Von Le Puy-en-Velay nach Le Monastier-sur-Gazeille

Im Buch La Via de la Plata – Ein Hippie auf dem Jakobsweg habe ich geschrieben:

Dem Wunsch, die Zukunft zu kennen, bin ich schon immer skeptisch gegenüber gewesen. Der heutige Tag beweist eindrucksvoll, dass ich damit recht habe. Hätte ich gewusst, was heute alles auf mich wartet, wäre ich vermutlich einfach im Bett geblieben.

Und noch eine Reminiszenz an frühere Erlebnisse, diesmal aus Paraguay:

Eine Lawine aus Wasser, eine Sturzflut des Himmels. Anfangs nur ein gelegentliches Plopp, doch dann immer schneller: plopp, plopp, plopp. Ich merke, dass es zu regnen beginnt. Welch wundervolles Gefühl unter der Bettdecke! Und dann fällt uns der Himmel auf den Kopf. Das ist kein Gewitter, kein Wolkenbruch. Es ist eine Lawine aus Wasser, ein Sturzbach, eine Springflut.

Denn genau das ist es, was mich morgens um fünf aus unruhigem Schlaf weckt: eine Sturzflut des Himmels.

Nicht, dass es mich überrascht. Wir haben es gewusst, der Regen ist seit Tagen angekündigt. Am Anfang macht es sogar ein wenig Spass, denn endlich wird es im stickigen Zimmer etwas kühler. Und schliesslich bleibt die Hoffnung, dass der Regen schon bald wieder nachlassen wird.

Oh, diese vergeblichen Hoffnungen!

Das Frühstück

Anyway, etwas später quäle ich mich aus dem Bett, wanke die alten Stufen hinunter und stelle fest, dass im Essraum tatsächlich schon ein paar Leute sitzen. Ich bin also nicht der Einzige, der dem Wirt auf den Leim gekrochen ist.

Ein junges Mädchen sitzt am gleichen Tisch. Zwischen uns bleibt zunächst ein leerer Stuhl – man will sich ja nicht aufdrängen. Wir kommen ins Gespräch. Sie heisst Anna und kommt aus Deutschland. Sie wird allerdings nicht auf dem Stevenson Weg wandern, sondern auf einem der vielen Jakobswege nach Mende.

Nach ein paar Minuten wird es anstrengend. Ich setze mich neben sie, was den Wirt – wie gesagt, ein Hohlkopf erster Güte – zu einem schmerzvollen «Mon Dieu, mon Dieu» veranlasst. Warum? Weil er zwei Teller umplatzieren muss. Wir werden wohl nie Freunde werden.

Und es giesst weiter.

Irgendwann werden wir doch tatsächlich hinauskomplimentiert. Unser gemeinsamer Freund will die Frühstückszeit offenbar abkürzen. Ich packe meine Sachen und versuche zum ersten Mal, den verdammten Poncho über den Rucksack zu ziehen. Dabei hatte ich auf dem Camino eine geniale Methode entwickelt, die sich jetzt offenbar als doch nicht so genial erweist. Ohne die Hilfe der Putzfrau, die mir lachend zu Hilfe kommt, hätte ich es wohl nicht geschafft.

Der Abschied vom Vollpfosten gestaltet sich beinahe kompliziert, denn er beharrt darauf, dass die Hotelrechnung noch nicht bezahlt sei. Wirklich? Er hat recht. Eines der wenigen Hotels, die nicht über Booking bezahlt werden.

Die erste Etappe

Ich habe einiges vor. Die Etappe ist nicht allzu lang, aber anspruchsvoll: zunächst städtisches Gelände, dann das Loiretal, anschliessend Hochfläche mit Weiden und Wald. Insgesamt sind es laut Plan knapp zwanzig Kilometer.

Le Puy-en-Velay – Le Monastier: Distanz 19.96 Km, Zeit 6 Std. 48 Min.

Und da Stevenson seine Wanderung bekanntlich erst in Le Monastier begann, könnte man sagen, dass ich heute zum Anfang seiner Reise wandere.

Das gibt doch gleich ein gutes Gefühl.

Die Stadt und der Regen

Ich verabschiede mich von Anna und trete hinaus in den strömenden Regen.

Zuerst gilt es, die Stadt zu durchqueren und dabei die Route nicht aus den Augen zu verlieren. Das ist verdammt schwierig. Immer wieder muss ich einen Blick auf das Handy werfen, auf die Mapy-App, die mir in den nächsten Tagen und Wochen zuverlässig den Weg anzeigen soll, wenn einmal wieder keine Markierung zu entdecken ist.

