Das wird ein langer Tag.

Irgendein Anlass in Lützelflüh, vielleicht eine Gotthelf-Veranstaltung, hat dazu geführt, dass am Sonntag alle Gasthöfe ausgebucht sind. Die freundliche Dame im gewünschten Hotel verweist mich an ein anderes, das allerdings ebenfalls voll ist. Nun denn, so lande ich also  heute Abend in einem winzigen Kaff namens Ranflüh ein paar Kilometer nach Lützelflüh tief im Emmental. Das werden gut und gern 25 Kilometer werden. Aber was soll’s …

Auf jeden Fall erwartet mich bei bewölktem und recht kühlem Wetter eine lange Etappe, die mich ins Emmental und damit mitten ins Herz von Gotthelfs Heimat führen wird.

Oberhalb Worb beginnt das für das Emmental so typische Gelände mit den langgezogenen «Eggen» (Hügeln) und den steilen «Chrächen» (Gräben). Fantastische Ausblicke auf Alpen und Jura. Im älteren Dorfteil von Lützelflüh befindet sich die Gotthelf-Stube.

Und die tatsächlichen Werte gemäss Polaruhr: Länge 25.54 km; Wanderzeit 7 h 51 min

 

From Worb to Ranflüh

 

Wo ist das Schloss?

Eigentlich müsste sich oberhalb Worbs ein Schloss befinden, das ich aber weder gestern (zu müde) noch heute Morgen (dito) entdecken kann. Nun denn, es wird ein Schloss wie ein anderes sein, in Privatbesitz und somit nicht zugänglich, was die Entdeckerfreude massiv beeinträchtigt.

Das Wahrzeichen von Worb ist das um 1130 erstmals erwähnte Schloss, das nach einem Brand 1535 neu aufgebaut wurde. Es ist im Privatbesitz und liegt oberhalb des Dorfes.

Die Luft riecht heute morgen zum ersten Mal nach Herbst, es ist tatsächlich etwas kühler geworden. Das scheint meine geistigen Fähigkeiten zu beeinträchtigen (dazu braucht es offenbar nicht viel), denn ich starte doch tatsächlich ohne Stöcke. Mein Gott Landolt, wenn das so weitergeht.

Es geht aber genauso weiter wie gewohnt, es könnte langweilig werden, wenn es nicht immer wieder so grossartig wäre. Sanfte Anhöhen führen in nordöstlicher Richtung, was eigentlich unverständlich erscheint, zeigt d0ch die allgemeine Richtung gegen Süden. Der Planer hat sich wohl einen Scherz erlaubt. Aber wer kennt die Kerle schon.

Ich bin ziemlich allein auf weiter Flur, wenn es nicht da oder dort eine ebenso einsame Kuh gäbe, die sich gemächlich dem Gras widmet.

 

gentle slopes beneath a cloudy sky

Die Aussicht ist grandios, wären da nicht zwei Damen, die hinter mir auf einer Bank sitzen und sich als Dauerquassler entpuppen. Nun, vielleicht gehört das irgendwie zur Umgebung, ergibt sozusagen eine authentische Sicht auf die Landschaft mit Beiklang.

 

Teerstrassen und Schwingfest

Der Himmel, dieser unzuverlässige Kerl, bedeckt sich noch mehr mit dunklem Gewölk, ich bin etwas enttäuscht, aber nach all den schönen Tagen darf das schon mal sein. Und noch etwas geht mir auf den Wecker: natürlich folgt die Route den vorgegebenen Wanderwegen, allerdings heute sehr häufig auch auf asphaltierten Strassen.

Aber eben, ich habe keine Wahl, und so marschiere ich halt wie ein folgsamer Soldat, vergesse alles Unangenehme und widme mich der fantastischen Aussicht auf die Wiesen und Hügel, die verstreuten Höfe mit den typischen Dächern.

Eidgenössisches sSchwing- und Älplerfest
[Von Martin Abegglen – https://www.flickr.com/photos/twicepix/9642084401, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49079228]
Allerdings ist der Kopf heute Sonntag nicht konzentriert, denn die Gedanken schweifen immer wieder ab zum Grossereignis dieses Tages, dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest.

Es findet nur alle vier Jahre statt, dann versammeln sich die starken Männer des Landes und versuchen die Krone zu gewinnen. Der Sieger wird zum Schwingerkönig gekürt, eine Ehre, die nur die besten und stärksten für sich beanspruchen dürfen.

Aber ich bin sozusagen im Exil, kann bestenfalls alle paar Stunden auf dem Handy den Zwischenstand überprüfen, aber da mein Geheimfavorit Giger Samuel nichts mehr mit dem Titel zu tun hat, ist die Euphorie eh ziemlich reduziert. So schade  …

Aber mal sehen, der Schlussgang findet üblicherweise erst nach 17.00 statt, das ergibt doch die Chance, das Ereignis am TV im Hotel mitzuerleben. Ob ich allerdings vor 17.00 Uhr in Ranflüh eintreffen werde, steht auf einem anderen Blatt.

