Zurück auf bekannten Pfaden, die restlichen 150 km auf türkischem Boden entpuppen sich als wahren Genuss. Eigentlich fahren wir auf dieser Strecke bereits zum vierten Mal, doch das wunderbare Wetter verbietet es schlicht, hier einfach durchzurasen.
Von nun an geht alles glatt, reibungslos und schnell, so zumindest sind wir überzeugt. Wenn wir allerdings an die Hinfahrt denken, an die jämmerliche Ankunft in Kavala, mehr oder weniger mit dem Abschleppdienst, dann werden wir schnell daran erinnert, dass nichts auf diesem Trail je reibungslos abgelaufen ist.
Tja, dann also goodbye Türkei, hallo Griechenland! Es gibt diese Momente, wo man eine unerklärliche Art Glück verspürt, so als hätten wir einen grossen Preis gewonnen. Dabei stehen wir nur an der griechischen Grenze, nach unserem Gefühl allerdings zum ersten Mal wieder richtig in Europa.
Und hier werden wir von ein paar streng blickenden Beamten unter die Lupe genommen.

Ein Beamter mit rotem Gesicht
Und schon verschwindet das Glücksgefühl und macht einer verstörenden Beklemmung Platz. Wir haben nichts zu verbergen, wir haben keine Drogen bei uns, wir haben nichts zu verzollen, also warum machen wir uns Sorgen? Aber offenbar werden wir – nicht zum ersten Mal! – das Opfer von Vorstellungen, die mit dem Ruf der Hippies zusammenhängen.
Hippies = Drogen = verdächtig.
So ungefähr können die Gesichter der Beamten gelesen werden. Man hat vom ersten Moment an den Eindruck, dass sie auf Teufel komm raus Drogen finden wollen. Vor allem einer der Männer, der die Abneigung gegen die jungen Leute in ihrem heruntergekommenen Fahrzeug kaum verbergen kann, macht sich am Wagen zu schaffen. Man kann sich vorstellen, was er sucht – Haschisch. Denn wer von Afghanistan oder Nepal zurückkommt, muss nach seiner Philosophie und Überzeugung Drogen bei sich haben, wahrscheinlich den berühmten schwarzen Afghan.
Wir bleiben ruhig, auch dann noch, als sich der Kerl länger an unserem Wagen zu schaffen macht als seine Kollegen an der afghanisch-persischen Grenze. Als er allerdings mit einem Draht die Batterien nach allfälligen Verstecken für Drogen untersuchen will, platzt mir dann doch der Kragen, und ich weise ihn darauf hin, dass allfällige Schäden zu bezahlen sind. Sein Gesicht erfährt eine Farbveränderung ins Dunkelrote. „Wenn ich könnte, würde ich euren ganzen Scheisswagen auseinandernehmen! Und nun haut ab!“
Tja, so macht man sich Freunde!

Alte Bekannte
Wir könnten natürlich unserem geilen Mönch im Sumpf einen weiteren Besuch abstatten, doch die Erinnerung an seine feuchten, gierigen Blicke bringt uns davon ab. Man braucht sich keine Sorgen um ihn zu machen, die Anzahl junger sexy Touristinnen wird in den nächsten Monaten wieder zunehmen.
Wir verschieben uns langsam in Richtung Westen, denn die Fahrt via Alexandropolis, Komotini und Xanthi bis Kavala ist und bleibt ein Highlight der Reise. In der Zwischenzeit hat sich der Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei etwas entschärft, man könnte angesichts des wieder dichter gewordenen Verkehrs zur Überzeugung kommen, dass alles wieder in bester Ordnung ist. Was natürlich nicht zutrifft, denn zwischen den beiden Ländern ist nie etwas in bester Ordnung.
Kavala revisited
Wir sind noch jung, wenn also alles gut geht, werden wir im Verlauf des Lebens noch viele schöne Städte kennenlernen. Doch jetzt, in diesem Moment, bei der Ankunft gegen Abend in Kavala, ist diese Stadt die schönste der Welt. Es gleicht einem Gefühl, nach Hause zu kommen, etwas Schönes wiedergefunden zu haben.
Es gibt viele schöne Städte, wie beispielsweise Venedig, berühmt für die Kanäle, die romantischen Gondelfahrten und die beeindruckende Architektur oder andere mit Tempeln, Gärten und Teehäusern oder weissen Häusern und blauen Kuppeln oder Monumenten der Baukunst wie Rom oder Paris oder London. Ob es historische, kulturelle oder landschaftliche Schönheit ist, jede Stadt hat etwas Einzigartiges zu bieten.
Aber hier in Kavala gibt es nichts dergleichen. Keine Paläste oder Tempel oder Monumente. Einfach nur eine Stadt am Meer, mit freundlichen Menschen und weissen Booten am Hafen. Es genügt.
Wir kommen also an, sitzen kurz darauf in einem Restaurant am Meer, vor uns ein Glas griechischen Weins, das Leben pulsiert um uns herum, und wir fühlen uns so entspannt wie schon lange nicht mehr. Warum ist das so? Weil wir nichts mehr suchen müssen? Weil wir die die weitere Route kennen und keine Schwierigkeiten zu erwarten sind? Weil wir zurück in Europa sind, unserem Heimatkontinent?
Vielleicht alles zusammen.