Es geht immer wieder aufwärts. Ob es der Regen ist oder der Drang, die städtische Umgebung möglichst schnell hinter mir zu lassen – jedenfalls zeigt mir meine Pulsuhr, dass ich bereits auf den ersten Kilometern tief im roten Bereich unterwegs bin.

Ich drehe mich um, ein letzter Blick zurück.

 

Dann endlich: grünes Land.

Und hoppla, ich scheine tatsächlich nicht der Einzige auf dem Weg zu sein. Man nickt sich zu. Wir sind von nun an Verbündete, Gleichgesinnte, gemeinsame Märtyrer.

Die verdammten Wege

Sehr schnell wird die Wanderung zu einer Herausforderung, mit der ich nicht gerechnet habe. Die sogenannten Maultierpfade haben es in sich. Es sind nicht die Wege, die man aus der Schweiz kennt und liebt. Der Boden ist übersät mit Steinen: grossen, kleinen, rutschigen. Dazwischen Löcher, denen man besser aus dem Weg geht.

Kurz: Es ist elend mühsam.

Mein Puls kommt kaum zur Ruhe. Und der Regen plätschert genüsslich auf meinen Kopf und verwandelt den ohnehin schon mühsamen Pfad in einen Sumpf. Ich würde sagen, der Beginn einer grossen Wanderung könnte durchaus etwas angenehmer gestaltet werden. Das Vergnügen hält sich jedenfalls in Grenzen, während zahlreiche, zum grossen Teil ältere Franzosen an mir gleichsam vorbeischweben, während ich mich fluchend und keuchend aufwärtsquäle.

Gott sei Dank wird es bald etwas besser. Aufstiege wechseln sich mit angenehmen Hochflächen ab, der Puls beruhigt sich. Das hat vor allem damit zu tun, dass ich mich zurückhalte und nicht einmal ansatzweise versuche, dem Tempo meiner Mitwanderer zu folgen.

Das Restaurant und ein grosser Fehler

In Coubon, dem nächsten grösseren Dorf, hört der Regen tatsächlich auf. Ein Restaurant kommt in Sicht. Genau das, was ich jetzt brauche. Und wenn es nur eine Tasse Kaffee ist. Ich ziehe den Poncho erleichtert aus und frage mich, wo ich das nasse Ding verstauen soll, ohne dass alles andere ebenfalls nass wird. Kurzentschlossen stopfe ich ihn unter den Rucksackschutz.

Später wird sich herausstellen, dass ich ihn auf dieser Wanderung nicht mehr brauchen werde.

Das Restaurant ist voll. Mittagessen. Zahlreiche Einheimische sitzen an ihren Tischen, essen, lachen, schwatzen. Die Atmosphäre ist locker. Man wirft mir einen kurzen Blick zu, und ein junges Mädchen führt mich zu einem der letzten Tische, an denen noch ein Platz frei ist. Mir gegenüber sitzt eine junge Mutter, die Frau des Patrons, wie mir erklärt wird. Auf dem Tisch schläft ein Baby und scheint den Lärm völlig zu ignorieren. Es ist sechs Wochen alt, ein Knabe namens Mael.

Wir unterhalten uns, so gut es mein Französisch und der Dialekt der Dame zulassen. Ich trinke meinen Kaffee, frage nach etwas Kleinem zu essen und habe schliesslich das Menü des Tages vor mir. Eine Kombination, die mir auf dieser Wanderung noch öfter begegnen wird: Fleisch, Pasta, Gemüse.

Doch nun hält der Tag seine eigentliche böse Überraschung für mich bereit.

Beim Aufstehen merke ich mit Schrecken, dass mein Hosenboden vollständig durchnässt ist.

Nicht einfach nass.

Eher so, als hätte ich mich in ein volles Becken mit Wasser gesetzt.

Was tun?

Eigentlich müsste ich Hosen und Unterhose schleunigst wechseln. Aber wo? In der winzigen Toilette, in der kaum mein Rucksack Platz hätte und ich zunächst alles ausräumen müsste?Keine gute Idee.Also verabschiede ich mich, ziemlich konsterniert, und mache mich auf den restlichen Weg nach Le Monastier.

Der Horror

Ich muss gestehen, dass ich im Laufe meiner Reise- und Wanderkarriere zahlreiche wirklich unangenehme Dinge erlebt habe, die sich tief ins Gedächtnis eingegraben haben.

Aber diese Wanderung auf den verbleibenden gut zwölf Kilometern übertrifft alles.

Ich gehe so schnell ich kann, um meinen Körper nicht auskühlen zu lassen. Es regnet zwar nicht mehr, aber es ist kühl, und ein unangenehmer Wind pfeift mir um die Ohren – und um die nassen Hosen. Ich kann mich nirgends hinsetzen. Ein einziges Mal versuche ich es und schrecke bei der Berührung mit der Bank sofort wieder hoch.

