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Trans Swiss Trail

Trans Swiss Trail – On Top of the World (fast)

So sitze ich an diesem Morgen beim Frühstück im Café, schaue hinaus in den kühlen Morgen, irgendwie froh, diesem seltsamen Ort entfliehen zu können.

Auf der Strasse bewegen sich viele Leute, alle auf dem Weg irgendwohin, keine Ahnung wohin. Sie sehen so zielgerichtet aus, wie das heute sein muss. Das Dogma der Zeit: man sollte immer ein Ziel vor Augen haben, alles andere ist verschwendetes Leben.

Irgendwie traurig. Man verpasst soviel beim ununterbrochenen Vorwärtsstreben.

Aber der Mandelgipfel ist genauso wie gestern, eine Köstlichkeit. Das Aroma entfaltet sich im Mund, der Teig zerbröselt, man braucht kaum zu kauen. Und der Kaffee ist stark und erinnert entfernt an den Ort, wo die Bohnen gewachsen sind. Auch dort möchte ich sein, nur nicht hier.

Ich habe – überheblich wie ich nun mal bin – wieder einmal zwei Etappen zusammengelegt, also von Andermatt bis nach Airolo. Es hat schliesslich auch vor über zehn Jahren geklappt, warum sollte es heute anders sein? Das um gleich viele Jahre zugenommene Alter verschweige ich mir selbst. Aber ich weiss, was auf mich zukommt.

Zwei grossartige Etappen.

Die erste führt auf den Gotthardpass:

In den Fussstapfen der Säumer auf der jahrhundertealten Nord-Süd-Achse von Andermatt auf den Gotthardpass. Bis Hospental ebenen Weges der Reuss entlang durch das romantische Urserental. Von dort auf historischem Saumweg neben der plätschernden Gotthardreuss hinauf auf den wichtigsten Alpenpass der Schweiz.

 

From Andermatt to the Gotthardpass
Von Andermatt bis zur Gotthardpasshöhe

Die zweite Etappe als Bonus:

Vom König der Schweizer Pässe auf steilem Bergwanderweg hinunter in die Leventina. Spektakuläre alpine Bergwelt kombiniert mit verkehrsbaulichen Meisterleistungen verschiedener Epochen. Auf Tuchfühlung mit der denkmalgeschützten Tremolapasstrasse.

Meine Werte (für die gesamte Strecke): Länge 20.1 km; Aufstieg/Abstieg: 990 m / 1240 m; Wanderzeit 8 h 22 min

 

From the Gotthardpass to Airolo
Von der Gotthardpasshöhe nach Airolo

 

Der Himmel, mein alter Freund

Dann also auf zur letzten Etappe, über den Berg, über den Gotthardpass.  Der Himmel, mei alter Freund, begrüsst mich mit düsteren Wolken, egal. Im Tal hinten, wo der Anstieg beginnt, ein Gebräu aus Nebel und sonstwas.

Nach dem gestrigen Ruhetag freuen sich meine Muskeln auf die Auseinandersetzung mit der Höhe, der Distanz, den Steigungen.

Nichts kann mich mehr erschüttern.

 

Upwards to the Gotthard
Ganz langsam und gemütlich dem Gotthard entgegen

Along the Reuss throught the Urseren Valley An ancient Tower at Hospental

In den Bäumen entlang der Reuss ist ab und zu das Röhren einer Säge zu hören. Und wieder muss ein Baum dran glauben. Keine Gnade.

Die Pflege des Waldes ist mir ein Rätsel. Nichts kann mich derart ärgern wie das jeweils im Herbst stattfindende Gemetzel im Wald. Schwerste Maschinen preschen gnadenlos und brutal über den empfindlichen Waldboden, sorglos, gedankenlos. Wahrscheinlich (wie immer) der Rendite verpflichtet.

Zurück bleiben uralte Bäume, die viel zu erzählen hätten, rücksichtslos zu Boden geworfen, als wären sie nichts, traurige Reste eines langen Lebens. Es kommt mir jeweils vor, als hätte mir jemand enge Freunde genommen.

Zurück bleiben metertiefe Spuren im Waldboden. Enthauptete Baumstümpfe. Achtlos weggeworfene Äste.

Ein Schlachtfeld.

Der Weg führt einem Golfplatz entlang, niemand zu sehen. Wer soll sich an diesen gottverlassenen Ort verirren, wenn es doch wunderschöne Plätze auf der ganzen Welt gibt. Ich kann mir ein spöttisches Grinsen nicht verkneifen.

