Der Hippie-Trail – Erinnerungen

 

Glück gehabt

Manchmal entscheiden eben nur ein paar lausige Millimeter über die Fortsetzung des Spaziergangs oder einen längeren Aufenthalt im Spital. Die drei Burschen (der eine stöhnt zwar entsetzlich und bleibt am Boden liegen, aber wir vergewissern uns, dass nicht allzu viel passiert ist) haben mit viel Glück Schlimmeres vermieden. Ob verdient oder nicht, sei dahingestellt.

Ich habe in Chiang Mai eine alte Freundin getroffen, und wir stehen eben im Begriff, einen Fussgängerstreifen bei Grün zu überqueren. Die drei Verunfallten, Idioten wie viele und überall in diesem Alter, waren wohl zu schnell unterwegs.

Reisevirus

Wir haben also wieder mal Glück gehabt, wie schon oft in unserem Leben.

Wenn es um Glück geht, um überstandene Risiken und Gefahren, tauchen zwangsläufig Erinnerungen auf, vor allem an unsere gemeinsame Reisevergangenheit, vielleicht an den Anfang aller Reisen, den Urknall.

Damals, als der Geist war aus der Flasche entkam, die Krankheit, die man Reisefieber nennt und durch einen Virus ausgelöst wird, den man nie wieder los wird.

Es geht um jene unvergessliche Reise nach Indien und Nepal.

Entlang des legendären Hippie-Trails.

Durch den Balkan, Griechenland, Türkei, Iran, Afghanistan, Pakistan, Indien, Nepal.

Unvergesslich die unzähligen Pannen mit unserem alten, abgewrackten VW-Bus.

Die schon damals nicht ungefährliche Durchquerung der afghanischen Wüste.

Der nervtötende Strassenverkehr in Indien.

Die Überquerung gefährlicher Pässe in Nepal.

Das Staunen vor dem Taj Mahal.

Oder vor den riesigen Buddhastatuen in Bamiyan.

Und, und, und …

Afghanistan
Irgendwo im Nirgendwo

Das alles ist irgendwo noch da, vergraben im Langzeitgedächtnis, aber wenn der richtige Trigger gedrückt wird, startet der Film. Und alles ist wieder da.

Dann kommt alles wieder an die Oberfläche, samt Geräuschen, Farben, Gerüchen, Stimmen, Lärm und dem Dröhnen des 1200 Kubik VW-Boxermotors, der uns trotz allen Widerständen und über 2 Tonnen Gewicht über höchste Pässe, durch heisseste Wüsten bis nach Nepal und wieder zurück nach Hause brachte.

Dieses kleine Wunder der Technik, dem ich heute noch grössten Respekt entgegen bringe.

Tadsch Mahal
Taj Mahal – damals noch nicht mit Millionen von Touristen
Bamyan
Die legendären Buddha-Statuen in Bamiyan – damals noch existierend, in der Zwischenzeit durch die Taliban zerstört
Benares
Am frühen Morgen in Benares (Varanasi)

Denn es ist klar: mit dem heutigen hochkomplizierten elektronischen Schnickschnack, der in jedem Auto eingebaut ist, wäre jede Panne irgendwo am Arsch der Welt in Indien ein fatales Disaster.

Konnte vor vierzig Jahren jeder einigermassen talentierte Inder mit Hammer und Säge und Schweissbrenner jeden noch so schlimmen Schaden beheben, so wäre dies heute ein Ding der Unmöglichkeit …

Die Unbedarftheit ist verloren gegangen

Aber wir sind uns bewusst, auch ein paar andere Dinge wären heute unmöglich. Es würde uns an allem fehlen, was zu dieser Zeit noch vorhanden war.

An Mut, an Entschlossenheit, vor allem aber an einer riesigen Portion Unbedarftheit.

Denn das waren wir, vollkommen unbedarft, keine Gefahren sehend, nur das Ziel vor Augen, irgendwie, irgendwann nach Indien zu kommen.

Dass wir es schafften, Schritt für Schritt, von einem Problem zum nächsten, ist aus heutiger Sicht ein Wunder, ein Wunder, das ohne Übertreibung als ganz besonderer Höhepunkt unseres Lebens betrachtet werden kann und niemals wiederholt werden könnte.

Aber jetzt sind wir hier, in der Gegenwart, alt geworden, vielleicht, wenn wir Glück haben, jung geblieben …

Aber irgendwann wird auch diese Reise Gegenstand eines eigenen Berichts werden.

Irgendwann.

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