Heute also mein letzter Tag als Solo-Wanderer. Heute Abend trifft mein Bruder ein – sofern die lange und komplizierte Fahrt nach Chasseradès geklappt hat. Das überdimensionierte Bett, das problemlos für drei Personen reichen würde, hat mir eine ganz ordentliche Nacht beschert. Das Frühstück findet wieder im oberen Stock statt. Ich stehe vor einem leeren Raum. Der Tisch sieht aus, als hätte man bereits gegessen. Oder, noch einfacher: als lägen alle noch im Bett.

Opera Buffa

Egal, ich stürze mich auf die bereitgestellten Köstlichkeiten. Doch während ich noch esse, öffnen sich die Türen zu den Zimmern, und halbbekleidete Damen und Herren treten heraus. «Bonjour, bonjour», grüssen sie, bevor sie im Bad verschwinden.

Was will man mehr? Ein Stück surreale Opera buffa, ganz für mich allein: Köstlichkeiten auf dem Tisch und dazu beste Unterhaltung.

Die Etappe von La Bastide nach Chasseradès ist eine der kürzeren und entspannteren Abschnitte des Stevensonwegs. Sie führt durch reizvolle Waldlandschaften und bildet einen angenehmen Übergang von den Wäldern der Gardille in Richtung des Massivs des Mont Lozère.

Von La Bastide nach Chasseradés – Distanz: 12.9 km. Zeit: 5 Std. 13 Min.

Bye-bye Maison calme

Ich verlasse das Maison Calme und begebe mich zurück auf den vorgegebenen Weg. Im Dorf wimmelt es von anderen Wanderern, die Cafés sind besetzt. Man merkt, dass La Bastide ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt auf dem Trail ist. Einmal mehr wird mir bewusst, wie sehr diese abgelegenen Orte vom Stevensonweg profitieren.

Und natürlich wird die Erinnerung an den Begründer des Wegs und damit auch die Dankbarkeit um seine Verdienste präsentiert.

Von La Bastide steigt der Weg durch dichte Nadel- und Buchenwälder der Forêt de la Gardille an. Und hey, meine Beine sind in Bestform! Was nach den anstrengenden Etappen der vergangenen Tage allerdings auch erwartet werden darf. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass die nächsten Abschnitte bedeutend härter werden dürften.

Aber heute denken wir nicht an morgen. Wieder einmal rufen der Weg, die frische Luft und die Sonne, die sich alle Mühe gibt, dem Wanderer einen besonderen Tag zu schenken.

Unterschiedliche Routen

Nach einem angenehmen Aufstieg – seltsamerweise stimmen die Markierungen heute nicht mit meiner App überein, was mich allerdings nicht weiter beunruhigt – erreiche ich einen sonnenbeschienenen Hang. Weiter oben erkenne ich den Weg, und schon weit voraus sind andere Wanderer zu sehen. Aber das ist ja nichts Neues unter der Sonne.

Stevenson hingegen folgt mit seiner Eselin Modestine dem Lauf des Flusses Allier. Er beschreibt die Gegend als rauer, aber auch idyllischer, und erfreut sich an den herbstlichen Farben und der hügeligen, bewaldeten Landschaft.

Zu diesem Zeitpunkt hat Stevenson das Vorankommen mit Modestine bereits etwas besser im Griff als in den ersten Tagen. Die Beziehung zwischen den beiden wandelt sich allmählich von purer Frustration zu einer eingespielten, wenn auch weiterhin mühsamen Routine.

«The valley of the Allier with its pleasant woods, its autumn foliage, and the river winding among the stones … Modestine and I were now better friends.»

Das Ballett der Windräder

Ich würde behaupten, dass dies die bisher schönste Etappe ist. Wald, Wiesen, Farn, der sich über den Weg neigt – man könnte ewig so weitergehen.

Bei der Anhöhe La Mourade, auf rund 1310 Metern Höhe, erreiche ich den höchsten Abschnitt der Etappe. Von hier bieten sich schöne Ausblicke über die Höhenzüge der Region.