Viel interessanter finde ich die Tatsache, dass genau hier, unter meinen Füssen, der Zug durch seinen Tunnel in Richtung Süden rast. Ich lausche, doch nichts zu hören. Kein dumpfes Brausen, kein metallenes Pochen. Er wird in ein paar Minuten in Airolo ankommen, während ich noch Stunden auf den Füssen sein werde.

Doch dann Hospental, das hinterste Dorf. Hier verzweigen der Furkapass, der ins Wallis führt, und der Gotthardpass. Der Ort profitierte während der Säumerzeit vom regen Handelsverkehr. Davon zeugen zahlreiche Gasthäuser und die alte Zollstation.

Und da ein alter Turm, obwohl im Verfall begriffen, noch immer trutzig und zu allem bereit, so scheint es. Man fragt sich, wer sich hier gegen wen verteidigen musste,

 

Der Morgen ist aus Blau und Weiss

Der Aufstieg beginnt. Ganz harmlos, einladend. Der Talgrund bleibt zurück, schnell vergessen. Ich bin allein, so wie es sein muss, auf den Spuren der Vorfahren, denen dieser Berg, dieser Pass eine Verheissung bedeutete, Sonne, Wärme, südliche Lebenskunst,

Aber auch das Tor zu Italien, der damals einzige Verkehrsweg in den Süden. Was muss sich hier alles abgespielt haben. Manchmal glaube ich, ein Wispern zu vernehmen, von den Geistern der vergangenen Wanderer, wahrscheinlich schwer beladen, daneben Pferde und Maultiere und Esel, schnaubend vor Anstrengung.

War der Himmel so wie heute, blau und weiss, über grünen, baumlosen Anstiegen, dem Himmel entgegen?

 

Upwards to the Gotthard

Es fällt ganz leicht. Der Pfad führt gemächlich aufwärts, Kurve um Kurve, man kommt kaum ins Schwitzen, doch immer wieder bleibe ich stehen, ziehe die kühle, würzige Luft in meine Lungen, spüre das alte Glücksgefühl, das sich zuverlässig einstellt, wenn alles stimmt.

So wie an diesem Vormittag.

 

The old mule track - sometimes abridge

Eine Brücke führt ans andere Ufer des Baches, wohin weiss niemand. Vielleicht in ein Tal hinein, ganz zuhinterst eine Alp. Man wirft einen kurzen Blick darauf, ein, zwei Gedanken, und geht weiter.

Eien Schafherde, zusammengepfercht, umgeben von metallenen Zäunen. Der Mann neben dem Pferch gibt Antwort: die Schafe sind zum Abtransport bereit. Der Sommer neigt sich dem Ende entgegen, wenn das Wetter umschlägt, kann es mitunter schnell gehen, bis der erste Schnee fällt.

 

A flock of sheep, ready for transport A strange building - an air vent of the railroad tunnel

 

Der enge Himmel

Der Himmel, mit zuckrigen Wolken geschmückt, ist eng, wie eingeschnürt durch die baumlosen Abhänge. Hier gedeiht nicht mehr viel. Die Baumgrenze ist längst erreicht, obwohl sie jedes Jahr ein bisschen weiter nach oben wächst. Der Klimawandel lässt grüssen.

Irgendwann in nicht so ferner Zukunft wird das Leben für die Tiere der oberen Bergregionen gefährdet sein. Schneehasen, Auerhühner, Murmeltiere und anderen, sie alle werden sich anpassen müssen oder verschwinden.

Wie so vieles andere, wenn wir nicht aufpassen.

 

The narrow sky, decorated with funny clouds

Hoch am Himmel kreist ein Raubvogel, vielleicht ein Steinadler. Die Sonne blendet, die Sicht verschwimmt. In der Stille ist das kaum wahrnehmbare Sausen der Flügel zu hören, vielleicht sucht er eine unvorsichtige Maus. Wer weiss, was er von da oben alles sieht.

Die Welt in den Augen des Adlers.

Ganz selten, was mich überrascht, dringt das Röhren eines Motors durch die andächtige Stille. Die Passstrasse ist nicht weit, das enge Tal lässt keine Abstände zu.

Beim letzten Besuch wurden wir durch ein Kutschengespann überrascht. Offenbar gibt es immer noch entsprechende Angebote, sich wie vor hundert Jahren durch Pferdegespanne über den Gotthard ziehen zu lassen.

 

Windräder ganz oben

Lange her seit den letzten Windrädern. Es kommt mir vor wie Monate, dabei sind es knapp drei Wochen.

Ich sitze da, die Wasserflasche in der Hand, und betrachte die riesigen Ungetüme. Auf den ersten Blick sind sie Fremdkörper, und doch schmiegen sie sich graziös ein in die Umgebung, als wären sie schon immer hier gewesen.

