Manchmal kann etwas Zufälliges – ein Bild, ein Satz, ein Text – etwas auslösen, das erst viel später seine Wirkung entfaltet. So wie der Satz, den Emmanuel, mein temporärer Wanderkumpel auf dem Jakobsweg, nebenbei erwähnt: „Ich leite eine Herberge auf dem Stevensonweg.“

Stevensonweg? Nie gehört. Und beinahe wieder vergessen.

Aber nur beinahe. Denn knapp drei Jahre nach dem Jakobsweg findet der Satz zurück in mein Gedächtnis und bildet nun die Basis für mein nächstes Weitwanderweg-Abenteuer.

Der Stevensonweg

Der Stevensonweg, offiziell als Fernwanderweg GR 70 markiert, ist einer der bekanntesten und stimmungsvollsten Wanderwege Frankreichs. Er führt über rund 270 Kilometer durch das Zentralmassiv und die Cevennen im Süden des Landes.

 

 

Seinen Namen verdankt er dem schottischen Schriftsteller Robert Louis Stevenson. Im Herbst 1878 wanderte er durch diese damals entlegene Region, um einen Liebeskummer zu verarbeiten.

Begleitet wurde er von der eigenwilligen Eselin Modestine, die sein Gepäck trug. Seine humorvollen und zugleich scharfsinnigen Aufzeichnungen veröffentlichte er 1879 in Travels with a Donkey in the Cévennes, auf Deutsch Reise mit dem Esel durch die Cevennen.

Robert Louis Stevenson

Robert Louis Stevenson (1850–1894) war ein schottischer Schriftsteller der viktorianischen Epoche und gehört zu den prägenden Erzählern der Weltliteratur. Bekannt ist er vor allem für Die Schatzinsel und Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Geboren wurde er am 13. November 1850 in Edinburgh. Seine Familie war berühmt für den Bau von Leuchttürmen, und eigentlich sollte er diese Familientradition fortsetzen. Doch Stevenson wechselte vom Ingenieurwesen zu den Rechtswissenschaften und widmete sein Leben schließlich ganz dem Schreiben.

Seit seiner Kindheit litt er an einer chronischen Lungenerkrankung, vermutlich Tuberkulose oder einer schweren Bronchitis. Die Krankheit prägte sein gesamtes Leben und zwang ihn immer wieder zu Reisen auf der Suche nach einem für ihn günstigeren Klima.

In Frankreich lernte er die Amerikanerin Fanny Osbourne kennen, eine ältere, getrennt lebende Mutter zweier Kinder. Stevenson folgte ihr nach Kalifornien; dort heirateten die beiden.

1888 charterte er ein Schiff und segelte durch die Südsee. Schließlich ließ er sich auf Samoa nieder und baute dort eine Plantage auf. Die Einheimischen nannten ihn respektvoll Tusitala, „Erzähler von Geschichten“.

Am 3. Dezember 1894 starb Robert Louis Stevenson auf Samoa im Alter von nur 44 Jahren an einer Hirnblutung.

Eigentlich genügen schon diese wenigen Hinweise auf den genialen Schriftsteller, um eine Wanderung auf seinen Spuren zu unternehmen.

Vorbereitung

Die Planung ist eigentlich keine grosse Geschichte. Schliesslich bin ich inzwischen zu einem professionellen Weitwanderer geworden.

Die Strecke ist klar: gut 270 Kilometer, also noch etwas weiter als Stevensons ursprüngliche Wanderung. Allerdings erscheinen die 14 Etappen, wenn man sie etwas genauer unter die Lupe nimmt, doch ziemlich anspruchsvoll für einen älteren Herrn wie mich.

Aber was soll’s. Mein ewiges Karma – es wird wohl nicht so schlimm werden.

Wie immer ist die Hotelreservation die erste Hürde. Obwohl die französischen Sommerferien Ende August zu Ende gehen, gestalten sich Hotelsuche und Reservation erstaunlich anspruchsvoll. Aber mit einigem Aufwand und viel Fluchen schaffe ich es.

Gesagt, getan: Irgendwann ist alles vorbereitet. Die Hotels sind gebucht, die ÖV-Tickets gekauft, die Ausrüstung beisammen. Und schliesslich dämmert der Morgen des 8. Septembers herauf …

Die Fahrt nach Le Puy-en-Velay

Könnte es der letzte heisse Sommertag sein?

