Mysore – Der Palast des Maharadschas

 

Ich bin früh auf den Beinen, kann es kaum erwarten, Ooty zu verlassen. Eine Engländerin vom gestrigen Trek gesellt sich zu mir. Gemeinsam besteigen wir den Bus, ein gelinde gesagt nicht gerade ermutigendes Stück Konstruktion auf vier Rädern. Es ist aber besser als befürchtet. Ich schaue nicht nach Ooty zurück, vorwärts ist die Devise.


Auf dem Weg nach Mysore

Die Strasse ist schlecht, das kenne ich aus längst vergangenen Tagen. Gewisse Dinge ändern sich eben nicht, Bangalore als topmoderne Stadt hin oder her. Unser Driver ist jung und beherrscht sein Metier. Millimeter genau kreuzt er die andern Vehikel, manchmal halte ich unwillkürlich den Atem an. Wir durchqueren einen momentan geschlossenen Naturpark, eine Herde Elefanten mit mehreren Jungtieren zieht an uns vorbei.

Irgendwann überqueren wir die ominöse Grenze zu Karnataka und es geschieht – nichts. Alles bleibt ruhig, keine Aufstände, keine wütenden Streiker, die den Bus mit Steinen bewerfen. Fast ein bisschen enttäuschend. Ich habe mir sagen lassen, dass die Streikursache nicht in Tamil Nadu sondern in Karnataka zu finden ist. Soll mir aber jetzt egal sein.


Mysore

Die Vororte von Mysore geben einen ersten Eindruck von der Stadt ab. Und dann sind wir mitten drin, halten genau vor unserem Hotel. Es ist ein schönes freundliches Hotel, das „Roopa“, von aussen sieht es aus wie eine postmoderne Mischung aus Alt und Neu.

Ich bin sofort gefangen in einer Mischung aus Wohlbefinden und Neugier. Es gibt diese Städte, diese seltsamen Orte, wo man glaubt, schon gewesen zu sein. Man kommt sich fern von allem vor, von allem, was man kennt. Aber es gilt, sich der Stadt langsam zu nähern, mit Bedacht, mit Vorsicht, mit Geduld. Wir kommen aus einer anderen Welt, die in keinem Bezug zu dieser zu stehen scheint. Alles ist fremd und doch bekannt. Madurai. Delhi. Mumbai. Varanasi. Andere Welten als diese hier. Das erste Mal taucht der Gedanke auf (wie merkwürdig), dass ich hier leben könnte. Ob es gelingen würde, ist natürlich eine ganz andere Frage.

Gewühl in Mysore
Das ist es, was ich suche

Ich spiele also das bekannte Spiel und lasse mich einsinken im Gewühl der Menschenmengen, der Millionen von Autos, TukTuks, Motorrädern, Fuhrwerken. Es ist wie immer eine Gratwanderung zwischen Gefahr und Tollkühnheit. Eine ganz eigene Grenzerfahrung. Und während ich so dahinschlendere, holt mich einmal mehr die Erkenntnis ein, dass ich nichts über dieses eigenartige Land weiss. Die Erlebnisse in einem früheren Leben sind versunken, vergessen, als hätten sie nie existiert. Hier ist Südindien. Innerhalb einer fremden Welt noch einmal eine fremde Welt.

War ich schon mal hier?
War ich schon mal hier? Bekannt und unbekannt zugleich
Where are these people going?
Manchmal fragt man sich, wohin diese viele Leute gehen

Der Palast

Der Maharadscha-Palast als die Sehenswürdigkeit von Mysore ist von weitem beeindruckend, genauso wie es im Führer steht und all die Lobeshymnen versprechen. Aber die einstige Grandezza ist verflogen. Ein kleiner schüchterner Gedanke taucht auf, macht mir weis, dass alles ein bisschen ärmlich ist.

Man kann sich zwar den einstmaligen Luxus, den Reichtum zwar vorstellen, die Elefanten, die weissen Pferde, die Edelsteine, die Kronen, die brokatbezogenen Sofas, die Teppiche. Trotzdem bleibt ein eigenartiges Gefühl zurück. Vielleicht liegt es am letzten Maharadscha, dessen Photos und Gemälde von allen Wänden blicken. Irgendwie ein kleiner trauriger Wicht, überfordert von seinem Amt. Aber alles ist längst tot und Vergangenheit.

Eingangstor zum Palast
Das wuchtige Eingangstor zum Palast

Man tritt ein in eine andere Welt, eine vergangene Welt. Alles strömt den Atem längst verblichener Glorie aus. Man schlendert durch die endlos scheinenden Gänge, vorbei an den Bildern der Herrschaften. Bärtigen, ernst und würdevoll blickenden Herren. Schüchternen Damen des Hauses. Lachenden Kindergesichtern.