Eigentlich finde ich sie schön, so elegant in ihren sanften Formen, man hört nur ein leises Schwirren, wenn sich die riesigen Flügel im Wind drehen. Ganz langsam, fast lautlos.

Man fragt sich, wie sie mit so wenig Bewegung soviel Energie produzieren können.

 

Wind turbines at the top of the Gotthard

 

Die Passhöhe

Ganz überraschend – die erwartete Anstrengung ist ausgeblieben – erreiche ich unvermittelt ie Passhöhe.

Auf dem letzten Wegabschnitt treffen Verkehrswege dreier Epochen aufeinander: der uralte Säumerweg, die alte Passstrasse von 1830 sowie die neue Strasse, ausgebaut mit einer Galerie, die vor Felsstürzen schützt. Der Weg führt durch eine Moorlandschaft mit vielfältiger Alpenflora.

Anfänglich eine mit grossen Felsen übersäte Ebene, die zu einem kleinen See führt, und kurz darauf, schon von weitem ist die Meute von Motorrädern und Autos zu sehen und zu hören, steht man vor der Tafel, wo die Passhöhe auf 2100 Metern angekündigt wird, und klopft sich auf die Schultern. Kurz vor Erreichen der Passhöhe sticht auf der rechten Seite die gewaltige Staumauer des Lago di Lucendro ins Auge – die Quelle der Gotthardreuss.

Wenn ich allerdings an den World’s Highest Motorable Pass in Ladakh denke, na ja, alles ist relativ ….

 

The top of the Gotthard

Das Gedränge auf der Passhöhe, wo es erwartungsgemäss ein Restaurant und Läden und Tische und Bänke und Parkplätze und Souvenir-Shops gibt, ist erstaunlich. Offenbar besitzt dieser Ort eine eigene Anziehungskraft, was angesichts des besonderen Ortes kaum überraschend ist.

Für mich wird das alles schnell zuviel. Soviel Krach, soviel Bewegung, soviele Stimmen. Nach einem geruhsamen Kaffee im Restaurant, nehme ich den Abstieg unter die Füsse. Airolo, das Tagesziel, liegt über 1000 Meter unter mir.

 

Abwärts der Tremola entlang

Der Lärm bleibt hinter mir zurück, sehr schnell, als wäre nichts gewesen. Niemand ist mehr da, der mir erstaunte Blicke zuwirft. Ich bin froh, wieder allein zu sein. Ich Glücklicher.

Was ich hingegen nicht vergesse, ist die Tatsache, dass sich genau hier eine bedeutende Wasserscheide befindet. Rhein, Rhone, Reuss und Ticino entspringen in diesem Gebiet (bei der Rhone bin ich allerdings skeptisch).

Wenn ich also einen Schritt nach Süden mache, dann wird das Quellwasser unter meinen Füssen irgendwann mit samt dem verdreckten Po-Wasser im Mittelmeer landen. Und ein paar Meter daneben entscheidet sich das Wasser für Norden, folgt zuerst der Reuss, dann dem Rhein bis zur Nordsee. Es erinnert mich an ein Bad am südlichsten Punkt des indischen Subkontinents, wo sich zwei Meere begegnen …

Man müsste den Flüssen folgen können. Vielleicht eine Idee für die nächste Wanderung. Von der Quelle des Rheins bis zur Nordsee. Mal sehen …

 

A plain and a cut in the countryside - the road Just a few meters before the abyss beginns

Anyway, der Weg führt anfänglich über eine sumpfige Ebene, durchzogen von Trampelpfaden, wahrscheinlich vom Vieh in den Boden gedrückt. Auf der anderen Talseite erkennt man die tiefen Einschnitte im Felsen, wo die Strasse durchführt. Sie wurde anstelle der alten Gotthardstrasse, der berühmt-berüchtigten Tremola gebaut.

Ab 1953 begann Uri mit dem Vollausbau der Schöllenenstrasse. Das Urnerloch wurde ausgebaut und eine neue Teufelsbrücke errichtet. Im Sommer 1967 konnte der erste Teil der neuen Tremolastrasse eröffnet werden; die restliche Tremolastrasse konnte aber erst 1977 befahren werden.

Die neue Strasse umgeht mit ihrer neuen Linie, den dreizehn Brücken, einem Tunnel und ihren langen Lawinengalerien die alte Tremolastrasse grossräumig. Im Sommer 1983 konnte als letztes Teilstück der neuen Gotthardstrasse die Umfahrung von Andermatt als Teil der Hauptstrasse 2 dem Verkehr übergeben werden. Die alte Tremolastrasse zwischen der Passhöhe und Motto Bartola bildet die Hauptstrasse 561.