Nach ein paar weiteren Kilometern befinde ich mich auf der Hochebene. Da setzt es ein. Zunächst kaum hörbar, von den Bäumen gedämpft, dann immer deutlicher: das tiefe, rhythmische Rauschen der Rotorblätter. Es erinnert an das langsame Atmen eines riesigen Lebewesens.

Ich habe keine Ahnung, wie viele Windräder sich über mehrere Kilometer entlang des gesamten Kamms aneinanderreihen. Wenn man sich vorstellt, was bei uns zu Hause schon um ein einziges Windrad für ein Theater gemacht wird …

Le Sous Bois de Jade

Und schon wieder sind sich Markierungen und App nicht einig. Ohne zu zögern, entscheide ich mich für die App. Doch plötzlich höre ich eine Stimme aus der Ferne. Tatsächlich! Eine ältere Dame nähert sich und weist mich darauf hin, dass ich auf dem falschen Weg bin.

Ich bedanke mich höflich, verweise aber auf meine App und gehe weiter, eine angenehme, breite Strasse hinunter ins Tal.

Und schon bin ich da: Chasseradès. Ich werfe zunächst einen Blick auf den Bahnhof, falls man das überhaupt so nennen kann. Denn alles, was ich sehe, ist ein winziges Wartehäuschen.

Der Weg zu meiner heutigen Unterkunft ist nicht besonders weit, führt allerdings der Strasse entlang. Ein Blick über die Geleise zeigt mir eine Abkürzung durch den Wald. Natürlich ist sie streng verboten. Was mich jedoch nicht davon abhält, das Verbot mit einem vorsichtigen Blick nach links und rechts zu umgehen.

 

Le Sous Bois de Jade ist, ähnlich wie damals in Le Bouchet, eine besondere Gelegenheit, die Nacht ausnahmsweise nicht in einem Hotel, sondern in einem kleinen, freistehenden Häuschen zu verbringen.

Alles ist vorhanden: eine Sitzecke mit Sofa, zwei Zimmer, eine voll ausgestattete Küche, Waschraum und Toilette. Und obendrein eine Terrasse mit Blick auf die Umgebung.

Das Tor ist noch geschlossen, aber der Boss hat mich bereits entdeckt und lässt mich eintreten. Während ich in aller Ruhe mein Bier trinke, sehe ich mich ein wenig um. Später zeigt mir eine Dame unser Haus. Es entspricht genau meinen Vorstellungen: genügend Platz für uns beide.

Das Abendessen findet um 19 Uhr in einem Zelt statt. Ich sitze, umgeben von kräftigen Männern mit beeindruckenden Muskeln, und komme mir dazwischen ziemlich klein und schwach vor.

Die Ankunft

Natürlich bin ich viel zu früh am Bahnhof. Es ist empfindlich kühl geworden.

Die Umgebung könnte direkt aus einem Hollywood-Horrorfilm stammen. Eine einzige Lampe brennt und wirft ein wenig Licht auf die einsame, verlassene Szenerie. Ein sanfter, eiskalter Wind weht durch die Bäume, das trockene Laub am Boden raschelt leise. Kein Mensch ist zu sehen, nichts zu hören. Nur manchmal, weit entfernt, das Aufheulen eines Autos.

Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, ein Geräusch aus der Ferne. Ein Klappern, ein Surren. Schliesslich taucht ein kaum wahrnehmbares Licht auf, zunächst ganz schwach, dann schnell heller und grösser werdend.

Der Zug schält sich langsam aus der Dunkelheit, kommt näher und fährt gemächlich an mir vorbei. Er ist vollkommen leer.

Doch nein! Eine einzige Gestalt steht an der Tür, steigt aus und winkt mir zu.

Der Wirt hat das Nachtessen für meinen Bruder warm gehalten. Wir ziehen uns ins warme Innere zurück, und während der nächsten zwei Stunden gibt es viel zu erzählen. Schliesslich haben wir in den kommenden Tagen einiges vor.

 

Und hier geht die Wanderung weiter … nach Le Bleymard

 

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