Von Le Bleymard nach Le Pont de Montvert
In Wirklichkeit ist unsere Villa, trotz der panoramischen Aussicht, ein beängstigend leeres, steriles Gebäude, in dem alles vorhanden ist – ausser Menschen und Leben. Ich kann mir kaum vorstellen, hier längere Zeit zu verbringen. Man könnte glatt depressiv werden. Nun, wir haben den Aufenthalt genossen, aber es ist gut, weiterzuziehen.
Man fragt sich unwillkürlich, wem das Anwesen gehört. Offenbar einem Schweizer (aha), der sein Chalet an Touristen vermietet. Keine Ahnung, ob das Geschäft floriert. Die Spinnweben in der Küche lassen allerdings vermuten, dass nicht nur die fehlende Putzfrau, sondern auch der eher happige Preis die Zahl der Übernachtungen in Grenzen hält.
Aber was soll’s. Nicht unser Problem.
Eine lange Etappe
Adriano Celentano vertreibt mit Juppi Du im Nu die morgendliche Müdigkeit. Wir sind früh auf den Beinen, denn vor uns liegt ein langer Tag.
Eigentlich wäre die heutige Etappe bis zum Mont Lozère gegangen, wo sich offenbar eine Bergstation mit Hotel befindet. Meine Versuche, jemanden dort zu erreichen, sind jedoch allesamt gescheitert – eine Erfahrung, die unsere deutschen Freunde Barbara und Karl bestätigen. Man ahnt, dass entweder niemand vor Ort ist oder das Hotel geschlossen hat. Wir werden sehen.
Damit kommt zur ohnehin schon langen Etappe noch ein ordentliches Stück hinzu. Schreckt uns das ab? Keineswegs.
Also dann: Bye-bye, riesiges Tiny House! Wir werden dich in zwiespältiger Erinnerung behalten.

Leckerbissen

Im Restaurant La Remise ist schon früh am Morgen der Teufel los. Im oberen Stock befindet sich ein eigener Frühstücksraum, in dem sich sämtliche Wanderer versammelt haben. Einige davon kennen wir inzwischen. Natürlich sind wir wieder die Letzten. Schon bald sitzen wir allein vor unserem köstlichen Frühstück und fragen uns, warum es die Leute derart eilig haben
Le Bleymard, das wir kaum kennengelernt haben, hält allerdings noch einen besonderen Leckerbissen im wahrsten Sinne des Wortes bereit: eine Boulangerie, wie man sie sich in seinen schönsten Träumen vorstellt. Das einzige Problem besteht darin, sich zwischen all den präsentierten Köstlichkeiten entscheiden zu müssen.
Mont Lozère – ein Abschied
Die heutige Etappe führt über das Bergmassiv des Mont Lozère und markiert den Übergang in die Cevennen, jene geschichtsträchtige Landschaft, die eng mit dem Schicksal der protestantischen Camisarden verbunden ist.
Was erzählt Stevenson über diese Gegend?
Er beschreibt die Landschaft als rau, windgepeitscht und karg. Die weiten Hochflächen beeindrucken ihn durch ihre Einsamkeit, ihre Ausdehnung und das wechselhafte Wetter. Der Mont Lozère bildet für ihn eine natürliche Wasserscheide und zugleich den Übergang in eine Landschaft, die sich in ihrer Eigenart deutlich von den zuvor durchwanderten Gebieten unterscheidet.
Doch Stevenson sieht nicht nur die Natur. Die Geschichte der Religionskriege ist in dieser Gegend allgegenwärtig. Beim Wandern denkt er an die protestantischen Bauern, die in den Bergen Zuflucht gesucht hatten und deren Schicksal von Verfolgung und Gewalt geprägt war.
Auch in der Gegenwart gilt die Etappe als eine der schönsten, aber auch anspruchsvollsten Tagesetappen des gesamten Fernwanderwegs. Na denn, wir sind zumindest gedanklich darauf vorbereitet. Ob dies genügt, wird sich zeigen.
Von Anfang an geht es zügig bergauf. Der Berg will schliesslich bestiegen werden. Zunächst führt uns der Weg durch schattige Nadel- und Buchenwälder stetig in Richtung der Station du Mont Lozère am Col de Finiels. Mit zunehmender Höhe lichtet sich der Wald, und an seine Stelle tritt eine weite Moor- und Heidelandschaft. Der steile Waldweg kostet Schweiss und Kraft. Schliesslich erreichen wir, zumindest ich ziemlich ausser Atem, die Hotelanlagen am Mont Lozère und damit die Kernzone des Nationalparks der Cevennen.
Die Anlagen sind eine Enttäuschung, angesichts unserer erfolglosen Kontaktversuche allerdings keine Überraschung. Die Gebäude sind nicht nur geschlossen, sondern befinden sich teilweise in einem bedenklichen Zustand. Verfall statt Bergidylle.


Immerhin gibt es einen Lichtblick: Ein einsamer Herr steht am Handy und betreibt einen kleinen Stand, an dem er Kaffee anbietet. Wir können nicht widerstehen und gönnen uns eine Pause, während wir die tristen Gebäude betrachten.
Ob das dem Klimawandel geschuldet ist? Ähnlich wie andernorts in den Bergen setzen steigende Temperaturen und Schneemangel dem Wintersport zu. Vielleicht sind wir aber auch einfach zur falschen Jahreszeit hier. Im Winter dürfte es von Sportlern wimmeln.
Wohl eher nicht.
Wie dem auch sei: Wir verlassen den deprimierenden Ort und folgen dem sanft ansteigenden Weg weiter hinauf auf den Berg.