Es gibt an diesem Abend ein einziges Problem, eines, das uns immer wieder begegnet – es ist Samstag und morgen Sonntag, und alle Läden sind geschlossen. Wir sind in der Zwischenzeit zu echten Stoikern geworden, was im Land der Stoiker auch kein Wunder ist.
Mit der gleissenden Sonne am Himmel, die ganz und gar nichts mit der sich nähernden Ankunft des Winters zu tun haben will, und dem blauen, vom Sommer erwärmten Meer, versetzen wir uns gemächlich in einen Zustand geringster Anstrengung, will heissen, wir tun gar nichts ausser Sonnenbaden und Krimis lesen (dass die drei Bände „Herr der Ringe“ längst ausgelesen sind, dürfte keine Überraschung sein). Irgendwer lässt immer irgendwo ein Buch liegen, ob gewollt und vergessen, ist nicht relevant.
Auf der Fahrt nach Kavala haben wir eine griechische Landschildkröte vor einem vorzeitigen Ableben gerettet, eine der vielen, die zu dieser Zeit auf Wanderung gehen, dabei die Strasse überqueren und von Lastwagen und Autos überfahren werden.
Zwiespältige Erinnerungen
Der Abschied von Kavala fällt schwer, obwohl wir überzeugt sind, das Städtchen früher oder später wiederzusehen. Der Wettergott, unser alter Freund, scheint uns den Abschied einfacher machen zu wollen und bedeckt den Himmel zum ersten Mal seit Tagen mit seltsamem Gebräu, das auf ein baldiges Ende des Sommers hinweist. Immerhin wird uns der Retsina, der zu einem unverzichtbarer Begleiter bei allerhand feierlichen Anlässen geworden ist, noch ein gutes Stück begleiten.

