Von Pradelles nach Langogne

Dass ich heute nicht nach Cheylard d’Eveque, sondern bloss bis Langogne wandere, hat mit meiner eigenen Dummheit zu tun. Im letzten Moment, am Abend vor der Abreise, merkte ich, dass ich Cheylard d’Eveque mit Le Cheylard verwechselt hatte. Der falsche Ort mit dem falsch reservierten Hotel liegt weitab des Stevensonwegs. Also musste kurzfristig eine Alternative her.

Cheylard d’Eveque, wahrscheinlich etwas beleidigt über meine Verwechslung, wollte mir keine Lösung bieten, also musste eine andere her – die einzig mögliche: Langogne. Was natürlich zu einer ziemlich anderen Routeneinteilung führte.

Also werde ich Cheylard d’Eveque auslassen, dieses winzige, sehr beschauliche Bergdorf mitten im Wald auf knapp 1150 Metern Höhe. Der Ort hätte mit seinen charakteristischen Wanderherbergen (Gîtes d’étape) und der friedlichen Naturkulisse durchaus etwas zu bieten gehabt. Aber eben: eine Gîte und sonst gar nichts. Damit wird es heute bereits zu einer unfreiwilligen Halbruhetagsetappe kommen. Warum nicht? Die folgenden Tage sind hart genug.

Alte Kriege

Zunächst heisst es aber Abschied nehmen von dieser hübschen mittelalterlichen Kleinstadt, die mir am Abend zwar etwas skurril vorgekommen ist – mit all den geschlossenen Restaurants.

Immerhin bietet der Ort beim Abschied noch ein paar Goodies, die mir gestern entgangen sind. Unterhalb der Fontaine du Melon finde ich Hinweise auf allerhand Kriegerisches aus der Vergangenheit. Es geht wieder einmal um die Religionskriege des 16. Jahrhunderts, um die Hugenotten, um Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten. Und natürlich darf auch ein Wunder nicht fehlen, das einer Marienstatue zugeschrieben wurde, die bis heute verehrt wird.

Gut erhaltene Steinhäuser säumen die Gassen, alte Stadttore wie die Porte de la Verdette und Reste der Verteidigungsmauern prägen das Ortsbild. Das Portail du Besset zeigt noch heute, welche Gefahren einst abgewehrt werden mussten. Die ehemaligen Fallgitter sind deutlich zu erkennen. Es handelt sich um einen der letzten erhaltenen Reste der mittelalterlichen Befestigungsanlage, die den Ort einst umgab. Hier befand sich der südliche Zugang zur befestigten Stadt.

Eine wahrhaft seltsame, schlimme Zeit. Doch wenn man an Nordirland denkt, scheinen die damaligen Wirren plötzlich gar nicht mehr so weit weg zu sein.

 

Genussetappe

Ich verlasse die erhabene Lage mit ihrem weiten Blick über das Allier-Tal. Wie erwähnt, liegt heute eine eigentliche Genussetappe vor mir, die ich bis zur Neige auskosten werde.

Von Pradelles nach langogne – Distanz: 6.8 km, Zeit: 2 Std. 30 Min.

Beim Ortsausgang liegt der Friedhof. Ich kann wieder einmal nicht widerstehen und betrete den kleinen Park mit seinen Gräbern, die den Verstorbenen einen letzten eindrücklichen Gruss hinterlassen.

 

Danach geht es nur noch eben und mehrheitlich geradeaus weiter, vorbei an Viehweiden und Anbauflächen. Viel Schatten bieten die ausgedehnten Waldpassagen, die Wege sind überwiegend gut befestigte Forst- und Naturpfade.

Der Weg führt vom Département Haute-Loire in der Region Auvergne-Rhône-Alpes hinüber ins Département Lozère in der Region Okzitanien. Ich nähere mich bereits, wenn auch nicht gerade mit Riesenschritten, dem Süden. Okzitanien klingt auf jeden Fall schon sehr verlockend.

Ich muss jede Möglichkeit ausnutzen, die Zeit zu dehnen. Obwohl ich erst nach zehn Uhr aufgebrochen bin, möchte ich nicht schon kurz vor Mittag am Ziel ankommen. Also hier eine kurze Rast, dort ein entspanntes Picknick.

Aber irgendwann ist es nicht mehr zu vermeiden: Ich erreiche Langogne.

Ein Hotel oder zwei

Der Weg führt über eine Brücke und dann langsam hügelaufwärts dem Zentrum entgegen. Es scheint sich wieder einmal um ein langgezogenes Strassendorf zu handeln. In entspanntem Schritt folge ich den Schaufenstern, während an mir vorbei der Verkehr sein übliches mittägliches Schaulaufen veranstaltet.