Die Wetterprognose für den folgenden Tag, also den ersten Wandertag, ist eine Art Menetekel an der Wand: Regen. Doch was interessiert mich, was morgen ist? Das Wetter ist perfekt, der Himmel blau, die Luft am frühen Morgen riecht nach einem wunderbaren Tag.

Der Zug nach Genf ist rappelvoll. Was machen all diese Menschen an einem stinknormalen Dienstagmorgen im Zug? Die ewigen Mysterien. Auch mein Abteil ist bis Bern voll, dann bessert sich die Situation blitzartig. Und danach bleibt nur noch die Schweiz, die vor dem Fenster vorbeihuscht.

Es ist heiss, aber das ist in diesem Sommer keine Überraschung mehr. In Genf allerdings ist es so heiss, dass ich verschwitzt nach einem Restaurant suche, eines finde, einen Kaffee trinke und zum ersten Mal mein Französisch anwende, das leider keine grossen Fortschritte gemacht hat.

Kann ich mich an Genf erinnern? Eher nicht.

Eine Nacht auf einer Parkbank während der Autostopp-Tour nach Südfrankreich 1967 – ach, die alten Zeiten. Und natürlich die letzte Etappe auf dem Alpenpanoramaweg, das ersehnte Ziel beim Jet d’Eau.

Sobald man die Grenze nach Frankreich überquert, scheint alles anders: weiter, leerer. Die Häuser sind seltener, ebenso die Dörfer und die Menschen. Frankreich hat viel Platz. Doch die Fahrt lädt zum Sinnieren ein. Über die Unterschiede, die auf den ersten Blick auffallen und vielleicht doch keine sind. Und trotzdem ist es eine andere Kultur, eine andere Geschichte, die tief eingegraben ist.

Lyon überrascht mich. Der Bahnhof ist riesig, eine Million Leute, und es ist gar nicht so einfach, das richtige Perron und die richtige Wagennummer im TGV zu finden.

Der Platz im Zug ist eng. Das kenne ich. Eine junge Dame nickt mir zu, ich quäle mich neben sie, immerhin am Fenster – allerdings rückwärts. Stört mich nicht gross. Eigentlich liebe ich es, das zu sehen, was bereits vorbei ist. Der Zug fährt erstaunlich langsam für einen TGV. Hat er Verspätung? Nein. Ganz knapp erwische ich doch noch den Regionalzug nach Le Puy.

Er ist pumpenvoll. Alles Wanderer? Ich hoffe nicht.

Und dann noch eine Überraschung: Ich komme pünktlich in Le Puy an.

Das Hotel

Das Hotel Chambres d’hôtes L’Epicurium klingt nach Luxus, nach Marmortreppen und plüschbezogenen Sesseln.

Weit gefehlt.

Das Hotel befindet sich in einer düsteren Gasse und scheint geschlossen zu sein. Während ich noch die Telefonnummer anstarre, die man benutzen soll, wenn das Hotel geschlossen ist, öffnet sich die Tür und der Wirt begrüsst mich.

Man soll nicht immer nach dem ersten Eindruck urteilen. Aber dieser Kerl ist ein Idiot.

Es ist nicht nur der Hotelier, es ist auch sein Hotel. Ein seltsames Etablissement mit düsteren Holztreppen, die bis unters Dach führen. Ich verstehe sein Gefasel natürlich bestenfalls in Bruchstücken, aber was soll’s. Ich folge ihm bis in die oberste Etage. Das Zimmer ist klein, viel Holz, und Mann, ist es heiss! Sehr heiss. Das wird womöglich eine unangenehme Nacht.

Ich mache mich auf die Socken. Schon der Weg vom Bahnhof zum Hotel hat gezeigt, dass die Stadt viel grösser ist als erwartet. Und vor allem: Ich habe nicht viel Zeit. Morgen früh beginnt die Wanderung.

Le Puy-en-Velay

Das Auffälligste ist zunächst die Landschaft. Le Puy liegt in einer vulkanisch geprägten Hochlandschaft. Überall ragen isolierte Basaltkegel – die sogenannten sucs – aus der Landschaft.

