor Augen, er will nach Konstantinopel, wandert er zunächst von Hoek van Holland rheinaufwärts. Tief hinein nach Deutschland geht die winterliche Reise, durch Wiesen und Wälder, verschneite Städte, die Donau entlang, nach Wien und Prag, bis in die ungarischen Marschen.

Es ist das Jahr von Hitlers Machtergreifung. In seiner poetischen und präzisen Sprache lässt Patrick Leigh Fermor vor unserem inneren Auge das alte Europa erstehen, das wenige Jahre später in Schutt und Asche versinken wird.

Das ideale Reisebuch. Man wundert sich über einen Achtzehnjährigen, der 1933 mitten im Winter einfach losmarschiert, den ganzen Kontinent durchquert und schliesslich am Ziel in Istanbul ankommt. Man möchte sofort selbst packen und losmarschieren …

 

 

Gregory David Roberts – Shantaram

Als der Australier Lindsay in Bombay strandet, hat er zwei Jahre Gefängnis hinter sich und ist auf der Flucht vor Interpol. Zu seinem großen Glück begegnet er dem jungen Inder Prabaker, der ihn unter seine Fittiche nimmt.

Auf ihren Streifzügen durch die exotische Metropole schließen die beiden eine innige Freundschaft, und Lindsay lernt nicht nur die Landessprache, sondern auch, mit sich ins Reine zu kommen: Er wird zu „Shantaram“, einem „Mann des Friedens“, und kämpft für die Ärmsten der Armen. Doch dann verfällt Lindsay einer Deutsch-Amerikanerin mit dubiosen Kontakten zur Unterwelt.

Man weiss immer noch nicht, ob die Geschichte wahr ist, oder ob der begnadete Erzähler sie sich aus den Fingern gesogen hat. Eigentlich egal, denn es ist ein ganz grosses Lesevergnügen. Und ausserdem: dieses Buch habe ich am Strand von Calangute in Goa einem fliegenden Händler abgekauft. Eine Kopie einer Kopie einer Kopie …

 

 

Carlos Ruiz Zafon – The Shadow of the Wind (Der Schatten des Windes)

An einem dunstigen Sommermorgen des Jahres 1945 wird der junge Daniel Sempere von seinem Vater an einen geheimnisvollen Ort in Barcelona geführt – den Friedhof der Vergessenen Bücher. Dort entdeckt Daniel den Roman eines verschollenen Autors für sich, er heißt ›Der Schatten des Windes‹, und er wird sein Leben verändern.

Immer wieder erstaunlich, dass im Wust der jährlichen Neuveröffentlichungen solche Kleinode entdeckt und zu einem Welterfolg werden. Und eine solche Entdeckung führt zu weiteren Funden im reichhaltigen Werk des Schriftstellers …

 

 

 

Und hier weitere Bücher, die mich auf meinen Reisen begleitet haben:

Die Südindien Bücher

Die Laos Bücher

Die Südostasien Bücher

Die Ladakh Bücher

Die Südamerika Bücher

Die Nepal Bücher

 

Laos

Abschied – Tears in Rain

Die Rückkehr – immer das Gleiche. Ein ambivalentes Gefühl. Einerseits die Freude über die angenehmen Aspekte des Heimkommens in ein Land, wo alles funktioniert. Das komfortable Leben. Wo man das Wasser aus dem Hahnen trinken kann, ohne das Risiko einer mittelschweren Magen-/Darmerkrankung einzugehen. Wo die Stromversorgung zuverlässig funktioniert. Und ebenso alles andere.

Klingt das ein bisschen langweilig? Für mich schon.

Dazu kommt eben auch die Wehmut, die eben kennengelernte neue Ersatzheimat verlassen zu müssen. All die Menschen, die mir Freundschaft und Offenheit entgegengebracht haben. Die Orte, die mir neue Einblicke in andere Welten offenbart haben. All die Erlebnisse, die meisten davon klein und unbedeutend, die auf ihre Weise meinen Blick auf die Welt verändert und erweitert haben.

Für den Augenblick – Vergangenheit.

Bis zum nächsten Mal.

Aber hoffentlich nicht für lange.

 

Der Blick nach vorne

Denn der Blick geht schnell wieder nach vorne. In die Zukunft.

Der Flug nach Europa – zuerst nach Singapur, dann zurück nach Zürich, ist erfüllt mich mit Nachdenklichkeit. Aber noch bevor wir landen, ist das System bereits wieder angeworfen.

Der Blick zurück in Wehmut vergeht, der Blick nach vorne ist voller Möglichkeiten. Die Welt ist gross und bietet einem unruhigen Geist wie dem meinen eine unendliche Fülle an Zielen. Zu geheimnisvollen Orten mit magischen Namen. Mandalay. Iguaçu. Ladakh. Kailash. Sucre. Teotihuacan. Madurai …

Man kann nichts dagegen tun. Denn dieser Virus ist nicht behandelbar. Er ist eine lebenslängliche wunderbare Krankheit, die hoffentlich nie geheilt wird. Vielleicht wenn ich uralt bin. Nicht mehr gehen kann. Oder sehen. Hören. Alles zusammen.

Dann werde ich mich zurückerinnern. Schwelgen in den Erlebnissen von früher.

Aber soweit ist es noch nicht.

Deswegen fliegen die Gedanken. Zum nächsten magischen Ort.

Vielleicht Vietnam. Vielleicht Burma. Oder …

Wir werden sehen …

Die Welt ist gross …

 

Globus
Die Welt wartet …

Ich möchte – aus irgendeinem Grund, den ich selbst nicht verstehe -, diese Reise mit dem grossartigsten Todesmonolog der Filmgeschichte beenden.

Der sterbende Replikant Roy Batty wendet sich an Rick Deckard, dessen Leben er gerade gerettet hat, trotz der Tatsache, dass dieser geschickt wurde, um ihn zu töten. Die Szene spielt während eines heftigen Regengusses, kurz vor Batty’s eigenem Tod. Im Nachdenken über seine Erfahrungen und die drohende Sterblichkeit sagt er (mit dramatischen Pausen zwischen den einzelnen Aussagen):

I have seen things you people wouldn’t believe.

Attack ships on fire off the shoulder of Orion.

I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhäuser Gate.

All those moments will be lost in time, like tears in rain.

Time to die.

 

 

PS Song zum Thema:  Johnny Cash – Hurt

Next Stop – Südostasien

 

Laos

Bangkok – Bright Lights, big City

Nun bin ich also im Zentrum des Monsters. Der letzte Tag. Anstrengend, kräfteraubend, wahrscheinlich durch die schlechte Luft, den Lärm, die vielen Leute, die Millionen von Autos. Ist aber trotzdem ok, mir hat Bangkok schon immer gefallen. Es ist eine verrückte Stadt, aber trotz aller Verrücktheit hat sie etwas Faszinierendes, das nicht einfach zu erfassen ist.

Schon beim ersten Besuch vor ungefähr hundert Jahren ist mir etwas aufgefallen. Trotz Luftverschmutzung, trotz die Nerven strapazierenden Lärms, der eher einem nie endenwollenden Getöse ähnelt, trotz dichtem Verkehr und selbstmordgefährdeter TukTuk-Fahrten stellt ein unerklärliches Gefühl des „Alles-ok“ ein. Wie so vieles andere in Asien kaum erklärbar.

 

Läden
Überall Läden, Stände – es gibt viel zu kaufen
Läden in Bangkok
So hab ich’s in Erinnerung

Und heute ist es wieder so. Trotz der kurzen Zeit geschieht sehr viel. Ich bin wie üblich zu Fuss unterwegs, erkunde die unmittelbare Umgebung des Hotels, lasse mich treiben, dem Fluss und den geschäftigen Strassen und Gassen entlang.

 

Das Schlepper-Problem

Also, wie sich herausstellt, ein willkommenes Opfer für einen Schlepper. Trotz grinsenden Protesten meinerseits und der Behauptung, dass ich nie im Leben etwas kaufen werde, kutschiert man mich mit einem TukTuk zu einer erstklassigen Touristenfalle. Es handelt sich um einen trés distingué Laden für hochwertige Herrenmode, in das ich mit meinen heruntergekommenen Klamotten und dem 4-Wochen-Bart passe wie eine Kuh in den Petersdom.

Nun, die Leute lassen sich dadurch aber nicht davon abhalten, mir überteuerte Anzüge (sogar nach Thai-Standards), schrecklich farbige  Kravatten oder warme Mäntel anzubieten. Ausgerechnet! Aber irgendwie geniesse ich die Behandlung, auch wenn sich diese sehr schnell in höfliche Verachtung verwandelt, sobald mein offenkundiges Desinteresse auch wirklich offenkundig wird. Sogar der Schlepper/TukTuk-Fahrer macht auf der Rückfahrt den Eindruck, als würde er mich am liebsten in den Fluss kippen. Sorry, aber ich habe euch gewarnt!

 

Schlepper
TukTuk-Fahrer und Schlepper in einem

Das Briefmarken-Problem

Die Grusskarte wartet immer noch auf Beförderung, und so versuche ich, in einem Laden Briefmarken zu kaufen. Das scheint auf den ersten Blick erfolgreich zu sein, allerdings nur bis zu dem Moment, wo ich realisiere, dass es hier nur ziemlich grosse Briefmarken mit einem dafür sehr niedrigen Wert gibt. Ich würde also einen ganzen Bogen brauchen, um auf die geforderten Versandkosten zu kommen.

Es ergibt sich nun wieder mal Realsatire in Reinkultur. Das gesamte Verkaufspersonal, das sich in der Zwischenzeit um mich versammelt hat, schlägt vor, alle Marken aufzukleben. Also ungeachtet der Tatsache, dass dann weder Platz für Adresse und noch für Grüsse übrig bleibt. Das beiderseitige Gelächter wird immer lauter, während wir die Karte vorn und hinten mit Briefmarken bekleben, während für Adresse und Grüsse gerade noch ein paar Quadratzentimeter zur Verfügung stehen. Anmerkung im Nachhinein: die Post scheint wenig Freude an der Karte gehabt zu haben, sie ist auf jeden Fall nie an ihrem Zielort angekommen.

 

Fähre
Auch eine Fähre steht über den Chao Phraya zur Verfügung

Anschliessend – nun auch mental in Bangkok engekommen – nehme ich die Hochbahn zur Stadtmitte. Der Versuch, ein Shoppingcenter zu finden, scheitert seltsamerweise (was in Bangkok doch eher selten sein dürfte). Also marschiere ich halt alle diese seltsamen Strassen mit den unleserlichen Namen auf und ab, bis ich müde bin. Ich ziehe mich in ein Kaffee zurück, in dem es von jungen Thais wimmelt, die emsig am Lernen sind.

 

Chao Phraya
Blick auf den Chao Phraya

Das Chip- oder Münzeneinwurf-Problem

Tja, und dann wird es Abend, ich bin hundemüde, und nehme die neue U-Bahn zum Flughafen, was mir wieder mal ein besonderes Erlebnis beschert. Ich habe gelernt, dass die normalen Tickets durch den Einwurf einer entsprechenden Anzahl Münzen gekauft werden (die man sich vorher an einem Schalter besorgen kann), anschliessend wird das Ticket an der vorgesehenen Stelle eingelesen, und los geht’s.

Nicht so bei der neuen U-Bahn zum Flughafen. Dort gibt es zwei Möglichkeiten: entweder man bezahlt wie gewohnt mit den Münzen oder – und das ist neu – man kauft sich am Schalter einen Chip (der logischerweise bei der Barriere eingeworfen werden muss). Wer hat schon so viele Münzen bei sich, also kaufe ich einen Chip und werfe ihn dort ein, wo auch die Münzen eingegeben werden.

Doch die Sache hat natürlich einen Haken: der Chip darf natürlich nicht anstelle der Münzen eingeworfen werden, was mir allerdings entgeht, denn damit bewirke ich eine sofortige und vollständige Blockierung des Automaten. Es gibt schnell eine ziemliche Aufregung und schon bald auch eine ziemliche Schlange. Ich entschuldige mich hinten und vorne, aber die Thais nehmen das sehr gelassen. Wahrscheinlich sind sie längst zur Überzeugung gelangt, dass die Überlegenheit der weissen Rasse doch eher einem historischen Zufall zu verdanken ist. Heute habe ich diesen Verdacht mehr als bestätigt.

 

PS Song zum Thema:  The Animals – Bright Lights, Big City

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Laos

Westwärts Bangkok entgegen

Heute geht es Bangkok entgegen, also eine lange Fahrt quer durch Thailand.

Also früher Beginn, wieder mal ohne Frühstück. Die chinesischen Hotelbediensteten sind offenbar nicht auf frühe Gäste eingestellt, auf jeden Fall ist weit und breit nichts zu entdecken, was einem Frühstücksraum entsprechen könnte. Vielleicht gibt es schlicht keinen.

 

Nudelsuppe am Busbahnhof

Das Taxi kommt rechtzeitig und bringt mich zum in der Zwischenzeit sehr bekannten Busbahnhof. Die wartenden Reisenden sitzen in langen Reihen und starren stumm und müde und gelangweilt vor sich hin. Immerhin gibt es ein paar Restaurants, allerdings finde ich kein einziges, wo etwas Westliches angeboten wird. Die Busreise wird aber sehr lang sein, immerhin ist halb Thailand in einem einzigen Tag zu durchqueren. Ich brauche also dringend etwas zu essen.

Das einzige, was mir noch einigermassen akzeptabel erscheint, ist eine Suppe, es könnte sich möglicherweise um Nudelsuppe handeln. Das ist zwar nicht die Art Essen, die ich mir am frühen Morgen vorstelle, aber sie mundet gut und füllt den Magen. Die freundlich lächelnde Dame hinter dem Tresen ist auf jeden Fall hell begeistert, als ich ihr ein lobendes Nicken schenke.

 

Busbahnhof in Ubon
Müde Reisende warten auf die Abfahrt

Der VIP-Bus

Der VIP Bus (!) entpuppt sich als wirklich anders als die bisher kennengelernten in Laos. Neben jedem vorstellbaren Luxus von AirCon bis Toilette gibt es sogar eine Begleiterin, eine aufgedonnerte Matrone, die den Frühling des Lebens einige Jahre hinter sich gelassen hat. Sie macht einen ziemlich griesgrämigen Eindruck, der sich auch nicht bessert, als sie mir einen Platz zuweist, der mir ganz und gar nicht passt und ich auf einen andern im hinteren Bereich bestehe.

 

Bus nach Bangkok
Moderner Bus nach Bangkok
Bus Nr. 14
Dann also von Ubonratchathani nach Nakhonratchasima

600 Kilometer quer durch Thailand

Und so mache ich mich auf den letzten Trip dieser Reise. Er führt über eine Strecke von über 600 Kilometer quer durchs Land, eine lange, eintönige Fahrt von über acht Stunden durch die wenig abwechslungsreiche Landschaft auf einer schnurgeraden Autobahn Richtung Westen. Das ist zumindest der Plan, aber wie sich später herausstellt, können aus den acht Stunden noch ein paar dazukommen. Aber was soll’s, es ist die letzte Fahrt, sie könnte von mir aus ewig dauern.

Der anfänglich beinahe leere Bus füllt sich zusehens und ist nach kurzer Zeit bis auf den letzten Platz besetzt. Ein junger schüchterner Thai sitzt neben mir, Kopfhörer im Ohr, das Gesicht abwesend. Ich komme leider erst nach vielen Stunden, beinahe am Ende der langen Fahrt ins Gespräch mit ihm. Er hat seine Eltern besucht und kehrt nun nach Bangkok zurück, wo er an der Universität Maschinenbau studiert. Ein intelligentes Bürschen, er wird es weit bringen.

Manchmal hält der Bus, aber erstaunlicherweise steigt niemand aus. Nach etwa sechs Stunden ein Stopp, und wir werden an einer überdimensionierten Halle, die Platz für ungefähr zwei Millionen Leute hat, abgeladen.

 

Busstop
Wenig einladender Busstop

Es gibt einen Laden, ein Restaurant und unzählige Tische und Stühle, bereit für die Menschenmassen, die sich hinein entleeren. Es bleibt aber merkwürdigerweise sehr still, jedermann mampft an seinem Essen, bevor uns die hässige Matrone in den Bus zurückruft.

 

Rush-Hour vor Bangkok

Es ist kaum zu glauben, aber der sonntägliche Abendverkehr ist so dicht, dass die Ankunft massiv verzögert wird und wir tatsächlich erst um 19.00 ziemlich weit ausserhalb Bangkok eintreffen. Ich nehme ein Taxi, handle zwar den überhöhten Preis (Sonntag! Stau!) noch etwas herunter, aber ich bin mir bewusst, dass ich mit grosser Wahrscheinlichkeit trotzdem über den Tisch gezogen werde.

Und mein Verdacht, dass der Fahrer keine Ahnung hat, wo sich das Hotel Ibis befindet (da ich das Wort so sage wie bei uns üblich, also I-bis und nicht Ei-bis, versteht er mich nicht) bestätigt sich auch ziemlich schnell. Es braucht ein paar Anläufe, aber schliesslich landen wir doch noch im Ibis Riverside, am Ufer des riesigen Flusses gelegen, und ich bin sehr glücklich über das wunderbare Zimmer.

 

Hotel Ibis Bangkok Riverside
Hotel I-bis oder Ei-bis

PS Song zum Thema:  Fifth Harmony – I’m in Love with a Monster

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Laos

Bye-Bye Laos, Land des Lächelns

Die Küche ist am frühen Morgen bereits in Hochbetrieb. Sie macht einen ziemlich exotischen Eindruck, doch die Gerüche, die aus den Kochtöpfen in die Nase steigen, verstärken das Hungergefühl und machen Lust auf eine ausgedehnte Frühstückszeremonie.

Und tatsächlich – auch wenn das untenstehende Bild nicht unbedingt auf Köstlichkeiten hinweist – alles ist perfekt. Der Hotelbesitzer macht einen etwas müden Eindruck, was aber keinen Einfluss auf sein ewiges Grinsen hat.

Man muss ihn einfach gern haben, den alten Hallodri.

 

Küche
Eine etwas andere Küche als bei uns

Über die Brücke nach Thailand

Ja, und dann heisst es definitiv Abschied zu nehmen von Laos, vom Mekong, was mir ausserordentlich schwer fällt. Es gibt beinahe ein paar Tränen, als wir die Brücke überqueren und der Mekong zum letzten Mal hinter mir verschwindet.

Bridge between Laos and ThailandIch habe mich nicht nur in einen Fluss verliebt, sondern in ein Land. In seine Menschen.

In ihre Freundlichkeit, ihr Lächeln. Ihre Weise, mit dem Leben und dessen absonderliche Probleme umzugehen, ohne den inneren Frieden zu verlieren.

Das ist mehr als man erwarten kann. Ich werde zurückkehren.

Um auch meinen inneren Frieden aufzufrischen.

 

Über die Grenze

Aber der Blick geht nach vorne. Unerwarteterweise habe ich den ersten Bus nach Ubon über die thailändische Grenze erwischt. Die Fahrt dauert ein paar Stunden, aber ich kann sie nicht recht geniessen. Es ist doch immer das Gleiche: sobald man sich an einem Ort wohlfühlt, will man nicht mehr weggehen. Und trotzdem ist man sich bewusst, dass es unmöglich ist, dass man nicht hierher gehört, dass die Anziehungskraft des Ortes, wo man seine Wurzeln hat, langfristig stärker ist.

 

Mehr Geld, mehr Glitzerzeug, mehr Plastik, mehr Hektik, mehr Gier

Es gibt einen längeren Zwischenhalt an der Grenze zu Thailand. Die Unterschiede fallen sofort ins Auge, überraschenderweise nicht zugunsten von Thailand. Der vergleichsweise Wohlstand ist spürbar. Es gibt mehr Geld, das ist offensichtlich, aber auch mehr Glitzerzeugs, mehr Plastik, mehr Hektik, mehr Gier.

Was mir auffällt – die Kühe auf den Weiden einen weniger guten Eindruck als ihre Kollegen in Laos. Sie scheinen magerer zu sein, weniger gut betreut. Ich muss darüber nachdenken, um es zu verstehen.

In Ubon angekommen, nehme ich das gleiche TukTuk wie zwei ältere englische Damen, die einen sehr erfahrenen Eindruck machen. Auch wenn das angepeilte Krungtong Hotel etwas gar weit abseits des Zentrums zu liegen scheint, werde ich wunschgemäss abgeladen, für einen Preis von sagenhaften 10 Baht.

 

Krung Tong Hotel in Ubon
Das Krung Tong Hotel – kein Ort des Verweilens

Auf der Suche nach einem Busticket

Nach einer Dusche auf zum Bahnhof, um ein Ticket für die Bahnfahrt nach Bangkok zu kaufen. Denkste! Denn nun beginnt eine unglaubliche Odyssee, in deren Verlauf ich mehrmals durch die Stadt chauffiert werde.

Es beginnt beim dezentralen Bahnhof, auf der Karte als in der Nähe gelegen bezeichnet, was sich aber als Scherz des Autors erweisen sollte. Es gibt an der angegebenen Stelle keinen Bahnhof, hat nie einen gegeben, oder er befindet sich schlicht viel weiter entfernt. Niemand scheint je von einem Bahnhof an dieser Stelle gehört zu haben.

Meine diesbezüglichen Fragen werden von den zahlreichen Passanten mit einem höflichen, aber verständnislosen Lächeln beantwortet. Ja, ist es denn zu glauben! Die Leute sprechen zum Donnerwetter noch schlechter Englisch als die Laoten, und das will was heissen. Schliesslich erbarmt sich ein junger Thai und fährt mich in seinem alten klapprigen Toyota zum Hauptbahnhof. Dort gibt es allerdings keine Tickets, die sind nämlich schon seit Tagen ausverkauft.

Bleibt nur der Bus, also bringt mich mein Chauffeur zurück zum Busbahnhof, notabene denjenigen, an dem ich vor nicht allzu langer  Zeit angekommen bin. Und weil die Tickets bar bezahlt werden müssen und ich zuwenig Geld habe, heisst es eine Bank zu finden. Mangels Wechselgelegenheiten im Busbahnhof heisst es nun, ein Shopping-Center aufzusuchen, wo es eine Wechselstube geben soll.

