Florac – St. Julien d’Arpaon
Cassagnas, eigentlich der nächste Etappenort, stelle ich mir klein vor: ein paar verhutzelte, graue Schieferhäuser, verstreute Höfe und viel Stille in den Gassen. Mehr nicht. Ein Hotel? Fehlanzeige. Es gibt lediglich eine Herberge, die bereits ausgebucht ist. Eine Reservation ist also nicht möglich.
Damit bleibt uns nur St. Julien d’Arpaon als Etappenziel. Knapp zehn Kilometer – ein Klacks. Nach den gestrigen Strapazen genau das Richtige.
Landschaftlich soll die Etappe besonders reizvoll sein, denn hier tauchen wir endgültig in die Cevennen ein. Die Landschaft wird südlicher, die Hänge sind von Kastanienwäldern bedeckt, alte Trockensteinmauern erinnern an die frühere Landwirtschaft, und der Weg folgt dem Tal der Mimente.
Wir erwarten überwiegend breite, schattige Waldwege und alte Wirtschaftswege. Und, ganz wichtig: diesmal kaum Steigungen. Ich würde sagen, das haben wir uns nach den letzten Tagen redlich verdient.

Frühstück mit Unterhaltung
Eines muss man dem mondänen Hotel – jedenfalls nach unseren bescheidenen Massstäben – lassen: Das Frühstück ist erste Klasse. Das gilt zwar für erstaunlich viele Hotels auf unserer Reise, aber dieses hier bietet noch einen Hauch mehr vom Besonderen.
Der Frühstücksraum ist voll. Wanderer sind allerdings nur wenige auszumachen. Dafür fällt ein älterer, schwergewichtiger Herr auf, der von einer ausgesprochen zierlichen blonden Frau begleitet wird. Er trägt Hosenträger und bewegt sich mit sichtlicher Mühe. Später wird er mit einem monströsen Mercedes an uns vorbeifahren.
Tja, was soll man dazu sagen? Offenbar sind wir in eine andere Ebene der Zivilisation vorgedrungen.
Natürlich lassen wir uns alle Zeit der Welt. Der Abmarsch erfolgt erst um 10.30 Uhr.



Kastanienwälder
Wir verlassen Florac und folgen dem Weg hinaus ins grüne Tal der Mimente. Über weite Strecken verläuft er entlang des Flusses. Anders als auf den anstrengenden Bergetappen über den Mont Lozère wandern wir diesmal im kühlen Schatten von Eichen, Kastanien und Kiefern.
Je weiter wir kommen, desto stärker prägen alte Kastanienbäume, bewaldete Hänge und steinerne Terrassen das Landschaftsbild.



Stevenson beschrieb diese Gegend als eine wilde Landschaft, geprägt von schroffen Felsgraten und bewaldeten Berghängen. Die alten Kastanienhaine sind dabei nicht bloss schön anzusehen. Die Kastanie war einst ein wichtiges Grundnahrungsmittel der Cevennen und sicherte den Menschen in dieser kargen Gegend über Jahrhunderte das Überleben..
Schönheit am Boden
Der weitgehend ebene Weg und der angenehme Schotter- und Erduntergrund machen diese Etappe zu einer ausgesprochen unkomplizierten Wanderung. Auch für Packesel wäre sie bestens geeignet. Allerdings begegnen uns heute weder Esel noch andere Wanderer. Wahrscheinlich sind sie uns weit voraus und bereits auf dem Weg nach Cassagnas.
Egal. Wir lassen uns alle Zeit der Welt. Keine gestressten Pausen mehr, kein hektisches Aufholen verlorener Zeit wie gestern. Heute ist einfach nur entspanntes, erholsames Wandern angesagt.
Richtig schön. Und endlich haben wir auch Zeit, den Blick schweifen zu lassen – auf die Umgebung, auf das Laub am Boden und auf jene einsamen Gebäude, deren ursprünglichen Zweck man nur noch erahnen kann.




Solchen Relikten begegnet man immer wieder an seltsamen Orten. Manchmal stehen sie direkt am Wegrand, dann wieder weitab der Pfade, als hätte man sie vergessen – oder als wäre die Welt um sie herum einfach weitergezogen, bis sie aus dem Blickfeld gerieten.
Was mögen diese Mauern erlebt haben? Wer hat hier gelebt und gearbeitet? Weshalb hat man den Ort verlassen?
Aber wie soll ein einfacher Wanderer die Mysterien vergangener Zeiten begreifen? Man kann nur weitergehen und sich wundern. Über all das, was geblieben ist, und über vieles, das wir wohl niemals ganz verstehen werden.
St. Julien d’Arpaon

Kurz vor unserem Ziel eröffnet sich ein wunderschöner Blick auf die Ruine des historischen Château de Saint-Julien-d’Arpaon, das auf einem Felsvorsprung hoch über dem Tal thront.
Das kleine Dorf liegt friedlich unten im Tal. Wir nähern uns langsam. Es gibt keinen Grund zur Eile, der Nachmittag ist noch jung.
Keine Eile. Eigentlich müsste man öfter darüber nachdenken, weshalb wir uns in unserer Zeit ständig beeilen. Alle sind unterwegs, alle haben ein Ziel, alle scheinen irgendwohin zu müssen.
So ist das heute wohl vorgesehen. Das Dogma unserer Zeit lautet: Man sollte immer ein Ziel haben. Alles andere gilt schnell als vergeudete Zeit, womöglich gar als vergeudetes Leben.
Ein trauriger Gedanke, finde ich. Denn wer immer nur nach vorne strebt, verpasst leicht das, was sich unmittelbar vor seinen Augen abspielt. Vielleicht sogar das Leben selbst.
Mehr als ein Bier
Das Hotel mit dem seltsamen Namen Les Copains à Bord liegt etwas oberhalb des Dorfes. Es besteht aus mehreren Gebäuden, zwischen denen schmale Durchgänge verlaufen. Im Haupthaus befindet sich die Rezeption, wo uns eine freundliche junge Frau empfängt.

Das Zimmer ist für den verlangten Preis nichts Besonderes. Man ahnt, dass das Hotel seine besondere Marktstellung geschickt auszuspielen weiss. Wenn man der einzige Anbieter am Ort ist, bestimmt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage den Preis. So funktioniert unser kapitalistisches System.
Anyway, der Preis ist jetzt Nebensache. Hauptsache, wir bekommen im Garten ein Bier, vielleicht auch zwei.
Ein seltener Luxus: Es ist früher Nachmittag, die Tagesetappe liegt hinter uns, und wir haben nichts mehr zu tun. Einfach dasitzen, chillen, Bier trinken und es uns gut gehen lassen. Kein Zeitdruck, keine Verpflichtungen. Was will man mehr?
Offenbar habe ich versäumt, uns für das Abendmenü anzumelden. So finden wir uns als zwei Aussenseiter in einer Gesellschaft wieder, die sich – wie schon so oft auf unserer Reise – an einem langen Tisch im Garten versammelt hat.
Schliesslich bekommen wir fast dasselbe Essen wie die anderen. Fast, wohlgemerkt. Das verdanken wir der grosszügigen Köchin, die in letzter Minute ein Einsehen mit den beiden Parias hat.
Man könnte beinahe meinen, unser Menü stehe demjenigen unserer Tischnachbarn in nichts nach. Im Gegenteil!
Und hier der Trip weiter … und nähert sich bereits dem Ende