 

Emmental und Gotthelf

Weiter in Richtung Lüüseberg lohnt sich immer mal wieder ein Blick zurück auf das wunderschöne Alpenpanorama. Nach etwas mehr als einer Stunde folgt Aetzrüti. Dabei quert man weitere kleine Hügel, kurze Waldabschnitte und wunderschöne Äcker und Wiesen, die sich harmonisch in die Landschaft einfügen.

Jeremias Gotthelf - famous Swiss writer
Von Johann Friedrich Dietler – http://burgerbib.scopeoais.ch/detail.aspx?id=185017, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=378200

Das Emmental, das ich in Kürze erreiche, und Jeremias Gotthelf, einer der berühmtesten Schweizer Schriftsteller, gehören sozusagen zusammen. Sein Name war eigentlich Albert Bitzius, er war Pfarrer und Lützelflüh, also ein intimer Kenner der damaligen Welt weit abseits.

Ich bin wie die meisten Schweizer meines Alters schon früh mit Gotthelf in Kontakt gekommen. Seine bekanntesten Werke  – Ueli der Knecht, Ueli der Pächter, Annebäbi Jowäger, Die Käserei in der Vehfreude und natürlich die Schwarze Spinne – waren  Schulstoff für jedes Institut, das etwas auf sich hielt (ob das heute immer noch so ist, wage ich zu bezweifeln).

Alle seine Werke wurden verfilmt und werden immer wieder im TV gezeigt. Besonders die beiden Ueli-Filme haben Kultstatus erreicht. In den 50-Jahren verfilmt, schwarzweiss natürlich, Karrierestart für Liselotte Pulver und Hannes Schmidhauser, und auch heute noch ein lohnendes Vergnügen.

Was ich persönlich aber immer noch vorziehen würde, sind die uralten Hörspiele, ebenfalls aus den 50-Jahren stammend, allerdings verschollen oder verschimmelt in den Katakomben des öffentlich-rechtlichen Radios.

Schade, sie waren ein wesentlicher Teil meiner kulturellen Sozialisierung.

Allerdings, das muss ich zugeben, hinterlassen Bücher, Hörspiele und Filme ein zwiespältiges Erbe.

Ist die gezeigte Natur der Menschen charakteristisch für die hiesige Gegend oder sind es generelle Feststellungen, wie der Mensch eben ist, mit all seinen Schwächen, Neid und Gier und Missgunst?

Es hat etwas gedauert, bis ich die Antwort fand und der Emmentaler Bevölkerung die Absolution erteilen durfte.

 

typical Bernese farm house in the Emmental
Das könnte doch glatt die Glungge sein, der Hof, wo Ueli der Knecht sein Vreneli fand

 

 

Kein Restaurant, kein Nachtessen

Der Weg durch das Emmental ist vom Sonntag geprägt. Kaum Menschen auf den Strassen, wenige Autos, wer hätte das gedacht. Nach Lützelflüh, wo ich mir einen Kaffee genehmige und mich bei den Gästen nach dem Stand des Schlussgangs erkundige (noch offen, aber so ganz begeistert bin ich nicht), zweigt der Weg nun wieder nach Süden ab, endlich, folgt nun der Emme, schön geradeaus das Tal hinunter, dem Hauptort Langnau entgegen.

Ich spüre den langen Weg in den Knochen, die 20 Kilometer Marke ist längst erreicht, so tröste ich mich auf den letzten Kilometern mit den Reflexionen der Sonne auf dem manchmal ruhigen, dann wieder schäumenden Wasser der Emme. Ramsei taucht auf, ich verwechsle es mit Ranflüh, mache ein paar hundert Meter zuviel, bis ich den Fehler bemerke, aber egal, das Tagesziel ist nahe.

 

Across the Emme

Ranflüh ist tatsächlich das Kaff hinter den sieben Bergen, ein paar Häuser, verstreute Bauernhöfe, eine Bushaltestelle und ein einziges Hotel, der Bären, wo ich angemeldet bin.

Es ist, wie angekündigt, geschlossen, schliesslich ist heiliger Sonntag, da wird nicht gearbeitet, wo kämen wir denn da hin.

Immerhin schaffe ich es mit Hilfe gemailter Hinweise, den Hotel- und Zimmerschlüssel zu finden. Und oha, das Zimmer ist top, alles da, aber eben, der Magen knurrt, doch ein Restaurant ist nicht zu finden.

Was würden wir bloss ohne Google machen? Irgendjemanden auf der Strasse suchen, der Auskunft geben kann? Wahrscheinlich.

Aber eben, Google weiss alles, auch über allfällige Restaurants in der näheren Umgebung. Zollbrück, das Nachbardorf, scheint meine Rettung zu sein.

Und so setze ich mich in den Bus, der jede Stunde fährt, finde tatsächlich am Bahnhof in Zollbrück einen Takeout, wo türkisch sprechendes Personal mir eine wahrhaft köstliche Pizza zubereitet.

Dann mit dem Bus zurück nach Ranflüh. Das TV Dinner an diesem Abend, Pizza mit Mineralwasser und der Schlussgang im Fernsehen, kann für vieles, nein heute für alles, entschädigen.

Ich scheine langsam mir sehr wenig zufrieden zu sein.

 

Passender Song zum Tag:  TWWO – Cage Fighter

Und hier geht der Trail weiter … nach Eggiwil

 

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