Also weiter.

Der Alptraum zieht sich dahin. Es geht immer wieder aufwärts, und weil ich mein Tempo unbedingt halten will, schnellt auch mein Puls wieder in unangenehme Höhen. Ich verfluche lauthals alle Franzosen, die ich für die schlechten Wege verantwortlich mache – und irgendwie auch für meinen Zustand.

Obwohl die armen Franzosen natürlich nichts, aber auch gar nichts dafür können.

Le Monastier-sur-Gazeille

Das Dorf kommt in Sicht. Aber die Entfernung ist wieder einmal ein Phantom, eine Charade. Und natürlich handelt es sich auch noch um ein langgezogenes Strassendorf. Da kommt mir doch gleich ein anderes in den Sinn: A Gudiña auf dem Camino.

Ich wanke inzwischen am Ende meiner Kräfte die Hauptstrasse entlang und suche mein Hotel, Chambres d’hôtes Blaisine & Philomène.

Und dann stehe ich, völlig geschafft, vor der Hoteltür. Natürlich ist sie geschlossen. Mich kann inzwischen nichts mehr erschüttern. Da taucht der Wirt auf, ein ausgesprochen freundlicher Herr, und führt mich zu meinen Gemächern.

Das Zimmer ist gross und freundlich. Genau das, was ich jetzt brauche. Ich reisse mir die klatschnassen Kleider vom Leib und stelle mich unter die Dusche. Ich übertreibe nicht, wenn ich sie als die beste Dusche meines Lebens bezeichne.

 

Emmanuel

Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich der Körper selbst von den schlimmsten Strapazen erholt. So auch heute. Ich lege mich eine Viertelstunde aufs Bett und schüttle den Kopf über meine unbeschreibliche Dummheit. Allerdings geht mir erst nach einiger Zeit ein Licht auf. Es muss dieser verdammte Poncho gewesen sein. Dessen Nässe ist dem Rucksack entlang nach unten gelaufen.

Egal. Ich kann es nicht mehr ändern.

Was ich allerdings beeinflussen kann, ist mein Durst. Und der kann nach diesem Elend nur durch ein Bier besänftigt werden. Aber kann das sein? Ich finde in diesem verdammten Dorf keine einzige offene Kneipe. In Spanien würde man annehmen, dass das halbe Dorf Siesta feiert.

Aber hier?

Nun denn. Ich habe ja noch etwas vor. ChatGPT hat mir zu Hause innerhalb weniger Sekunden das Ergebnis meiner Suche «Emmanuel, Stevensonweg, Herberge» geliefert. Also mache ich mich auf den Weg zu besagter Herberge. Ich finde tatsächlich die Adresse. Von Emmanuel allerdings keine Spur. Er scheint beim Einkaufen zu sein. Also warte ich vor der Tür. Und da ist er. Das erste Mal seit jener unseligen Etappe auf dem Camino, als der Regen kam.

«Emmanuel, you remember me? Tu te souviens de moi?»

Der Mann schaut mich mehr als verdutzt an. Ich stelle mich vor, erinnere ihn an unsere gemeinsamen Etappen und an meine Knochenhautentzündung, die er als Erster richtig diagnostiziert hatte. Langsam geht ihm ein Licht auf. Ach, du bist das! Was machst du hier?

Ich bin nur deinetwegen hier.

Nun, wir haben uns wiedergesehen. Aber Emmanuel hat als Chef der Herberge Aufgaben, entschuldigt sich und geht von dannen.

Im Nachhinein scheint mir, dass ihm die Begegnung etwas peinlich war. Vielleicht, weil er sich kaum an mich erinnern konnte. Vielleicht, weil unsere damalige gemeinsame Wanderung für ihn keine besondere Bedeutung hatte.

Es ist egal.

Ich finde schliesslich doch noch ein Restaurant, nippe nachdenklich an meinem Bier und bin in Gedanken wieder auf dem Camino – und bei den kommenden Etappen, die hoffentlich weniger unangenehme Überraschungen in petto haben.

Dann esse ich das Tagesmenü, beschränke mich auf den Hauptgang und versuche mehr oder weniger erfolglos, den Gesprächen am Nebentisch zu folgen. Himmel noch mal, was haben die sechs Jahre Französischunterricht eigentlich gebracht? Offenbar nicht sehr viel.

Der anschliessende Schlaf ist nach einigen Einschlafproblemen – der Puls ist immer noch hoch – erfreulich tief. Die Alpträume sind für einmal erfüllt von Wasser und Kälte und anderem …

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