Der Wanderweg hinunter ins Tessin führt zum grossen Teil der Tremola entlang. Zuweilen ist er steil und voller Geröll, nicht das, was man sich nach sovielen Stunden wünscht. Ich könnte mir vorstellen, dass die Verantwortlichen für die Instandhaltung des Wegs schon eine ganze Weile nicht mehr hier gewesen sind.

 

The famous Tremola - the old road down to the Ticino It's still open fpr traffic, but mostly on cobble stone; on the other side the new road cut into the rock

The hiking path crosses several times the Tremola The Tremola - a paradise for motorbikes

 

Aber dann – Airolo … und meine Wanderkumpels

Beim sinkenden Nachmittag soll am Ziel enden, doch immer noch liegen viele Kilometer vor mir, vor allem aber viele Höhenmeter. Ich steige herunter vom höchsten Punkt dieser Wanderung, ab jetzt beginnt ein neues Kapitel, das letzte.

Das Tessin, die Sonnenstube der Schweiz, ist nicht nur geographisch, sondern auch sprachlich und kulturell eine eigenständige Region, manchmal eher ein Stück Italien (was die Einheimischen natürlich vehement bestreiten würden).

Vorerst unterscheidet sich aber wenig.

Die Hänge links und rechts der Strasse sind ausgelaugt durch die lange Sommerdürre, das Gras ist verdorrt, ein kränkliches Braun zieht sich von den Gipfeln bis zum Talboden. Dazwischen ein paar Bäume, erst weiter unten werden sie zahlreicher, spenden ein wenig Schatten, denn die Sonne brennt immer noch leidenschaftlich vom Himmel.

Wenn man die eleganten Schleifen sieht, die von der neuen Strasse durch die Landschaft pflügen, ist man hin- und hergerissen zwischen Staunen und Bewunderung für die grandiose Arbeit der Architekten und den tiefen Wunden, die in die Natur geschlagen werden. Aber eben, die Mobilität, die heilige Kuh der Schweizer Verkehrspolitik, steht immer zuoberst im Kanon der wirklich wichtigen Dinge. Auf jeden Fall wichtiger als der Erhalt der Natur.

Aber das kennen wir ja in der Zwischenzeit.

 

Elegant curves, cut into the landscape

Aber dann, zwischen den Bäumen blickt ein Dorf herauf, das Tagesziel kommt näher. Mehr als 8 Stunden sind vergangen seit dem trüben Morgen in Andermatt, die Beine sind etwas müde geworden, doch der Spirit ist noch da, klar.

 

Airolo, today's destination gets close

Alles ist gut, würde man sagen, wenn im Hotel auch die Reservation für das Zimmer vorhanden wäre. Ist sie aber nicht, die Kommunikationskanäle zwischen Maileingang und Reservation scheinen etwas suboptimal zu sein.

Aber hey, wir sind im Tessin, da ist man fern der verkrampften Zuverlässigkeit von nördlich der Alpen. Aber kein Problem, no worries würde man in Downunder sagen, ein alternatives Zimmer wird schnell gefunden, der Wirt und ich lachen herzlich, was soll’s, alles wunderbar.

Doch bevor ich auch nur Atem holen kann, fährt der Zug am Bahnhof ein, und da sind sie, meine alten Wanderkumpels. Und so kommen die Solotage nach über drei Wochen an ihr Ende, das ist gut so.

Die nächsten Tage, immerhin noch eine ganze Woche bis zum Endziel in Mendrisio, werden wir auf der berühmten Strada Alta durchs Tal der Leventina bis Biasca folgen. Was nachher kommt, ist vorgeplant, muss aber noch in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Welche Wirklichkeit es sein wird, werden wir sehen.

Dann werden neue Geschichten geschrieben, neue unvergessliche Anektoten, Stoff für die Annalen unserer gemeinsamen Abenteuer.

Eigentlich kann man sich gar nicht mehr wünschen.

 

Passender Song:  Marvin Gaye & Tammi Terrell – Ain’t no Mountain high enough

Und hier geht der Trail weiter … der Strada Alta entlang

 

Trans Swiss Trail

Trans Swiss Trail – Der Teufel lässt grüssen

Für eine derart kurze Etappe scheint es angebracht, mit etwas Geistreichem zu beginnen. Nun denn, ich habe etwas von Caravaggio gefunden, meinem Lieblingsmaler (nebst vielen anderen):

Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind. Ein Schatten nur, der wandelt, ist das Leben, ein Märchen, voller Klang und Wut. Komm mit deiner dunklen Binde, Nacht!

