Von Langogne nach Luc
Nun also der zweite Teil der veränderten Route, der längere und anspruchsvollere Weg nach Luc. Wenn ich die einzelnen Abschnitte zusammenzähle, wartet eine happige Etappe auf mich, ziemlich sicher mehr als 25 Kilometer. Aber es bleibt die Hoffnung, dass ich mit der GR700 eine Abkürzung finde, die das Ganze etwas weniger dramatisch und kürzer macht.
[Die untenstehenden Werte entsprechen der Abkürzung via GR700 und der zusätzlichen Strecke bis Lavydure]

Erinnerungen an den Camino
Zunächst aber muss ich dieses Dorf verlassen, in dem ich mich so wohlgefühlt habe. Ich überquere einen Bach, dann geht es auf ebenen, guten Wegen weiter, vorbei an Pferden und Kühen.



Die Landschaft wird von dichtem Nadelwald geprägt, der Forêt de Mercoire, dazu kommen grüne Mittelgebirgshöhen und ruhige Flusslandschaften entlang des Oberlaufs des Allier. Also genau das, was ich liebe.



Diese endlos scheinenden Wege, deren Ende irgendwo am Horizont liegt, erinnern mich immer wieder an den Camino – und jedes Mal wird mein Herz ein wenig leichter. Natürlich gibt es auch gelegentliche, ziemlich herbe Aufstiege, auf geröllbedeckten Wegen, die einmal mehr die Knie ruinieren wollen. Aber das gehört offenbar zur allgemeinen Topologie dieser Landschaft.
Die Abzweigung
So ganz sicher bin ich mir allerdings nicht, ob ich meine GR70 einfach so verlassen und mich auf die unbekannten Wege der GR700 wagen soll. Die Beschreibungen sprechen jedoch von ebenso schönen und vor allem ebenen Wegen. Also: auf geht’s.
Und tatsächlich: Der Weg ist sogar noch schöner, und ich komme gut vorwärts. Allerdings treffe ich hier noch weniger Wanderer als auf dem Stevensonweg. Ein einziges Mal kreuzt mich ein älterer Franzose. Wir kommen ins Gespräch.
«Ah, le petit Suisse!»
Sie können es nicht lassen. Andererseits ist das durchaus verständlich. Die Franzosen wissen wenig bis nichts über die Schweiz. Für sie sind wir ein winziges Ländchen mit Kühen, Schokolade und Uhren. Die alten Klischees eben, sie halten sich offenbar ewig.
Ist aber okay.
Der See
Und dann, kaum bemerkbar, bin ich wieder auf der GR70 und fühle mich fast wie zu Hause. Und schon sind auch die Wanderer wieder da, alle unterwegs zum See, zum Étang de l’Auradoux.
Ich bin sicher, dass dieser See bei normalen Wetterverhältnissen ein blaues Wunder mitten im dichten Wald sein muss. Eine angenehme Überraschung nach all den vertrockneten Wiesen und Weiden.



Doch die Trockenheit hat auch hier ihre Spuren hinterlassen. Der See ist braun und trüb und wenig einladend. Eine Entenfamilie – ein Erpel mit drei Damen, armer Kerl – lässt sich davon allerdings nicht beeindrucken und veranstaltet auf dem dreckigen Wasser ein lautstarkes Geschnatter.
Die Tische und Bänke am Ufer sind besetzt. Schliesslich kann man auch mit dem Auto hierher fahren. Das zwingt den armen Wanderer dazu, seine Mittagsrast auf einer Bank in der gleissenden Sonne einzunehmen.
Was ihn allerdings nicht besonders stört.
Die Pferde
Ich nehme an, dass zu Stevensons Zeiten ebenfalls Reiter unterwegs waren. Ob mit Pferden, Eseln oder Maultieren, sei dahingestellt. Heute gibt es ein paar unentwegte Wanderer, die sich mit einem Esel auf das Abenteuer einlassen – wenige, aber offenbar begeisterte. Pferde hingegen sind eher selten.
Das ändert sich an diesem Nachmittag.


Unvermittelt tauchen mehrere Pferde mit ihren Reitern aus dem Wald auf. Ich bin kein grosser Pferdekenner, aber diese Tiere sind wunderschön: gepflegt, kräftig, leicht verschwitzt, soweit ich das beurteilen kann. Und das Wasser ist ja nicht weit.
Die Reiter machen Halt und führen ihre Tiere zum See. Die Pferde strecken ihre Mäuler in das nicht gerade verheissungsvolle Nass, aber es scheint ihnen zu munden.
Man könnte ihnen endlos zusehen.
Diese Tiere von Gottes Gnaden – einfach nur schön.
Château de Luc
Dann ist es nicht mehr weit bis Luc, allerdings stetig bergab. Vor allem der letzte Abschnitt kurz vor dem Ziel haut noch einmal gewaltig in die Beine. Wieder einmal ein Wegstück, auf das man gerne verzichten würde.
Vorher aber präsentiert der Stevensonweg noch ein besonderes Highlight: das Château de Luc.
Die historische Burgruine liegt oberhalb des Dorfes Luc und gehört zu den markantesten Sehenswürdigkeiten entlang des Stevensonwegs. Das Schloss thront auf einem Felsvorsprung und bietet einen beeindruckenden Panoramablick über das Allier-Tal und die umliegende Landschaft des Gévaudan.