Das entspricht der Wahrheit, allerdings bin ich geschätzte Nummer 144 in der langen Schlange vor dem Schalter. Der Blick fällt auf einen ATM Automaten, der mir das Geld im Nu wechselt. Der Blick meines Chauffeurs ist in der Zwischenzeit schon sehr mitleidig geworden, einen ATM hätte es auch beim Busbahnhof gegeben.

Der Abschied von meinem temporären Chauffeur ist wie immer etwas seltsam. Ist es beleidigend, wenn ich ihm was gebe für seine Mühe? Und falls ja, wieviel ist genug? Wie würde ich reagieren, wenn ich aus reinen Hilfsbereitschaft jemandem einen Dienst erweise und am Schluss mit Geld abgespeist werde? Ach Gott, diese Fragen sind schwierig und letztlich nur mit Instinkt zu beantworten.

Ich bin in der Zwischenzeit völlig ausgedörrt und hungrig. Allerdings gibt es in der unmittelbaren Nachbarschaft des Hotels weder ein Restaurant noch sonst was Gescheites. Ich decke mich also in einem kleinen Laden mit Essen und Trinken ein  (darunter sogar ein Magnum Glacé) und verbringe den Abend im Hotel. Das TV Programm ist ausschliesslich in unverständlichen Sprachen, also lese ich den Great Expectations zu Ende und bin gerührt und begeistert.

 

PS Song zum Thema:  Elton John – Border Song

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Laos

Wat Phou – Zu Fuss mit dem Fahrrad

Ein eigenartiger Tag, wie schon so viele, und trotzdem wieder anders.

Er beginnt mit dem Abschied von Don Khon, wehmütig wie erwartet, vor allem die letzte Fahrt zwischen den Inseln hindurch, der Blick zurück auf das Dorf erfüllen mich mit grosser Melancholie.

 

Zimmer auf Dom Khon  Letzte Fahrt durch Si Phan Don

 

Die Fahrt im Bus nach Norden nachdenklich, schweigend. Dann erreichen wir in Champasakh das Ufer des Mekong, da ist er in seiner alten gewohnten Form und Wildheit. Es dauert ein paar Minuten, bis wir ein Boot finden, das uns über den Fluss bringt, aber dann geht alles ruckzuck.

 

Der grinsende Hotelbesitzer

Am andern Ufer werden wir bereits erwartet: der im Guide beschriebene Hotelbesitzer ist tatsächlich da, mit breitem Lachen im pausbäckigen Gesicht und bringt ein brasilianisches Paar und mich in seine Prachtsvilla, die sich als heruntergekommenes, aber trotzdem irgendwie charmantes Etablissement entpuppt. Für eine Nacht ist es ok, auch wenn ich anfangs das Zimmer wechseln muss, da zu laut, zu dreckig, zu alles.

Die Terasse des Hotels liegt direkt über dem Mekong, meinem alten Freund, den ich schmerzlich vermissen werde. Seltsam wie man sich in etwas wie einen Fluss, grösstenteils stark verunreinigt und manchmal an eine riesige Kloake erinnernd, verlieben kann. Eines ist sicher – wir werden uns wiedersehen.

 

Wat Phou

Aber es wartet Wat Phou. Die laotische Variante von Angkor Wat.

Wat Phu ist ein ehemaliger Tempelkomplex der Khmer. Die erhaltenen Ruinen stammen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Der Tempelbezirk Wat Phou und die zugehörigen altertümlichen Siedlungen in der Kulturlandschaft Champasak sind seit 2001 UNESCO-Weltkulturerbe. Wat Phu liegt in unmittelbarer Nähe am Fuße des Berges Lingamparvata und ist von Champasak aus über eine asphaltierte Straße zu erreichen.

 

Wat Phu
Blick auf die Ruinen von Wat Phu

Ich lehne also bei meinem Freund, dem ewig grinsenden Hotelbesitzer, ein Fahhrad aus. Es kommt mir von Anfang an etwas sehr gebraucht vor, so, als ob es kaum die  nächsten hundert Meter schaffen würde, doch mein Instinkt, der mir bisher zuverlässig potentielle Probleme vorhersagte, versagt heute. Aber schön der Reihe nach ….

 

Briefmarken auf der Post? … Heute nicht

Es gibt viel zu tun heute. Erster Schritt, die Post. Die Karte für meine Schwiegermama trage ich nun schon gefühlte drei Jahre mit mir herum. Heute ist also die letzte Gelegenheit, sie von Laos aus zu verschicken. Und tatsächlich – mitten im Dorf gibt es eine Poststelle.

Sie entpuppt sich als winziges Häuschen mit einer im Halbdunkel liegenden Theke, hinter der eine ganze Familie, zumindest drei Generationen umfassend, kauert. Ich ahne bereits das Unheil. Meine Frage nach Briefmarken (Briefmarken?) wird zwar nicht gerade mit Gelächter quittiert, aber ein gewisses mitleidiges Grinsen kann sich der Boss des Hauses nicht verkneifen. Es gibt heute keine Briefmarken, die sind erst wieder am Montag zu erhalten. Am Montag? Dann werden neue Briefmarken geliefert?

Überhaupt Briefmarken? In einer Post? Nur schon die Frage …

Es wird also nichts mit dem Versand des Feriengrusses aus Laos. Dann halt aus Thailand.

 

Eine gesuchte Person in der Bank

Nächster Halt, die Bank. Etwa 7-8 Personen sitzen im gut gekühlten Raum, haben ganz offensichtlich nichts zu tun und warten dementsprechend sehnlichst auf Kundschaft. Ich müsste also als potentieller Kunde sozusagen das Highlight des Tages darstellen, die Rettung in letzter Not. Aber weit gefehlt.

Der distinguiert gekleidete Boss heisst mich mit gestrenger Stimme zuerst mal meine Sonnenbrille abzunehmen. Ich denke zuerst an einen Scherz, aber nein, es scheint ihm ernst zu sein. Na gut, ich entschliesse mich, das Spiel mitzuspielen.

Irgendwas an meiner Person scheint ihm ganz und gar nicht zu passen. Acht Augenpaare starren auf eine Fotokopie, die sie immer wieder mit meinem Passbild vergleichen. Nun bin ich doch etwas irritiert und erkundige mich nach dem Grund für das seltsame Gebaren. Es dauert eine Weile, bis ich Auskunft erhalte. Offenbar wird ein Schweizer von der Polizei gesucht, dem ich eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Konterfei nicht absprechen kann.

Mein schallendes Gelächter überzeugt sie schliesslich doch noch von meiner Unschuld, und ich verlasse die Bank – den immer noch misstrauischen Blick des Bosses in meinem Rücken – mit einem angenehmen Gefühl des Triumphs. Und dem Cash natürlich …

 

Wat Phou bleibt ein Phantom

Das alles hätte Warnung genug sein müssen. Der Weg nach Wat Phou ist lang (8km), heiss und dank einer ewig langen Baustelle in sehr schlechtem Zustand, vor allem für ein Velo wie meines (wie hiess es doch in Wikipedia – eine gut asphaltierte Strasse?).

Als die Fahrradkette am Hinterrad das erste Mal rausfällt, denke ich mir noch nicht allzu viel. Sie ist schnell wieder an ihrem angestammten Platz, was mich dummerweise wieder mal in falscher Sicherheit wiegt. Die Vorfälle wiederholen sich allerdings in beunruhigender Kadenz. Wieder raus, wieder rein, auch kein Wunder bei diesen Strassenverhältnissen. Aber dann geschieht das Unabwendbare: die Kette springt am vorderen Zahnrad raus, und ich bin am Arsch. Ohne Werkzeug ein Ding der Unmöglichkeit, das Problem zu lösen.

Ich habe Glück im Unglück, denn ich bin sozusagen in der Zivilisation gelandet. Ein Friseurladen ist ganz in der Nähe, also lasse das Velo nach kurzer Überlegung dort stehen, und nehme den Weg zu Fuss in Angriff. Es ist nun noch heisser geworden, noch mühsamer.

Und es ist auch schon ziemlich spät, die Sonne steht bereits ziemlich tief am Horizont. Meiner Schätzung nach sind es noch mehrere Kilometer bis zum Wat Phou, es dürfte also bereits einnachten, wenn ich dort bin. Der Entschluss aufzugeben, fällt mir zwar nicht leicht, aber es ist vernünftig.

 

Wat Phou Ruins
So hätte es ausgesehen, wenn ich es gesehen hätte …

Und so stosse ich etwas später also mein havariertes Velo grummelnd nach Hause. Es ist ziemlich mühsam auf der im Bau begriffenen Unterlage. Zu meiner Überraschung hält der eine oder andere Vorbeifahrende an, um sich erkundigen, ob Hilfe benötigt wird. Ein Einheimischer versucht alles, doch ziemlich vergeblich. Ich bin trotzdem gerührt ob der spontanen Hilfeleistung.

Auch ein älterer Japaner bekundet Mitleid mit dem bedauernswerten Velofahrer zu Fuss und begleitet mich ein paar Kilometer. Sein Englisch ist sehr gut, und ich muss gestehen, dass ich in kurzer Zeit mehr über Japan erfahre als all die Jahre zu vor.

Es dauert also seine Zeit, bis ich endlich im Hotel ankomme. Der Hotelbesitzer krümmt sich vor Lachen, als ich ihm von meinem Missgeschick erzähle. Zumindest erlässt er mir die Kosten für die Vermietung und ist ziemlich stolz darauf.

Das Nachtessen nehme ich in einem gegenüberliegenden Restaurant ein, eine Pizza, gar nicht mal schlecht. Und dann begebe ich mich zur Ruhe nach dem ereignisvollen Tag, zur letzten Nacht in Laos.

 

PS Song zum Thema:  Apparat ft. Soap & Skin – Goodbye

Und hier geht die Reise weiter …

 

Laos

Der Khonepapheng Wasserfall – Rollender Donner

Der Khonepapheng Wasserfall ist das heutige Ziel.

Es ist viel Zeit vergangen seit meiner letzten Fahrt auf einem Motorrad. Es muss irgendwann in der Achzigerjahren gewesen sein, auf meiner Harley-Davidson. Ja, auf einer Harley-Davidson, allerdings nur eine gerade mal mit 125 ccm. Ein einziges Jahr wurde diese besondere Ausgabe des berühmten amerikanischen Traums auf zwei Rädern hergestellt, allerdings auf der technischen Grundlage eines italienischen Modells.

In diesem Sinn kann man also kaum von einer echten Harley sprechen. Trotzdem, wenn sich eine Traube junger und älterer Männer um die Harley versammelte, war der Stolz ebenso gross wie wenn es eine Electra Glide in Blue gewesen wäre. Ach, die guten alten Zeiten …

Es ist zwar keine Harley-Davidson, mit der mich der junge Laote zum berühmten Wasserfall Khonepapheng bringen will, nicht mal ein richtiges Motorrad, bestenfalls ein Roller.

Aber immerhin, die Fahrt ist eine Freude, auch wenn sie gerade mal eine halbe Stunde dauert. Der Fahrer gibt sich Mühe, fährt langsam und vorsichtig und setzt mich wohlbehalten beim Wasserfall ab.

 

Khonepapheng – Rollender Donner

Man hört das Geräusch der ungeheuren Wassermassen schon von weitem, und dann steht man da und staunt. Schlicht atemberaubend, gigantisch, furchteinflössend. Irgendwo in einem Führer steht, wieviele Millionen Liter pro Sekunde in den Abgrund fallen, wo sie wild schäumend, mit ohrenbetäubendem Tosen, mit überirdischer Kraft alles mitreissen.

In einem späteren Abenteuer wird dieses Erlebnis noch getoppt – bei den Iguaçu Wasserfällen in Südamerika.

 

Khonepapheng -. a roaring monster  Khonepapheng waterfall - just amazing

Es sieht aus, wie eine Beschleunigung aus der Zeitlupe in den Zeitraffer. Das Wasser nähert sich ganz ruhig, ohne Hast, der Kante, scheint einen Moment innezuhalten und fällt dann, leicht erstaunt, in den Abgrund, nimmt in Sekundenschnelle Geschwindigkeit auf, prescht, eingezwängt durch eine schmale Schlucht, nach vorne, um sich dann, leise schäumend, wieder zu beruhigen, als wäre nichts geschehen.

 

Khonepapheng Waterfall - here the French wanted to go up by boat  Khonepapheng - listen to the thunder

 

Fischen an gefährlichen Stellen

Es sieht so aus, als ob auch die grössten Gefahren niemanden davon abhalten kann, sich in eben genau diese Gefahren zu begeben. Zum Beispiel fischen im schäumenden Wasser unterhalb des Wasserfalls. Wenn der Junge sich weit hinauswagt, um seine Netze einzuziehen, bleibt das Herz stehen. Eine Sekunde Unachtsamkeit genügt, und er würde in den bösartig zischenden Wellen verschwinden. Keine Chance.

Die Gründe, warum Eltern ihre Kinder diesen Risiken aussetzen, sind klar. Wir alle kennen sie.

Ich verlasse den Jungen mit einem schlechten Gefühl und wünsche ihm alles Glück dieser Welt. Mein Fahrer wartet auf mich, ich setze mich auf seinen Roller, das Dröhnen des Flusses verklingt im Hintergrund …

 

Fishing at dangerous places  Fishing at Khonepapheng waterfalls - very dangerous

Sehr gefährliches Fischen

 

Letzter Spaziergang

Ein Spaziergang über die Brücke nach Don Det. Hier führten die Geleise durch, bevor das verrückte Experiment mit der Bahn abgebrochen werden musste.

 

Bridge over troubled water

Auf der Nachbarinsel ist es ruhiger als auf Don Khon. Ein wunderbarer, langamer, gedankenverlorener Spaziergang dem Meer entlang, zwischen Guesthouses und den üblichen stelzbeinigen Behausungen der Einheimischen.

Und ich treffe, wahrscheinlich zum letzten Mal, das französisch / neuseeländische Paar. Die Freude ist wie immer gegenseitig. Das ist wie immer irgendwie auch traurig, dass man Menschen kennenlernt, die sympathisch sind und alle Eigenschaften einer möglichen Freundschaft in sich tragen, und man weiss, dass man sie nie mehr wiedersehen wird.

 

Letzter Tag

Nun also der letzte Tag. Morgen zum ersten Mal seit langem Richtung Norden, Champasakh und die Khmer-Ruinen warten, alles andere, der Weitertransport nach Ubon und anschliessend Bangkok wird sich ergeben.

Ich werde zwar mit einem weinenden Auge Abschied nehmen, allerdings wäre es mit der Zeit doch etwas langweilig und auch etwas heiss geworden. Ich schlafe zwar in Anbetracht der Temperaturen gar nicht mal so schlecht, im Grunde sogar immer besser. Aber es gibt nicht allzu viel zu tun. Ausser den gelegentlichen Spaziergängen über die Insel, die ja schnell erkundet ist, essen und trinken, lesen gibt es buchstäblich nichts zu tun. Immerhin habe ich meinen Dickens, der fast 40 Jahre darauf gewartet hat, endlich gelesen zu werden.

Dann also der letzte Abend. Nicht anhaften, sagt Buddha, und er hat ja wie immer recht, aber das wird trotzdem schwierig werden morgen früh, die Wehmut zu unterdrücken. Aber es geht vorwärts wie alles im Leben.

 

PS Song zum Thema:  Serge Gainsbourg – Harley Davidson

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Laos

Dom Khon und ein verrückter Plan

Es scheint tatsächlich, als wäre die Verrücktheit des Menschen unendlich …

Zumindest, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Aber dazu später.

Der heutige Tag ist sportlichem Einsatz gewidmet, um meine vom gestrigen Trip noch völlig erstarrten Muskeln auf  Vordermann zu bringen.

Wie üblich in Laos vermieten die Hotels auch Fahrräder, ich entscheide mich für ein grasgrünes Damenvelo mit Gepäckträger. Und dann mache ich mich frohgemut auf Erkundigungstour der beiden Inseln Dom Khon und Dom Det. Was mich vor allem interessiert, ist die unglaubliche Schnappsidee der Franzosen, die Stromschnellen des Mekong mit einer Eisenbahn zu bewältigen.

 

my green bycicle
Mein grasgrünes Fahrrad

Wasserbüffel, kaltes Bier und Fischfang

Die Insel ist mehrheitlich flach, aber auch mehrheitlich heiss wie in der Hölle. Stört mich allerdings nicht im Geringsten, denn sogar meine langsame Fahrweise verursacht ein kleines Lüftchen um meine heissen Ohren.

Die Insel ist flächenmässig eher klein, also erreicht man schon bald irgendein Ufer und fragt sich, vor welchem Arm des Mekong man steht. Den Wasserbüffeln scheint es zu gefallen, ich könnte ihrem wohligen Suhlen im Wasser stundenlang zusehen.

 

Water Buffalo  Life is beautiful

Das Leben ist schön – Wasserbüffel

 

Bei dieser Hitze sind Restaurants, wo es kaltes Bier und alles andere gibt, eine echte Überraschung, der man kaum widerstehen kann. Das Khonpasoy auf jeden Fall ist genau das Richtige für meine trockene Kehle.

 

Restaurant
Durstlöscher Khonpasoy

Hitze und Einsamkeit

Eine Brücke führt über einen Nebenarm des Flusses, es ist weit und breit keine Seele zu sehen. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn intelligente Leute machen um die Mittagszeit eine Siesta oder sonstwas, um die Mittagshitze zu überstehen. Nicht in meinem Fall – ich liebe die Hitze und die Einsamkeit.

 

Brücke
Eine der vielen Brücken über die Flussarme

Fischfang am Mekong

Seltsam aussehende Konstruktionen sind über den Fluss gespannt. Es braucht eine gewisse Zeit, bis ich erkenne, dass es sich um Einrichtungen zum Fischfang handeln muss. Also eine Art Reusen nach laotischer Art. Ich würde mich gerne nach dem genauen Vorgang erkundigen, aber wie gesagt – intelligente Menschen befinden sich um diese Zeit im Schatten.

 

Reusen
So ganz genau habe ich es nicht verstanden

Wie man den Mekong mit dem Schiff bezwingt (oder eben nicht)

Die spinnen, die Franzosen. Die Wasserfälle sind so gewaltig, dass nur schon der Plan A, sie mit Schiffen zu bewältigen, einem gewissen Grössenwahn entsprungen sein muss.

Allerdings ist auch Plan B – der Verlad auf die Bahn und Transport über die zwei Inseln – auch nicht gerade der Weisheit letzter Schluss gewesen. Aber schräge Ideen für schräge Zeiten.

 

Alte Lokomotive
Die kleinen, niedlichen Lokomotiven rosten still und irgendwie bemitleidenswert vor sich hin und träumen den letzten Traum von glorreichen Zeiten

Mit der Eisenbahn über die Stromschnellen

Ein paar Infos aus Wikipedia zum wahnwitzigen Unternehmen, mit einer Eisenbahn die Stromschnellen des Mekong zu überqueren.

Die französische Kolonialmacht in Indochina war in den 1890er Jahren bemüht, ihre Grenze auf Kosten Siams nach Westen zu verschieben. Es kam dabei auch zu militärischen Auseinandersetzungen, unter anderem im Bereich des Si Phan Don Archipels im Mekong. Das französische Militär versuchte hier, den Mekong als Westgrenze zu etablieren. Um das zu verwirklichen, musste der Fluss durch die französischen Streitkräfte kontrolliert werden.

Dazu waren wiederum Kanonenboote auch im oberen Abschnitt des Flusses erforderlich. Die Mekongfälle mit einer Gesamthöhe von 21 m im Bereich des Si Phan Don Archipels bildeten aber für deren Durchfahrt ein unüberwindbares Hindernis. In den Jahren 1891, 1892, und 1893 misslangen Versuche von Dampfschiffen mit laufender Maschine und der Unterstützung von hunderten Männern, die diese von den Felsen aus an Seilen hochzogen, und anderen, die von den Decks aus mit Stangen stakten, die Stromschnellen zu überwinden. Ein Schiff konnte in einer schmalen Wasserrinne immerhin bis 50 m unterhalb des höchsten Punktes gezogen werden, bevor der Versuch abgebrochen werden musste.

Wenn auch ökonomisch unsinnig, so war die Bahnstrecke über die Insel Don Khon aus französischer Sicht aber militärisch notwendig. Die erste Strecke verband eine Anlegestelle unter- und oberhalb der Mekongfälle auf der Insel Don Khon.

 

Seltsame Konstruktion am Ufer  Lift für Bahnwagen

Abschliessend ist zu sagen: Der Mensch ist zu allem fähig, wenn er nur will. Allerdings auch zu den grössten Idiotien. Zumindest ist manchmal die Natur als letzte Hürde da, um dem bösen Tun Einhalt zu gebieten.

 

Wiedersehen mit alten Freunden

Er aus Neuseeland, sie aus Frankreich. „He Rudi, nice to see you again.“ Ich muss zwar etwas nachdenken, bis mir einfällt, woher ich die beiden kenne, aber natürlich: Bus nach Vang Vieng, Zwischenstop im Niemandsland. Und schon tauschen wir gegenseitige Erinnerungen an alte wilde Hippiezeiten aus (beide waren zur selben Zeit in Indien unterwegs). Früher oder später trifft man sich und hat sich was zu erzählen. Es wird dann schnell klar, was uns Alte von den Jungen unterscheidet. Es ist etwas Unschuldiges, Unbedarftes, das den heutigen Travellern völlig abgeht. Wir zogen los, die Welt zu erobern, nicht mehr und nicht weniger. Schade.

Es ist immer noch brütend heiss, und das Zimmer wird sich in der Nacht nur wenig abkühlen. Macht aber nichts, ich kann trotzdem ganz ordentlich schlafen. Allerdings muss ich morgen um Acht zur Abfahrt bereitstehen. Ich werde den morgigen letzten Tag dazu nützen, mit dem Boot nach Nakasang zu fahren und mich anschliessend mit einem Motorrad zu dem berühmten Wasserfall chauffieren lassen. Wenn das nur gut geht!

