Mae Salong

Wenn man bei Tachileik die Grenze zu Thailand überquert, erreicht man nicht nur ein neues Land, sondern ein anderes Ziviliationslevel. Ungefähr wie letztes Jahr der Übertritt von Laos nach China – hier Armut, Hütten, Löcher, dort protzige Gebäude, breite Strassen, moderne Autos. Der Unterschied hier ist nicht ganz so krass, aber trotzdem spürbar.

Also zunächst mal grosse Verwunderung, dann Staunen, Kopfschütteln – und schon hat man sich daran gewöhnt.

Gibt es tatsächlich solche Strassen, ohne Löcher, Gräben und Rinnen? Richtige Trottoirs, die nicht durch allerlei Vehikel vollgestellt sind? Kein Abfall (oder fast keinen) am Strassenrand? Gestern noch in einem armen, unterentwickelten Land, heute, durch ein paar Meter Grenze getrennt, in einem sozusagen aufgeräumten Land. Teure Autos, Läden, die vor Angeboten nur so strotzen, selbstbewusste Menschen.

Es wird auch hier viel gelächelt, aber es ist bereits etwas anderes geworden, es hat etwas Businesshaftes, vielleicht sogar Aufgesetztes. Hier ist Burmas Zukunft zu sehen, in vielleicht zwanzig Jahren, aber jetzt ist es noch nicht so weit, jetzt, nach nur einer einzigen Nacht, fehlt es mir bereits, fehlen mir die Menschen, so wie sie heute sind und nicht in zwanzig Jahren. Denn dann wird die Magie verschwunden sein, ersetzt durch das, was nun in Thailand zu sehen ist. Wie sagt man so schön – there’s no such thing as a free Lunch.

Gilt auch für die Entwicklung von Zivilisationen.

Aber wie auch immer, auf jeden Fall ist hier eine Autobahn eine Autobahn, und nicht nur ein richtungsgetrennter Feldweg.

Auf dem Weg in die Berge

Dieser Ansicht ist auch mein Fahrer und gibt Gas, denn heute gönne ich mir zur Abwechslung einen eigenen Chauffeur, um in die Berge nach Mae Salong zu fahren. Die ersten knapp 30 Kilometer sausen wir durch die Gegend, dass es eine Freude ist, bis wir in eine anfangs noch breite, gute Strasse einbiegen, die dann, sobald man Höhe gewinnt, enger, kurviger wird.

Vom Chauffeur, offenbar nicht wirklich an Bergstrassen gewöhnt, ist gelegentlich ein entrüstetes Schnauben zu hören, vor allem dann, wenn er um die 180 Grad Kurven an sein Limit kommt. Er atmet erleichtert auf, als wir Mae Salong und mein Hotel My Place Mae Salong erreichen. Ich wünsche ihm für die Heimfahrt Hals- und Beinbruch.

Little Yunnan

Zu diesem Kaff gibt einiges zu sagen (obwohl ich zugegebenermassen bis vor kurzem keine Ahnung von seiner Existenz hatte). Das ist Little Yunnan, sozusagen eine Exklave der angrenzenden chinesischen Provinz Yunnan. Eine kurze historische Erklärung ist angebracht.

Mae Salong (oder Santikhiri) ist zwar eng mit dem berüchtigten Opiumhandel im Goldenen Dreieck verknüpft, seine historische Bedeutung erlangte es aber durch die Chinese National Army (zur Kuomintang Regierung gehörend), die sich nach der Niederlage gegen die Kommunisten 1949 gegen die Kapitulation wehrte. 12’000 Soldaten flüchteten von Yünnan zuerst nach Burma und landeten schliesslich, nachdem Taiwan und die USA ihre anfängliche Unterstützung aufgegeben hatten, im Norden von Thailand, wo sie sich in einem abgelegenen Bergtal niederliessen. Et voilà – Mae Salong.

Chinesische Hinterlassenschaften

Die ethnische Abstammung ist an jeder Ecke zu spüren. Überall chinesische Schriftzeichen, die Menükarten, Gott sei’s gedankt, mit Bildern ausgestattet, denn der Rest sieht zwar schön aus, sagt mir aber gar nichts, denn mein Mandarin ist etwas eingerostet.