Es ist ein seltsames Gefühl. Eine Mischung aus Wehmut und Trauer. All das ist auf seine Weise tot. Für immer verschwunden. Alles, was geblieben ist, sind wispernde Mauern und leblose Räume. Ich flüchte. Die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit angesichts dieser toten Welt wird unerträglich.

Sehr imponierend
Sehr imponierend – von weitem
Eine andere Zeit
Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein

Der kleine Hund

Ich flüchte also zurück in die Gegenwart, ins Menschengewühl in den Strassen und Gassen. Hier ist das Leben allgegenwärtig. Aber auch der Tod und das Leiden vorher. Am Abend ein Herz zerreissender Augenblick: ein junger völlig abgemagerter Hund irrt mit eingezogenem Schwanz und voller Angst durch das Verkehrsgewühl. Ich gehe zurück ins Hotel, erkenne, dass aus unerfindlichen Gründen auch mein Tagebuch abhanden gekommen ist.

Es ist, wie wenn ein Gefäss langsam und stetig gefüllt wird, mit Gutem und Schlechtem, bis es bis zum Rand gefüllt ist und überläuft. Es ist zuviel. Soviel Schönes, aber auch soviel Trauriges. Der Anblick dieses kleinen Hundes ist unerträglich. Ich kann Buddha verstehen, als er beim Anblick des fürchterlichen Leidens auf der Welt einen Weg suchen will, ihm zu entgehen. Der kleine Hund als Symbol für unser aller Leben. Voller Angst, mit eingezogenem Schwanz durch das Gewirr des Lebens irrend.


Mysore am Morgen

Mysore am Morgen – heiss, lärmig, lebendig. Langsamer Gang durch die Strassen, immer schön der schattigen Seite entlang. Unzählige Läden, Handwerker, Buden. Farbig, bunt, schrill, ohne Hektik.

Standfrau in Mysore
Sie versteht ihr Handwerk; ich kaufe zwei grüne Eier aus irgendeinem undefinierbaren Material
Überbordende Farbenpracht
Farbenpracht überall
Obststand
Man kann kaum widerstehen

Ich suche Postkarten und finde keine. In einem Augenblick, der nur alle paar Jahre kommt – dass ich freiwillig Karten schreibe – sind die Objekte der Begierde unauffindbar. Nach langem Suchen in der Nähe des Palastes erwerbe ich völlig überteuert meine vier Karten. Das Problem, wo ich einen Platz zum Schreiben finde, lässt sich nicht so einfach lösen. Am Schluss befinde ich mich in einem öffentlichen Park auf einer Bank, umgeben von schlafenden Menschen, die ausgestreckt im Gras liegen, und schreibe.


Wohlgefühl auf der Dachterasse

Wieder einer dieser Momente, dieser erinnerungswürdigen Augenblicke, wo die Welt völlig im Einklang steht, wo einfach alles stimmt. Allein auf einer grossen Dachterasse, über dem Gewühl der Menschen, sitze ich einfach da und schaue. Man möchte diesen Augenblick anhalten, gefrieren lassen in der Zeit …

Das Leben von oben
Das Leben von oben

Und wieder ein Abschied

Ich kenne diese Stadt oder zumindest den Teil, den ich abgewandert bin, langsam wie meine Hosentasche, doch nach dem Eindunkeln naht sich der Abschied. Ich habe ein Ticket für den Nachtbus, der mich in 10 Stunden nach Hospet bringen soll. Eine Bemerkung: der Nachtzug von Bangalore nach Hospet ist ausverkauft. Deswegen der Ausweg über den Bus. Auch die ursprüngliche Idee, mit dem Tagesbus irgendwie nach Hospet zu kommen, hat sich schnell zerschlagen. Die Distanzen sind zu gross in diesem Land.

So stehe ich also um kurz nach neun am Busbahnhof, habe mich vom Hotel und den freundlichen Angestellten, die staunend der Verlängerung meiner Hosenbeine gefolgt sind, verabschiedet. Es ist heiss, immer noch, ein Gewirr von Leuten, Bussen, laute Dieselmotorengeräusche, bläulicher Rauch in der Luft. Ein junger Mann, wie ich ein Tourist, passt auf mein Gepäck auf, während ich mich für die lange Nacht mit Getränken und Essen versorge.

Irgendwann taucht eines der fahrenden Monster auf, ein ziemlich heruntergekommener Bus, der den Travellern das spezielle Problem bietet, keinen Raum für das Gepäck zu bieten. Ich als einziger habe eine Rucksacktasche, die sich gerade eben noch in das Fach an der Decke einpassen lässt. Dann beginnt die Fahrt, von der ich nur das Schlimmste erwarte. Nachdem dann der junge Inder neben mir seine Handygespräche aufgrund meines empörten Schnaubens eingestellt hat, falle ich überraschenderweise nach ein, zwei Stunden in einen tiefen Schlaf, sitzend, der Kopf auf der Brust baumelnd, aus dem ich erst gegen Morgen erwache. Ein kleines Wunder, das ich mir gerne gefallen lasse.

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