 

PS Song zum Thema:  Jefferson Airplane – Wooden Ships

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Laos

Si Phan Don – Die 4000 Inseln

Immer sind es Vorstellungen, die in keinster Weise der Wirklichkeit entsprechen. Sie generieren die grössten Überraschungen.

Kilometer 18, so heisst die südliche Bushaltestelle in Pakxe, obwohl sie weit im Osten der Stadt liegt. Der Namensgeber hat sich also einen Scherz erlaubt. Oder aber, was ich bei den nicht gerade für absurden Humor bekannten Laoten eher annehme, jemand hat in der Geographiestunde gefehlt.

 

Sorry, no Bus

Es handelt sich also im wörtlichen Sinn um eine „Bus“-Haltestelle, was darauf hinweisen könnte, dass hier Busse verkehren. Eine weitere Vorstellung oder Annahme, die nicht erfüllt wird. Ich hatte mir also einen Bus vorgestellt, einen wie die letzten beiden Tage, doch einen solchen gibt es nicht bei Kilometer 18. Im Nachhinein verstehe ich das Grinsen des Ticket-Beamten. Meine Frage nach einem Bus quittiert er mit einem breiten Grinsen. „Sorry, no Bus, only TukTuk.“

Der Tag beginnt also mit einer nicht geplanten, aber überraschenden und wunderbaren Fahrt.

Heute will ich den südlichsten Punkt meiner Reise erreichen – Si Phan Don – die 4000 Inseln. Mal sehen, was da auf mich wartet.

 

Pickup to the South
Vollgestopft nach Süden
Voll oder nicht?
Voll? Oder doch nicht?

Im Minibus nach Süden

Anstelle des Phantombusses wird mich nun halt ein TukTuk nach Süden bringen. Es ist eigentlich ein falscher Ausdruck, denn das sogenannte TukTuk entpuppt sich als eine Art Pickup mit überdachter Ladefläche, wo es bereits von Frauen, Kindern, Hühnern und unzähligen Gepäckstücken in allen Grössenordnungen wimmelt.

Die Frage, wo in diesem Durcheinander noch jemand wie ich Platz haben sollte, grenzt schon beinahe an Verzweiflung, doch meinem Blick entgeht nicht, dass zuhinterst noch ein sozusagen jungfräulicher Platz frei ist, genau richtig für mich. Ich zwänge mich also mit entschuldigenden Worten zwischen den abfahrtsbereiten Damen mit ihren Kindern und Taschen hindurch und setze mich auf die paar Quadratzentimeter, die gerade eben noch zur Verfügung stehen.

 

Opera Buffa

Es dauert eine ganze Weile bis zur Abfahrt. Bis dahin – Cabaret, Opera Buffa, Realsatire nach laotischer Art. Eine wunderbare Vorstellung der asiatischen Kunst, aus wenig ganz viel zu machen, und das alles mit viel Lärm und Gestikulieren und Lachen und Fluchen. Allein die Vorstellung, wie eine ähnliche Veranstaltung in unseren Breitengraden ablaufen würde, gibt Anlass zu Zweifeln. Haben wir das alles vergessen? Vor lauter Optimierung, Hektik, Kontrollwahn? Ich weiss es nicht, wie so vieles …

Nun, bei der Abfahrt, sitzen in diesem wirklich nicht allzu grossen Vehikel gut 25 Personen, inklusive Kinder und einem Jungen mit Trisomie. Seine Mutter geht ganz selbstverständlich damit um, gerät keinen Moment aus der Ruhe, auch dann nicht, wenn sich der Junge an die daneben sitzenden Frauen lehnt oder auch schon mal ein Kind zum Weinen bringt. Auch in diesem Fall ist das unterschiedliche, kulturbedingte Verhalten deutlich spürbar, und einmal mehr wird klar, warum nur das eigene Erlebnis, die 1:1 Beobachtung wirkliche Erkenntnisse bringt.

Alles andere ist Fiktion.

Der Wagen tut mir fast ein bisschen leid, denn schon bei der Abfahrt kann man das protestierende Stöhnen der Federung hören. Aber die Vehikel sind auf diese Belastungen ausgelegt, keine noch so brutale Behandlung lässt sie zurückweichen.

 

Das mäandernde Monstrum

Und so gehen die knapp vier Stunden vorbei. Das reglose Sitzen ohne die Möglichkeit, die Beine zu strecken oder die Glieder zu dehnen, ist ziemlich mühsam. Nach einer Weile beginnt der Arsch zu schmerzen, aber ich habe trotzdem den Eindruck, dass die Fahrt auf genau diese Weise richtig ist.

Für nichts auf der Welt würde ich sie missen wollen.

Es geht immer schön dem Mekong entlang. In der Ferne als glitzernde Helle zu erkennen, winkt er uns alle paar Kilometer zu, als würde er uns willkommen heissen. Meine Mitpassagiere kümmert das wenig, für sie ist der Fluss etwas Alltägliches, auch wenn er ihre Existenz in jeder Hinsicht beeinflusst. An dieser Stelle ist er noch breiter und wuchtiger geworden, und bereits sind die ersten Anzeichen zu erkennen, dass er sich schon bald zu einem mäandernden Monstrum entwickeln wird, in ein in unzählige Arme und Nebenarme aufgespaltenes Ungeheuer.

 

Mekong Mäander
Ist das noch ein Fluss?

Und dann erreichen wir das Ziel. Eine Viertelstunde heftiges Durcheinander, bis jeder seine Siebensachen zusammengepackt, seine Kinder und Grossmütter an der Hand hat, die wartenden Verwandten begrüsst sind.

Aber es geht nun darum, über den Mekong, der an dieser Stelle kaum noch als Fluss zu erkennen ist, zu den Inseln zu gelangen. Dazu gibt es verschiedene, in Alter und Zuverlässigkeit unterschiedliche Angebote. Das Holzboot, mit dem ich mich mit ein paar anderen furchtlosen Passagieren zwischen zahllosen Inseln und Inselchen  hindurch zu Don Khon chauffieren lasse, sieht zwar nicht eben aus, als könnte es noch manchen Sommer überstehen, aber die Fahrt ist grossartig.

 

Eine grossartige Fahrt zwischen den Inseln hindurch

Der Motor tuckert laut und unregelmässig vor sich hin, während wir uns der phantastischen Umgebung ergeben. Zwischen ins Wasser reichenden riesigen Bäumen hindurch, an bewohnten und unbewohnten, an grossen und winzigen Inseln vorbei, nähern wir uns gemütlich einer der beiden Hauptinseln, Dom Khon.

 

Mekong bei den 4000 Inseln
Auch das ist der Mekong
Vögel am Ufer
Ein Willkommens-Komittee
Die ersten Gebäude über dem Wasser
Gebäude über dem Wasser
Häuser über dem Mekong
Ich fühle mich jetzt schon wohl

Dom Khon

Das ist nun also der südlichste Punkt der Reise (ausser ein paar Kilometern, die ich morgen zu tun gedenke), Dom Khon, die zu Unrecht etwas stiefmütterlich behandelte Schwesterinsel von Dom Det.

Doch für wie lange wird es so bleiben? An allen Ecken wird emsig gebaut, gehämmert, gesägt. Neue Bungalows, neue Restaurants, neue Unterhaltungsmeilen für das endlose Meer ungesättigter Touristenseelen, die dereinst an diesen Orten vorbeiflanieren werden. Alles, was schön ist, muss gehen, so scheint es.

 

Die "Hauptstrasse" auf Dom Khon
Die „Hauptstrasse“ auf Dom Khon

Ich folge der „Hauptstrasse“, den wachen Blick auf das gerichtet, was mich hier erwartet. Gefällt mir, gefällt mir sogar sehr. Schliesslich, nach aufmerksamem Suchen finde ich einen Bungalow, der genau meinen Vorstellungen entspricht. Dass dabei eine ausnehmend hübsche junge Lady bei der Vermietung eine Rolle spielt, ist klar. Es scheint, dass ich dringend meine lange verschütteten Flirterinnerungen aktivieren muss.

 

Pretty Lady at Hotel
Meine Hotelmanagerin – da werden alte Gefühle wach

PS Song zum Thema:  The Smiths – This Charming Man

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Laos

Pakxe – Tor zu den 4000 Inseln

Das heutige Ziel ist Pakxe, das Tor zu den 4000 Inseln. Danach ist nichts mehr, nur noch Wasser und tosende Wasserfälle. Der Mekong und vielleicht die letzten überlebenden Mekong-Delfine. Und dann Kambodscha. Eines der Ziele für die nächste Reise …

 

Gartenstühle im Bus

An diesem Morgen vermisse ich die laotischen Schönheiten, die mir gestern eine Aufhellung des langweiligen Trips beschert haben. Leider keine zu entdecken, nur die üblichen Verdächtigen, aber diesmal in Hülle und Fülle. Der Bus ist gerammelt voll, sogar die Gartenstühle im Gang (!!) sind besetzt. Lautes Lachen, Geschnatter, Kinderstimmen scheinen mir auf eine lebhaftere Zusammensetzung der Passagiere zu deuten als gestern.

Das soll mir recht sein. Ich liebe volle Busse …

 

Have a good Trip
Have a good Trip

Neben mir sitzt ein Vietnamese, der, wie ich schon bald herausfinde, ausser seiner Landessprache kein anderes Wort spricht. Da mein vietnamesisch etwas eingerostet ist, sind wir gezwungen (wieder mal), uns mit Händen und Füssen zu verständigen. Macht aber nichts, da wir sowieso die meiste Zeit schweigend dasitzen, dösen und auf die eintönige Landschaft starren.

 

Eine braune, gelbe, grüne Steppe

Eine braune, gelbe, grüne Steppe, verödet von der ätzenden Sonne, die hier das ganze Jahr vom Himmel brennt. Selten ein Dorf inmitten der Einöde, manchmal ein paar magere Kühe oder Ziegen. Wir nähern uns dem südlichsten Teil von Laos, doch schon über tausend Kilometer südlich von Luang Prabang. Die zunehmende Hitze macht sich bemerkbar. Und auch dieser Bus besitzt alles, ausser einer Klimaanlage. Was für mich allerdings kein Problem ist. Ich hasse diese auf arktische Temperaturen eingestellten AirCons, die bei zuviel Sorglosigkeit zumindest einen gehörigen Schnupfen, wenn nicht sogar Schlimmeres hervorrufen.

 

thunderstorm ahead
Stopps auf dem Weg – ein Gewitter dräut

Die Stopps sind jeweils das Unterhaltsamste: je nach Ort steigen mehr oder weniger Leute ein oder aus, mit viel oder wenig Gepäck. Das Maximum sind zehn (ich habe nachgezählt; was macht man nicht alles, wenn es langweilig ist) Gepäckstücke, die zugeladen werden. Sogar ein Motorrad findet den Weg auf das Dach, ohne ein einziges Mal den Bus zu berühren. Eine echte Meisterleistung, die mir allen Respekt abverlangt. So dauert es normalerweise ziemlich lange, bis alles verstaut, alles vertäut, alle wieder auf ihren Plätzen sitzen. Ein struppiger Hund, offenbar zur Kondukteuse gehörend, scheint das Busmaskottchen zu sein. Inmitten der vielen Leute hat auch er seinen Platz. Schön!

 

Hotelerfahrungen in Pakxe

Das Hotel in Pakxe bietet wieder einmal eine besondere Herausforderung. Man kann zwar wählen zwischen allerhand kostenmässig unterschiedlichen Varianten (Heisswasser, TV, AC), allerdings funktioniert in der von mir gewählten Maximalvariante so ziemlich gar nichts. Und man hat den Eindruck, dass keine Reinigung stattgefunden hat. Ich habe zwar keine Probleme mit billigen Unterkünften, allerdings bestehe ich strikt auf Sauberkeit.

Der in der Lobby herumlümmelnde Typ, offenbar für den Zimmerputz verantwortlich, scheint keine Lust auf Arbeit zu haben, also kriegt er zur Begrüssung eine ziemliche Standpauke von mir, was ihn definitiv nicht zu meinen engsten Freunden macht. Zumindest kriege ich ein anderes Zimmer.

Während das erste Zimmer schmutzig und unaufgeräumt ist, und das Wasser nicht funktioniert, ist das zweite noch schlimmer: der Lavabohahn funktioniert nicht, das Heisswasser lässt sich nicht regulieren, das Wasser am Boden fliesst nicht ab. Der  Höhepunkt ist aber, dass auch die AirCon nicht funktioniert. Das Donnerwetter ist wahrscheinlich ziemlich weitherum zu hören. Erneuter Wechsel in Zimmer Nr. 3, und ich wage mir gar nicht vorzustellen, was hier alles nicht funktionieren wird. Nun, es geht einigermassen, nur der TV ist eher nicht zu empfehlen.

Derweil übt der Hotelmanager auf seiner Guitarre. Ich hoffe für ihn, dass dort seine Begabung grösser ist …

 

Nightmarket in Pakxe
Nachtmarkt in Pakxe

Die Stadt gibt nicht viel her. Ich treffe ein paar alte Bekannte von Bus,  schlendere die Hauptstrasse rauf und runter, trinke Kaffee Nom und langweile mich ein bisschen. Aber ich freue mich auf die 4000 Inseln

 

PS Song zum Thema:  Radiohead – Anyone can play Guitar

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Laos

Bus nach Savannakhet

Der Bus nach Savannakhet startet um Punkt 7, also kein Frühstück, dafür Hetze, denn der Hotelmanager lässt mich erst gehen, wenn er das Zimmer gecheckt hat. Wahrscheinlich glaubt er, dass ich ihm seine billigen Bettanzüge klaue.

Die Strassen sind, wen wundert’s, noch verschlafener als tagsüber, also totenstill. Kein Mensch zu sehen. Es ist Sonntag, also irgendwie verständlich. Eine Reise von knapp 500 Kilometern wartet auf mich, in Laos umgerechnet mindestens 10 Stunden Fahrt.

Wunderbar! Das sind für mich die Höhepunkte jeder Reise, und immer, wenn wir uns dem Ziel nähern, sehne ich mich danach, einfach weiterzufahren, endlos, immer weiter.

Keine Ahnung, warum das so ist.

 

Stopover
Irgendwo ein Stopp

Laotische Schönheiten

Am Busbahnhof werde ich schon erwartet. Alles geht ruckzuck, mein Rucksack wird verladen.

 

Laotian Beauty
Entrückt am frühen Morgen

Das langweilige Bild der herumstehenden, grösstenteils noch im Halbschlaf versunkenen Leute wird massiv aufgehellt durch eine laotische Schönheit, die still und irgendwie entrückt auf die Abfahrt wartet. Sie trägt ein paar Schlabberhosen, die perfekt zum weinroten Pulli passen und ihre schlanke Figur betonen.

Und das alles an einem frühen Sonntagmorgen. In Laos!

 

Die Welt im Auge des Beobachters

Einmal mehr bin ich der einzige Ausländer im Bus, es wird also wieder einer dieser wortkargen bis wortlosen Tage werden. Die Passagiere  machen nicht den Eindruck, als würden sie sich für einen Touristen interessieren, also mache es mir an meinem Fensterplatz gemütlich: Wasser, Essen, Tagebuch, Kamera, Handbuch, Jacke.

Auf dem Sitz vis-à-vis sitzen zwei gut gekleidete Jungen mit seltsam ernsten Gesichtern, kein Lachen, den Blick geradeaus gerichtet. Ich würde mich gerne mit ihnen unterhalten, sie nach dem Woher und Wohin fragen, den Grund für ihr seltsames Verhalten herausfinden. Aber dazu wird es nicht kommen.

Dafür fängt die Phantasie an zu arbeiten. Sind sie vielleicht auf dem Weg zu Verwandten (die sie nicht mögen)? Oder zur Schule, wo sie sich nicht wohlfühlen? Hätten sie lieber das Flugzeug genommen und nicht diesen heruntergekommenen Bus? Sind sie Waisen? Sind sie Brüder? Warum so ernst?

Ich werde es nie erfahren.

 

Keine Häuser, kein Dorf, keine Strassen

Bei jedem Stopp verlassen die Leute den Bus, lockern ihre Muskeln oder pissen ins Gebüsch. Ein paar haben ihr Ziel erreicht, wobei es schwierig ist, sich vorzustellen, wo sie hingehen. Keine Häuser, kein Dorf, keine Strassen.

Dafür steigen andere ein, der Bus ist voll. Es ist heiss geworden, sehr heiss, und nur der Fahrtwind durch das offene Fenster bringt etwas Erleichterung. Manchmal nicke ich ein, erwache mit schwerem Kopf, wende mich wieder der Welt zu, die vor dem Fenster vorbeizieht. Die Gegend wird nun trockener, die weidenden Tiere magerer. Wo sollen sie auch etwas zum Fressen finden?

 

Trip dem Mekong entlang
Ein langer Trip dem Mekong entlang nach Süden
Das Handbuch weiss auch nicht viel mehr über diese Region. Sie ist nicht sehr attraktiv, wüstenähnlich verbrannt, menschenleer, also genau nach meinem Geschmack. Dann und wann trinke ich einen Schluck, esse etwas Brot, kaufe mir beim nächsten Stopp eine Tüte Pommes Chips, die sofort vertilgt wird.

Wir folgen dem Mekong, der sich nicht sichtbar für uns in der Nähe gegen Süden windet. Thailand ist nahe, der Fluss stellt an vielen Stellen die eigentliche Grenze dar. Im Norden, so lese ich, gibt es zahlreiche Naturschutzgebiete, aber auch Gebiete, so man sich besser fernhält. Es sind die Orte, wo es immer noch Überreste der massiven Bombardierung durch die amerikanischen Truppen gibt.

Gelegentlich hält der Bus an den üblichen Orten, die Leute strömen zu den Ständen, ins Restaurant, auf die Toilette.

 

Stopp
Stopp im Nirgendwo

Spannend und langweilig

So geht’s 10 Stunden lang, ebenso spannend wie langweilig, wie ich es mir vorgestellt habe, und wie ich es liebe.

Aber irgendwann sind wir da, meine Schöne verschwindet auf Nimmerwiedersehen, ohne einen einzigen Blick zurückzuwerfen.

Das Hotel (eine Bezeichnung, die ich später nicht mehr anwenden würde) liegt abseits, ich nehme also ein TukTuk, und los geht’s. Der Fahrer – die linke Hand lässig am Joint, die rechte am Steuerrad – kennt den Weg und braust in haarsträubendem Tempo durch die Strassen bis zum Ziel.

 

Ein scheussliches Zimmer

Es ist zwar nicht sehr teuer, aber das merkt man leider auch. Der Hotelmanager (?), ein ziemlich grimmiges Exemplar eines Laoten, führt mich durch einen schlecht beleuchteten Raum zu einer steilen Treppe, die in einem seltsamen Zimmer endet.

Vor dem Bett liegt ein Teppich (!), der so scheusslich aussieht, dass ich mir schwöre, keinen Fuss darauf zu setzen. Immerhin gibt es ein Badezimmer mit heisser Dusche, dafür fehlt der Spiegel beim Lavabo. Keine Bleibe für einen längeren Aufenthalt. Sogar für mich, der sich an einiges gewöhnt ist, ein Grenzfall.

Es zieht mich nach der anstrengenden Fahrt nicht mehr gross ins wahrscheinlich kaum existierende Nachtleben von Savannakhet. Ich nehme das erstbeste Restaurant, das sich allerdings als echte Niete entpuppt. Überteuert, schlechte Qualität.

Savannakhet ist definitiv kein Ort zum Verweilen. Morgen um diese Zeit bin ich hoffentlich längst in Pakxe, schon ganz nahe an den 4000 Inseln.

 

PS Song zum Thema:  Edgar Broughton Band – Hotel Room

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Laos

Vientiane – Die Hauptstadt am Rand der Welt

Die Hitze hat spürbar zugenommen. Ein inhärenter Prozess scheint Geist und Körper auf verminderte Leistungsbereitschaft zu reduzieren, bis sie sozusagen in eine Art Schlafmodus gehen. Erst kühlere Temperaturen drücken wieder den Aktivierungsknopf. Die physiologischen Auswirkungen der Hitze auf Körper und Geist sind an diesem Morgen schon früh zu spüren.

Dabei steht heute zum wiederholten Mal eine anstrengende Tour auf dem Programm.

 

180 Kilometer Anstrengung

Nun, eigentlich ist die zu bewältigende Strecke nach Vientiane nicht allzu lang, je nach gewählter Route zwischen 160 und 180 Kilometer. Ein Klacks also, würde man meinen, in 3-4 Stunden bewältigt. Doch die prekären Strassenverhältnisse machen sie zu einer Tortur (für die einen). Oder aber zu einer Reise im Tief- oder Halbschlaf durch überwältigende Landschaften (für mich), deren Reiz ich jedoch nur in den wenigen wachen Momenten mitbekomme.

Während der Motor dröhnt, die Radlager stöhnen, die Karosserie ächzt und das Gemurmel der Passagiere langsam verstummt, schliesse ich die Augen, falle in eine Art Paralyse, nur gelegentlich unterbrochen vom Rütteln des Wagens. Fermor würde sich jetzt in seinen Militärmantel hüllen und sich unter einem Baum (mit dem Mond als Wächter) schlafen legen.

 

Panne kurz vor Vientiane

Ein heftiger Knall genau unter meinem Arsch zerstört in Sekundenschnelle meine friedlichen Träume. Der Wagen schlingert, hält am Strassenrand. Wo sind wir? Die Passagiere schauen sich ratlos um, steigen schliesslich zögernd aus. Das Geräusch hat sich nach geplatztem Reifen angehört, und genauso ist es.

Wir haben die Vororte von Vientiane bereits erreicht, es ist also nicht mehr weit bis zu unserem Tagesziel.

Breakdown
Panne – Warten auf den ErsatzreifenWo ist der Ersatzreifen?