Chinesisches Essen in Mae Salong

Es schmeckt genauso gut wie es aussieht (keine Ahnung, was es ist)

Kinder im Restaurant

Junge Gäste im Restaurant

Dass die Gegend berühmt für ihren Tee ist, sieht man überall: Teesträucher auf allen Berghängen in unterschiedlichen Stadien des Wachstums, gehegt und gepflegt durch, wen wundert’s, Frauen in ihren wunderschönen Trachten (die wie üblich die schwere Arbeit erledigen, während die Herren der Schöpfung anderes zu tun haben) oder nach dem Pflücken zum Trocknen ausgelegt (kann auch schon mal das Trottoir sein).

Tee zum Trocknen

Tee zum Trocknen ausgelegt

Tee

Unterschiedliche Reifestadien

Englisch? No Way!

Und ja, noch eine vergleichbare, wenn auch nicht unbedingt vorteilhafte Eigenschaft, erinnert an Yunnan: kein Schwein spricht Englisch. Auch das junge Mädchen in meinem Hotel, immerhin zur Begrüssung der Gäste vorgesehen, versteht absolut kein Englisch. Jä nu, was soll’s …

Ich bin wie gesagt im My Place untergekommen, in der Agoda-Hotelplattform mit einer hohen Bewertung ausgezeichnet. Nun, das mir zugewiesene Zimmer entspricht, gelinde gesagt, nicht ganz der angegebenen Bewertung, und so wechsle ich in ein anderes, besseres, helleres, natürlich gegen entsprechenden Aufpreis. Die berühmte Geschäftstüchtigkeit der Chinesen – auch hier spürbar.

Zimmer in Mae Salong

Das ist mal ein Zimmer!

I’m too old for that Shit!

Die Vorstellung von Schnee, Adventskranz und Weihnachtsguetslis vermag mich noch nicht wirklich zu begeistern, aber vorläufig ist es ja noch nicht soweit.

Vielleicht ein Ausflug in die Umgebung, langsam und gemütlich wie immer. Es gibt offenbar ein Grabmal des kommandierenden Generals Yuan, der als erster Warlord des Opiumhandels in die Geschichte eingegangen ist. Für ein paar Minuten der Gedanke, ein Motorrad zu mieten, doch in den verschiedenen Foren im Internet wird ernsthaft davon abgeraten. Bei einem Unfall, ob schuldig oder nicht, bezahlt immer, IMMER, der Ausländer. Na ja, wie soll ich sagen, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste und ausserdem – I’m too old for that Shit!

Ein erstklassiges Schauspiel

Mein Zimmer bietet von der Terrasse aus einen erstklassigen Rundblick über die angrenzenden Hügel und Berge. Und genau dieses Schauspiel wird mir am Morgen beim Öffnen der Augen geboten, ohne dass ich auch nur einen Muskel bewegen muss. Ein wahrlich königlicher Morgen.

Aussicht vom Hotelzimmer

Ausblick auf die umgebenden Hügel

Häuser in Mae Salong

Aussicht vom Hotelzimmer

Ein paar Wolken hängen seit geraumer Zeit bewegungslos am blauen Himmel, als hätten sie auf mich gewartet. Sie bilden den willkommenen Kontrast zu den in unterschiedlichen Grüntönen in der Morgensonne liegenden Hügeln mit den vertreuten Häusern und Höfen. Man könnte ewig zusehen, wie sich die Farben langsam verändern, den milchigen Ton des Morgens verlieren.