Ein seltsamer Einstieg in den heutigen Tag. Offenbar ist es so, dass je schöner die Umgebung wird, desto düsterer meine morgentlichen Eingebungen. Nach dem traurigen Bowie Einstieg nun also eine Referenz an Schatten und Dunkelheit und Nacht.

Sehr seltsam. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass das Tofu-Abendessen (grauslig) mir den Schlaf genommen hat.

Aber was soll’s, es sind gemäss Guide auch heute natur- und menschengemachte Wunder zu erwarten:

Eine Etappe für Bahnfreaks: Der Weg verläuft teils unmittelbar neben den Geleisen, passiert die Orte Göschenen und Andermatt, die in der Geschichte des Gotthardverkehrs eine wichtige Rolle spielten. Dazwischen die sagenumwobene Schöllenenschlucht.

 

From Wassen to Andermatt

 

Die Vergangenheit lässt grüssen

Der Weg in Richtung Göschenen ist reine Geschichte. Die Erzählung einer für die damalige Zeit aussergewöhnlichen Leistung beim Bau der Gotthardbahn und des Gotthard Eisenbahntunnels. Viel ist darüber geschrieben worden, man klopft sich immer noch auf die Schulter, man ist – mit einer gewissen Berechtigung – stolz auf das Wunder der Gotthardbahn.

Man kann tatsächlich von brillianter Planung und Ausführung zu einer Zeit sprechen, da Maschinen und Werkzeuge, wie wir sie heute kennen, unbekannt waren, und das meiste mit harter körperlicher Arbeit gemacht werden musste.

Aber es gibt auch eine andere Erzählung. Diejenige von schrecklichen Unglücken und Tod, aber auch von Ausbeutung, von Unmenschlichkeit, von jämmerlichem Versagen.

memorial for the workers of the gotthard railroad
Copyright Markus Schweiss

199 Arbeiter starben während der Bauarbeiten. Von den 171 Toten, die in der Unfallliste im Bundesarchiv erwähnt werden, wurden 53 Arbeiter von Wagen oder Lokomotiven zerquetscht, 49 von Felsen erschlagen, 46 durch Dynamit getötet. 23 kamen auf andere Art ums Leben, einer von ihnen ertrank.

Schuld war nach offizieller Angabe jeweils der Zufall oder der Verunglückte selbst. Zahlreiche weitere Männer starben allerdings im Laufe der folgenden Jahre an den Spätfolgen von Unterernährung, Krankheiten und Verletzungen, die sie sich während des Tunnelbaus zugezogen hatten.

«Nicht als Todesfälle erfasst wurden diejenigen Arbeiter, die an den Portalen tödlich verletzt oder unheilbar krank wurden, jedoch erst nach ihrer Rückkehr in die Heimat starben. Dieses Korrektiv gewinnt dadurch an Gewicht, dass gerade in Airolo Kranke und Verwundete ‹massenhaft nach Hause geschickt wurden›.»

Auf dem Weg in Richtung Andermatt sind zahlreiche Reminiszenzen an den Bau der Gotthardbahn zu sehen. Verrostende Geräte zeugen von der damaligen Art und Weise, wie man die Arbeiten durchführte.

Eine kleine, schwach beleuchtete Hütte (eine ziemliche Bruchbude, offiziell Museum für Steinbearbeitung) stellt damalige Werkzeuge und Geräte aus. Sie sind naturgemäss in schlechtem Zustand, aber die Funktionsweise ist einigermassen ersichtlich.

Allerdings – wenn man an die damalige Zeit erinnern will, sollte man sich bemühen, dem Ganzen eine gewisse Würde zu verleihen, ansonsten es angebracht wäre, darauf zu verzichten.

 

Antique machines from the time of the building of the Gotthard tunnel  Graphic display of the ancient kind of working in the tunnel

A kind of a museum to display the old devices  Machines and devices of old times

 

Der Weg aufwärts

Eigentlich (und ziemlich überraschend) ist der Weg hinauf in Richtung Andermatt zwar steil, aber recht einfach zu bewältigen.

Das Licht an diesem sonnigen Morgen ist milchig, die Schatten sind tiefer als sonst, wie kann das sein? Es zieht mich wie von selbst aufwärts, als hätte sich während den letzten Wochen ein innerer Automatismus entwickelt, der mich antreibt, der mir den Takt vorgibt. Ich bin zum Sklaven der Routine geworden. Das ist gut so, denn es bedeutet auch, dass ich endlos weitergehen könnte.

Bis ans Ende der Welt.

Ich denke, dass ich auch heute niemandem begegne, es wäre eine Überraschung. Dabei ist der Trail schlicht fantastisch. Der Weg folgt steilen Felswänden, überquert Brücken aus wackligem Holz, dann wieder unter einer Betonbrücke durch, was oben ist, weiss niemand.