Ersatzreifen? Fehlanzeige

Obwohl man sich gut vorstellen kann, dass diese Art Panne keine Seltenheit ist, ist dem Chauffeur die Peinlichkeit der Situation anzusehen. Man möchte helfen, aber ein vollkommen zerstörter Reifen muss durch einen intakten ersetzt werden, so einfach ist das, aber wenn dieser schlicht nicht vorhanden ist, nützen alle Denkanstrengungen nichts.

Während wir mehr oder weniger frustriert am Strassenrand warten, nähert sich Hoffnung und tatsächlich, nach langen und lautstark geführten Telefonaten mit irgendwem (Zentrale, Kollege, Garage?), trifft Rettung ein. Der Ersatzreifen macht nicht unbedingt einen vertrauenserweckenden Eindruck, aber was soll’s, es sind nur noch ein paar Kilometer bis ins Zentrum der Stadt.

 

Vientiane

Der Platz, wo wir schliesslich ausgeladen werden, könnte irgendwo sein. Ich irre ein bisschen durch die Strassen, frage mich bei den Einheimischen mit wenig Erfolg durch, bis ich herausfinde, wo ich bin. Das Hotel ist ok, ich richte mich ein und geniesse schon bald ein wunderbares Sandwich, das mir von einer ausnehmend netten und hübschen jungen Dame serviert wird.

Vientiane ist seit 1975 die Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik Laos. Sie ist das wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum des Landes. Offiziell hat die Stadt etwa 350.000 Einwohner, im gesamten Ballungsraum leben etwa 620.000 Menschen.

In einer Rangliste der Städte nach ihrer Lebensqualität belegte Vientiane im Jahre 2018 den 170. Platz unter 231 untersuchten Städten weltweit.

Das ist nicht gerade ein berauschendes Ergebnis.

 

Ein grösseres Dorf?

Wenn man aus dem Hotel in den heissen Vormittag hinaustritt, hat man das seltsame Gefühl, in einem etwas grösseren Dorf gelandet zu sein. Auf jeden Fall nicht in der grössten Stadt des Landes, in der Hauptstadt von Laos. Die Strassen machen einen seltsam verschlafenen Eindruck, weit weg vom Getümmel anderer asiatischer Städte. Da sich mein bisheriger Erfahrungshintergrund auf ein paar Strassen und Gassen beschränkt, bin ich überzeugt, bei der nächsten grossen Kreuzung auf das wirkliche Vientiane zu treffen, auf Millionen Autos, Menschen, Fahrräder, Fuhrwerke.

Nichts dergleichen.

Es bleibt ruhig. Auch die Hauptstrassen können ohne Gefahr überquert werden, auch dann, wenn die Lichtsignale gross und rot Stopp! anzeigen. Nun, das ist mal eine ganz angenehme Überraschung. Die seltsame Ruhe fiel mir gestern Abend schon auf, allerdings dachte ich eher an eine frühabendliche Nach-Rushhour-Ruhe. Es macht aber ganz den Eindruck, als würde diese Ruhe den ganzen Tag über anhalten. Wenn ich da an Bangkok denke …

 

Das (der?) Patuxai

Diese Erkenntnis macht es einfach, eine saublöde Entscheidung zu treffen. Für einmal denke ich, kann es nicht schaden, mit meinen Flip-Flops den Weg zum Heiligtum zu gehen. Was für ein Idiot! Manchmal muss man sich fragen, welche Synapsen im Kopf nicht richtig funktionieren, um auf derart hirnverbrannte Ideen zu kommen.

Aber der Reihe nach. Das höchste Heiligtum der Stadt bzw. des ganzen Landes liegt sozusagen am anderen Ende von Vientiane. Es ist also ein langer Weg, der mich ausgerechnet der meistbefahrenen Strasse, der Xang-Prachtstraße, entlang führt.

Obwohl mir meine Füsse schon nach einer halben Stunde lautstark (so kommt es mir vor) ihre Empörung melden, ist es zu spät um umzukehren. Ich setze den Weg also unbeirrt fort, unter blühenden Gebüschen und Bäumen hundurch, den Geruch der Strasse, also vornehmlich Dieselabgase aus alten und schlecht gewarteten Vehikeln, in der Nase und fühle mich trotz allem pudelwohl.

 

Patuxai
Patuxai

Denkmal für die Helden der königlichen Armee

Das erste Wahrzeichen der Stadt, das Patuxai, das Siegestor (französisch Monument des Morts) taucht irgendwann in der Ferne auf. Der 49 Meter hohe Monumentalbau steht am Ende der Xang-Prachtstraße und wurde in den 1960er Jahren als „Denkmal für die Helden der königlichen Armee“, d. h. für Laos’ Unabhängigkeit errichtet.

 

Patuxai  Aussicht auf den Platz unter dem Patoxai

Das Patuxai, das Siegestor

Der Monumentalbau ist bis heute unvollendet, obwohl die laotische Regierung immer wieder neue Mittel bewilligte. Zement, den die USA eigentlich zum Bau eines Flugplatzes für den Vietnamkrieg gedacht hatten, fand hier Verwendung. Zudem wurde Baumaterial in andere Kanäle abgezweigt und in Villen und Wohnhäusern verbaut. Derzeit ist der Bau vor allem für den Tourismus interessant. Man kann die oberen Plattformen, welche einen Rundumblick über die Stadt ermöglichen, gegen Gebühr emporsteigen. Die Innengeschosse beherbergen zahlreiche Touristengeschäfte.

Selbstverständlich steige ich wie jeder normale Tourist auf die Plattform hinauf, unterhalte mich mit den netten Damen, die allerlei Krimskrams (aus China stammend?) den zahlreichen, vor allem laotischen Kunden andrehen, und geniesse die Aussicht auf die Xang, auf die Umrisse des Heiligtums, das mir immer noch sehr weit entfernt vorkommt und meine schmerzenden Füsse auf ein neues Protestlevel führt.

 

Das Heiligtum

Nach weiteren Kilometern erreiche ich endlich das Tagesziel. Das Heiligtum ist gelinde gesagt eine Enttäuschung. Der Vergleich, sagen wir mal mit Shwedagon, ist fast ein bisschen unfair, so gross ist der Unterschied. Das „Gold“ glänzt nicht, wirkt stumpf und irgendwie schmutzig, billig. Die Mauer ist von schwärzlichem Schimmelpilz befallen, was das Ganze noch schlimmer macht.

 

Pha That Luang
Pha That Luang

Pha That Luang, großer Stupa oder auch heilige Königliche Reliquie, ist ein großer buddhistischer Stupa aus dem 16. Jahrhundert. Der Legende nach soll sich hier ursprünglich ein Heiligtum der Mon befunden haben. Andere Legenden berichten, dass Abgesandte von König Ashoka etwa im Jahr 307 v. Chr. eine Reliquie des Buddha hierher brachten. Wiederum eine andere Legende behauptet, es hätten hier zwei Nagas residiert.

 

Buddha im Heiligtum  Prozession um den Stupa

Der Buddha sieht etwas angegriffen aus – Prozession um den Stupa

Immerhin hat es eine Menge Leute, die mit feierlichen Gesichtern und in Prozessionsform Blumen und irgendwelche goldglänzenden Dinge an die speziell dafür vorgesehenen Orte ablegen, um dem Buddha zu huldigen. Das ist das einzig wirklich Eindrucksvolle.

Rückweg auf gesponsertem Motorrad

Dass ich auf dem Rückweg nochmals den weiten Weg zu Fuss gehe, ist ausgeschlossen, also schaue ich mich nach einem TukTuk um, doch da nähert sich ein Motorradfahrer, wir kommen ins Gespräch, was schlussendlich dazu führt, dass er mich in die Stadt zurückfährt. Er ist Vietnamese auf der Suche nach einem geeigneten Sponsor, der einen Beitrag an seinen ziemlich leeren Benzintank leistet.

Na ja, was soll’s, ich habe mein Geld schon für viel Dümmeres ausgegeben als für diesen armen Kerl. Auf jeden Fall komme ich nun doch noch zu meinem Motorradabenteuer. Immerhin fährt er sehr anständig mit der nötigen Ruhe und Gelassenheit, die ich nach der zehnminütigen Fahrt fürstlich entlohne. Mit Tränen der Dankbarkeit (was bin ich bloss für ein guter Mensch) macht er sich schnell aus dem Staub und ich zurück in die Stadt.

Nachmittag und Abend ruhig mit Besuch im Museum, um die gröbste Mittagshitze zu überstehen.

 

Restaurants in Vientiane
Alles für das Touristenherz

Lokale Köstlichkeiten

Am Abend finde ich eine Strasse, wo sich die meisten Touristen zum Essen einfinden. Ein einladendes Restaurant nach dem anderen machen Lust auf die lokalen Köstlichkeiten. Der Mekong ist nahe, hier allerdings keine Augenweide. Er hat seine königliche Macht weitgehend verloren (so scheint es mir); es ist, als hätte ihn der lange Weg vom Himalaya bis hierher gezähmt. Ich bin ein bisschen traurig, hoffe aber auf eine Auferstehung spätestens in der Gegend der tausend Inseln, meinem nächsten Ziel im Süden.

Zeit weiterzureisen.

 

PS Song zum Thema:  Quintessence – Jesus, Buddha, Moses, Gauranga

Und hier geht’s weiter …

 

Laos

Vang Vieng – Sex & Drugs & Rock ’n‘ Roll

Wer hätte gedacht, dass man in Vang Vieng, diesem berüchtigten Paradies für Drögeler und andere Süchtige, Ausflüge in eine herrliche Landschaft machen kann.

Ich bin heute zur Abwechslung mit einem Mountain Bike, einer ziemlich heruntergekommenen Maschine, unterwegs. Doch das Fahren wird erstaunlicherweise trotz schlechten Strassen zu einem Vergnügen. Dass mir am Abend der Arsch schmerzt, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

 

Über Stock und Stein

Es geht über Stock und Stein, durch staubige Abschnitte, die das Atmen schwer machen, dann wieder durch Tümpel, deren Tiefe man nur erahnen kann. Trotz der Hitze und dem ungewohnten Terrain fühle ich mich prächtig. Die Muskeln spielen mit, die Lunge auch, nur manchmal, wenn es alle paar Kilometer eine Ansteigung zu erobern gilt, geht mir die Puste aus. Doch wie zuhause auf der Joggingstrecke ist das funktionierende System eine Anreicherung positiver Gefühle. Dazu braucht es nicht mal die Ausschüttung von Endorphinen.

 

Dusty, hot and unpredictable  deep Pool on the road

Staubig und heiss und unberechenbar

 

Tubing auf dem Fluss

Der Fluss führt das Tal entlang, kreuzt Vang Vieng und verschwindet zwischen den Karsthügeln. Talaufwärts versammeln sich die jungen Leute am Ufer, schon von weitem dringt laute Musik und Gelächter durch den trägen Vormittag.

Das sind die Stellen, wo sie sich mit ihren Gummischläuchen ins Wasser gleiten und anschliessend den Fluss hinunter schaukeln lassen, bis zur Stelle, wo die Fahrt zu Ende ist. Es wird gemunkelt, dass es in diesem Zusammenhang schon zu einigen Unfällen, teilweise mit tödlichem Ausgang, gekommen ist. Die Kombination von Alkohol, Drogen, der grundsätzlichen Gefährlichkeit des Wassers und einer gehörigen Portion Dummheit ist in den seltensten Fällen harmlos.

"Clystal Water"
„Clystal Water“

Immer anstrengender

Der Weg wird immer anstrengender und gelegentlich an der Grenze des Zumutbaren. Die Luft ist gesättigt mit dem aufgewirbelten Staub, eine dicke Schicht hat sich über meine Kleider, mein Gesicht, meine Arme und Beine gelegt.

Anyway, nach weiteren mühsamen Kilometern treffe ich auf ein junges Paar, ebenfalls mit den Tücken des Weges kämpfend. Wir durchlaufen die üblichen drei Stufen der Bekanntmachung: zuerst auf englisch, dann hochdeutsch und schliesslich schweizerdeutsch. Jürg ist Berner, Sandra Walliserin, wir freunden uns schnell an und beschliessen, die Fahrt gemeinsam fortzusetzen.

 

Laotische Gastfreundschaft

An einer Kreuzung spricht uns ein modisch gekleideter junger Mann an. Er arbeitet in der Stadt und will nun seinen auf dem Land lebenden Verwandten offenbar seine Weltläufigkeit beweisen, indem er uns unbedingt ins Haus seiner Eltern und Verwandten einladen möchte. Nach anfänglichem Zögern geben wir nach und befinden uns schon bald inmitten unzähliger Menschen, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht.

 

Hospitality in Laos
Gastfreundschaft in Laos

 

Die durch mangelhafte Fremdsprachenkenntnisse beeinträchtigte Unterhaltung erschöpft sich in mehr oder weniger stummer gegenseitiger Betrachtung. Wir sitzen auf einem Holzboden unter einem Vordach, umgeben von lauter Frauen mit ihren Kindern, in der Mitte steht ein Topf mit einer Art Suppe. Selbstverständlich werden wir dazu aufgefordert, ihr karges Mahl mitzuessen, und nach weiterem Zögern – wir wollen ja den sicher nicht gerade wohlhabenden Leuten ihr Mahl wegessen – greifen wir zu.

 

A peculiar company - Colorfully mixed cultures
Eine eigenartige Zusammensetzung – Bunt gemischte Kulturen

 

Es schmeckt ausgezeichnet. Und so sitzen wir mit uns völlig unbekannten Menschen zusammen, kommunizieren mit Händen und Füssen und fühlen uns trotz der ungewohnten Situation völlig wohl.

Der junge Mann ist sichtbar stolz auf seinen Coup, was ihm sicher einige soziale Credits seitens seiner Verwandten einbringen dürfte. Und schliesslich das Unvermeintliche: wie bedankt man sich? Ist es beleidigend, wenn man ihnen Geld gibt? Oder soll man es als das betrachten, als das es gedacht ist, nämlich pure und ehrlich gemeinte Gastfreundlichkeit, die keine Gegenleistung verlangt? Wir entscheiden uns für letztere Variante, allerdings trotzdem mit einem leichten Schuldgefühl.

 

Ballonfahrten

Vang Vieng hat aber noch weitere Highlighs im Köcher. Zurück in der Stadt werden wir Zeuge des Starts eines Heissluftballons. Es sieht abenteuerlich aus, und das dürfte es hier auch sein. Da kommen beim Anblick der Ballonhülle doch einige Fragen auf, die sich alle mit Sicherheit befassen. Nun, beim Start geht jedenfalls alles gut, und unter dem Hurragebrüll der vielen Zuschauer erhebt sich der Ballon in die Lüfte und verschwindet am Horizont.

Ballonfahrt in Vang Vieng

 

Baloon flying in Vang Vieng

Am Abend treffe ich mich mit meinen zwei temporären Freunden zum Essen, ein lustiger Abend unter Eidgenossen. An den Nebentischen wird heftig gepafft, der feine Duft guten Stoffs steigt in die Nase, während auf den zahlreichen Bildschirmen – Überraschung – eine Folge von „Friends“ gezeigt wird.

 

PS Song zum Thema:  Pink Floyd – Bike

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Laos

In Zeitlupe nach Vang Vieng

Die Fahrt von Luang Prabang nach Vang Vieng ist atemberaubend – und lang und anstrengend.

Eine gute Asphaltstrasse verbindet Luang Prabang mit Vang Vieng.

Es ist nicht eine gute Asphaltstrasse. Soweit zur Aussage in Wikipedia (manchmal frage ich mich, wie das Onlinelexikon zu seinen Informationen kommt).

Aber schlechte Strassen machen das Fahren im Minibus eben gerade zu einem besonderen Abenteuer durch eine wunderbare Landschaft.

Ich bin sehr froh darüber. Gute Strassen kann ich zuhause  haben, hier geht es eben genau darum, Grenzerfahrungen zu sammeln. Und diese Passfahrt mit einem des öfteren an der Grenze des Zulässigen fahrenden Chauffeurs ist tatsächlich eine besondere Grenzerfahrung.

Immerhin hält er zwischendurch mal an, diese Stopps, meistens irgendwo am Arsch der Welt gelegen und nur durch die Aufenthalte der durchfahrenden Wagen in ihrer Existenz gesichert, sind immer ein besonderes Highlight.

 

Stopps am Arsch der Welt

Ich liebe diese besondere Atmosphäre. Das kurze Durchatmen, das Lockern der verkrampften Gelenke. Einen Kaffee trinken, Gespräche mit den Mitreisenden, vielleicht sogar in seltenen Fällen das Finden des Souvenirs, das man schon lange gesucht hat und ausgerechnet an diesem seltsamen Ort findet.

 

Stop in nowhere land  not really inviting

Stop im Nirgendwo mit nicht wirklich einladender Toilette

Die Strasse führt dicht bewaldeten Berghängen entlang, schneidet wie ein Messer durch die Abhänge, Kurve um Kurve, eine staubige Angelegenheit.

Der versprochene Asphalt ist kilometerweit verschwunden oder hat gar nie existiert. Manchmal ist der Fahrer gezwungen, die Geschwindigkeit auf Schritttempo zu reduzieren, um den tiefen Löchern auszuweichen. Doch es geht vorwärts, Stunde um Stunde, Kilometer um Kilometer. Gelegentlich fallen mir die Augen zu. Der schlechte Schlaf der letzten Nacht verlangt seinen Tribut.

Neben mir sitzt ein älteres englisches Ehepaar. Immer wieder erstaunlich, wie auch Leute im fortgeschrittenen Alter erstklassige Strapazen auf sich nehmen. Allerdings ist hier eine länderspezifische Unterscheidung zu treffen. Es handelt sich in den meisten Fällen um Leute aus dem angelsächsischen Raum, Engländer, Amerikaner, Australier. Unsere Breitengrade sind in dieser Statistik eher selten vertreten. Zu verwöhnt? Zu sehr auf Sicherheit bedacht?

 

Ballermann

Irgendwann erreichen wir Vang Vieng, das heutige Tagesziel. Ich fühle mich augenblicklich im falschen Film. Oder ist es das falsche Alter? Was soll man zu einem Ort sagen, der früher garantiert sehr schön gewesen sein muss, der jetzt aber zu einem Sammelort aller Sünden dieser Welt geworden ist.

Vang Vieng evening - blurry
Vang Vieng am Abend – verschwommen

Das Kaff wimmelt von mehrheitlich sehr jungen Travellers (oder vielmehr von jungen Leuten, die hier eingeflogen werden, um sich ein paar Tage volllaufen zu lassen). Die Geschichte ist wahrscheinlich einfach: irgendwann entdeckte jemand den zweifellos vorhandenen Reiz der Landschaft, verbunden mit dem Tubing, billigen Getränken und vor allem mehr oder weniger frei zugänglichen Drogen und schon war die Sache geritzt.

Ich bin in einem offenbar  ziemlich neuen Hotel einquartiert. Preis ok, Zimmer auch, das Badezimmer allerdings  zeugt von dem handwerklichen Ungeschick der Einheimischen: mitten im Raum ist eine Erhöhung, an der man sich den Fuss brechen kann. Vom Hotel aus sind es nur ein paar Meter bis zu den ersten Bars und Restaurants. In der Nacht allerdings könnte es laut werden.

 

Alkoholleichen

Der Gang durch das Dorf erinnert mich an die Ballermann-Zentren auf Kreta. An die Alkoholleichen, die noch am Vormittag in fortgeschrittener, alkoholinduzierter Ohnmacht auf den Trottoirs liegen. So schlimm ist es nicht, aber es kommt dem schon ziemlich nahe. Eine weitere Seltsamkeit des Ortes ist, dass in all den zahlreichen Restaurants und Bars auf den TV-Bildschirmen ausschliesslich „Friends“ gezeigt wird. Das steht zwar auch in meinem Führer, aber man glaubt es erst, wenn man es tatsächlich sieht.

 

Das Umland mit der unvergleichlichen Karstlandschaft ist allerdings beindruckend, grandios in ihrer stillen Schönheit. Ich werde deswegen noch einen Tag anhängen, um eine Velotour zu machen. Mal sehen, ob Vang Vieng doch noch das eine oder andere Highlight bereithält.

 

PS Song zum Thema:  Ian Dury & the Blockheads – Sex & Drugs & Rock & Roll

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Laos

Luang Prabang – Der letzte König

Luang Prabang ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im bergigen Norden und war ursprünglich die Hauptstadt des historischen Königreichs Lan Xang und des französischen Protektorats Laos. Bis zur Abschaffung der Monarchie in Laos 1975 war es die Königsstadt.

Heute ist die Stadt von der UNESCO als Welterbe anerkannt und eines der wichtigsten touristischen Ziele des Landes.

32 buddhistische Klöster sowie die gesamte französische Kolonialarchitektur in der Stadt wurden unter Denkmalschutz gestellt und werden seitdem restauriert. Eine restriktive Stadtplanung soll zudem Verstöße gegen den kunsthistorisch einzigartigen Charakter des Stadtzentrums verhindern.

2015 besuchten 500.000 ausländische Touristen Luang Prabang.

 

Luang Prabang
Luang Prabang – Vogelsicht

Das historische Zentrum der Stadt liegt im Schutz der Spornlage zwischen Mekong und seinem Nebenfluss Nam Khna auf rund 300 Meter Höhe. Sie ist ein Handelszentrum für Reis, Kautschuk und Teakholz. Außerdem werden handwerkliche Produkte wie Holzarbeiten, Textilien, Papier hergestellt.

Luang Prabang ist Sitz einer Universität, der Souphanouvong University.

 

Der letzte König

Der letzte laotische König Savang Vatthana, der bis 1975 in Luang Prabang residiert hatte, wurde mit seiner Frau und dem Kronprinzen in ein politisches Umerziehungslager deportiert. Dort kam die Königsfamilie – vermutlich 1984 – aus bislang ungeklärten Umständen ums Leben.

Mit der Machtübernahme der Pathet Lao kam es auch in Luang Prabang zum Exodus regimefeindlicher Laoten, landesweit flohen rund 300.000 Menschen. Die Stadt Luang Prabang fiel in einen „Dornröschen-Schlaf“.

Seit der wirtschaftlichen Liberalisierung, insbesondere der Privatisierung des Tourismus 1991, wird die kulturhistorische Bedeutung von Luang Prabang erkannt und verstärkt vermarktet.