Krähende Gockel

Wenn das Mädchen an der Rezeption etwas besser Englisch spräche, hätte ich eine schon beinahe existentielle Frage an sie: Warum krähen die Gockel in diesem Kaff die ganze Nacht hindurch? Am Anfang denke ich an Hunde, die sich gegenseitig zu immer neueren und lauteren Wettbewerben anstacheln, aber nein, es sind die Gockel. Nicht im Morgengrauen, wie es üblich ist, nein, bis lange nach Mitternacht. Aber die Frage wird wohl offen bleiben, und ich werde nie erfahren, was die Viecher sich gegenseitig zu erzählen haben …

Yunnan Churros

Im Gegensatz zur Aussicht ist das Frühstück weniger königlich. Es besteht aus heissem Wasser aus einem Automaten, in das der – man ahnt es – Kaffee-Mix eingerührt wird. Ehrlich, ich kann das Zeug nicht mehr riechen. Es ist so süss, dass die Plomben im Mund Walzer tanzen.

Frühstück im Hotel

Ein grässlicher Kaffee und Yunnan Churros

Zum Kaffee gibt es ein ölig aussehendes, undefinierbares Gebäck, offenbar frittiert, es erinnert entfernt an die spanischen Churros (die ich allerdings in bester Erinnerung habe). Das, verehrte Leser, ist alles, es ist das Frühstück. Mehr gibt es nicht. Na ja, dann halt Yunnan-Churros. Man kann durchaus auch damit satt werden.

Betonmischmaschinen

Bei einer Baustelle wird emsig gearbeitet. Ein neues Restaurant wird erstellt (na klar, denn das Dorf will sich ja als zukünftiger Touristen-Hotspot etablieren), vor dem Lokal soll der Parkplatz betoniert werden.

Eine Menge Arbeiterinnen wuselt geschäftig zwischen dem in Entstehung begriffenen Parkplatz und der Betonmischmaschine hin und her. Schwer aussehende Kübel mit Sand und Kies werden herangeschafft, je nachdem auf dem Kopf oder an der Hand, während sich der Boss um die Maschine kümmert.

Baustelle

Es wird gebaut

Kann sich jemand an die Betonmischmaschinen erinnern? An das wunderbare knarzende, schleifende, knackende Geräusch, das sie machen? Es ist dieses runde Ding mit jeweils einer Öffnung auf beiden Seiten, das sich dreht und den Inhalt durcheinander mischt. Jemand (der Boss!) schüttet zuerst Sand oder wahlweise Kies hinein, dann Zement, dann Wasser, alles in der richtigen Kombination und Zusammensetzung.

Als Kinder haben wir diese Dinger bewundert, heute sind sie bei uns vollkommen verschwunden, irgendwo im Abgrund der Vergangenheit, und wenn wir Pech haben, werden wir sie nie wieder sehen oder hören. So geht es mit vielem, und irgendwann, vielleicht lange nach dem Verschwinden, merkt man erst, dass sie nicht mehr da sind.

Betonmischmaschinen

Betonmischmaschinen wie vor hundert Jahren

No money, no fotos!

Etwas weiter oben im Dorf ist schon früh am Morgen einiges los. Und angesichts der zahlreichen Touristen, die sich durch die Stände bewegen und in den Souvenirs wühlen, muss ich meine anfänglichen Zweifel bezüglich der Bedeutung von Mae Salong revidieren. Eine Mutter, die ihre Kinder in bester Pose präsentiert und für’s Fotoschiessen Geld verlangt, passt da nicht schlecht ins Bild. No money, no fotos! Dann halt nicht, Lady …

Marktfrau

Marktfrau mit frischem Gemüse

Monströsitäten

Beim Grabmal des Generals haben die Erbauer mal wieder in die ganz tiefe Schublade stilloser Monströsitäten gegriffen. Man hat den Eindruck, dass bei der Planung die Adjektive hässlich, protzig und banal eine zentrale Richtlinie gewesen sein müssen. Wie herrlich bizarr war da doch das Mausoleum Ho-Chi-Mins im vorletzten Februar, unübertrefflich in seiner Schrägheit. Im Geist sehe ich immer noch die weisse spitze Nase im grellen Licht …

Museum

Der Eingang zum Museum

Museum

Das hat er nicht verdient

Wenn morgen alles klappt, dann werde ich spätestens am Abend den Mekong wiedersehen, meinen Mekong. Ich freue mich schon jetzt …