 

Upwards beneath steep rocks  Sometimes a wooden bridge to cross

Human miniatures on superhuman bridges  Who's having the lead?

Aber da sind sie wieder, die Betonmonster, mächtige Pfeiler in den Boden gerammt, geschwungene Bögen, beinahe schön, Architektenträume, mehr nicht. Darauf ein einzelnes Fahrzeug, ganz winzig, der Mensch wird zur Miniatur.

Der Mensch beherrscht die Natur, oder doch nicht?

 

Adios alter Zug

Göschenen nähert sich, der erste Punkt auf der heutigen Karte.

Es geschähe Unheimliches, falls man aus dem Mittelalter käme und noch nie einen Zug oder ein Tunnel gesehen hätte. Denn hier verschwindet die Gotthardbahn, die alte, endgültig in die Dunkelheit, die erst viele Kilometer im Süden, im Tessin, wieder Platz für das Licht macht.

Früher hätte man nicht lange auf einen Zug warten müssen, doch heute dauert es eine Ewigkeit. Ich möchte unbedingt einen Zug an mir vorbeifahren sehen, den Luftzug spüren, den Dopplereffekt erleben. Aber da kommt nichts, auch anstrengendes Lauschen auf mögliche akustische Annäherung bleibt erfolglos.

 

The old Gotthard train disappears in the Gotthard tunnel

Und unweit davon wird emsig gebaut, es soll eine zweite Röhre für den Strassentunnel erstellt werden. Eine äusserst umstrittene Geschichte. Offziell wird beteuert, dass beide Röhren nur in Notfällen zugänglich gemacht werden, man zweifelt daran, mit Recht.

Auf diese Weise wird das Vertrauen in die Politik in Mitleidenschaft gezogen. Aber das kennen wir in der Zwischenzeit.

 

New tunnel is being built

 

Alte Brücken und Steinschlag

Aber dann – eine Augenweide. Eine alte Steinbrücke über die Reuss.

So stellt man sich den alten Saumpfad vor, viele für Mensch und Tier steile anstrengende Pfade, dazwischen steinerne Brücken, die von erstklassigen Baumeistern gebaut worden sind. Es handelt sich um die Häderlisbrücke, ein Juwel einer Brücke.

Die entsprechende Beschreibung wird mitgeliefert.

 

Old Stone bridge over the wild and sometimes nasty Reuss river  It's the Häderlisbrücke - a juwel of construction art

Und noch etwas weiter oben – Gefahr!

Wenn man die Felswand hinaufblickt, versteht man die Warnung. Hier ist Vorsicht angebracht, auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines Felsabsturzes gering ist. Aber wir kennen das – falsche Zeit am falschen Ort, und schon gehst du ins Nirvana ein. Das muss nicht sein, also beeilt man sich trotz Wahrscheinlichkeitsrechung.

 

Caution - Rockfall!

 

Die Teufelsbrücke – Satan und Geissbock

Kurz vor Andermatt, eines der mythischen Highlights – die Teufelsbrücke.

Ich zitiere die zugehörige Sage, die jedes Kind in der Schweiz kennt:

Einer Sage zufolge wurde die erste Teufelsbrücke vom Teufel errichtet. Die Urner scheiterten immer wieder an der Errichtung einer Brücke. Schliesslich rief ein Landammann ganz verzweifelt aus: „Do sell der Tyfel e Brigg bue!“ (Da soll der Teufel eine Brücke bauen!)

Kaum ausgesprochen, stand dieser schon vor der Urner Bevölkerung und schlug ihnen einen Pakt vor. Er würde die Brücke bauen und als Gegenleistung bekomme er die Seele desjenigen, der als Erster die Brücke überquere. Nachdem der Teufel die Brücke gebaut hatte, schickten die schlauen Urner einen Geissbock über die Brücke.

Der Teufel war über diesen Trick sehr erzürnt und holte einen haushohen Stein, mit dem er die Brücke zerschlagen wollte. Es begegnete ihm aber eine fromme Frau, die ein Kreuz auf den Stein ritzte. Den Teufel verwirrte das Zeichen Gottes so sehr, dass er beim Werfen des Steines die Brücke verfehlte. Der Stein fiel die gesamte Schöllenenschlucht hinab bis unterhalb des Dorfes Göschenen. (Wikipedia)

 

The Devil's Bridge over the Schöllenen Gorge  In the meantime there are three different bridges from different time aereas

Die Schöllenen Schlucht – weltberühmt durch ihre geschichtliche Bedeutung. Und die Erinnerung an die mühsame Bezwingung mit der Hilfe des Teufels persönlich. Und der Zug, dieser hier verkehrt bis Andermatt, wo dann auf den berühmten Glazier Express ungestiegen werden kann.