Über die asphaltierte Nationalstrasse 13  ist die Stadt via Vang Vieng mit der Hauptstdadt Vientiane verbunden. Das werde ich spätestens morgen auf der Fahrt nach Vang Vieng nachkontrollieren können. Die bisherigen Erfahrungen mit laotischen Nationalstrassen haben, sagen wir mal, nicht unbedingt zu euphorischem Hurragebrüll geführt.

 

Abend am Mekong

Die Stadt selbst, mit ihrer Ruhe und Gelassenheit (trotz der Massen von Touristen), hat es mir angetan. Ich sage selten sowas, aber hier könnte ich durchaus eine Weile leben.

Warum nicht? Laotisch lernen, in den Klöstern Meditation betreiben, lange Velotouren machen. Herunterkommen vom jahrelangen Missbrauch von Gesundheit und Nerven. Aber wie so vieles wird es ein Phantom, eine Illusion bleiben.

 

Der Duft von Blumen

Wenn man einen Moment erwischt wie am Abend, kurz vor dem Sonnenuntergang, wenn sich die Touristen in die Restaurants verzogen haben, um Pizza, Hamburger oder all die anderen westlichen Köstlichkeiten zu essen, ohne die es offenbar einfach nicht geht, wird es an den Orten ausserhalb des geschäftigen Zentrums unversehens ruhiger.

Nicht so still, wie man es gerne hätte, aber trotzdem riecht die Luft plötzlich nach Blumen, nach dem Duft der Bäume, vielleicht auch ein bisschen nach dem Mekong (der nicht nur ein grossartiger Fluss ist, sondern gleichzeitig auch eine Sammelkloake aller Abwässer von hier bis zum Himalaya).

 

Kaffee Nom

Und so sitze ich in einem winzigen Restaurant oberhalb des Flusses, der Kopf leer und gleichzeitig übervoll, vor mir ein Kaffee Nom, ein Teller mit irgendwas Laotischem, dessen Name und Zusammensetzung ich vergessen habe, mir aber auch vollkommen egal ist.

Die Wirtin ist wieder mal so rührend freundlich, dass sich ein komisches Gefühl einstellt. Es kommt wahrscheinlich daher, dass es keine geschäftsmässige Freundlichkeit, sondern echt ist, aus dem Herzen kommend.

Und auf sowas sind wir zynischen Westler nicht vorbereitet. Man wird sozusagen auf dem linken Fuss erwischt und fühlt sich auf seltsame Weise schuldig. Wie soll man ihre Geste erwidern? Natürlich mit einem ebenso freundlichen Lächeln, aber genügt es? Soll der Tipp entsprechend höher sein? Also Freundlichkeit mit Geld vergelten?

Wir sind so kaputt.

 

Kaffee Nom
Kaffee Nom

Meditation gesucht

Junge Mönche schlendern vorbei, lachend, fröhlich, so wie immer. Das erinnert mich daran, dass ich eigentlich an einer Meditationssitzung teilnehmen wollte. In meinem Führer wird auf einige Klöster hingewiesen, die an der abendlichen Meditationsstunde auch Fremde teilnehmen lassen.

Ich finde mich also zur angegebenen Zeit beim besagten Kloster ein, doch im Ausnahme einiger Mönche, die im Hof irgendwas tun, aber ganz und gar nicht den Eindruck erwecken, dass hier eine Meditationsstunde stattfinden könnte.

Nach einer Weile – die angegebene Zeit ist längst abgelaufen, frage ich den Erstbesten, der mir über den Weg läuft, doch die sprachlichen Barrieren sind wieder einmal zu hoch. Wenn die Sprache nicht funktioniert, dann vielleicht die altbekannte Methode mit Hand und Fuss, doch nicht mal meine angedeuteten gefalteten Hände, die geschlossenen Augen, das ruhige Atmen führen zum Erfolg, im Gegenteil. Die jungen Samaneras, die sich in der Zwischenzeit im mich versammelt haben, finden den seltsamen Fremden zum Kreischen.

Nun denn, dann halt nicht.

Am Nachmittag streife ich durch die Stadt, die stillen Gassen, wo der Lärm nur noch als fernes Raunen zu hören ist, den Duft der Magnolien einatmend, den Ständen entlang, wo sich die Touristen gegenseitig auf den Füssen stehen, um am Ende überteuerte chinesische Souvenirs zu kaufen, die zuhause wenig Freude machen und schon bald in eine verstaubte Zukunft versinken werden.

 

Das letzte Mal am Mekong

Doch ich will nochmals mit dem Velo die Umgebung erkunden, um Abschied von Luang Prabang zu nehmen. Vor allem möchte ich nochmals am Mekong sitzen, und zwar dort, wo er mit dem Nebenfluss Nam Khan zusammenfliesst.

Und nach einer kurzen Fahrt duch das geschäftige Zentrum und Hügel auf und Hügel ab liegt er vor mir, der Mekong. Eine aus Bambus gefertigte Brücke, die aussieht, als müsste sie jedes Jahr nach dem Hochwasser neu gebaut werden, führt über den Nebenfluss ans andere Ufer.

 

Nam Khan  Die Dame in ihrem Häuschen

Brücke über den Nam Khan,mit Obolus natürlich

Allerdings gilt es, dafür einen Obolus zu bezahlen. Eine freundliche Dame macht mich mit einem Grinsen darauf aufmerksam und zieht dafür umgerechnet etwa 10 Rappen ein. Der wacklige Übergang wird dadurch noch mehr aufgewertet, ich gehe mit langsamen zögernden Schritten über den fragilen Untergrund.

Später, nun definitiv in jener seltsam melancholischen Stimmung, die jedem Abschied innewohnt, und schaue auf den Fluss hinaus, das strudelnde Wasser, das unaufhörliche Auf und Ab der Wellen, das Glitzern auf ihren Kämmen, die einen winzigen Augenblick lang die Sonne reflektieren.

 

PS Song zum Thema:  Luca Bloom – Bridge of Sorrow

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Laos

Luang Prabang – Mönche und Samaneras

In der heiligen Stadt trifft man an allen Ecken und Enden auf Mönche. Sie erwecken Aufsehen in ihren dunkelroten Gewändern, ihren kahlgeschorenen Köpfen, ihrem wachen und verschmitzten Ausdruck im Gesicht. Da ist gar nichts Asketisches zu entdecken, eher eine ungebrochene Lebensfreude.

Die Samaneras hingegen, in hellerem Orange gekleidet, sind Novizen, der Nachwuchs sozusagen. Allerdings ist der Anteil der Samaneras klein, der sich zu einem mönchischen Leben entschliesst. Die meisten Jungen verbringen eine gewisse Zeit im Kloster und kehren dann in ihre bürgerliche Existenz zurück.

 

Young Monk
Samanera – jung und bereits sehr würdevoll

Der Hügel

Nach den gestrigen Anstrengunen ist heute Easy-Going angesagt. Die Stadt bietet soviele Highlights, dass die paar Tage kaum reichen, um alles zu sehen. Der über der Stadt thronende Hügel muss bestiegen werden, es soll dort allerhand Spannendes zu sehen geben. Der Hügel spielte auch militärstrategisch (was mich als Militärhasser allerdings nicht vom Stuhl wirft) eine bedeutsame Rolle, die entsprechenden Hinterlassenschaften der kriegerischen Zeiten sind immer noch zu bestauen oder je nach Sicht zu verabscheuen.

Dann steht mitten in der Stadt das Museum bzw. der Königspalast, dessen Ruf allerdings nicht der Beste ist. Den Grund dafür werde ich selbst herausfinden.  ansehen, lesen, chillen, mehr nicht. Und schreiben. Mal sehen, wie es mit meinen Romanen weitergehen soll. Ich muss mir da was einfallen lassen.

Über der Stadt thront ein angenehm zu besteigender Hügel, der auch bei grosser Hitze, so wie heute, ohne Anstrengung zu erobern ist. Die Aussicht ist erwartungsgemäss umwerfend. Die Stadt liegt wie eine alternde Dame unter uns, eingebettet zwischen die sie umgebenden Flüsse und die fruchtbaren Felder ringsum. Ein leichter Dunst schwebt einem durchsichtigen Schleier gleich über der Landschaft, verleiht ihr beinahe etwas Mystisches.

 

Kanone
Alte Kanone auf dem Hügel – Erinnerungen in Form verrostender Artefakte

Ein waschechter Samanera

Auf dem Weg hinunter treffe ich auf einen jungen Mönch, einen waschechten Samanera. Er gibt sich redlich Mühe, Englisch zu sprechen, löchert mich mit Fragen zum Woher und Wohin, um mir dann am Schluss 500 Kip abzuluchsen. Der gut geplante und durchgeführte Trick verdient Respekt.

Am Fuss des Hügels setze ich mich an einen Tisch vor dem Kloster, und schreibe in mein Tagebuch. Einmal mehr merke ich, wie sehr ich es vermisse.

 

Und noch ein Samanera

Der junge Mönch spricht mich nochmals an, und ich bin tatsächlich drauf und dran, ihn zu fragen, was er denn nun schon wieder will, bis ich merke, dass es nicht der gleiche ist wie vorher. Dieser ist intelligenter und sprachenkundiger als der erste und erzählt mir seine Geschichte.

Es ist immer die gleiche: die Jünglinge stammen in den meisten Fällen aus armen Familien, die es sich nicht leisten können, ihre Söhne zuhause zu ernähren, und so werden diese für ein paar Jahre ins Kloster geschickt. Dort werden sie geschult, erhalten eine Ausbildung, die es ihnen später erlaubt, einen Job zu finden. Das Gespräch dauert lange und bringt mir eine Menge neuer Informationen. Bis sich der junge Mönch mit grossem Bedauern verabschieden muss, denn eine Glocke ruft zu Was-weiss-ich.

 

Der Königspalast

Am Nachmittag der Königspalast. Eigenartig. Er ist irgendwie aus der Zeit gefallen, dabei regierte der letzte König bis in die 70-er Jahre, bevor er von den Kommunisten samt Familie eingesperrt wurde. Niemand überlebte. Königsein und Altwerden vertragen sich manchmal schlecht.

Alles wirkt gleichzeitig königlich und furchtbar spiessig. Die Phantasie streikt, will sich das Familienleben mit den Kindern und Bediensteten und Untergebenen und Besuchern vorstellen. Trotz Pomp wirkt das Gebäude – nicht nur weil es ein Museum ist – irgendwie merkwürdig und leer und voll von falschem Pathos. Erinnert mich an die vielen Paläste in Indien, dasselbe Phänomen.

 

Der Königspalast
Der Königspalast

Ich habe mich entschlossen, noch einen Tag länger zu bleiben. Vielleicht noch einmal ein bisschen velofahren, herumstreunen. Das gute Essen geniessen. Die Atmosphäre der alten Stadt reinziehen. Und dann weiter reisen Richtung Süden.

 

PS Song zum Thema:  Dressed Up Animals – Ruinen

 

Laos

Luang Prabang – Das Schicksal der Elefanten

Nebliger, grauer Morgen.

Sonntag. Keine Kirchenglocken, dafür Vogelgezwitscher in der Ferne (oder bilde ich mir das bloss ein?). Die Luft riecht wie immer, eigentlich nicht nach Sonntag, sondern nach TukTuk-Abgasen und Küchengerüchen im Hintergrund des Restaurants, wo ich eben einen Cinnamon-Bagel mit Butter und selbstgemachter (!) Konfitüre verdrücke. Dazu natürlich einen meiner geliebten Kaffee Mon mit jeder Menge Kondensmilch aus der Tube.

Heute ist Sport angesagt, um meine eingerosteten Muskeln zu lockern. Velofahren in die Umgebung von Luang Prabang, vielleicht schaffe ich es sogar bis zum Elephant Village.

Ein Wasserfall könnte das erste Ziel sein, doch er bleibt auch nach sehr anstrengender Fahrt über unbefestigte Strassen, über muskelübersäuernde Steigungen ein Phantom. Der Schweiss rinnt in Strömen, so muss es sein. Das Velo könnte zwar aus dem letzten Jahrhundert sein, ein Damenvelo, ohne Gänge, aber es bewährt sich tapfer. Und ich fühle mich ebenso tapfer.

 

Ein harter Weg bergauf

Ein Schild weist den Weg zu einem Elefantenzentrum, es erweist sich später allerdings nicht als dasjenige, das ich suche. Macht nichts. Anfänglich ist die Strasse recht ordentlich, doch dann wird sie steiler, kurviger, staubiger. Eine veritable Bergstrasse, die Meter um Meter schlechter wird, voller Löcher, spitzen Steinen und Abschnitten, wo Baumaschinen an der Arbeit sind. Die Aussicht, mit meinem schwächlichen Velo den ganzen Weg wieder zurückfahren zu  müssen, erweckt doch etwas flaue Gefühle.

 

Hard Road  Baumaschinen

Es wird härter – was hier gemacht wird, ist schleierhaft

Lastwagen donnern vorbei, dicke Staubwolken hinter sich herziehend. Manchmal muss ich absteigen, wenn es zu steil wird und die Pumpe ins Stottern kommt. Doch irgendwie schaffe ich es, im Sinne des Wortes über Stock und Stein, ins Camp.

 

Meine Lieblingstiere

Und da sind sie, meine Lieblingstiere (neben Katzen, Tigern, Bären, Eisvögel, Steinadler und allen andern mit 2, 4 oder mehr Beinen), etwa zehn Elefanten, die genussvoll an ihrem Zuckerrohr kauen.

Wenn man sie so ansieht und in ihre kleinen schlauen Augen blickt, im Wissen, welches Schicksal ihnen und ihren Artgenossen blüht, überkommt einen Traurigkeit. Von der Million Dickhäutern, die einmal das Land bewohnten, sind gerade noch mal etwa tausend übrig geblieben, ein ansehnlicher Teil als Arbeitselefanten, die aber durch den Ersatz durch Maschinen auch nicht mehr gebraucht werden.

 

Elephant Camp
 Ein bisschen einsam, ein bisschen traurig

 

Ein junger Mann mit Plänen

Die Rückfahrt dauert viel weniger lang als erwartet, und mein zerbrechlich aussehendes Gefährt hält wesentlich mehr aus als es aussieht. Nach einer Cake-Pause folge ich dem Mekong Richtung Norden, kaufe Bananen zu einem Preis, der mir die Schamröte ins Gesicht treibt, und unterhalte mich mit einem jungen Mann, der sich zu mir setzt.

Ein junger Mann
Zufallsbegegnungen

Er studiert ganz in der Nähe und spricht ein leidlich gutes Englisch (auf jeden Fall besser als mein Laotisch, dass immer noch aus Sabaidee und Kopdschai lai lai besteht). Er hat Pläne für seine Zukunft, glaubt felsenfest daran, dass er eine Zukunft hat, wenn er sich nur genug anstrengt.

Diese jungen Leute sind bewundernswert. Es gibt keine Hindernisse, die nicht überwunden werden können, obwohl die Aussicht auf Erfolg gering ist.

Ich wünsche ihm alles Glück dieser Welt.

 

Dem Mekong entlang

Dann zweige ich in eine Strasse ab, die direkt am Fluss liegt, durchquere kleine Ansammlungen von Hütten auf unbefestigten Strassen, weiche watschelnden Hühnern und Enten und Hunden und Kindern aus und fühle mich einfach göttlich. Das sind wieder diese Momente, die Glücksgefühle, die grossen, diejenigen, die alles erst ausmachen.

 

Spielende Kinder  Dem Mekong entlang

Brücke über einen Mekong Zufluss
Brücke über einen Mekong Zufluss

Manchmal braucht es so wenig für ein kleines Glücksgefühl und Wohlbehagen. Eine warme Dusche nach einem anstrengenden Tag, ein mundendes Nachtessen, ein bequemes Bett. So wie jetzt.

 

Patrick Leigh Fermor

Ich vertiefe mich ein weiteres Mal in Patrick Leigh Fermors 2-bändiges Opus Magnum Die Zeit der Gaben: Zu Fuß nach Konstantinopel. Also sozusagen das Ur-Werk aller Wanderbücher, erlebt und geschrieben von einem damals 18-jährigen Engländer.

 

Ich zitiere aus dem Klappentext:

18 Jahre alt ist Patrick Leigh Fermor, als er sich aufmacht, Europa zu erkunden. Sein Ziel vor Augen, er will nach Konstantinopel, wandert er zunächst von Hoek van Holland rheinaufwärts. Tief hinein nach Deutschland geht die winterliche Reise, durch Wiesen und Wälder, verschneite Städte, die Donau entlang, nach Wien und Prag, bis in die ungarischen Marschen. Es ist das Jahr von Hitlers Machtergreifung. In seiner poetischen und präzisen Sprache lässt Patrick Leigh Fermor vor unserem inneren Auge das alte Europa erstehen, das wenige Jahre später in Schutt und Asche versinken wird.

Während des Zweiten Weltkriegs stand Fermor im Dienst der Special Operaions Executive. Die SOE setzte Major Fermor unter anderem im besetzten Kreat ein. Dort lebte Fermor im Untergrund, organisierte den Widerstand gegen die deutschen Besatzer und entführte schließlich zusammen mit einem Offizierkameraden den deutschen Generalmajor und Befehlshaber der deutschen Besatzungstruppen auf Kreta. Er wurde dafür mit zwei Orden ausgezeichnet und zum Ehrenbürger von Iraklio ernannt.

Ich habe vor kurzem erfahren, dass Fermor im letzten November mit 96 Jahren gestorben ist. Ich fühle einen Verlust, als hätte mich ein guter Freund verlassen. Ein Wanderer, ein ewig Reisender. Ein poetischer Schriftsteller von Gottes Gnaden. Ich werde ihn vermissen, auch wenn ich bis vor drei Jahren nicht mal etwas wusste von seiner Existenz.

 

PS Song zum Thema:  Tame Impala – Elephant

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Laos

Luang Prabang – Die heiligste aller Städte

Nun bin ich also in der heiligsten aller Städte des Landes – Luang Prabang. Und heute werde ich herausfinden, warum das so ist …

Doch das erste, was am Morgen, beim Hinaustreten ins Frei, auffällt, ist die frische Luft. Sie riecht nach Gewürzen, nach frischem Brot, nach Wald.

Seltsam in einer Stadt, die gestern Abend noch vor allem nach Auspuffgasen und allerlei anderen schlimmen Düften roch. Vielleicht hat sie der Nachtwind weggeblasen, vielleicht – und das ist die grössere Wahrscheinlichkeit – bilde ich mir das nur ein.

Weil es so sein sollte in dieser heiligsten allen Städte in Laos.

Wat Xieng Thong

Es fängt an mit den Malereien, an denen sich auch das ungeübte Auge nicht sattsehen kann. Vögel, Tiere, Gottheiten, in allen Farben des Spektrums, die auch nach so vielen Jahren (oder Jahrhunderten) noch immer verzaubern.

 

Wat Xieng Thong Temple
Wat Xieng Thong Tempel

 

Is there anything more beautiful?
Gibt es etwas Schöneres?

 

Gong
Ein Gong …
Kunst
… und künstlerische Feinheiten

Eine billige Plastikblume am Buddha

Und immer ist da dieser typisch buddhistische Klang, dieser weltliche Aspekt, der in allem mitschwingt. Eine billige Plastikblume am Hals einer jahrhundertealten Figur. In Burma waren es gelegentlich Preisschilder, hier könnte auch eine Colaflasche zelebriert werden. Es würde keinen stören.

Für westliche Geister allerdings, vor allem die dogmatischen, undenkbar, verstörend, eine Beleidigung des guten Geschmacks und für den Künstler (dem es vermutlich ziemlich egal gewesen wäre). Das ist das Schöne am Buddhismus, diese Dinge spielen schlicht keine Rolle, der Geist der Vergänglichkeit durchdringt die Welt, also auch die alten Götter und deren Abbilder.

 

Tempel und Auto
Der buddhistische Pragmatismus: Tempel und Garage in einem

Absurde kleine Existenzen

Nun, wie auch immer, ich sitze an einem Steintisch im Schatten eines Baumes, Touristen strömen in Scharen vorbei, ich gehöre zu ihnen, diesen Ignoranten. Macht nichts. Vergänglich. Wir sind alle absurde kleine Existenzen, hechelnd nach Anerkennung, manchmal jaulend vor Einsamkeit, eine winzige Flamme in der Dunkelheit. Vergänglich. Es spielt keine Rolle, nur die Summe am Schluss zählt. Oder doch nicht?

Einige dunkle Wolken hängen über der Stadt; zuhause würden sie wohl ein baldiges Sommergewitter ankündigen. Doch hier bilden sie nur eine kurze Episode, machen den Mittag und seine Hitze etwas erträglicher.

 

Sich treiben lassen

Die Stadt ruft sozusagen danach, sich einfach treiben zu lassen. Das Denken beiseite zu lassen. Achtsamkeit, diesen westlichen Hype, wirken zu lassen. Und dann nur noch sein. Mal beim nächsten Tempel, beim Fluss, der sich träge an der Stadt vorbei wälzt. Oder im Café bei der Betrachtung der Menschen, die vor dem Fenster vorbeigehen. Auf dem Hügel, der über der Stadt thront, die Aussicht geniessen.

 

Philosophische Gedanken am Abend

Die Stadt ruft ambivalente Gefühle hervor. Ohne Touristen wäre sie eine stille, verträumte alte Stadt, voller Geschichte, voller Erzählungen übe die Welt, über Kriege und Not. Und die absonderlichen Launen der Spezies Mensch, die fähig ist zu höchster Kunst und barbarischer Grausamkeit. Man muss es wie alles andere in Gelassenheit hinnehmen.

Und wenn wir gerade von Gelassenheit sprechen – die wirkungsvollste Waffe gegen die Zweifel am Sinn der eigenen Existenz wäre eigentlich das Zurücknehmen der Wichtigkeit der eigenen Existenz. Sehr heilsam als Gedanke, aber kann man leben damit?

Seltsam – die Stadt scheint prädestiniert dafür, in philosophische Gedanken abzugleiten. Ob das gut ist, weiss ich nicht, wir werden sehen.