Die Festung wurde im 12. Jahrhundert erbaut, an einem Ort, der vermutlich schon in keltischer Zeit genutzt wurde. Sie diente als strategischer Vorposten zur Kontrolle der Handels- und Passstrassen zwischen Gévaudan und Vivarais.
Während des Hundertjährigen Krieges und später der Religionskriege stand die Burg mehrfach im Mittelpunkt von Auseinandersetzungen. Um 1630 ordnete Kardinal Richelieu den teilweisen Rückbau der Festung an, um zu verhindern, dass sie Rebellen als Zuflucht dienen konnte.
Und dann kommt eine hübsche historische Pointe: Im Jahr 1878 – genau in dem Jahr, in dem Robert Louis Stevenson hier vorbeiwanderte – wurde auf den verbliebenen Mauern der Hauptturmruine eine grosse Statue der Jungfrau Maria errichtet.
Das falsche Luc
Während ich nun grummelnd den Weg zwischen Steinen und Felsen hinunter suche, stelle ich mir bereits mein heutiges Zimmer vor. Nach den Fotos im Internet soll es gross und schön sein. Es gibt sogar eine Waschmaschine. Dann durchatmen, ein Bier.
So stellt man sich das perfekte Ende eines beinahe perfekten Wandertages vor.
Noch während des Abstiegs kommt das Dorf in Sicht. Ein paar Häuser, mehr nicht. Aber ist das Luc?
Ja, das ist Luc.
Allerdings habe ich mir etwas anderes vorgestellt als diese paar geduckten, grauen Häuser und diese Strassen, die kaum den Namen Strasse verdienen. Ein Blick auf meine Hotelliste soll Klarheit bringen. Ich tippe die Hoteladresse ein – und erkenne langsam, was passiert ist.
Mein Hotel befindet sich tatsächlich in Luc. Allerdings in einem anderen Luc. 130 Kilometer entfernt.
Ach Landolt, du bist ein derartiger Idiot! Nach dem kleinen Desaster mit Cheylard habe ich es also geschafft, in Luc ein noch grösseres Problem zu produzieren. Wie man so schön sagt: Die Dummen sterben nie aus.
Auf der Suche nach einem Hotel
Ich bin also am Arsch.
In diesem Luc gibt es natürlich kein Hotel. Dafür drei Herbergen. Zwei scheinen voll zu sein, die dritte bleibt unauffindbar. Ich weiss zwar nicht, womit ich diese Hilfe verdient habe, aber schliesslich kommt sie in Gestalt eines sehr netten französischen Ehepaars.
Meine Rettung findet sich im nächsten Dorf, Laveyrune. Dort gibt es eine Colonie de Vacances l’Espoir, in der es tatsächlich noch freie Übernachtungsmöglichkeiten geben soll. Und so mache ich mich auf die hoffentlich letzten Kilometer dieses Tages. Es ist nicht mehr allzu weit. Schon aus der Entfernung erkenne ich ein riesiges, langgezogenes Gebäude. Es sieht ein wenig surreal aus.

Aber heute würde ich auch in einem Ziegenstall übernachten.
Erinnerungen an das Militär
Nachdem die resolute Dame des Hauses die anderen Wanderer begrüsst hat – oder sind es ebenfalls gestrandete Idioten? Wahrscheinlich nicht –, bin ich an der Reihe.
Ich werde einem riesigen Schlafsaal zugewiesen, der mich sofort an meine Rekrutenschule erinnert: etwa zwölf Betten, sauber und ordentlich, aber nur eines davon belegt.
Ein bisschen viel Armeefeeling. Aber eigentlich ganz okay.
Wie das Nachtessen abläuft, kenne ich inzwischen zur Genüge. Wieder werde ich zwischen die schwatzenden Franzosen gezwängt und versuche, mit mehr oder weniger Erfolg, den Gesprächen und Fragen zu folgen.
Doch eine sehr nette Französin mir gegenüber erbarmt sich meiner.
Ich verliebe mich sofort in sie.
Und hier geht der Trip weiter – nach La Bastide (mit einem hoffentlich existierenden Hotel)