Endlich der grosse mächtige Fluss

Nach dem Frühstück werden wir zum Fluss transportiert. Da ist er endlich, der Mekong, auf den ich mich so lange gefreut habe. Breit, braun, schnell, massig, kräftig. Ein Monster von einem Fluss.

Und dann – endlich – Laos. Neues Land. Auf dem Fluss, überquerend in einem alten Boot, der Gedanke an Styx, an den „Fährmann“. Dann die ersten Schritte, eine steile Treppe hinauf zum Grenzhaus, wo es wimmelt von Travellern wie in einem Ameisenhaufen.

Fähre

Vor der Überfahrt nach Laos

Schiffe am Mekong

Schiffe im trüben Morgen am trüben Fluss

Warten auf das Boot

Irgendwie muss man sich durch das Gewühl kämpfen, man steht an langen Schlangen an, merkt irgendwann, dass es die falsche ist, und sucht sich eine andere. Dann Geld wechseln, viele Kips für ein paar Dollars, wieder die Erinnerung an Burma, aber irgendwann, ganz entspannt, ganz gelassen, ist alles getan, alles erledigt.

Wir sitzen in einem Restaurant, warten auf das Schiff. Langsam bildet sich eine Gruppe. Die meisten anderen Travellers sind jung, freundlich, oberflächlich, manche nicht gerade Lichter am Himmel, aus Irland, Australien, England, Spanien. Man versteht sich, hilft sich, unterhält sich, rückt zusammen im fremden, unbekannten Land.

Und dann das Schiff, der Fluss. Alles ist etwas grösser als vorgestellt. Die Passagiere  sitzen in Zweierreihen mit einem Zwischengang. Leider sind die Sitze so tief, sodass man sich strecken muss, um die vorbei schiessende Landschaft geniessen zu können.

Vorbeifahrt an Felsen und Bäumen

Felsen am Mekong

Durch die braunen Fluten

Und zu sehen gibt es viel. Obwohl Slowboat genannt, pflügt sich das Boot mit beeindruckender Geschwindigkeit durch die braunen Fluten, vorbei am busch- und baumbestandenen Ufer, an dem Kinder spielen, Männer lange Fischerruten ins Wasser halten, sich Wasserbüffel träge suhlen, Frauen ihre bunte Wäsche waschen. Immer wieder fliegen schroffe Felsen vorbei, das Boot ruckelt vorsichtig daran vorbei, Stromschnellen lassen zum ersten Mal das Abenteuerherz hüpfen (allerdings noch in Unwissenheit darüber, welche Stromschnellen der Nam Ou bereithalten wird). Manchmal schiessen Speed Boats vorbei, der infernalische Lärm der Aussenbordmotoren springt uns einen Moment an und verebbt nach wenigen Sekunden hinter einer Kurve.

Felsen im Fluss

Gefährlich aussehende Felsen im Fluss

 

Ich liebe den Fluss jetzt schon (ich habe Flüsse schon immer geliebt, auch wenn sie mir mit meinen begrenzten Schwimmkünsten Respekt einflössen). Man spürt die ungeheure Kraft des Wassers, dieses Ziehen, Drücken, und glaubt, die leise Drohung zu erkennen.

Am Flussufer

Arbeit am Ufer

Der Bug pflügt sich in beeindruckendem Tempo durch die Wellen, vorbei an den Felsen, den Untiefen, die nur ein guter Lotse und Kapitän kennt. Ich habe zwar einen sehr netten jungen Mann auf dem Nachbarsitz, einen Schweden auf längerer Reise, bevor er sich ins bürgerliche Arbeits- und Karriereleben einfügen will, doch ich will mehr sehen vom Fluss, von der wilden Fahrt auf dem Rücken des Monsters.

Es sitzen, stehen zwar schon einige Leute am Bug, doch irgendwie schaffe ich es, einen vorzüglichen Sitz auf dem aufgestapelten Gepäck zu finden. Und so beginnt der wirklich atemberaubende Teil der Reise, auf einem Hochsitz über den Wellen. “I’m the King of the World”, würde Leonardo Di Caprio auf dem Bug der Titanic rufen. Mir genügt der heruntergekommene Kahn auf dem Mekong.

Am Ufer des Mekong

Hütten, kleine Dörfer, Schiffe, Menschen …

Wäsche zum Trocknen

Wäsche zum Trocknen aufgehängt

Laos gleitet vorbei

Und so gleitet Laos an uns vorbei, grün, braun, grau, bunt, eintönig, aber nie langweilig. Manchmal sehr lange kein Lebenszeichen, ausser den Vögeln, dann wieder Herden von Kühen und Büffeln, winkende Kinder, Männer mit ernsten Gesichtern. Manchmal beobachte ich die andern Touristen, ihre Verhaltensweisen, Paare, eng umschlungen auf das Wasser starrend, plappernde Jungs mit neuen Bekanntschaften, Laoten, die ihren Kindern den wilden Fluss zeigen. Schön …

Pak Beng

Zwischenhalt in Pak Beng

Übernachtung in Pak Beng

Nach langen, aber nicht langweiligen Stunden der Zwischenhalt, Pak Beng, ein Kaff, das wahrscheinlich nur existiert, weil die Touristenboote hier Zwischenhalt machen. Man muss das Gepäck eine steile Betontreppe hinauftragen, was aus dem Hobbit-Paar ein paar tiefe Schnaufer herauspresst.

Die Unterkunft ist nun nicht mehr Teil des Pauschalarrangements, also gilt es zum ersten Mal, ein Hotel zu finden. Was angesichts der beeindruckenden Anzahl kein Problem ist. Das Zimmer ist angenehm, das Bett gross, das Bad akzeptabel.

Und das Essen vorzüglich. Ich setze mich zu den Hobbits, die sich als ein sehr kluges, wohlinformiertes Paar aus Kanada erweist. Die Vierte im Bunde erweist dem Bild einer ältlichen Jungfer Respekt. Sie ist Bibliothekarin, wohlbelesen, und aus der merkwürdigen Zusammensetzung ergibt sich ein wunderbarer Abend mit den wahrscheinlich hochstehendsten Diskussionen seit langer Zeit. Die alte Dame entpuppt sich als Kennerin der “Gormenghast-Trilogie” und findet in mir einen begeisterten Fan.

Mervin Peake – Gormenghast

Schloss Gormenghast, ein mächtiges, labyrinthisches Gemäuer, beherbergt seit jeher das alte Geschlecht der Grafen Groan. Die Zeit vergeht anders hinter den dicken Mauern und die Schlossbewohner pflegen rätselhafte Zeremonien. Auch Titus, der 77. Erbe des Geschlechts Groan, muss sich den Traditionen beugen, doch für ihn gleicht das Schloss einem Gefängnis. Als die dunklen Kammern und die nicht enden wollenden Gänge von unerklärlichen Ereignissen heimgesucht werden, muss er um sein Leben fürchten. Kann er dem unheilvollen Gormenghast entkommen?

Und ich schlafe zum ersten Mal durch und erst noch gut.

PS Song zum Thema:  Bishop Briggs – River