Delhi – das hässliche Gesicht

 

Wenn die Götter uns bestrafen wollen, erhören sie unsere Gebete.

Eine Weisheit, die immer dann präsent wird, wenn die Erhörung der Gebete an ihr Ende kommt. Wenn man einsieht, dass alles Schöne, Aufregende, Interessante unausweichlich dem Schluss entgegensteuert.

So geht es mir heute, an diesem Morgen, der wie jeden Tag erst grau, dann weiss, dann blau erwacht. [Das erinnert mich an ein grossartiges Buch von Margriet de Moor „Erst grau, dann weiss, dann blau“.]

Seltsam, dass Geschichten die zuverlässigsten Freunde des Erinnerns sind. Manchmal tauchen sie unerwartet auf, meistens nur bruchstückhaft, Geschichten, die jemand erfunden hat und trotzdem Teil der Identität sind. Als hätte man sie geborgt.

Orte wie Macondo im Dschungel Kolumbiens, Gondor und Lothlorien in Mittelerde, der Wüstenplanet, Walanders Ystad. Oder Personen wie José Arcadio Buendia. George Smiley. Gandalf und Frodo. Tyrion Lannister …

Sie gehören zu mir wie die Orte meiner Kindheit. Meine Freunde. Meine Kinder …

Irgendwie beruhigend in dieser seltsamen Zeit. Niemand ist wirklich allein. Oder doch? Ich weiss es nicht …

 


 

Das 1000-Watt-Kind

Für das letzte Teilstück, von Jaipur nach Delhi, nehme ich den Zug (wer weiss, an welchem Arsch der Welt mich ein Bus absetzen würde; nach dem Debakel von Manali nach Delhi bin ich vorsichtig geworden)

7.55 steht auf meinem Ticket, und auf die Sekunde genau um 07.55 fährt der Zug los. Der Sessel am Fenster ist sehr komfortabel, die Sicht perfekt, das Wetter so schön, wie es sein sollte.

Allerdings habe ich schlecht geschlafen, meine Augen fallen nach einer knappen halben Stunde zu, und ich bin bereits daran, in wunderschöne Traumlandschaften wegzugleiten, da werde ich durch ein wildes Geheul aufgeschreckt.

Eine indische Familie hat sich an der letzten Station eingefunden, ein Elternpaar, zwei Kinder, das jüngere, ein Mädchen, vielleicht 2 Jahre alt, der Junge etwa zehn. Zu diesem Zeitpunkt weiss ich noch nicht, dass das Kind von den sechs Stunden bis Delhi geschlagene fünf durchschreien wird und zwar in ohrenbetäubender Lautstärke. Doch stören tut es niemanden, zumindest keine Inder.

Diesmal hilft die Musik, vor allem die laute, lärmige, und nur ganz selten vermag das 1000-Watt-Kind Metallica oder Guns ’n‘ Roses zu übertönen. Danke Axel, danke James Hetfield …

 


 

Bye-bye Rajasthan

UInd so gleitet Rajastan am Fenster vorbei, manchmal im Schritttempo, manchmal in geradezu erschreckender Geschwindigkeit von beinahe 80 km/Std.

Die Landschaft wird langsam grüner, die Halbwüste bleibt zurück, doch immer noch sieht man die Frauen auf den Feldern arbeiten. Hier in Rajastan tragen sie meistens farbige, vor allem rote oder orange und ganz selten grüne oder gelbe Seidengewänder, die wie feine Gespinste an ihren Körpern herunterfliessen.

Ein Hauch von einem Schleier bedeckt ihren Kopf, manchmal über das Gesicht gezogen, manchmal auch nicht, und dann, wenn man einen Blick aus den dunklen Augen erhascht, steht für einen Augenblick die Welt still. Die Inderinnen sind nicht nur schön (falls sie nicht ausgemergelt und erschöpft vom harten Leben sind), sie scheinen etwas auszustrahlen, was man nicht auf den ersten Blick begreifen kann.

 

 

Armut

Je näher man der Hauptstadt kommt, desto ärmlicher erscheinen mir die Dörfer.

Die Müllhalden ziehen sich nun bis in die Strassen und Gassen hinein, schmutziggrüne Teiche voller Abfall und mit einer Schicht aus allerhand üblem Gewächs bedeckt, liegen direkt vor den Häusern.

Die besten Voraussetzungen, um allen möglichen Krankheitserregern eine schnelle und zuverlässige Entwicklung zu gewährleisten. Kinder spielen in unmittelbarer Nähe, holen sich jede nur erdenkliche Krankheit.

Das sind die Dinge, die ich nie verstehen werde.

 


 

Irgendwo fängt Delhi an

Wahrscheinlich weiss niemand genau, wo Delhi beginnt. Ist es dort, wo mitten im Niemandsland oder umgeben von ärmlichen Hütten riesige Wohnblöcke stehen oder am Entstehen sind? Manche sind ganz offensichtlich fertig, aber da ist niemand, keine lebende Seele.

Über Kilometer und Kilometer ziehen sich unförmige hässliche Bauten hin, erstellt für eine wachsende Bevölkerung?

Doch wer soll hier wohnen?

Wer es sich leisten kann, wird niemals hierherziehen, und wer es sich nicht leisten kann, wird sogar seine Bruchbude mitten im Slum vorziehen.

 


 

Slums

Und doch weiss man genau, dass man in Delhi ist.

Dann, wenn entlang der Bahnlinie die ersten Slums auftauchen.

Wie soll man sie beschreiben? Es sind eng aneinander gebaute Hütten (oder kann man sie überhaupt Hütten nennen? Gibt es einen architektonischen Ausdruck dafür?), ohne Zwischenräume, teilweise mit rohen Backsteinen oder dem, was gerade da war, notdürftig befestigt, manchmal mit Dach, manchmal ohne, manchmal nur mit einer Blache bedeckt, und überall, vor, auf und neben den Häusern, Kinder, viele, viele Kinder.

 

Slums in Delhi 1
Slums in Delhi 2
Slums in Delhi 3
Slums in Delhi 4
Slums in Delhi 5
Slums in Delhi 6
Slums in Delhi 7
Slums in Delhi 8

 


 

Das hässliche Gesicht

Auch das ist Indien.

Nicht das Indien der Touristen, nicht das IT-Indien, nicht Bangalore oder die anderen Hotspots der erfolgreichen IT-Industrie des Landes.

Das hier ist das hässliche Gesicht des Landes.

Bangalore ist Hoffnung, das hier ist Hoffnungslosigkeit.

Zwei Drittel der Menschen in Indien leben in Armut: 68,8 % der indischen Bevölkerung müssen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen. Über 30 % haben sogar weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag zur Verfügung – sie gelten als extrem arm. Damit zählt der indische Subkontinent zu den ärmsten Ländern der Erde. Am stärksten unter der Armut in Indien leiden Frauen und Kinder, die schwächsten Glieder der indischen Gesellschaft.

Und so fährt man vorbei, ebenso erzürnt wie hilflos.

Dann tauchen Fragen auf, die man nicht beantworten kann …

Irgendwann wird ein Sturm kommen.

 


 

PS Song zum Thema: Little Axe – Storm is rising

 


 

Und hier geht die Reise weiter … mit dem letzten Tag in Delhi