Die zweite Teufelsbrücke und die schmale Strasse waren Mitte des 20. Jahrhunderts den Anforderungen des modernen Verkehrs nicht mehr gewachsen. 1958 wurde daher rund 30 Meter östlich der zweiten Brücke und etwas erhöht die dritte Teufelsbrücke eröffnet, die direkt in den ebenfalls neu erbauten Fadeggtunnel übergeht. Mit zwei Spuren konnte sie den zunehmenden Verkehr besser aufnehmen.

Über der Brücke prangt an der Felswand ein markantes Teufelsbild des Urner Malers Heinrich Danioth, geschaffen 1950 in Ölfarbe. 2008 wurde das rote Bild bei einem Vandalenakt mit blauer Ölfarbe beschmiert und darauf im Sommer 2009 aufwendig restauriert. (Wikipedia)

So gehen Sagen. Immer mit einem kleinen Anteil Wahrheit und sehr viel Glauben an Gott und den Teufel. Offenbar hat die Geschichte – wahrscheinlich durch geschickte PR-Strategen – auch touristische Ohren erreicht. Man glaubt viele unterschiedliche Sprachen zu hören, und das Klicken von Kameras, da Oh und Ah angesichts der wilden Natur und der noch wilderen Phantasie, die der Teufel hervorzurufen vermag.

 

Ein Denkmal für die Russen

Unweit der Teufelsbrücke, das Suworow Denkmal.

In normalen Zeiten würde man versuchen, sich an die damaligen Kriege zu erinnern, an den Kampf zwischen den Franzosen und den Russen, vielleicht sogar mit ein bisschen mehr Sympathie für das russische Heer. In diesem Jahr ist es schwierig, den Russen auch nur den geringsten Goodwill entgegenzubringen.

Aber ein paar Gedanken zum damaligen Kriegsgeschehen, das auch die Schweiz in Mitleidenschaft zog, können nicht schaden.

Die Zeit um 1800, also nur ein paar Jahre nach der Französischen Revolution und der Machtergreifung durch Napoleon, war gezeichnet von unzähligen Kriegen zwischen den damaligen Mächten Frankreich, Russland, England, Österreich, Preussen und verschiedenen zersplitterten Königreichen und Tochterrepubliken.

Ich zitiere den entsprechenden Abschnitt in Wikipedia:

Im sogenannten 2. Koalitionskrieg (1798/99–1801/02) wurde von einer Allianz um Russland, Österreich und Großbritannien gegen das im Ersten Koalitionskrieg erfolgreiche revolutionäre Frankreich geführt.

Der erfolgreichste französische General, Napoleon Bonaparte, war nach der verlorenen Seeschlacht bei Abukir in Ägypten isoliert. Auch deswegen war das Bündnis zunächst sehr erfolgreich und konnte die französisch dominierten Tochterrepubliken in Italien zerschlagen und die alte Ordnung wiederherstellen. Allerdings waren die Verbündeten zerstritten, und Russland verließ die Allianz.

Nachdem Napoleon aus Ägypten zurückgekehrt war und in Frankreich mit dem Konsulat die Herrschaft übernommen hatte, siegte er 1800 in Italien (siehe unten). Die verbliebenen Verbündeten schlossen Frieden mit Frankreich.

Der Friede von Lunéville (1801) bestätigte dabei im Wesentlichen die Bestimmungen von Campo Formio. Die Niederlage der Alliierten war indirekt für die völlige Neugestaltung des Heiligen Römischen Reiches durch den Reichsdeputationshauptschluss mitverantwortlich. Mit dem Frieden von Amiens (1802) zwischen Großbritannien und Frankreich war der Krieg endgültig beendet. 

Der Abschnitt der Schlacht an der Schöllenen Schlucht ist speziell interessant:

Der Plan Suworows war es, mit seiner ca. 21.000 Mann zählenden Armee durch einen überraschenden Vorstoß quer durch die Alpen in den Rücken der Truppen von General André Masséna vorzustoßen und ihn zusammen mit den Truppen von Alexander Rimski-Korsakow und einer österreichischen Armee unter General Hotze bei Zürich in die Zange zu nehmen.