Mitten in der Stadt stehen zwei besonders spektakuläre Vulkanschlote:

  • der Rocher Saint-Michel d’Aiguilhe, auf dessen Spitze seit dem 10. Jahrhundert eine Kapelle steht;
  • der wesentlich grössere Felsen mit der riesigen Notre-Dame de France, der die Stadt überragt.

[Fotos der Kathedrale und der Notre-Dame]

Der Saint-Michel-Felsen ist tatsächlich ein ehemaliger Vulkanschlot. Zur Kapelle führen 268 Stufen.

Das dürfte der Grund sein, warum ich schon nach ein paar Minuten ziemlich ins Schnaufen komme.

Le Puy ist gleichzeitig einer der grossen historischen Ausgangspunkte des französischen Jakobswegs. Hier beginnt der GR65, die Via Podiensis, die über Conques und weiter Richtung Saint-Jean-Pied-de-Port führt.

Le Puy ist damit heute ein Knotenpunkt mehrerer grosser Wanderwege. Insgesamt treffen hier acht GR-Wege zusammen, darunter GR65, GR70, GR430 und GR40.

Stevenson selbst ist allerdings nicht in Le Puy gestartet.

Er startete 1878 in Le Monastier-sur-Gazeille, etwa 20 Kilometer östlich von Le Puy, mit seiner Eselin Modestine. Nach zwölf Tagen und ungefähr 220 Kilometern erreichte er Saint-Jean-du-Gard. Sein Buch Travels with a Donkey in the Cévennes erschien bereits 1879.

Der heutige GR70 beginnt dagegen offiziell in Le Puy und führt zunächst die rund 19 Kilometer nach Le Monastier. Mit etwa 272 Kilometern bis Alès ist der heutige Weg länger als Stevensons ursprüngliche Wanderung.

Die Stadt selbst ist ein Stück Reisegeschichte. Hier treffen auf engem Raum zusammen:

Vulkanlandschaft → mittelalterliche Stadt → katholischer Pilgerweg → moderne Fernwanderwege → Stevenson.

Und das Ganze ist nicht einfach eine künstlich konstruierte Wanderinfrastruktur. Die Stadt war schon lange vor den heutigen GR-Wegen ein bedeutender Ausgangspunkt für Reisen und Pilgerfahrten.

Die Kathedrale von Le Puy-en-Velay bildet das Zentrum der historischen Oberstadt. Der Travelguide empfiehlt ausserdem, unbedingt den Rocher Saint-Michel d’Aiguilhe zu besteigen: Man steigt auf einen vulkanischen Felsen und findet oben eine fast tausend Jahre alte Kapelle.

Allerdings werde ich in den nächsten zwei Wochen genügend Stufen, Felsen und anderes antreffen.

Also lasse ich es.

 

Der Abend

Ich streife durch die Stadt, bereits etwas müde. Die Anstrengungen der langen Hinfahrt machen sich bemerkbar. Die Suche nach einer Pizzeria verläuft ergebnislos.

Pizza?

Sorry, aber ich befürchte, dass ich in den nächsten zwei Wochen mit der französischen Küche konfrontiert werde. Sie wird zwar zu Recht der Weltklasse zugerechnet, hat mich persönlich aber noch nie wirklich überzeugt.

Also kehre ich zum Hauptplatz im Zentrum zurück. Ich setze mich ins erstbeste Gartenrestaurant, strecke die Beine aus und bin ziemlich zufrieden. Das Bier ist kühl, das Essen perfekt. Neben mir sitzt überraschenderweise ein Schweizer Ehepaar, unterwegs mit dem Camper. Ich erkenne an den gerunzelten Stirnen, dass sie sich fragen, was der alte Herr hier wohl treibt.

Ein alter Herr, der eine lange Wanderung plant.

Und ja, Leute: Es ist heiss. Auch spät am Abend. Allerdings wissen wir es bereits: Es ist Regen angesagt. Viel Regen. Ausgerechnet am ersten Wandertag.

Das Hotelzimmer hat sich inzwischen brav aufgeheizt. Ich liege auf dem Bett und kann nicht glauben, dass ich nach all den Hitzetagen und -nächten dieses Sommers kaum einmal so heiss beim Einschlafen hatte wie an diesem Abend in Le Puy-en-Velay.

 

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