 

Der Nachtmarkt

Gegen Abend entsteht Hektik. Wo vor kurzem noch allerlei Vehikel und tausende Fussgänger sich den Platz streitig gemacht haben, werden nun in Windeseile Stände aufgestellt, aus Anhängern, Autos, Fuhrwerken, Taschen und Rucksäcken eine Million Tücher, T-Shirts, Handschuhe, Ringe und Armbänder und eine weitere Million kleiner und grösserer Kinkerlitzchen bereitgestellt. Jetzt verstehe ich – Nightmarket!

 

Nightmarket in Luang Prabang
Tausend Lampen, tausend Stoffe, T-Shirts, Teppiche …

 

PS Song zum Thema:  Sisters of Mercy – Temple of Love

Und hier geht’s weiter …

 

Laos

Nam Ou Flussfahrt – Das Abenteuer endet

Der Tag beginnt früh, mit Hühnergegacker, Entengeschnatter, fröhlichen Kinderstimmen.

Frühmorgendliche Kühle und Feuchtigkeit in der Luft. Langsamer, träger Gang durch die Pfade zwischen den Häusern. Das Ticketbüro öffnet erst um acht, also zuerst mal Frühstück, wie es sich gehört. Abschiedsgespräche, immer dasselbe. Man schwört sich, in Verbindung zu bleiben, und weiss doch ganz genau, dass es niemals klappen wird.

 

Abschiede

Das Boot legt verspätet ab, weil ein paar hohe Beamte begrüsst werden müssen. Sie werden empfangen wie Könige. Ich will mich gar nicht erst damit aufhalten, wie sehr mich die Verneigungen vor diesen merkwürdig spiessigen Männern ärgern. Wir leben gottseidank in Ländern, wo Unterwürfigkeit vor den oberen Hierarchiestufen verpönt ist. Aber kann man es den Leuten hier verdenken? Sie leben in einem Land, wo oben und unten klar geregelt ist. Verstösse werden geahndet. Punkt. Aber daran gewöhnen werde ich mich niemals.

Das Dorf, das mir in kurzer Zeit ans Herz gewachsen ist, Muang Ngoi und Reto und James und Suzie, verschwinden im vom Morgenlicht verwunschenen Ufer.

 

Farewell tu Muang Ngoi
Ready for takeoff

 

Ein Blick zurück, nur einer, dann gibt es nur noch das Vorne.

Am Anfang lässt uns der Fluss unsere morgendliche Ruhe, gibt vor, gezähmt zu sein, seine Kraft verloren zu haben. Das Ufer gleitet ruhig und gemächlich vorbei, eine Herde Kühe, eng zusammen liegend, ein Boot am Ufer, dann wieder lange nichts, nur Bäume, Gebüsche, braune und gelbe Erde.

Und manchmal Fischer, stoisch ihre Ruten ins Wasser haltend, Wasserbüffel, im Dreck suhlend, Dörfer, Häuser, Hütten. Und der Urwald, manchmal gerodet und mit Eukalyptusbäumen bepflanzt. Dann werde ich wütend und traurig und verfluche die Chinesen, die das alles angerichtet haben.

 

Fishermen at work
Fischer an der Arbeit
Cows at the shore, sunbathing
Sonnenbadende Kühe am Ufer
Sometimes a boat, empty ...
Manchmal ein leeres Boot …

... or a few kids, playing in the water

Aber dann ist es mit der Ruhe vorbei, der Fluss will uns einmal mehr zeigen, wer der Herr im Hause ist.

Ich schaue auf das rasende Wasser hinaus, wie in Trance, immer wieder durchgeschüttelt durch die eine oder andere Stromschnelle, die nun im Minutentakt auftauchen, ein paar Sekunden lang tosen und lärmen, um dann hinter uns zu verschwinden.

 

Wild water
Wildes Wasser

Unidentifiable Objects in the water

An einer Stelle ist der Fluss zu einem tobenden Ungeheuer geworden. Wir sind gezwungen, das Boot zu verlassen und ein paar hundert Meter zu Fuss flussabwärts zu gehen, bis zur Stelle, wo man wieder guten Gewissens und ohne unnötige Risiken einsteigen darf.

 

Auf der Suche nach einem Boot

In Nong Kiao, dem nächsten grösseren Dorf, geht das Boot vor Anker. Ende der Reise. Von hier an heisst es, wieder einen Platz auf einem Boot zu finden. Was erheblich schwieriger ist als angenommen. Das erste Boot ist nämlich bei unserer Ankunft bereits voll und legt eben ab. Ja Kruzifix! Natürlich gibt es andere Boote, und auch der Preis ist bekannt. Allerdings sinkt dieser natürlich mit der Anzahl der Passagiere, was zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht gewährleistet ist.

Es gilt also, in der heissen Mittagspause ein paar Leute zu finden, die das gleiche Ziel haben. Ich mache mich erst mal auf den Weg in die nächste Bank; das Bargeld geht zur Neige und der freundliche Bootsvermieter möchte gerne in bar bezahlt werden. Na gut, allerdings dauert es doch seine Zeit, bis ich in dem Kaff etwas Ähnliches wie eine Bank finde.

Und dann haben wir zwar nicht die gewünscht Anzahl Passagiere beisammen, aber der Preis tut nicht mehr ganz so weh (es gibt da doch einige Travellers, die monetär eher aus dem letzten Loch zu pfeifen scheinen).

 

Der Mekong saugt uns auf

Ich bin heute ganz still, rede kaum, während um mich vielstimmiges, vielsprachliches Geschnatter den Lärm des Aussenborders zu übertönen versucht. Wieder einmal gehöre ich heute, ganz bewusst, nicht dazu. Ich befinde mich in meiner eigenen Welt, konzentriert und ganz, dem Augenblick hingegeben.

Die Pak Ou Höhlen

Ein paar Kilometer nördlich von Luang Prabang befinden sich die Pak Ou Höhlen, eine buddhistische Kultstätte, berühmt für ihre hunderten von Buddhastatuen. Es handelt sich um zwei Höhlen, die sich auf der Westseite des Mekong Flusses befinden.

Es ist klar, dass wir dort Halt machen. Allerdings muss man sich einmal mehr den Platz erkämpfen. Seit es in Laos immer mehr chinesische Touristen hat, die in Hundertschaften die berühmtesten Orte bevölkern, ist es manchmal etwas schwierig geworden. Aber man gewöhnt sich daran.

 

One of the many Buddhas
Einer der vielen Buddhas

 

Even more Buddhas
Noch mehr Buddhas

 

Und dann sind wir da, pünktlich zum Sonnenuntergang

Wie bestellt geht in dem Augenblick, als das Boot am Ufer von Luang Prabang anlegt, die Sonne in ihrem täglichen Pomp und unerreichtem Pathos unter.

 

Sunset over the Mekong
Sonnenuntergang über dem Mekong

 

Ich weiss nicht recht, wo ich mich befinde, irre ein bisschen herum, und bin unversehens allein. Ich frage mich durch, erreiche die Hauptstrasse, biege in einen Nebenweg ab. Irgendwann finde ich ein Hotel, esse eine Pizza, schlurfe durch die Stadt. Alles andere morgen …

 

PS Song zum Thema:  The Hat ft. Father John Misty & S.I. Istwa – The Angry River

Und hier geht’s weiter …

 

Laos

Muang Ngoi – Auf der vergeblichen Suche nach Mr. Wong

Jedes Haus, jedes Zimmer hat seine Geschichten.

Tieftraurige, wehmütige, herzzerreissende, aber auch wunderbare, herzerfüllende Geschichten. Geschichten von Glück und Verlust. Von Verrat und Freundschaft. Sie sind unsere Zeugen. Es gehört zu unserer Welt und unserem Leben, dass Yin und Yang immer wirken, dass Leben und Tod immer zusammengehören. Das ist der einzige Trost, den ich den beiden unglücklichen Jugendlichen geben kann. Und mir selbst. Und deswegen schlafe ich trotz der seltsamen und unglücklichen Vergangenheit meines Zimmers gut und fest.

Beim Morgenessen Gespräch mit einem englischen Paar, James und Suzie. Er ist Reiseschriftsteller (aber später stellt sich heraus, dass er noch viel mehr ist; seine Vita ist beeindruckend, aber davon später mehr). Auf jeden Fall entschliessen wir uns, zusammen mit James Ruddy, so heisst der Mann, ins nächste Dorf zu wandern. Reto möchte einen alten Bekannten aufsuchen, einen Herrn Wong.

Wie sich zeigen wird, ist Herr Wong schwierig zu finden.

 

Alles verändert sich

Um halb elf geht’s los, die Häuser fallen hinter uns zurück.  Es ist (noch) ein gutes Dorf, dieses Muang Ngoi, aber wie lange noch? Es verändert sich mit rasender Geschwindigkeit, wie alles, das auf dem Radar der touristischen Weltgemeinde auftaucht. Allein heute Morgen sind ein paar schöne alte Palmen gefällt worden, um Platz für ein weiteres Guesthouse oder eine Spelunke zu machen, die dann mangels Erfolg über kurz oder lang zerfällt. Oder auch nicht. Der Lauf der Welt, wie immer auch ein düsteres Kapitel …

Ich wage nicht mir vorzustellen, wie es hier in ein paar Jahren aussehen wird.

 

What will it look like here in a few years?
Wie wird es hier in ein paar Jahren aussehen?

 

Summende Stille zwischen den Bäumen

Wir machen uns also auf den Weg ins abgelegene Dorf, er ist angenehm, meistens flach, an sprudelnden Bächen und weidenden Kühen und Wasserbüffeln vorbei. An einem solchen Tag gibt es eigentlich nichts Schöneres als einen gemütlichen Spaziergang, ganz ohne Hast, dafür mit viel entspannter Ruhe.

Wir treffen ein paar Kinder auf dem Weg zur Schule, sonst sind wir allein mit dem Vogelgezwitscher, mit dem Wind in den Bäumen, der Sonne auf dem Gesicht.

 

My two companions on the way  Cottages, grazing cows - idyllic

Manchmal führt der schmale ausgetretene Pfad durch Alleen durch, Äste schwingen herab und manchmal ins Gesicht, eine summende Stille zwischen den Bäumen, die wie aufrechte Soldaten gegen den Himmel schauen. Gelegentlich gilt es einen Bach zu durchqueren, barfuss mit Vorteil, denn das Wasser ist teilweise recht tief und wunderbar kühlend. Schuhe aus, waten, Schuhe an.

 

Alleys in the jungle
Alleen im Dschungel

 

James

James ist klug, belesen, sehr sympathisch und höflich, wie man sich einen Engländer vorstellt. Er ist aus dem Arbeitstrott ausgeschieden und verdient sich nun seinen Lebensunterhalt mit dem, was er am liebsten macht: Reisen. Er ist auch schon sechs Monate unterwegs und schreibt ein neues Buch für Reisende über 50 mit dem Arbeitstitel „Born to be mild“.

Ganz bescheiden, wie er ist, verweist er auf ein anderes seiner Bücher: „The Kindness of a Stranger„. Er beschreibt darin seine Aufenthalte in Kriegsgebieten, die Gräuel, das menschliche Leid, die Perspektivlosigkeit der Welt.

 

Eine vergangene Welt

Dann endlich das Dorf. Das Gefühl, im Mittelalter oder einer längst vergangenen Welt angekommen zu sein.

Ein paar da und dort herumliegende Plastikflaschen stören das Bild, doch die Holzhäuser auf Stelzen, die gackernden Hühner auf den unbefstigten Gassen zwischen den Hütten, die schwach rauchenden Feuerstellen, die lärmenden Kinder, alles deutet auf etwas hin, das in unserer westlichen Welt längst vergessen ist: Ruhe, Frieden und Harmonie.

Auch wenn sie trügerisch ist …

 

A bygone world  Midday nap in the heat

Während Reto sich auf die Suche nach Mister Wong macht (der sich als Phantom entpuppt, auf jeden Fall ist er unauffindbar), lassen James und ich uns auf der Terrasse des einzigen Restaurants nieder, bestellen Suppe, Bier und was sonst noch alles dazugehört.

 

Lachendes Elend

Der Wirt ist ein seltenes Unikum: klein, rundlich, ein verschmitztes Lachen im Gesicht. Sein Englisch würde jeden Comedypreis erhalten, aber wir erfahren trotzdem so einiges über das Dorf, über diese kleine, dem Untergang geweihte Welt.

Er ist nicht nur Restaurantbesitzer, sondern hätte auch ein paar Bungalows zu vermieten, Kostenpunkt 5000 Kips pro Nacht. Das sind umgerechnet gut 70 Rappen! Meine Güte! Ob sie unseren ziemlich niedrigen Standards genügen würden, ist eine andere Frage. Wohl eher nicht.

Es dauert allerdings nicht lange, bis ein paar junge Travellers dem Angebot nicht widerstehen können und die Zimmer beziehen.

 

The group is becoming more and more cheerful ...
Die Runde wird immer fröhlicher …

 

Nach ein paar Bieren und Schnaps wird die Stimmung immer besser, das Lachen lauter. Am lautesten lacht der Wirt; wir wälzen uns beinahe am Boden, obwohl wir eigentlich nicht wissen, warum. Während er lacht, erzählt er traurige Geschichten, von seiner Frau, die einen Unfall hatte, in Luang Prabang und Vientiane behandelt wurde, bis ihm das Geld ausgegangen ist. Nun ist sie wieder zuhause, aber es geht immer noch nicht gut.

Das Lachen bleibt im Hals stecken …

In einem anderen Leben, einem anderen Ort auf der Welt, wären seine Probleme gelöst. Krankenkasse, Behandlung, Geld – alltägliche Sicherheiten unseres bevorzugten Lebens. Wieder einmal wird man daran erinnert, welche Lotterie das Leben doch ist. Wir im Westen haben den Topgewinn mit Zusatzzahl, während diese ungemein freundlichen Menschen hier ein ganz schlechtes Los gezogen haben. Man lacht und ist gleichzeitig unendlich traurig …

Es ist eine dieser Geschichten, die hängen bleiben, wie viele andere.

 

Irgendwann machen wir uns trotz angenehmer Gesellschaft auf den Rückweg, die Sonne steht bereits am Horizont, wir schaffen es aber eben noch vor Einbruch der Dunkelheit. Meine Zehe macht mir etwas Sorgen. Falls es sich zu einer Blutvergiftung entwickeln sollte, habe ich ein Problem. Aber so weit sind wir noch nicht.

Dann der letzte Abend in Muang Ngoi, ich werde eine wehmütiges Gefühl mitnehmen, nicht nur des Dorfes, sondern auch der Gesellschaft der neu gewonnenen Freunde wegen, die ich nun wahrscheinlich wieder einmal für immer verlassen muss.

 

PS Song zum Thema:  Lynyrd Skynyrd – Searching

Und hier geht’s weiter … Zum zweiten Teil der Nam Ou Flussfahrt

 

Laos

Nam Ou Flussfahrt – Das Abenteuer beginnt

Der Ausblick aus meinem Fenster zeigt einen wolkenlosen tiefblauen Himmel. Ein perfektes Omen für diesen besonderen Tag.

Denn heute steht die erste Etappe der Nam Ou Flussfahrt nach Luang Prabang auf dem Programm. Das wird hoffentlich genau der verrückte Trip werden, den ich mir erhoffe. Also wilde Strudel und Stromschnellen und Wellen und Untiefen. Und dazwischen Herzklopfen und Adrenalin. Genau das Richtige für mich.

Die Aussicht auf diesen Tag hat mich früh aus den Federn geholt. Nichts mit Frühstück, die griesgrämige Dame an der Reception schenkt mir auf meine diesbezügliche Frage einen abschätzigen Blick, der wahrscheinlich die laotische Version von Fuck off bedeutet. Die etwas jüngere Dame, die mich in einem Restaurant oberhalb des Flusses bedient, scheint zur gleichen Spezies zu gehören. Auch hier lediglich ein grimmiges Gesicht, als hätte ich sie durch meine blosse Anwesenheit zutiefst beleidigt. Doch der Kaffee ist Klasse.

Immerhin.

 

Das Abenteuer beginnt

Langsam versammeln sich die potentiellen Mitglieder des geplanten Trips am Ufer. Ich habe mich mit Reto verabredet, einem Schweizer, den ich gestern kennengelernt habe. Wir werden die Fahrt zumindest bis Muang Ngoi gemeinsam machen.    Nachdem sich die wartenden Touristen im Boot bequem gemacht haben, stösst das vollbeladene Boot pünktlich um 9.30 ab.

 

Before the start
Vor dem Start am frühen Morgen

 

Der Mensch reagiert bei Gefahr immer so wie vor tausenden von Jahren: die Kampf-oder-Flucht-Reaktion kommt ins Spiel. Sie beschreibt die rasche körperliche und seelische Anpassung von Lebewesen in Gefahrensituationen als Stressreaktion. Bei gefährlichen Flüssen allerdings scheinen weder Kampf noch Flucht sinnvolle Reaktionen zu sein. Cortisol- und Adrenalin Ausschüttungen werden dabei vor allem zu erhöhtem Blutdruck und Herzklopfen führen.

Es dauert aber noch etwas bis zu den erwarteten Auswirkungen. Vorerst scheint der Fluss ein wohlgesonnenes Monster zu sein. Wir werden erst etwas später merken, was für ein hinterhältiger Kerl dieser Fluss ist. Aber eines ist sicher: die Nam Ou Flussfahrt nach Luang Prabang könnte der Höhepunkt dieser Reise werden.

 

 

Stromschnellen und ein wackliges Boot

Es hat Platz für knapp 10 Personen, die zu beiden Seiten hintereinander sitzen. Der Kapitän sitzt majestätisch vorne am Bug, in der Hand lässig das Steuerrad, in der andern Hand eine Zigarette. Er ist sich seiner Bedeutung bewusst; wenn ein gelegentlicher ängstlicher Aufschrei zu hören ist, gleitet ein spöttisches Grinsen über sein rundes Gesicht. Doch er versteht sein Handwerk. Mit stoischer Ruhe steuert er sein Boot über die immer wilder werdenden Wogen, gibt mal Gas, umschifft eine Untiefe, die uns verborgen bleibt.

 

On the Nam Ou towards south
Auf dem Nam Ou gegen Süden

 

Ein wilder Tanz

Weitere Stromschnellen, immer ein wenig furchterregender werdend, ein wilder Tanz auf den Wellen, der Bug hebt und senkt sich im Takt des Wassers, das peitschend am Boot rüttelt. Manchmal wird man nass und fühlt sich wunderbar. Was sind wir bloss für wilde Kerle …

 

The river gets rough
Der Fluss wird rauer und wilder

 

Das Ufer, von Bäumen, Gebüschen und kargen Wiesen gesäumt, gleitet immer schneller vorbei, viel schneller als vorgestellt.

Der Aussenbordmotor knattert und röhrt und bringt das schmale Holzboot zum pfeilschnellen Gleiten auf dem unruhigen Fluss. Das auf den ersten Blick wacklige Boot entpuppt sich als rasendes Torpedo, das mit Lichtgeschwindigkeit über das unruhige Wasser gleitet. Oder schwebt. Wasser gischtet auf beiden Seiten, überzieht die Passagiere mit einer kalten Dusche.

Mit Ausnahme einiger weniger Einheimischer, die das Ganze eher als notwendiges Übel hinnehmen, ist die Begeisterung gross. Natürlich kommt es uns manchmal vor, als wären wir den Launen des Flusses vollkommen ausgeliefert (was wir vermutlich auch sind). Aber schliesslich sind wir genau deswegen hier. Um etwas Adrenalin zu spüren. Etwas Angst und Herzkllopfen, um dann nach überstandenem Abenteuer erleichtert durchatmen zu können.

 

A bridge under construction - harbingers of the future
Eine im Bau befindliche Brücke über den Fluss – Vorboten der Zukunft

 

Es dauert nicht lange, bis der Fluss seine wahre Natur zu zeigen beginnt. Doch das, was wir jetzt schon als ziemlich wild empfinden, ist nichts im Vergleich zu den kommenden Kilometern. Doch dann beruhigt er sich wieder, als müsste er kurz Luft holen.

Wir atmen auf, bewundern die Konstruktion einer neuen Brücke über den Fluss. So ganz wohl ist uns nicht dabei. Wir wissen sehr genau, dass dies die Vorboten der Zukunft sind, ob sie sich als postitiv erweisen, wird sich zeigen.

 

A lagoon, perfect to let passengers get on board
Eine Lagune, perfekt um Passagiere einsteigen zu lassen

 

Ein holländischer Gentleman

Irgendwo im Niemandsland wechseln wir das Boot, niemand weiss den Grund, aber es ist letztlich egal. Allerdings ist das Boot grösser, vor allem kann es mehr Gepäck aufnehmen. Aus einem offenbar nahegelegenen Dorf tragen Männer und zierliche Frauen gewaltige Lasten herbei, die allesamt ins Boot verladen werden. Wenn das bloss gut geht.

 

Woman with kid and luggage
Frau mit Kind und Gepäck

 

Ein Holländer bietet sich ganz Gentleman-like an, beim Transport zu helfen, und gerät kurz, obwohl einen Kopf grösser und wesentlich breitschultriger als die schwachbrüstigen Laoten, an seine körperlichen Grenzen. Sein Keuchen ist von weitem zu hören. Wir bemitleiden ihn alle, aber nur ein bisschen …

 

Urwald und riesige Bäume

Ein dichter Urwald zieht sich dem Ufer entlang bis zum Horizont, bis zu den hügligen Gebirgszügen, kaum erkennbar im morgendlichen Dunst. Riesige Bäume, mir völlig unbekannt, stossen bis zum Himmel, andere neigen sich mit ausladenden Kronen, Schatten verbreitend, über das Ufer.