Obwohl die Russen noch nie zuvor in den Bergen gekämpft hatten, eroberten sie am 24. September den Gotthardpass von den Franzosen, worauf sie unter französischem Beschuss die Schöllenenschlucht passierten. Angekommen in Altdorf, erkannte Suworow, dass ein Weg nach Schwyz entlang des Vierwaldstättersees, mit dem er gemäß der ihm von den Österreichern zur Verfügung gestellten Militärkarten gerechnet hatte, gar nicht existierte. Die Straße endete damals in Altdorf. (Wikipedia)

Da ist nicht viel zu ergänzen. Es war eine verrückte Zeit voller Kriege und Gewalt und Elend, alles, damit irgendwelche narzisstische Männer ihre Träume von Macht realisieren konnten.

 

The Russian Monument to commemorate the battle of the Schöllenen gorge  a contemporary picture of the battle between the French and the Russian armies

 

Das neue Andermatt – Geld und wenig Geist

Kurz nach der Schöllenenschlucht öffnet sich das Tal in eine weite Ebene, mittendrin Andermatt, mein heutiges Ziel.

Es gab das alte Andermatt, ein verschlafenes Dorf inmitten von Felsen und Bergen und Steinen. Eigentlich schön in seiner stillen Einfachheit.

Dann kam Samih Sawiris. ein ägyptischer Geschäftsmann und Milliardär, und mit ihm das Versprechen auf Geld und Wohlstand. Die alte Geschichte der Versuchung. Die Hybris des Menschen, der er immer wieder erliegt.

 

New pompous hotels in Andermatt  The old "Krone" becomes the "Hotel Crown"

Man kann Sawiris nicht mal viel vorwerfen. Er tut genau das, was er beherrscht. Möglichkeiten erkennen, Kosten gegen Nutzen aufrechnen, Entscheide fällen, Hindernisse aus der Welt schaffen, die Möglichkeit zur Tatsache werden lassen.

Heute gibt es das alte Andermatt zwar noch, aber nun umgeben von protzigen Hotelkästen, mitten im Dorf steht ein Luxusressort namens Chedi, auf der weiten Ebene, wo sich die Reuss ihren Weg sucht, gibt es einen Golfplatz, auf dem kein Mensch zu sehen ist.

Das alte Hotel Krone heisst nun The Crown, alles ist auf englisch angeschrieben und wenn wundert’s – auf der Strasse wird mehrheitlich englisch oder italienisch gesprochen, und in den Restaurants wird man selbstverständlich auf englisch angesprochen.

Man fragt sich, seit die Sawiris Pläne bekannt wurden, ob sein Projekt Erfolg haben würde. Um erfolgreich gegen weltberühmte Ressorts wie St. Moritz oder Zermatt bestehen zu können, braucht es mehr als nur ein paar teure Hotelkästen und einen Golfplatz.

Es braucht vor allem eine schöne, das Auge betörende Umgebung wie im Oberengadin oder eine weltbekannte Bergspitze wie das Matterhorn.

Nichts dergleichen hier in Andermatt. Es gibt viele Felsen, hässliche Geröllhalden ringsherum, ein paar Bergspitzen, eine sattgrüne Ebene mit dem Fluss, und natürlich das Skigebiet am Gemsstock (das nun bis nach Sedrun erweitert werden soll).

Und das Tüpfelchen auf dem i – eine amerikanische Investmentfirma, die in den USA erfolgreich mehrere Luxusressorts betreibt, hat sich die Lizenz für den Betrieb des Skigebiets erworben. Eine Firma, die bisher ausschliesslich auf dem amerikanischen Markt Luxusresorts betreibt. Und nun sollen die Preise für eine Tageskarte an die entsprechenden US-Preise angepasst werden, d.h. über Fr. 200.- Pro Tag!

Kann das gut gehen? Ich bezweifle es. Schweizer Skifahrer sind Tagesausflügler. Sie reisen an den Ort, fahren einen Tag Ski und reisen wieder ab. Sie benötigen keinen Full-Service (den ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann) und bezahlen garantiert keine Fr. 200.-

Aber mal sehen. Für die Touristen am Ort, mehrheitlich ausländischer Provenienz, sind diese Preise möglicherweise völlig in Ordnung. Wir werden also vielleicht eine Triage erleben. Hier Ausländer, hier Schweizer.

Nur schon der Gedanke ist beunruhigend.

 

Old town in Andermatt  Old beautiful houses in Andermatt

Dabei behält der alte Ortskern seinen Charme, auch wenn die fremden Einflüsse zunehmen. Sie werden es nicht schaffen, die natürliche Ausstrahlung des alten Andermatt zu zerstören.

Oder doch?

Anyway, ausgerechnet hier verbringe ich meinen einzigen Ruhetag. Ich hätte mir etwas Besseres gewünscht.

 

Passender Song:  The Eagles – Seven Bridges Road

Und hier geht der Trail weiter … über den Gotthard