Tatsächlich scheint Langogne eine lebendige Kleinstadt zu sein, mit Markthalle, Supermärkten und Bäckereien. Nicht nur ideal für einen ausgiebigen Frühstücks- oder Einkehrstopp, sondern auch bestens geeignet für eine Übernachtung mit ausgiebigem Nachmittagsplausch an der Sonne.

Aber da taucht links bereits meine im letzten Moment gefundene Übernachtungsalternative auf: das Hotel Le Beauséjour. Es klingt auf jeden Fall gut. Ein guter séjour ist genau das, was ich mir für diesen sonnigen Tag wünsche.

Der erste Blick: sehr geschlossen.

Der zweite: ziemlich verlassen.

Aber ein Zettel im Schaufenster macht darauf aufmerksam, dass die Rezeption im gegenüberliegenden Grand Hotel zu finden ist. Grand Hotel? Das klingt schon mal gut.

Ich muss allerdings ein paar steile Stufen zum Eingang hinauf. Und welche Überraschung: Die Rezeption ist bis 16 Uhr geschlossen. Himmelarsch, langsam geht mir das auf den Sack.

Also die Stufen wieder hinunter. Immerhin bin ich noch einigermassen frisch in den Beinen. Ich folge der Strasse und möchte mich ins erstbeste Restaurant setzen. Aber hallo, so einfach geht das offenbar nicht. Dieses Etablissement ist anscheinend ausschliesslich essenden Gästen vorbehalten. Man weist mich rüde ab und zeigt auf die andere Strassenseite, wo es offenbar tatsächlich Kaffee gibt.

Ich wundere mich über nichts mehr.

Allerdings gilt es nun, die Zeit bis 16 Uhr zu vertreiben. Und das alles mit Rucksack, Stöcken und Wanderschuhen. Eigentlich müsste es ohne Risiko möglich sein, das Gepäck vor der Rezeption zu lagern. Und oh Wunder: Eine junge Dame öffnet die Tür und lädt mich zum Check-in ein.

Es ist also so, wie vermutet: Das Hotel Beauséjour ist geschlossen – und zwar für alle Zeiten. Mir recht. Denn das Grand Hotel weckt grandiose Hoffnungen auf ein perfektes Zimmer.

Was es dann auch ist.

Ein Nachmittag in Langogne

Nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf mache ich mich auf, die Stadt zu erkunden. Und tatsächlich: Langogne ist eine lebendige Kleinstadt, die sich ab dem Mittelalter zu einem bedeutenden Handelsplatz entlang der Voie Régordane (GR 700) entwickelt hat, einer wichtigen Handels- und Pilgerroute zwischen dem Zentralmassiv und dem Mittelmeer.

Und wenn meine Ambitionen nicht so beschränkt wären, hätte die Stadt einiges zu bieten.

Beispielsweise die historische Getreidehalle aus dem Jahr 1743 im Stadtzentrum, die von der langen Markttradition des Ortes zeugt. Und wieder einmal eine romanische Kirche: die Église Saint-Gervais-Saint-Protais.

 

Aber eben: da ist meine Abneigung gegen jegliche Art romanischer Architektur.

Und nicht zu vergessen der Lac de Naussac, ein riesiger, rund 1000 Hektar grosser Stausee in unmittelbarer Nähe, der sich – so zumindest die Werbung – ideal zum Windsurfen, Segeln, Angeln und für Radtouren eignet.

Ich widerstehe erfolgreich.

Stattdessen kaufe ich im überdimensionierten Intermarché an der Stadtgrenze ein. Man könnte sich zwischen den Gestellen verirren. Ich bin überzeugt, dass in den Lagerräumen noch immer die Geister verschollener Kunden herumspuken.

Eine Nacht im Kiefernwald

Zeit, mich in aller Ruhe meinem Wander-Vorfahr Stevenson zu widmen.

Seine Erzählung ähnelt der meinen – zumindest insofern, als auch er unterwegs ist, sich treiben lässt und die Landschaft nicht einfach nur durchquert, sondern beobachtet. Beim Übernachten allerdings trennen uns Welten. Während ich mich nach einem langen Wandertag auf ein bequemes Bett, eine Dusche und ein warmes Zimmer freue, muss Stevenson manchmal auf solche Annehmlichkeiten verzichten.

Seine legendäre Nacht im Kiefernwald (A Night Among the Pines) gehört zu den eindrücklichsten und poetischsten Passagen seiner Reise. Nachdem er Langogne verlassen hat, wird er zum ersten Mal gezwungen, nicht in einer Herberge zu übernachten, sondern seinen selbst entworfenen Schlafsack unter freiem Himmel zu testen.