Das Wasser ist schnell, gleitet schäumend an den ausgewaschenen Ufern vorbei, das Boot ruckelt und zuckelt, und es dauert nicht lange, bis uns die erste Stromschnelle durchschüttelt. Das Lachen, eben noch mutig und heldenhaft, wird nervöser. Man erkennt zum ersten Mal, das wir uns hier in einer Situation befinden, die doch ein bisschen weniger harmlos ist als vorgestellt. Wir sind begeistert, glauben an das grosse Abenteuer, in Unkenntnis davon, dass dies erst der Beginn ist. Die wirklich furchterregenden Stromschnellen liegen flussabwärts, aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht

Und dann beruhigt sich das wilde Wasser wieder, das Boot gleitet ruhig und sanft über den Fluss, das Auge hat nun Zeit, die Umgebung zu erforschen

 

  Rocks in the middle of the river  Giant trees at the shore  Cruises im the other direction

We are being watched  But then new wild rapids  Wild water again

 

Vorboten der Zukunft

Es wird gemunkelt, dass irgendwo im unteren Abschnitt des Flusses ein Staudamm gebaut werden soll. Kann es sein, dass diese Flussfahrt in absehbarer Zeit nicht mehr möglich ist? Dann unsere Freunde aus dem Norden einmal mehr ihre Muskeln zeigen und ohne Rücksicht auf Verluste ihre wirtschaftlichen Absichten in die Tat umsetzen wollen?

Es darf einfach nicht wahr sein. (Ist es aber: kaum zwei Jahre nach diesem legendären Flusstrip wurde der Damm fertiggebaut und damit der bisherige Transport auf dem Nam Ou erschwert bzw. verunmöglicht; ich darf gar nicht sagen, wie sehr mir das zu Herzen geht.)

 

Kinder, Kinder

Und weiter. Immer schön dem Wasser entlang, dem gischtenden Wasser, das an Wildheit und Kraft von Kilometer zu Kilometer zunimmt, zu beiden Seiten das Ufer als wechselnde grün-gelb-braune Kulisse. Dazwischen Kinder,immer wieder Kinder, grosse, kleine, immer laut und lärmig und herzig und freundlich.

 

Kids at the shore 1  Kids at the shore 2  Kids at the shore 3

Kids at the shore 4  Kids at the shore 5  Kids at the shore 6

 

Muang Ngoi

Nach Stunden ruhigen und dann wieder wilden Treibens auf dem Fluss, erreichen wir Muang Ngoi.

Es ist einer der Orte, die jeder Traveller kennt und in denen es garantiert wimmelt von kleinen Läden und Restaurants, wo du alles erhältst, wonach sich dein Herz sehnt. Er ist nur über den Fluss erreichbar, was ihn speziell und gottlob etwas abseits macht. Sollten die Prophzeiungen der Staudämme sich als wahr erweisen (was ich befürchte), wird sich dieser wunderbare Ort in kurzer Zeit verändern. Es werden vielleicht keine Travellers mehr kommen, kein Geld, kein Einkommen für die vielen Restaurants und Läden und Hotels. Das Leben wird sich zurückziehen, es wird wieder still und einsam.

Man möchte es sich nicht vorstellen.

 

Docking point in Muang Ngoi
Anlagestelle in Muang Ngoi

 

Zimmer mit schlechtem Ruf

Ich nehme ein Zimmer in einem Hotel oberhalb des Flusses. Jemand erzählt, dass ausgerechnet dieses Zimmer meistens frei steht. Offenbar wurde hier vor einiger Zeit ein junges Paar tot aufgefunden steht. Ich bin ja nicht abergläubisch, aber diese traurige Geschichte geht mir doch ans Herz.

 

A first class hotel with bad reputation
Ein erstklassiges Hotel mit teilweise schlechtem Ruf

 

Seltsame Souvenirs

Wir essen eine Kleinigkeit auf der Terrasse, schwatzen über Gott und die Welt, machen einen Rundgang durch das wirklich herzige Kaff.

An allen Ecken raucht und riecht es nach allerhand Köstlichkeiten, und manchmal steht irgendwo an einer Ecke der Überrest einer Fliegerbombe aus dem Vietnamkrieg. Seltsame Souvenirs! Eine grosse Anzahl Backpackers streunen durch die Gassen und unbefestigten Strässchen. Es ist genauso wie überall auf der Welt, wo sich Backpackers treffen, für eine Weile ihre Ruhe haben, bis sich der Massentourismus anmeldet und die Karawane weiterzieht, einem neuen Backpacker Hotspot entgegen.

 

Middle Ages in Muang Ngoi
Mittelalter in Muang Ngoi

 

Main street - just like a long time ago
Hauptstrasse – wie im Mittelater

 

Strange Souvenirs from the Vietnam War
Seltsame Souvenirs vom Vietnamkrieg

 

Perfect place for a cold beer in the evening
Perfekter Ort für ein kühles Bier am Abend

 

Das Dorf gefällt mir wirklich, und deshalb entschliesse ich mich kurzfristig, noch etwas hierzubleiben und am nächsten Tag einen Trip ins nächste Dorf zu unternehmen. Der Abend ist kühl, um zehn wird der Strom abgestellt, und ich stehe mit meiner Zahnbürste im Dunkel …

 

PS Song zum Thema:  The Killers – This River is wild

Und hier geht’s weiter …

 

Laos

Muang Khoua – Schlechte Vorzeichen

Ein eigenartiger Tag.

Er fängt mit schlechten Omen an, und einmal mehr zeigt sich, woher der Aberglaube seine Kraft bezieht. Irgendetwas drängt zum Aufbruch, und in der Tat: trotz einer Stunde vor Abfahrt ist der Bus gerammelt voll. Meiner Charmeattacke kann sich die junge Dame, die den Zutritt zum Bus unter Kontrolle hat, nicht entziehen und lässt mich einsteigen, allerdings mit der freundlichen Warnung, dass es unter Garantie keinen Sitzplatz mehr hat.

 

A noisy colored crowd on the bus
Ein lautes farbiges Volk im Bus

 

Und tatsächlich – der Bus ist bis auf den letzten Platz besetzt, sogar der Gang ist mit allerlei Sitzgelegenheiten belegt, von der Kiste bis zum wackligen Campingstuhl. Der Lärmpegel ist hoch, es wird viel gelacht und getratscht, eine Stimmung wie am Karneval.

Mir gefällt’s, auch wenn ich die nächsten Stunden aufrecht stehend verbringe, die Hände um Stangen und Haltegriffe geklammert, inmitten eines farbigen Völkleins, zusammengesetzt aus distinguierten älteren Damen, in bunte Trachten gekleidet, laut und lustig schwatzend, während der neueste Tratsch lauthals und gelegentlich unter heftigen Lachattacken ausgetauscht wird.

 

Wo ist das Gepäck?

Mit Ausnahme der Arme, die vom krampfhaften Halten schmerzen, geht es eigentlich ganz gut. Die Fahrt führt, soweit ersichtlich, ähnlich wie die letzte durch dicht bewaldetes Gebiet, mal rauf, mal runter, viele Kehren, die das Stehen mühsam machen. Dann ein erzwungener Halt: ein paar Gepäckstücke haben sich vom Dach gelöst und sind auf die Strasse gefallen.

Der Bus hält abrupt, der fürs Gepäck zuständige Boy rennt ziemlich entgeistert und beinahe ein bisschen panisch auf die Strasse hinaus, wo tatsächlich ein paar Taschen und Pakete liegen. Nicht unbedingt eine Meisterleistung, was das Festzurren der kostbaren Gepäckstücke anbetrifft. Die Damen auf jeden Fall sind ziemlich aufgebracht und atmen erst wieder auf, als der Boy Entwarnung gibt. Der eine oder andere böse Blick muss er sich allerdings gefallen lassen, etwas, was ihn den ganzen Rest der Reise zu beschäftigen scheint.

 

The bus loses luggage
Der Bus verliert Gepäck

 

Es geht mir ähnlich – der Gedanke an den eigenen Rucksack, der irgendwo auf der Strasse herumliegen könnte, ist nicht wirklich beruhigend. Doch es geht weiter, rauf und runter, und wenn ich an die geplante Velotour denke, wird mir ganz übel.

Das wäre eine echte Herausforderung gewesen. Das vermeintliche gestrige Pech hat sich einmal mehr als Glücksfall erwiesen.

 

Niemandsland

Irgendwann hält der Bus. Niemandsland. Ein paar Bäume, Sträucher, ausgefahrene unbefestigte Wege.

Wo ist dieses Muang Khoua? Wir werden auf ein bereitstehendes TukTuk umgeladen, denn offenbar ist es grösseren Vehikeln verboten, ins Dorf zu fahren. Ich schliesse mich dem Zug der Lemminge an, klammere mich an die Ladefläche des TukTuks und harre der Dinge, die da kommen.

Doch die Freude ist gross: Wind im Haar, Staub in der Nase, geht es schnell und lärmig und staubig dem Dorf entgegen wie einst auf Papas Lastwagen.

Ferne Erinnerungen …

 

Nichts für meine bescheidenen Ansprüche

Die Suche nach einem Hotel gestaltet sich schwieriger als gedacht. Das Kaff ist klein, doch zu beiden Strassenseiten gesäumt von unzähligen Buden und Restaurants. Das erste, im Führer empfohlene Hotel entpuppt sich als unbrauchbar, sogar für meinen ziemlich bescheidenen Geschmack. Vielleicht ist es auch das unfreundliche Wesen in Gestalt eines jungen Mädchens, das mich ins Zimmer führt. Nein! Am Schluss lande ich in einem gesichtslosen, hässlichen Bau, offenbar aus der Stalinzeit, aber das Zimmer ist ok.

Der Ort ist in ein paar Minuten abgelaufen. Eine enge Strasse führt zum Nam Ou hinunter, dem Fluss, der mich morgen in Richtung Süden bringen soll. Der Transfer nach Vietnam gestaltet sich immer noch schwierig und muss via Booten vorgenommen werden.

 

Trucks between Vietnam and Laos
Lastwagen zwischen Vietnam und Laos

 

Riesige Lastwagen müssen auf vergleichsweise schwächliche Boote verladen werden. Ein Kommen und Gehen, entlang der Hauptstrasse tägliche Chilbi, Stand reiht sich an Laden an Stand an Handwerksbude. Ausschau nach eventuellen Souvenirs, aber wie üblich vergebens. Es gibt in Laos schlicht nichts, was sich zu kaufen lohnen würde. Der immer gleiche Plastikmüll, farbig und giftig und für die Ewigkeit gedacht.

 

Schulbesuch

Eine Hängebrücke, wacklig und im Dauerschwingen, führt über einen dreckigbraunen Zufluss zum Nam Ou. Eine Menge Schüler, alle identisch gekleidet in Weiss und Schwarz, begegnet mir auf dem Weg hinüber in den andern Dorfteil. Ich folge ihnen durch einen schattigen Hain.

 

Schoolhouse in Muang Khua
Schulhaus in Muang Khua

 

Ein Junge, dessen Namen ich nach knapp zwei Sekunden wieder vergesse, spricht mich an. Er will mir unbedingt das Schulhaus zeigen, wo er sich in einer halben Stunde zur nächsten Lektion einfinden muss. Aufregung und vielstimmiger Lärm künden das Schulareal an. Ein grosser orangebrauner Platz vor einem weissgestrichenen Gebäude, dazwischen wie weisse unruhige PacMen, die Schüler.

Ich werde im Nu umringt von Mädchen und Jungen, die alle ihre spärlichen Englischkenntnisse anbringen wollen. Der Lehrer steht bereits an der Tafel, gibt offenbar Nachhilfeunterricht, bevor der eigentliche Unterricht beginnt. Ich bin froh um die Glocke, die zum Unterricht ruft, und enteile dem aufgeregten Geschnatter, bevor ich auch noch Algebra büffeln muss.

 

Kein angenehmes Dorf

Ansonsten gibt es nicht viel über das Dorf zu sagen, ein veritables Kaff am Arsch der Welt halt. Der Einfluss der zahlreichen Chinesen, die sich hier unweit der chinesischen Grenze niedergelassen haben, ist spürbar. Die einzigen vernünftigen Restaurants finden sich  an der Strasse, die zum Fluss hinunterführt, und auch diese sind merkwürdig unangenehm, wie es in Laos äusserst selten vorkommt.

 

Zum ersten Mal – der Nam Ou

Nach einem ausgedehnten Mittagsschlaf begebe ich mich auf die Suche nach Informationen zu meinem geplanten Bootstrip den Nam Ou hinunter. Es gibt zwar eine Art Schalter, der sogar geöffnet hat, nur Tickets werden erst am andern Tag ausgegeben. Immerhin stosse ich auf zwei Holländer, die ebenfalls nach Süden wollen. Macht immerhin schon drei Personen. Mal sehen, ob es morgen noch einige mehr gibt, dann sollte es klappen.

Ich folge dem Fluss aufwärts bis zu einer Lagune, die wasseraffine Leute zum Schwärmen und Schwimmen bringt. Zu diesen gehöre ich bekanntermassen nicht, und so verfolge ich das Treiben durch die Brille der Voreingenommenheit, beobachte lärmige Franzosen bzw. Französinnen, von denen ich hoffe, dass sie am andern Tag irgendwohin reisen, nur nicht in den Süden.

 

PS Song zum Thema:  Eminem – Bus a Rhyme

Und hier geht’s weiter …

 

Laos

Oudomxai – Sabaidee

Ich wäre gerne noch etwas mit den Hobbits weitergereist.

Aber vor der Fahrt nach Oudomxai muss ich wieder mal Abschied nehmen. Im Unterschied zu meinen neuen Bekannten, die allesamt in Richtung Luang Prabang weiterfahren, nehme ich den Bus nach Oudomxai. Die Fahrt auf dem Nam Ou wird mich etwas später, dafür viel spektakulärer ans gleiche Ziel bringen.

Frühstück also zum letzten Mal mit den Hobbits und Gormenghast. Ich beobachte das Herumwuseln vor der Abfahrt des riesigen Schiffes, bis endlich alle und alles wieder verstaut ist, bis endlich das Boot Fahrt aufnimmt und nach kurzer Zeit im frühmorgendlichen Nebel entschwindet.

Leises Bedauern.

Der Bus fährt erst in einer Stunde, also nehme ich die Gelegenheit für einen Spaziergang durch die Stadt wahr. Doch der Norden ruft. Ich finde eine Bäckerei und Banana Pancakes und ähnliche Kostbarkeiten. Eine perfekte Zwischenverpflegung auf der Fahrt nach Oudomxai.

 

A village like any other
Hauptstrasse in Pak Beng

 

morning begging tour of the monks
Mönche auf ihrer morgendlichen Betteltour

 

Ein Vorgeschmack auf Luang Prabang. Die Gläubigen bedanken sich, dass sie spenden dürfen. Eine etwas gewöhnungsbedürftige Beziehung zwischen Geber und Nehmer. Aber im buddhistischen Glauben ist vieles anders als bei uns.

 

Pavlov's Dog: a pleasant prospect for sweets (finally)
Pavlov’s Dog: eine erfreuliche Aussicht auf Süsses (endlich)

 

Fahrt durch wildes Land

Ein TukTuk bringt mich zur Busstation, wo schon einige Leute geduldig auf die Abfahrt warten. Der Bus, nicht besonders gross, aber in beruhigend gutem Zustand, steht bereit. An einem Stand werden allerhand Dinge gegrillt. Sie sehen nicht nur seltsam aus, sondern riechen auch etwas streng und entpuppen sich beim näheren Hinsehen als Schlangen.

 

Bus to Oudomxai
Bus nach Oudomxai

 

Stationmaster working
Der Stationsvorstand an der Arbeit

 

Eine Fahrt durch wildes Land, durch hellgrüne Wälder, vorbei an Feldern, Hütten auf Stelzen und solche auf dem Boden. Nicht viel Verkehr, das Land ist so arm, dass sich niemand ein Auto leisten kann. Dafür Roller, viele Roller, auf denen gelegentlich ganze Familien transportiert werden. Indien lässt grüssen.

Der Bus wird doch noch voll, wechselnde Besetzung, immer wieder Halte in Dörfern oder an seltsamen Orten, wo jemand zu- oder aussteigen will. Die Pause dient der Beobachtung dem Bau eines Hauses, und – als wunderbare Zugabe – der Gesellschaft eines kleinen zutraulichen Hundes, den ich am liebsten mitnehmen möchte.

 

Construction Site
Hausbau irgendwo auf der Strecke

 

I'd like to take him home

 

Oudomxai – Dorf im Niemandsland

Die fünf Stunden gehen schnell vorüber, die Berge bleiben hinter uns zurück, eine weite Ebene öffnet sich dem Blick, eine schnurgerade Strasse führt geradewegs nach Oudomxai. Ich bin seltsam glücklich, beinahe euphorisch, schlendere langsam die Hauptstrasse entlang, bis ich das gesuchte Hotel finde. Es ist gross, angenehm und ziemlich leer. Soll mir egal sein, auf jeden Fall macht das Zimmer einen sauberen, einladenden Eindruck.

 

Oudomxai Center
Oudomxai – eine gemütliche Stadt

 

A lot of shops for not so many people
Viele Läden für wenige Menschen

 

Der Spaziergang durch eine neue Stadt ist immer ein besonders Erlebnis.

Vor allem dann, wenn der Orientierungssinn noch strauchelt, wenn der Blick nach Wahrzeichen sucht, etwas, woran er sich festhalten kann. In Oudomxai kein Problem, da die Stadt eher ein Städtchen ist. Ein gemütliches, gelassenes Kaff mit einer ziemlich geraden Hauptstrasse mitten hindurch, gesäumt von unzähligen Läden, Ständen, Restaurants. Es gefällt mir.

 

Undefinable Things put out to dry
Irgendwas wird hier getrocknet

 

A bigger construction site
Und wieder eine Baustelle – wie vor 50 Jahren

 

The labourers like taking fotos of them
Die Arbeiter sind fröhlich trotz den schwierigen Arbeitsbedingungen

 

Kein Treck, dafür Schnapps für alle

Allerdings klappt alles, wonach ich suche, erst mal nicht. Es gibt keine Kurztrecks, allenfalls allein, dafür teuer. So berichtet man mir im eigentlich gar nicht geöffneten Touristenbüro. Und der Fahrradvermieter hat gerade keine Bikes zum Vermieten, schon gar nicht eines nach Muang Khoua (später sollte mir klar werden, dass mir dadurch ein elendiglich mühsamer Tag erspart geblieben ist).

Dafür bewirtet er eben ein holländisches Ehepaar; man ist von einer Hochzeit zurückgekehrt und feiert den Tag nun mit Schnaps und befindet sich momentan in einer Phase alkoholumschwängerter Euphorie. Ich kann dem Angebot, ein Gläschen mit zutrinken, widerstehen und oute mich als Antialkoholiker.

 

Mutige Biker

Abendessen in einem Restaurant. Relativ düster, aber auch relativ billig (es sollte der kostenmässige Tiefpunkt bleiben). Ein gefüllter Teller Fried Noodles mit Chicken, einem Liter Mineralwasser und einem Bier kostet gerademal etwa drei Franken. Ein ausländisches Ehepaar sitzt unweit, ich spreche sie an. Amerikaner aus Alaska, auf dem Weg per Velo nach China, Zentralasien, Kasachstan … Mutig.

Aber die beiden, obwohl in den Jahren, machen einen zähen Eindruck. Sie werden es schaffen. Sie erzählen von einem ebenso zähen Schweizer, den sie in Kalifornien trafen auf dem Weg nach Alaska, ebenso auf dem Velo notabene, wo sie ihm später wieder über den Weg liefen. Er hatte es geschafft. Ich bin fast ein bisschen stolz auf meine zähen und mutigen Landsleute …

 

Der Zufall führt

Morgenessen an der Sonne in einem nahe gelegenen Restaurant. Die Bedienung ist, wie die meisten Laoten, geradezu schmerzhaft freundlich, der Banana Pancake ein Gedicht.

 

Best ever Banana Pancake
Best ever Banana Pancake

 

Heute soll mich der Zufall führen, wohin auch immer. Ich befinde mich also in einem Kaff irgendwo im Norden von Laos, von dessen Existenz ich bis vor wenigen Tagen nichts wusste, allein, mit dem höchsten Grad an Autonomie, ich sitze hier und geniesse diesen wundervollen Morgen in den höchsten Zügen (trotz infernalischem Lärm und in die Nase stechenden Abgasen von der Strasse her).

 

Der Nase nach

Ein wunderbarer Tag, wie angekündigt. Zuerst ein langsamer Spaziergang durch die Stadt, Sabaidee hier (der laotische Gruss), Sabaidee da, eine Nase voll laotischen Alltags.

Als erstes der Besuch der Stupa auf dem Hügel, keine Menschenseele zu sehen, nur ich und der Buddha, riesenhaft, still, in sich ruhend.

 

The Buddha looking into eternity
Der Buddha mit Blick in die Ewigkeit

 

Es gibt – irgendwie passend zu diesem Morgen, denn er hat was anderes vor mit mir – keine Velos zu mieten (ebenso habe ich weder gestern noch heute die im Reiseführer verheissene Bakery gefunden).

Ich marschiere also los, gefasst, entschlossen, den südlichen Hügeln entgegen, wo es laut Karte einen Wasserfall geben soll. Der ist mir zwar ziemlich egal, aber der Mensch braucht Ziele. Heiss, staubig, lärmig – Roller, Lastwagen, protzige SUVs machen das Marschieren etwas mühsam, aber was soll’s.

 

Sabaidee

Ich schreite aus, langsam am Anfang, dann schneller, entschlossener, mit meinem üblichen Wanderschritt, denn der Weg scheint weit zu sein.

 

I follow an endless seeming straight road
Eine endlose schnurgerade Strasse

 

... along a river
Ein Fluss und ein paar Frauen am waschen

 

Es fühlt sich gut an, dieser Marsch durch das grüne Land, vorbei an Feldern, verschmutzten Flüsschen, chinesischen Protzbauten, kleinen, verhutzelten Hütten, vor denen lächelnde Frauen mit ihren Kindern sitzen und mir ein fröhliches Sabaidee nachrufen.

Manchmal oder eigentlich meistens bin ich der Sabaidee-Mann und erhalte postwendend ein ebensolches zurück. Soviel Armut, soviel Lebensfreude und Freundlichkeit.

