Ein Abstecher ins nächste Dorf

Beim Morgenessen Gespräch mit einem englischen Paar, James und Suzie. Er ist Reiseschriftsteller (aber später stellt sich heraus, dass er noch viel mehr ist; seine Vita ist beeindruckend, aber davon später mehr). Auf jeden Fall entschliessen wir uns, zusammen mit James Ruddy, so heisst der Mann, ins nächste Dorf zu wandern. Reto möchte einen alten Bekannten aufsuchen, einen Herrn Wong.

Alles verändert sich

Um halb elf geht’s los, die Häuser fallen hinter uns zurück.  Es ist (noch) ein gutes Dorf, dieses Muang Ngoi, aber wie lange noch? Es verändert sich mit rasender Geschwindigkeit, wie alles, das auf dem Radar der touristischen Weltgemeinde auftaucht. Allein heute Morgen sind ein paar schöne alte Palmen gefällt worden, um Platz für ein weiteres Guesthouse oder eine Spelunke zu machen, die dann mangels Erfolg über kurz oder lang zerfällt. Oder auch nicht. Der Lauf der Welt, wie immer auch ein düsteres Kapitel … Ich wage nicht mir vorzustellen, wie es hier in ein paar Jahren aussehen wird.

Noch Idylle

Wie wird es hier in ein paar Jahren aussehen?

Summende Stille zwischen den Bäumen

Der  Weg ins abgelegene Dorf ist angenehm, meistens flach, an sprudelnden Bächen und weidenden Kühen und Wasserbüffeln vorbei.

Spaziergang ins nächste Dorf

Meine Begleiter auf dem Weg

ein wundetbarer Spaziergang

Hütten, weidende Kühe – idyllisch

Manchmal führt der schmale ausgetretene Pfad durch Alleen durch, Äste schwingen herab und manchmal ins Gesicht, eine summende Stille zwischen den Bäumen, die wie aufrechte Soldaten gegen den Himmel schauen. Gelegentlich gilt es einen Bach zu durchqueren, barfuss mit Vorteil, denn das Wasser ist teilweise recht tief und wunderbar kühlend. Schuhe aus, waten, Schuhe an.

Alleen

Alleen im Dschungel

James

James ist klug, belesen, sehr sympathisch und höflich, wie man sich einen Engländer vorstellt. Er ist aus dem Arbeitstrott ausgeschieden und verdient sich nun seinen Lebensunterhalt mit dem, was er am liebsten macht: Reisen. Er ist auch schon sechs Monate unterwegs und schreibt ein neues Buch für Reisende über 50 mit dem Arbeitstitel „Born to be mild“.

Ganz bescheiden, wie er ist, verweist er auf ein anderes seiner Bücher: “The Kindness of a Stranger“. Er beschreibt darin seine Aufenthalte in Kriegsgebieten, die Gräuel, das menschliche Leid, die Perspektivlosigkeit der Welt.

Eine vergangene Welt

Dann endlich das Dorf. Das Gefühl, im Mittelalter oder einer längst vergangenen Welt angekommen zu sein. Ein paar da und dort herumliegende Plastikflaschen stören das Bild, doch die Holzhäuser auf Stelzen, die gackernden Hühner auf den unbefstigten Gassen zwischen den Hütten, die schwach rauchenden Feuerstellen, die lärmenden Kinder, alles deutet auf etwas hin, das in unserer westlichen Welt längst vergessen ist: Ruhe, Frieden und Harmonie. Auch wenn sie trügerisch ist …

Dorf

Eine vergangene Welt

Hütten im Niemandsland

Wie vor hundert Jahren

schlafender Hund

Mittagsschlaf in der Hitze

Während Reto sich auf die Suche nach Mister Wong macht (der sich als Phantom entpuppt, auf jeden Fall ist er unauffindbar), lassen James und ich uns auf der Terrasse des einzigen Restaurants nieder, bestellen Suppe, Bier und was sonst noch alles dazugehört.

Lachendes Elend

Der Wirt ist ein seltenes Unikum: klein, rundlich, ein verschmitztes Lachen im Gesicht. Sein Englisch würde jeden Comedypreis erhalten, aber wir erfahren trotzdem so einiges über das Dorf, über diese kleine, dem Untergang geweihte Welt.

Er ist nicht nur Restaurantbesitzer, sondern hätte auch ein paar Bungalows zu vermieten, Kostenpunkt 5000 Kips pro Nacht. Das sind umgerechnet gut 70 Rappen! Meine Güte! Ob sie unseren ziemlich niedrigen Standards genügen würden, ist eine andere Frage. Wohl eher nicht. Es dauert allerdings nicht lange, bis ein paar junge Travellers dem Angebot nicht widerstehen können und die Zimmer beziehen.

Fröhliche Runde

Die Runde wird immer fröhlicher …

Nach ein paar Bieren und Schnaps wird die Stimmung immer besser, das Lachen lauter. Am lautesten lacht der Wirt; wir wälzen uns beinahe am Boden, obwohl wir eigentlich nicht wissen, warum. Während er lacht, erzählt er traurige Geschichten, von seiner Frau, die einen Unfall hatte, in Luang Prabang und Vientiane behandelt wurde, bis ihm das Geld ausgegangen ist. Nun ist sie wieder zuhause, aber es geht immer noch nicht gut. Das Lachen bleibt im Hals stecken …

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Irgendwann machen wir uns trotz angenehmer Gesellschaft auf den Rückweg, die Sonne steht bereits am Horizont, wir schaffen es aber eben noch vor Einbruch der Dunkelheit. Meine Zehe macht mir etwas Sorgen. Falls es sich zu einer Blutvergiftung entwickeln sollte, habe ich ein Problem. Aber so weit sind wir noch nicht.

Dann der letzte Abend in Muang Ngoi, ich werde eine wehmütiges Gefühl mitnehmen, nicht nur des Dorfes, sondern auch der Gesellschaft der neu gewonnenen Freunde wegen, die ich nun wahrscheinlich wieder einmal für immer verlassen muss.

PS Song zum Thema:  Lynyrd Skynyrd – Searching