Ich lese die Geschichte in einer Bar in Langogne und muss unwillkürlich schmunzeln. Stevenson liegt irgendwo draussen im Wald, ich sitze bei einem Bier im Trockenen. Jeder hat offenbar seine eigene Vorstellung von Abenteuer.

Für Stevenson ist die Nacht unter freiem Himmel jedenfalls keine Zumutung, sondern beinahe eine Offenbarung:

„Night is a dead monotonous period under a roof; but in the open world it passes lightly, with its stars and dews and perfumes.“

Schöner kann man es kaum sagen. Er beschreibt das leise Geräusch des Windes in den Kiefernnadeln, den Duft von Harz und Erde und den Wechsel der Sternbilder. Besonders fasziniert ihn eine Stunde um Mitternacht, in der die Natur für einen kurzen Moment zu erwachen scheint. Tiere regen sich, irgendwo raschelt es, und die Landschaft scheint tief durchzuatmen.

Am Morgen wacht Stevenson erfrischt auf. Und weil er offenbar nicht nur romantisch, sondern auch höflich ist, bezahlt er seine Übernachtung gewissermassen bei der Natur:

„I had been deeply satisfied with my bed. I turned and rested my head upon my arm; and I slept till the sun was well up. […] I put a couple of coins on a stone by way of lodging-money.“

Ich dagegen werde heute Nacht mein Geld nicht auf einen Stein legen, sondern dem Grand Hotel überlassen.

Man muss ja nicht jede Tradition übernehmen.

Das sagenumwobene Gévaudan

Mit Stevenson geht die Reise inzwischen weiter. Sobald er den Allier überquert und das Gévaudan betritt, verändert sich auch der Ton seiner Erzählung. Die Landschaft wird wilder, einsamer und offenbar auch ein wenig unheimlicher.

Kein Wunder. Wir befinden uns im Land der Bête du Gévaudan.

Die Legende erzählt von einem wolfsähnlichen Ungeheuer, das im 18. Jahrhundert in dieser Gegend sein Unwesen getrieben und zahlreiche Menschen getötet haben soll. Stevenson nimmt die Geschichte mit einer Mischung aus Faszination und Ironie auf. Für ihn ist die Bestie offenbar realer als so mancher grosse Mann der Weltgeschichte:

„If all sketches of its appearance be true, it was a dreadful creature to meet in a lonely glen. […] Napoleon Bonaparte may be a myth, but the Beast of Gevaudan is a reality.“

Ich sitze also in einer Bar, rings um mich herum das übliche Treiben eines Samstagnachmittags, und lese über magische Nächte, einsame Wälder und ein wolfsähnliches Ungeheuer.

Draussen fahren Autos vorbei. Menschen sitzen an Tischen, trinken Kaffee, unterhalten sich, lachen. Und irgendwo in dieser friedlichen Kleinstadt lese ich von einem Mann, der vor fast 150 Jahren genau hier unterwegs war – allerdings mit deutlich weniger Komfort und vermutlich wesentlich mehr Respekt vor dem, was sich nach Einbruch der Dunkelheit im Wald bewegen könnte.

Ich stelle mir vor, wie Stevenson damals durch diese Landschaft ging, mit seinem Gepäck und seinem Esel, ohne Smartphone, ohne GPS, ohne Hotelreservierung und ohne die geringste Ahnung, wo er am Abend schlafen würde.

Und plötzlich erscheint mir meine eigene Wanderung ziemlich komfortabel. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so.

Ich kann mir beim besten Willen keine bessere Nachmittagsunterhaltung vorstellen.

Bier, Pizza, Zehen

Habe ich meine schmerzende Zehe erwähnt?

Sie macht sich nun täglich etwas mehr bemerkbar. Entwickelt sich da eine Entzündung? Das wäre nicht nur ärgerlich, sondern angesichts der zu erwartenden Anstrengungen ein eigentlicher Super-GAU.

Aber mal abwarten und Bier trinken.

Irgendwie scheine ich nicht nur Probleme mit geschlossenen Hotels zu haben, sondern auch mit Restaurants und Läden – und offenbar auch mit Pizzerien.

Anyway: Ich stehe wieder einmal vor einem verführerisch aussehenden Pizzaladen namens Pizzeria La Bohème Langogne. Sie ist allerdings nicht geschlossen, wie ich zunächst denke. Stattdessen öffnet sich das Sesam und ich werde von einer nicht mehr ganz jungen, aber ausgesprochen attraktiven Dame empfangen, die emsig am Backen ist.

Und eine Viertelstunde später werde ich mit einer Pizza quatre fromages verwöhnt, die unverzüglich auf die Ehrentafel der besten Pizzen aufgenommen wird.

 

Und hier geht die Reise weiter. nach Luc? Eher nicht …

 

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge