Von Le Monastier-en-Gazeille nach Le Bouchet-St.Nicolas

Trotz tiefem Schlaf wache ich in der Nacht mehrmals auf. Ich verspüre Schmerzen am Oberschenkel und an der Hüfte. Wenn das so weitergeht, mache ich mir ernsthafte Sorgen über den weiteren Verlauf.

Aber hey, das perfekte Frühstück in Gesellschaft des wirklich sympathischen Wirts vermag die Sorgen zu dämpfen. Ein bekanntes Phänomen, das mir spätestens seit dem Camino vertraut ist, macht sich bemerkbar: Der Vortag kann noch so anstrengend gewesen sein – am Morgen ist plötzlich wieder alles in Ordnung. Der Körper hat sich trotz suboptimalem Schlaf erholt, der Geist hat zur Ruhe gefunden.

Alles gut.

Ein langsamer Wanderer

Ich traue dem Wetter nicht, obwohl der Himmel sein Sonntagsgewand angezogen hat, und packe den Rucksack heute etwas vorsichtiger als gestern. Auch einem unerfreulichen Regenguss wäre dann einfacher zu begegnen.

Nach dem gestrigen Fiasko ist der Plan klar: ganz langsam gehen, den Puls nicht in den roten Bereich treiben. Es soll eine sehr entspannte, lockere Wanderung werden.

Von Le Monastier nach Le Bouchet – Distanz: 24.8 km, Zeit: 9 Std. 27 Min.

Und so gehe ich los, sage dem seltsamen Dorf Adieu und folge den Markierungen. Natürlich dauert es nicht lange, bis ich überholt werde. Das geht mir heute allerdings ziemlich am Arsch vorbei. Ich bleibe immer mal wieder stehen, atme die frische Luft ein und bewundere die Umgebung, die mir heute um einiges angenehmer vorkommt als gestern.

Zuerst geht es stramm hinunter ins Tal der Gazeille, nur um anschliessend wieder auf einen, auch heute, ruppigen Schotterweg aus grobem Basaltbruch abzuzweigen. Wer hätte das gedacht.

Oben auf der Hochfläche angekommen, bietet sich ein wunderbarer Blick auf die Umgebung.

Natürlich bin ich mit Abstand der langsamste von allen. Die virilen Franzosen überholen mich rechts und links, Bonjour, bonjour. Langsam begreife ich nun auch meine Reservationsprobleme: Die Sommerferien sind zwar vorbei, aber natürlich nicht für die Pensionierten, die den Weg nun in Heerscharen bevölkern.

Ich muss allerdings sagen, dass die Damen und Herren äusserst freundlich und zuvorkommend sind. Langsam wachsen sie mir ans Herz, die Franzosen.

Man könnte fast von einer liebreizenden Landschaft sprechen, wären da nicht immer wieder unangenehme Abschnitte auf dem Weg, die das Gehen mühsam machen und den Puls in die Höhe treiben.

Und so geht es dann über einen – nicht überraschend – schroffen und steilen Weg abwärts bis zur Loire, zum Ort Goudet. Es ist der ideale Ort für eine Mittagspause direkt an der Loire.

Vor dem Erreichen des malerischen Dorfes Goudet blickt man auf die imposanten Ruinen der mittelalterlichen Burg Château de Beaufort.

Die Mittagspause an der Loire

Unweit des Ufers steht ein prächtiges Hotel. Der Garten ist gross und schattig, die wenigen Tische und Bänke sind von zahlreichen Wanderern besetzt. Ich setze mich in den Schatten, denn heute, das muss wohl endlich einmal erwähnt werden, ist das Wetter so, wie es sein muss.

Und so kaue ich auf der inzwischen etwas hart gewordenen Baguette herum. Die Dinger sind ein Genuss, solange sie frisch sind – im besten Fall ein paar Stunden lang. Danach werden sie zwangsläufig zu einer Herausforderung für die Kauwerkzeuge. So wie heute.

Nach und nach machen sich meine Wanderkollegen aus dem Staub. Einige glaube ich inzwischen zu kennen, was auch umgekehrt stimmen könnte, erhasche ich doch immer wieder freundliche Blicke.

Der erste Esel

Man könnte fast meinen, dass der Weg nach der grösstenteils angenehmen Wanderung noch eine Überraschung der anderen Art vorgesehen hat.

Kurz nach dem Ort und der Überquerung der Brücke beginnt ein Aufstieg, der es in sich hat: hinauf auf die Basalthochebene. Zweihundert Meter geht es nun steil aufwärts. Reden wir nicht von einem schönen Weg, denn das ist er definitiv nicht.

Ich komme ganz schön ins Schnaufen, während mich eine Gruppe Franzosen, wie könnte es anders sein, anstrengungslos überholt.

Mitten im Aufstieg aber eine Überraschung der positiven Art: Ein junges Mädchen sitzt am Wegrand, während ihr Esel sein eigenes gemütliches Mittagsmahl geniesst.

Man bleibt stehen, fragt, wundert sich, will alles wissen: Woher, wohin und ganz generell, wie es denn so ist, mit einem Esel zu wandern.

Es kommt mir vor, als würde nicht nur die Dame, sondern ganz besonders auch der Esel seine Bedeutung geniessen. Denn obwohl ich kein Kenner dieser Grautiere bin – dieses Exemplar scheint mir ein ausserordentlich schönes zu sein.

Ein scharfer, kühler Wind

Der Höhenweg, der die erschöpften Wanderer nach dem Aufstieg begrüsst – oder bin nur ich etwas müde? –, führt nun oberhalb des Tals entlang. Für einmal ein Leckerbissen. Daran könnte man sich gewöhnen.

Das Landschaftsbild wechselt zu weiten Feldern, auf denen unter anderem die berühmten grünen Linsen der Haute-Loire, die Lentilles vertes du Velay, angebaut werden.

Allerdings bläst ein scharfer, kühler Wind, der dazu führt, dass man fröstelnd die Jacke anzieht. Man will sich ja nicht erkälten. Einige Minuten später lässt der Wind nach, die Sonne brennt – und schon zieht man die Jacke wieder grummelnd aus. Das Spiel setzt sich über Kilometer fort.

Der Weg führt nun permanent leicht aufwärts, allerdings kaum spürbar. Dafür gebührt dem Architekten der Topologie ein besonderer Dank. Trotzdem setzt irgendwann eine gewisse Müdigkeit ein, vor allem dann, wenn es doch wieder auf und ab geht und kein Ende zu erkennen ist.

Irgendwann, längst zu erwarten, gerate ich auf einen falschen Weg. Zu meiner Verteidigung muss ich allerdings sagen, dass für einmal eine falsche Markierung die Ursache war.

Kann man sich bei irgendeiner Instanz beschweren?

Aber es geht natürlich auch anders: Nach über neun Stunden wähle ich tatsächlich eine falsche Abzweigung. Ist es die Müdigkeit im Kopf? Ich weiss es nicht. Jedenfalls muss ich ein paar Kilometer zur ohnehin schon langen Etappe addieren, was mich ehrlich gesagt ziemlich nervt.

Die Roulotte

Die heutige Übernachtung ist alles andere als normal. Ich werde nämlich in einer Roulotte schlafen.

Eine Roulotte? Das Wort war mir bis zur Reservierung vollkommen unbekannt. Kurz gesagt handelt es sich dabei um einen besonderen Wohnwagen – einen aus Holz und mit wunderbarer Bemalung.

Ich bin begeistert. Eine alte Art Tiny House, mit allem, was das Herz begehrt: zwei schmale Betten, ein breites Bett für zwei Personen, Dusche und WC, Küche und Tisch. Was will man mehr?

Je ne parle pas français

Das Nachtessen findet im grossen Hotel statt. Der Essraum ist riesig und bei meinem etwas verspäteten Eintreffen bereits mit vielen Gästen besetzt. Die Stimmung ist laut und lustig und sehr französisch.

Ich hoffe bei meinen eingeschränkten Sprachkenntnissen auf einen separaten Tisch für sozial Behinderte, werde aber aufgefordert, den freien Platz inmitten der Gäste einzunehmen. Auch mein schüchternes Je ne parle pas français wird mit einer Handbewegung beiseitegewischt. Und so sitze ich nun eingeklemmt zwischen zwei energischen Damen, die mich gleich herzlich begrüssen.

Sagen wir es so: Mein Französisch wird zwar im Verlauf des Essens besser, aber ich frage mich zum x-ten Mal, warum mein Wortschatz zwar ziemlich gross ist, ich aber trotzdem bestenfalls die Hälfte verstehe.

Immerhin sitzt mir gegenüber ein freundlicher Herr, den ich überraschend gut verstehe. Ich frage ihn nach dem Grund. Seine Antwort erklärt alles: Seine Eltern waren taub, also musste er schon als Kind lernen, klar und langsam zu sprechen. Voilà!

Das Essen ist, na ja, nicht wirklich nach meinem Geschmack. Die Lentilles vertes spielen dabei eine gewisse Rolle. Aber ich greife tapfer zu, denn sonst müsste ich erklären, was das Problem ist. Und dies will ich tunlichst vermeiden.

Und dann liege ich in einem der beiden schmaleren Betten. Es ist sehr kalt, eine zusätzliche Decke ist deshalb höchst willkommen. Allerdings schmerzt meine Achillessehne, die sich seit dem Jakobsweg immer mal wieder meldet und offenbar nun chronisch geworden ist. Ausserdem stimmt irgendetwas mit einer Zehe nicht – sie sieht geschwollen aus.

Aber was soll’s. Alles in allem ein guter Tag. Morgen Pradelles. Eine etwas kürzere Etappe. Mal sehen, wie es dann geht.

Und hier geht der Weg weiter … nach Pradelles

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