Wir erinnern uns mit gemischten Gefühlen an die denkwürdige Fahrt auf dem Hinweg von Thessaloniki nach Kavala, an die zwei Zylinder, die uns mit letzter Kraft und unter Mithilfe eines Traktors und eines Abschleppwagens ans Ziel brachten.
Diesmal ist es anders. Nicht, dass der Bus nicht bereit wäre, uns zur Abwechslung wieder einmal eine böse Überraschung zu bereiten, aber da wir ihn ihn wie mit rohen Eiern behandeln und ihm mindestens einmal pro Tag gut zureden und auf die Motorhaube klopfen, meint er es bisher gut mit uns.
Thessaloniki, die zweitgrößte Stadt Griechenlands, ist bekannt für ihre byzantinischen Kirchen, Museen und den Weißen Turm, ein Wahrzeichen der Stadt. Sie ist nicht nur eine bedeutende moderne Universitäts-, Messe-, Kultur-, Industrie- und Hafenstadt, sondern ein Schnittpunkt wichtiger jahrtausendealter nordsüdlicher und westöstlicher Verkehrswege. Solche Städte sind traditionell von unterschiedlichen Kulturen beeinflusst und bieten dementsprechend Vielfalt.
Doch der Weg führt weiter, Griechenland in seiner ganzen Ausdehnung wartet, denn wir haben uns entschlossen, Jugoslawien auszulassen und den Weg via Patras nach Italien zu nehmen. Der Preis für die Überfahrt ist allerdings noch offen, unsere restlichen monetären Reserven nähern sich einem erwarteten, unangenehmen Restbestand. Es könnte uns also durchaus eine unwillkommene Überraschung blühen. Aber daran haben wir uns in der Zwischenzeit ja gewöhnt.
Die Büchse der Pandora
Und so fahren wir nun südwärts, staubige Hügel rechts und links, der Geruch von Föhrennadeln in der Nase, sommerverbrannte Ebenen, gesprenkelt mit Bäumen und Sträuchern, die jeder Hitze, jeder Trockenheit die Stirn bieten. Unser damaliger Trip, im Sommer 1972, ist uns in lebhafter Erinnerung geblieben, nicht nur, weil er uns in damals noch unbekannte Regionen führte, sondern dabei – zumindest was mich betrifft – die Büchse der Pandora öffnete, allerdings im Unterschied zur griechischen Mythologie in durchaus positiver Hinsicht.
Man erkennt nicht immer, wenn etwas Wichtiges geschieht, und wenn doch, dann meistens im Nachhinein. Denn im Verlauf dieser knapp zwei Monate nistete sich nämlich ein Virus ein, gegen das es bis heute kein bekanntes Heilmittel gibt, nämlich das Reisevirus. Und schon damals war klar, dass ich gerne bis zum Ende meines Lebens daran erkrankt bin.
Die Wiege der Demokratie
Wir erreichen Larissa, dann Lamia, alles erinnert an frühere Besuche, ein Wiedersehen mit alten Bekannten, die man grüsst und bestaunt, und dann weiterfährt. Alles kommt bekannt vor, aber auch wieder nicht, denn das Erinnerungsvermögen ist bekanntlich kein zuverlässiger Massstab.
Manchmal halten wir an, dehnen Sehnen und Muskeln nach der langen Fahrt, um dann schleunigst in einer Bar, einem Restaurant mit Garten oder einer x-beliebige Kneipe durchzuatmen und die Beine zu strecken. Die Bedienung ist ebenso freundlich wie zurückhaltend und reserviert wie man es von stolzen Griechen erwarten kann. Ihr Land hat seine Bedeutung als Wiege der Demokratie, der Philosophie, der antiken Weisheit längst eingebüsst, doch die Erinnerungen daran sind ebenso präsent wie diejenigen der Italiener, die mit Stolz auf die Hinterlassenschaften ihrer römischen Vorfahren hinweisen.
Der Peloponnes
Wir lassen Athen, das Monstrum – von diesen Beispielen haben wir genug gesehen -, links liegen und wenden uns dem Westen zu, durchqueren mit Respekt vor der technischen Leistung den Kanal von Korinth.
Er wurde in den Jahren 1881 bis 1893 gebaut, ein 6343 m langer Kanal durch die schmalste Stelle der Landenge von Korinth. Um dem Schiffsverkehr die etwa 600 km lange Fahrt rund um die Peloponnes zu ersparen, wurde bis zu 84 m durch Felsgestein hindurch gearbeitet, wodurch man eine Wassertiefe von etwa 8 m erreichte. Das Kanalbett ist auf der Höhe des Wasserspiegels etwa 24,6 m breit, verengt sich jedoch bis zum Grund auf ca. 21 m, während die obere Weite des Kanals durchschnittlich 75 m beträgt.
Beeindruckend, was die Kerle schon im 19. Jahrhundert schafften.
Es gäbe so viel zu erzählen über den Peloponnes. Über die im Herbst verbrannten braunen, gelben, schwarzen Ebenen, der Geruch der Bäume, das Gefühl, an einem Ort zu sein, wo es sich lohnen würde, länger zu bleiben. Es entspricht exakt den Eindrücken von vor drei Jahren. Die Fahrt mit unserem VW-Käfer, ebenso heruntergekommen. ebenso unzuverlässig wie unser Bus, aber nichtsdestotrotz ein Gefühl der Freiheit vermittelnd.
Wir lassen fast alles aus, was uns damals so viele unvergessliche Eindrücke vermittelte. Olympia, Sparta, Kalamata, Methoni, Erinnerungen, die man gerne reaktivieren würde. Aber wir wollen weiter, und so durchqueren wir fast im Schnellzugstempo den Norden der Insel (die eigentlich gar keine ist, denn der Kanal von Korinth ist ein künstliches, menschengemachtes Bauwerk).
Patras
Die Fahrt durch den Norden des Peloponnes vermittelt uns zumindest die Erfahrung einer Strecke, die wir nicht kennen. Wir fahren durch kilometerlange Olivenwälder, bewältigen zahlreiche höhere und niedrigere Hügel, das Meer vor uns, mal hinter uns, mal rechts und mal links von uns gelegen. Die Vielfalt der Landschaft lässt sich nur mit Mitteln der Kombinatorik erfassen (dieser Satz in meinen damaligen Aufzeichnungen erstaunt mich immer noch).
Gegen Abend erreichen wir die Küste vor Patras, müde von der langen, anstrengenden Fahrt übernachten wir am Meer, im Bewusstsein, dass es das letzte Mal sein könnte.

Die Buchung der Überfahrt
Heute fällt also die Entscheidung, wann wir zuhause ankommen werden, denn heute buchen wir die Überfahrt nach Italien. Die erste Überraschung – nach Venedig fährt keine Menschenseele und schon gar kein Schiff. Brindisi wie vor drei Jahren möchten wir vermeiden, der Weg nach Norden wäre damit viel länger.
Die zweite Überraschung – es gibt natürlich eine Überfahrt nach Ancona, was uns bereits viel weiter nach Norden bringt, und sie kostet viel weniger als befürchtet. Und so buchen wir die Überfahrt, Abfahrt morgens um zwei Uhr.

Die Würfel sind gefallen.
Passender Song von 1975: AC/DC – TNT
Und hier geht der Trail weiter … dem Ende entgegen