 

Dröhnend heiss

Die Strasse hört nicht auf, es ist dröhnend heiss. Die Abzweigung nach Luang Prabang, die gemäss Karte schon vor Kilometern hätte kommen müssen, taucht endlich auf. Von nun an geht’s bergauf, eine löchrige, staubige Strasse entlang, gesäumt von Bäumen und Gebüschen, manchmal im Schatten grosser Laubbäume, deren Namen ich nicht weiss. Hühner und Truthähne und anderes Getier scharrt unsichtbar im Dickicht.

 

Dusty road for a dusty stroller
Strasse dem Wasserfall entgegen (hoffentlich)

 

Picknick mit Gesellschaft

Die Passhöhe ist erreicht, ich bin auch schon über 2 Stunden unterwegs, vom Wasserfall keine Spur. Er wird wohl für ewig eine Fata Morgana bleiben.

Nun, mindestens gibt es hier eine kleine Beiz, auf jeden Fall kriegt man was zu trinken, und so setze ich mich auf einen von Wind und Wetter gebleichten Plastikstuhl, esse etwas Brot und rede mit dem Besitzer die wenigen Worte in Laotisch, während unzählige Hunde und Katzen um meine Beine streifen. Dann gehe ich den weiten gleichen Weg zurück, den ich gekommen bin …

 

Sleeping dog  Curious hens  A really ugly bird  Slumbering cat

Alles gut.

 

PS Song zum Thema:  TLC – Waterfall

Und hier geht’s weiter …

 

Mekong River
Laos

Der Mekong – Das grosse mächtige Biest

Ein Minibus, vollgestopft mit zahlreichen anderen Travellers, macht sich um Punkt 10.00 auf den Weg nach Norden.

Das Tagesziel ist Chiang Khong, am Mekong gelegen. Dort werden wir auf die laotische Seite wechseln, bevor uns dann das Boot in Richtung Luang Prabang bringen soll. Knapp 300 Kilometer in nordöstlicher Richtung, durch die Ebenen Nordthailands.

Wie erwartet eine ganz angenehme Fahrt, wäre da nicht der Dauer-Quassler am Steuer, der seinem Handy mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem dichten Verkehr.

Es erinnert mich an die erste Fahrt durch Thailand, ein Bus von Hua Hin Richtung Süden. Der Chauffeur, ein junger drahtiger Kerl mit breitem Lächeln im Gesicht, macht seine Sache gut, ausser wenn auf dem Bildschirm, senkrecht über ihm, eine besonders spannende Szene läuft und er der Versuchung nicht widerstehen kann, mitzuschauen.

Aber immerhin, die Strassen sind in hervorragendem Zustand, manchmal etwas schmal, wenn wir mit Höchstgeschwindigkeit durch die Dörfer brausen.

 

Merkwürdige Menschen

Thailand flitting by

Während vor dem Fenster die Welt, in diesem Fall die nördlichen Ebenen Thailands, vorbeihuschen, als wären sie lediglich Staffage für unseren Ausflug, lerne ich Menschen kennen.

Man sitzt sich ja auf engem Raum gegenüber oder nebeneinander, kaum Platz für Füsse oder Beine, und irgendwann sieht man sich in die Augen, nickt, versucht herauszufinden, wer das da ist, dieser elegante Herr mit der riesigen Fototasche und seine Frau, mit einem etwas angespannt fröhlichen Ausdruck im Gesicht, man ist schliesslich im Urlaub.

Oder vielleicht fürchtet sie die nächsten Tage.

Sie planen nämlich voller Freude, in eine klassische Touristenfalle zu tappen, was bedeutet, von einer Baumhütte aus, weit oben in den Bäumen, Affen zu beobachten. Ich habe natürlich davon gehört, auch die Lady von der Hotelreception berichtete nur Gutes darüber, aber wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann meine kostbare Zeit mit fremden Leuten zu verbringen und dabei Affen zu beobachten. Da gehe ich doch lieber in den Zoo.

Was sagte doch Arthur C. Clarke (SF-Autor, unter anderem auch 2001: A Space Odyssey) zum Thema Menschen im Universum: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir sind allein im Universum – oder wir sind es nicht. Beide Optionen sind verstörend.“

 

Reise durch die Linse des Fotoapparats

Der Mann fotografiert ohne Unterbruch, sozusagen eine Reise durch die Linse seines Geräts. Später stelle ich fest (und er bestätigt die Beobachtung voller Stolz), dass er auch jedes Essen fotografiert. Also auch den Snack im kleinen Restaurant, in dem wir kurz Rast machen, einen rostroten undenierbaren Saft sowie ein ziemlich altbacken aussehendes Croissant (oder ist es was anderes?).

Meine ironisch gemeinte Bemerkung, dass er somit später genau feststellen kann, von welcher Mahlzeit er Dünnpfiff gekriegt hat, findet er überhaupt nicht lustig.

In der Hoffnung, endlich wieder mal mein Spanisch anbringen zu können, spreche ich die neben mir sitzende junge Dame, der ich von weitem die Herkunft ansehen kann, an und merke in Sekundenschnelle, dass ich im besten Fall jedes fünfte Wort verstehe.

Taj Mahal

Von Chiang Khong, dem letzten Kaff vor der Grenze, aber bereits am Mekong gelegen, ist bei der Ankunft am Abend noch nicht allzu viel zu sehen. Wir werden in einem ziemlich heruntergekommenen Hotel (na ja, ist ja schliesslich im Preis inbegriffen) ausgeladen.

My Hotel room, not theTaj MahalEs gibt weder Lavabo noch WC im Zimmer, dafür bestehen die Wände aus Papier, so zumindest scheint es mir in der Nacht, als man beinahe das Atmen der Gäste nebenan hören kann. Atmen würde ja noch gehen, aber auf die mitternächtlichen Telefonate im Nebenraum hätte ich gerne verzichtet. Lange nicht mehr derart mörderische Gedanken gehabt …

Das wird dann eine dieser Nächte. Lang und unerquicklich. Kalt und schlaflos.

Beim Morgenessen lerne ich die andern Mitreisenden kennen. Ein älteres englisch sprechendes Paar fällt auf. Er ähnelt einem Waldschrat oder zumindest einem Hobbit: klein gewachsen, mit Bauch und langen Haaren. Sie ist rundlich, passt zu ihm, mit herrlich unmodernem Hut. Ich beobachte sie am Pool (oh ja, den gibt es). Sie springt anmutig ins Wasser, seine Antwort darauf ist einfach grossartig: You’re a great Lady.

 

Endlich der grosse mächtige Fluss

Nach dem Frühstück werden wir zum Fluss transportiert. Da ist er endlich, der Mekong, auf den ich mich so lange gefreut habe. Breit, braun, schnell, massig, kräftig. Ein Monster von einem Fluss.

Und dann – endlich – Laos. Neues Land. Auf dem Fluss, überquerend in einem alten Boot, der Gedanke an Styx, an den „Fährmann“. Dann die ersten Schritte, eine steile Treppe hinauf zum Grenzhaus, wo es wimmelt von Travelern wie in einem Ameisenhaufen.

 

Before the crossing to Laos  Busy activity

 

Warten auf das Boot

The Laos side of the river

Irgendwie muss man sich durch das Gewühl kämpfen, man steht an langen Schlangen an, merkt irgendwann, dass es die falsche ist, und sucht sich eine andere.

Dann Geld wechseln, viele Kips für ein paar Dollars, wieder die Erinnerung an Burma, aber irgendwann, ganz entspannt, ganz gelassen, ist alles getan, alles erledigt.

Wir sitzen in einem Restaurant, warten auf das Schiff. Langsam bildet sich eine Gruppe.

Die meisten anderen Travellers sind jung, freundlich, oberflächlich, manche nicht gerade Lichter am Himmel, aus Irland, Australien, England, Spanien. Man versteht sich, hilft sich, unterhält sich, rückt zusammen im fremden, unbekannten Land.

Und dann das Schiff, der Fluss. Alles ist etwas grösser als vorgestellt. Die Passagiere  sitzen in Zweierreihen mit einem Zwischengang.

Leider sind die Sitze so tief, sodass man sich strecken muss, um die vorbei schiessende Landschaft geniessen zu können.

 

Passengers on the boat
Im Innern des riesigen Bootes

 

Durch die braunen Fluten

Und zu sehen gibt es viel. Obwohl Slowboat genannt, pflügt sich das Boot mit beeindruckender Geschwindigkeit durch die braunen Fluten, vorbei am busch- und baumbestandenen Ufer, an dem Kinder spielen, Männer lange Fischerruten ins Wasser halten, sich Wasserbüffel träge suhlen, Frauen ihre bunte Wäsche waschen.

Immer wieder fliegen schroffe Felsen vorbei, das Boot ruckelt vorsichtig daran vorbei, Stromschnellen lassen zum ersten Mal das Abenteuerherz hüpfen (allerdings noch in Unwissenheit darüber, welche Stromschnellen der Nam Ou bereithalten wird).

Manchmal schiessen Speed Boats vorbei, der infernalische Lärm der Aussenbordmotoren springt uns einen Moment an und verebbt nach wenigen Sekunden hinter einer Kurve.

Ich liebe den Fluss jetzt schon (ich habe Flüsse schon immer geliebt, auch wenn sie mir Angst machen – ich mit meinen begrenzten Schwimmkünsten). Man spürt die ungeheure Kraft des Wassers, dieses Ziehen, Drücken, und glaubt, die leise Drohung zu erkennen.

 

On the shore of the Mekong  On the shore - laundry day

Oncoming boats  Rocks at the shore

Der Bug pflügt sich in beeindruckendem Tempo durch die Wellen, vorbei an den Felsen, den Untiefen, die nur ein guter Lotse und Kapitän kennt. Ich habe zwar einen sehr netten jungen Mann auf dem Nachbarsitz, einen Schweden auf längerer Reise, bevor er sich ins bürgerliche Arbeits- und Karriereleben einfügen will, doch ich will mehr sehen vom Fluss, von der wilden Fahrt auf dem Rücken des Monsters.

Es sitzen, stehen zwar schon einige Leute am Bug, doch irgendwie schaffe ich es, einen vorzüglichen Sitz auf dem aufgestapelten Gepäck zu finden.

Und so beginnt der wirklich atemberaubende Teil der Reise, auf einem Hochsitz über den Wellen. „I’m the King of the World“, würde Leonardo Di Caprio auf dem Bug der Titanic rufen. Mir genügt der heruntergekommene Kahn auf dem Mekong.

 

Then a village on the shore  Getting faster

Sometimes crossing dangerous rocks

Laos gleitet vorbei

Und so gleitet Laos an uns vorbei, grün, braun, grau, bunt, eintönig, aber nie langweilig.

Man möchte mehr sehen, das Land erfühlen, entdecken, was hinter den schroffen Felsen liegt. Doch Laos nötigt zur Geduld. Hier ist alles eine Dimension langsamer, leiser, entspannter. Also genau das, was ich suche. Es wird sich früher oder später zeigen.

Manchmal sehr lange kein Lebenszeichen, ausser den Vögeln, dann wieder Herden von Kühen und Büffeln, winkende Kinder, Männer mit ernsten Gesichtern. Manchmal beobachte ich die andern Touristen, ihre Verhaltensweisen, Paare, eng umschlungen auf das Wasser starrend, plappernde Jungs mit neuen Bekanntschaften, Laoten, die ihren Kindern den wilden Fluss zeigen. Schön …

 

Übernachtung in Pak Beng

Nach langen, aber nicht langweiligen Stunden der Zwischenhalt, Pak Beng, ein Kaff, das wahrscheinlich nur existiert, weil die Touristenboote hier Zwischenhalt machen. Man muss das Gepäck eine steile Betontreppe hinauftragen, was aus dem Hobbit-Paar ein paar tiefe Schnaufer herauspresst.

 

Stop at Pak Peng  Many boats stopping

Die Unterkunft ist nun nicht mehr Teil des Pauschalarrangements, also gilt es zum ersten Mal, ein Hotel zu finden. Was angesichts der beeindruckenden Anzahl kein Problem ist. Das Zimmer ist angenehm, das Bett gross, das Bad akzeptabel.

Und das Essen vorzüglich.

Ich setze mich zu den Hobbits, die sich als ein sehr kluges, wohlinformiertes Paar aus Kanada erweist. Die Vierte im Bunde erweist dem Bild einer ältlichen Jungfer Respekt. Sie ist Bibliothekarin, wohlbelesen, und aus der merkwürdigen Zusammensetzung ergibt sich ein wunderbarer Abend mit den wahrscheinlich hochstehendsten Diskussionen seit langer Zeit. Die alte Dame entpuppt sich als Kennerin der „Gormenghast-Trilogie“ und findet in mir einen begeisterten Fan.

Schloss Gormenghast, ein mächtiges, labyrinthisches Gemäuer, beherbergt seit jeher das alte Geschlecht der Grafen Groan. Die Zeit vergeht anders hinter den dicken Mauern und die Schlossbewohner pflegen rätselhafte Zeremonien. Auch Titus, der 77. Erbe des Geschlechts Groan, muss sich den Traditionen beugen, doch für ihn gleicht das Schloss einem Gefängnis. Als die dunklen Kammern und die nicht enden wollenden Gänge von unerklärlichen Ereignissen heimgesucht werden, muss er um sein Leben fürchten. Kann er dem unheilvollen Gormenghast entkommen?

Und ich schlafe zum ersten Mal durch und erst noch gut.

PS Song zum Thema:  Bishop Briggs – River

Und hier geht’s weiter … nach Oudomxai

Laos

A380 – Der Koloss hebt ab

Leider kann man den Riesenvogel gar nicht richtig sehen, höchstens erahnen, doch beim Einsteigen wird schnell klar, um was für einen Koloss es sich handelt. Nachdem er sich – endlich – langsam in Richtung Abflugschneise begeben hat, scheint es doch ein Hindernis zu geben, auf jeden Fall sind wir schon bald wieder auf dem Weg zurück ans Dock, wo irgendein Schaden zuerst geflickt werden muss.

Wenn das ein Omen ist, dann kann ich mich auf was gefasst machen. Ist mir aber egal, irgendwie werden wir den Anschlussflug nach Chiang Mai schon kriegen.

Heute beginnt ein neues Abenteuer, es soll nach Laos gehen, ein unbekannter Fleck auf der Landkarte. Und damit ein weiteres Kapitel meiner Berichte.

Dann fliegen wir doch noch los, langsam zuerst, die Tonnen müssen in Bewegung gesetzt werden, dann schneller, man spürt die ungeheure Kraft der Motoren, und wir heben ab …

Endlich. Asien, ich komme.

 

Europa – vom Winter geschunden

Unter mir verflüchtigt sich Europa, ein Land nach dem anderen, öde Gegenden, vom Winter geschunden, es geht schnell, und man merkt, wie klein unser geliebter Kontinent ist.

Irgendwann ein Meer unter uns, düster und bedrohlich, und ich habe den komischen Eindruck, dass Nordafrika zugeschneit ist, bis ich meinen geographischen Fehler entdecke. Wir fliegen über das Schwarze Meer und das, was zugeschneit ist, ist die nördliche Türkei.

 

Full moon over Turkey
Vollmond über der Türkei

Erinnerungen an eine lange mühselige Reise

Irgendwann fliegen wir über Iran, Afghanistan, Pakistan, eine raue, gelbe, verbrannte Gegend, der Mondoberfläche ähnlich. Und wieder holt mich die surreale Einsicht ein, dass wir für die Strecke bis hierher einige Wochen anstrengenden Fahrens auf dem Hippie-Trail mit dem VW-Bus benötigten. Aber hier, zehntausend Meter über der Erde, sind wir gerade mal ein paar Stunden unterwegs.

Schliesslich die Überquerung von Indien, schwarz in immer noch dunkler Nacht, und irgendwann im Anflug an Indochina ein Schimmer am Horizont, und bei der Landung in Singapur ist es warm und hell und wunderbar …

 

Und dann sind wir da …

Wir erwischen wie erwartet den Anschlussflug, eine kleinere Maschine der Silk Air, aber ganz in Ordnung, und es geht wieder nordwärts, teilweise denselben Weg zurück, nur auf der andern Seite der malaysischen Halbinsel. Nördlich von Bangkok versuche ich mich an die erste Reise zu erinnern, an Chiang Mai, den Trek mit Sam und alles andere …

 

Chiang Mai from above

Und dann landen wir, sogar aus grosser Höhe ist zu erkennen, dass aus dem Städtchen eine Metropole geworden ist. Ich nehme ein Taxi, der Fahrer versteht den Namen des Hotels nicht, bis er ihn geschrieben sieht. Im Gegensatz zur Stadt hat sich das Hotel nicht gross verändert, wenigstens ein Hauch von Stabilität in der verrückten Welt.

Ich bin da. Es ist der 7. Februar.

Es ist heller Nachmittag, die Stadt liegt in heissem Mittagstaumel, und genauso geht es mir. Aber, entschlossen, der Müdigkeit die Stirn zu bieten, setze ich mich ins Hotelrestaurant (nichts hat sich geändert, nicht mal die Tischtücher), lese im Führer und erkundige mich schon mal nach Touren in den Norden.

Die Dame an der Rezeption ist begeistert und bucht mich auf den Trip vom 10. Februar. Bis dahin hoffe ich, mich genügend an die veränderten Umstände gewöhnt zu haben, an eine neue Umgebung, an Sonne und Wärme, eine andere Kultur, andere Gewohnheiten.

Da sitze ich nun also, im Galare Guesthouse, wie vor etwas mehr als 23 Jahren, versuche mich zu erinnern, und vielleicht, mit wenig Aussicht auf Erfolg, mein jüngeres Ich wiederzufinden. Was würde es wohl sagen zu dem älteren Kerl, zu dem es geworden ist? Wäre es enttäuscht, beunruhigt oder doch ganz zufrieden? Was würde es finden? Etwas Zerbrochenes, Unvollständiges, Zerrissenes, abgewetzt und plattgewalzt durch die Tücken des Lebens? Ich weiss es nicht. Ich muss es selbst herausfinden.

 

Schrödingers Katze

Ja, und dann sitze ich wieder einmal vor leeren Seiten im Tagebuch, die gefüllt werden müssen, ich fühle mich leer, der Kopf aber noch voll vom Reisestress. Es scheint mir, als ob ich noch nicht richtig angekommen bin, ich bin hier und gleichzeitig noch weg. Schrödingers Katze sozusagen. Etwas fehlt noch, vielleicht die Seele, die noch irgendwo im Hindukusch festhängt.

Aber das innere System brennt weiter, unruhig, nervös, getrieben von Energie und Leistung. Aber das wird sich geben. Zuerst mal zur Ruhe kommen. Heute heisst die Devise herumhängen, ein kaltes Bier trinken (Heinecken, nicht Singha, was für eine Sünde!). Herunterkommen. Vergessen.

Schnee und bittere Kälte sind bereits eine ferne Erinnerung. Nur meine Nase bleibt verstopft. Was soll’s.

 

Eine würdevolle alte Dame

Die würdevolle alte Dame, die mir Brot und Eier und Kaffee bringt, verbeugt sich schüchtern. Ich frage sie nach ihrem Namen, doch die Gesprächsversuche scheitern an der Sprachgrenze, es bleibt nur der Austausch eines gegenseitigen Lächelns.

Jetzt, in diesem einen Augenblick, beim Frühstück an der Sonne, unter mir der gemächlich fliessende Fluss, dessen Namen ich nicht weiss, ist alles gut. Es ist angenehm warm, vielleicht 25 Grad, und ich befinde mich in einem labilen Gleichgewicht, das zum Anfang jeder Reise gehört.

Während ich am Kaffee nippe, spüre ich, wie sich langsam die Ruhe einstellt, auf die ich mich so gesehnt habe. Die letzten Wochen waren krass – bezüglich Arbeitsbelastung, Stress, Frustrationen. Unser Leben in Reinkultur, manisfestiert an schlaflosen Nächten, an Bauchschmerzen, an Rückenproblemen.

 

Breakfast at the Ping River
Frühstück am Ping River

Erinnerungen verblassen

Ich will herausfinden, was an Erinnerungen an den letzten Besuch noch geblieben ist. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch, um herunterzukommen. Und um die Stadt zu erkunden.

Auf der Suche nach Déja-Vus.

Der gemütliche, langsame Gang durch die Stadt zeigt, dass die Erinnerungen nach mehr als zwanzig Jahren verblasst sind. Was aber nicht nur mit der beschränkten Kraft des Gedächtnisses zu tun hat, sondern vor allem mit der Geschwindigkeit, mit der sich die Stadt verändert hat. Mein Gott, wo sind die stillen Gassen geblieben, die kleinen Restaurants, die freundlichen Menschen, die eine ganz besondere Ruhe und Gelassenheit ausströmten? Alles fort, weggefegt durch die Dynamik des Fortschritts.

 

Déja-Vus

Und doch – innerhalb der Stadtmauern, einem letzten Refugium der alten Kultur – scheint alles so zu sein wie immer … Der Buddha sitzt auf seinem Ruhebett, in Gedanken im Nirwana, seinem Ziel.

 

Buddha with view to nirvana
Buddha mit Blick ins Nirvana

Dieser eine flüchtige Augenblick

Gegen Abend, die Dunkelheit ergiesst sich wie gewohnt von einem Augenblick zum anderen über die Welt, nimmt die bisher heroisch bekämpfte Müdigkeit überhand. Aber ich schaffe es noch bis zum Nachtmarkt, der mir seltsam fremd vorkommt. Hier kauften wir vor langer Zeit Winterjacken (!) und liessen sie uns nach Hause schicken, wo sie tatsächlich nach einer dreimonatigen Seereise bei uns eintrafen.

 

Nightmarket in Chiang Mai Nightmarket in Chiang Mai

Bevor ich mich endgültig ins Nirvana abmelde, noch ein letztes Singha Bier im Gartenrestaurant. Motorengeräusche überall, der Vollmond hängt rötlich am Himmel.

Alles ist gut.

Alles, was wir haben, ist dieser eine flüchtige Augenblick.

 

PS Song zum Thema:  Art of Noise – Moments in Love

Und hier geht’s weiter …