Auf den kargen Hochflächen begegnen uns die charakteristischen Montjoies, grosse, aufrecht stehende Granitblöcke, die hier als Wegmarkierungen dienen. Sie helfen Wanderern, bei dichtem Nebel oder Schneestürmen die Orientierung nicht zu verlieren. In dieser Landschaft, in der sich der Himmel mitunter innerhalb weniger Minuten verdüstert, sind solche steinernen Wegweiser mehr als blosse Dekoration.
Der weitere Aufstieg ist angenehm. So könnte es immer sein.
Vom höchsten Punkt, dem Sommet des Finiels, soll sich bei klarem Wetter ein Rundumblick über das Zentralmassiv, die Causses, das Aubrac-Plateau und im Süden bis zu den eigentlichen Cevennen eröffnen. Angeblich kann man von hier aus gelegentlich sogar die Segel von Schiffen auf dem Mittelmeer erkennen. Wieder einmal eine dieser Stevenson-Anekdoten, die man glauben kann oder auch nicht.
Für uns bleibt dieser Ausblick allerdings reine Theorie. Wir verzichten auf den Abstecher zum Gipfel und überlassen den Rest unserer Fantasie.

Abwärts
Jetzt geht es hinunter. Und hinunter. Und immer weiter hinunter. Der Abstieg scheint endlos, aber das wussten wir ja bereits.
Der Pfad windet sich durch Ginsterfelder und bizarre Felslandschaften, vorbei an alten Granithöfen und hinunter in die Schlucht des jungen Tarn.
Wir lassen uns viel Zeit. Vielleicht zu viel, denn der Weg ist noch lang. Immer wieder schweift der Blick über das weite Land: braune, gelbe, grüne und orangefarbene Flächen, so weit das Auge reicht. Nichts scheint darin zu existieren. Kein Haus, kein Hof, kein Dorf. Einfach nichts.
Zertrampelte Grasnarben wechseln sich mit befestigten Wegen ab. Wir durchqueren Heidelandschaften und wandern durch ein Meer von Zwergkiefern. Dazwischen immer wieder schwierige Passagen voller Steine und Felsbrocken. Man gewöhnt sich nicht daran. Jeder Schritt verlangt Aufmerksamkeit, denn ein falscher Tritt kann unangenehme Folgen haben.



Rast mit Huhn
Finiels ist wie so viele dieser Weiler klein und abgelegen. Man fragt sich, wer hier eigentlich wohnt. Weit und breit gibt es kaum etwas. Für Menschen mit einem ausgeprägten Faible für Einsamkeit dürfte es allerdings eine erstklassige Adresse sein.
Egal. Wir finden eine Sitzbank am Weg und tun, was wir unterwegs so oft tun: in hart gewordenes Brot beissen, kaltes Wasser trinken, uns umschauen und über alles Mögliche staunen. Manchmal auch über die Schönheit der Welt.
In der Nähe steht ein Haus, vermutlich ein Bauernhof. Davor treiben sich Hühner herum, die sich tollkühn auf die Strasse wagen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen ein Auto begegnet, ist gering. Eines der abenteuerlustigeren Exemplare kommt fröhlich gackernd auf uns zu und leistet uns Gesellschaft.



Wir sind nicht unglücklich darüber. Schliesslich ist in dieser menschenleeren Gegend sonst bemerkenswert wenig los.
Bizarre Felsen, ein schlimmer Abstieg
Ein Feldweg schlängelt sich durch eine Weidelandschaft voller seltsam geformter Steinkolosse. Sie liegen in allen Grössen und Formen übereinander und nebeneinander, als hätten Riesen sie mit spielerischer Leichtigkeit aufeinandergestapelt.



Gerne wären wir noch eine Weile auf diesem schönen Wiesenweg geblieben. Doch die Route hält eine letzte böse Überraschung für uns bereit.
Der Pfad, gesäumt von Natursteinmauern, bietet alles, was man nach beinahe zehn Stunden unterwegs am wenigsten gebrauchen kann: steile Passagen, lose Steine, Felsbrocken und tiefe Furchen, die jeden Schritt zur Qual machen. Ein Weg, der einem die Freude am Wandern gründlich austreiben könnte.

Aber hey, wir schaffen es!
Schliesslich kommt Le Pont-de-Montvert in Sicht. Am Ufer des Tarn wartet ein Restaurant, und damit die Aussicht auf ein Bier und eine wohlverdiente Pause. Wir atmen durch, klopfen uns innerlich auf die Schulter und geniessen das Gefühl, eine echte Herausforderung gemeistert zu haben.
Am Tisch gegenüber sitzen meine Übersetzungshilfefreundin und ihr Mann. Man lacht, man schwatzt. Das übliche Ritual nach einer bestandenen Herausforderung – und ein schöner Abschluss dieses langen Wandertages.
Das Hotel Auberge des Cévennes liegt auf der anderen Seite des Flusses. Es bietet alles, was müde Wanderer benötigen, einschliesslich einer englischsprachigen Dame an der Rezeption. Nach den Erfahrungen der vergangenen Tage wissen wir solche Annehmlichkeiten durchaus zu schätzen.
Auch das Abendessen im Restaurant verdient ein besonderes Lob. Das dreigängige Menü ist hervorragend. Ich nehme hiermit alles zurück, was ich bisher über die französische Küche gelästert habe.
Das Tiramisu allerdings hätte ich im Interesse eines erholsamen Schlafs besser weggelassen. Aber wer kann schon solchen Köstlichkeiten widerstehen?
Und hier geht die Wanderung weiter – auf der Königsetappe nach Florac