Stevenson schildert die Etappe von Chasseradès nach Le Bleymard als eine ruhige, landschaftlich eindrückliche und beinahe einsame Wanderung über das Goulet-Massiv. Der Weg führt stetig bergan durch schattige Nadel- und Buchenwälder hinauf zum Kamm der Montagne du Goulet. Er beschreibt das angenehm warme Wetter und die Stille der Natur. Er bindet sich die Jacke fest und wandert, nur vom Gesang der Lerchen begleitet.

Ich werde zwar nicht von Lerchen begleitet, dafür aber ab heute von meinem Bruder Walti. Mal sehen, ob ich ihn gelegentlich zu einem Lerchengesang überreden kann.

Ein freundlicher und ruppiger Boss

Der Boss ist auch heute wieder sehr freundlich und empfängt uns in einem Zelt, in dem wir frühstücken. Nach der ruhigen, erholsamen Nacht fühlen wir uns ausgesprochen willkommen.

Doch hinter der freundlichen Fassade verbirgt sich offenbar ein ziemlich ruppiger Charakter. Negative Gästebewertungen lässt er nicht einfach stehen, sondern beantwortet sie umgehend und mit bemerkenswerter Schärfe. Hier ein Ausschnitt aus einem seiner Beiträge:

«Hinter deinem schönen Lächeln steckst du ein ganz schöner Schlingel, und vielen Dank für den Tag deiner Abreise (du versteckst dein kleines Spielchen gut). Schade, dass wir einigen unserer Gäste keine Sterne vergeben können, denn du hättest die Goldene Palme gewonnen …»

Vielleicht sollte ihm jemand erklären, dass solche öffentlichen Abrechnungen nicht nur gefährlich, sondern meistens auch ziemlich nutzlos sind. Wer sich in die Welt der sozialen Medien begibt, sollte wissen, dass ein Shitstorm unter Umständen Existenzen vernichten kann. Aber das muss er selbst wissen.

Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass seine gegenwärtige Freundlichkeit auch etwas mit den Erfahrungen zu tun hat, die er mit seinen Gästen und deren Bewertungen gemacht hat.

Idyllisch und entspannt

Die heutige Etappe von Chasseradès nach Le Bleymard gilt den Berichten zufolge als eine der idyllischsten, ausgewogensten und entspanntesten der gesamten Tour. Na dann! Wir verabschieden uns und machen uns auf den Weg.

Während viele Etappen des Stevensonwegs durch offene, dem Wind ausgesetzte Landschaften führen, bietet dieses Teilstück reichlich Schatten unter duftenden Kiefern und Fichten. Eine angenehme Abwechslung.

In Chasseradès geht es zunächst einige Kilometer der Strasse entlang, bevor wir auf den eigentlichen Wanderweg gelangen.

Von Chasseradés nach Le Bleymard, Distanz: 20.5 km, Zeit: 8 Std. 56 Min. (inkl. Ruhepausen)

Schon von Weitem fällt das gewaltige Viaduc de Mirandol ins Auge, das den Fluss Chassezac überquert. Das eindrucksvolle Eisenbahnviadukt ist ein bemerkenswertes Zeugnis der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts.

Die Bahnstrecke, die auch als Dachlinie Frankreichs bezeichnet wird, überquert zwischen der Margeride und dem Mont Lozère die Wasserscheide zwischen Atlantik und Mittelmeer.

Wild und rau

Hinter Mirandol beginnt der Aufstieg auf einem steinigen Pfad. Die Landschaft wird zunehmend wilder und rauer. Zwischendurch führt der Weg wieder ein Stück über eine asphaltierte Strasse, bevor es auf einem ruppigen alten Maultierpfad erneut bergauf geht. Schliesslich erreichen wir die Passhöhe.

Und da ist wieder einmal ein Mann mit Esel. Er scheint sein Metier zu verstehen, denn wir werden ihm im weiteren Verlauf noch mehrmals begegnen. Wenn man die beiden so unterwegs sieht, bedauert man beinahe ein wenig, sich selbst nicht auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben.

Während wir eine kurze Rast einlegen, gibt es natürlich viel zu erzählen. Die beiden Dauerquassler sind in ihrem Element. Das wird sich später von selbst erledigen, wenn ich meinen Bruder nur noch von Weitem sehe.

Der Weg scheint sich einmal mehr nicht ganz sicher zu sein, ob er nun aufwärts oder abwärts führen soll. Nun, er tut letztlich das, was die Topografie von ihm verlangt. Es folgen lange, angenehme Passagen durch dichten Wald, dann wieder eine breite Piste oder ein sandiger Pfad durch einen wilden Birken-Kiefern-Mischwald.

Eigentlich hätte diese Etappe ein dreifaches Hurra verdient. Allerdings beschleicht mich die Ahnung, dass die kommenden Tage möglicherweise etwas weniger Anlass zum Jubeln bieten werden.

Regen

Und dann passiert es tatsächlich: Es beginnt zu regnen.

Ich war eigentlich der Meinung, dass mein Bedarf an unwillkommenem Nass nach dem Dauerregen am ersten Wandertag mehr als gedeckt sei. Aber offenbar habe ich mich getäuscht.

Zunächst nieselt es nur sanft, dann wird der Regen stärker. Wir suchen Schutz unter dicht zusammenstehenden Bäumen und picknicken in aller Ruhe. Eine ganze Weile geht das so weiter: mal nass, mal trocken. Wir nehmen es gelassen. Was bleibt uns auch anderes übrig?

Schliesslich erreichen wir Les Alpiers und bewundern die hervorragend erhaltene traditionelle Architektur des Ortes mit ihren Häusern aus Granit und Schiefer.

Le Bleymard

Le Bleymard bietet eine gute Infrastruktur mit Gîtes d’étape, Lebensmittelläden, Restaurants und Bäckereien. Wer seine Vorräte auffüllen muss, ist hier am richtigen Ort.

Wir genehmigen uns im einzigen – oder zumindest einzigen, das wir finden – Restaurant La Remise ein Bier. Nach beinahe neun Stunden unterwegs haben wir es uns redlich verdient.

Und wen wundert’s: Wir treffen auf bekannte Gesichter. Für das Abendessen sind wir allerdings zu spät. Kein Wunder, unsere Wanderfreunde sind schliesslich schon lange vor uns eingetroffen.

Das Chalet avec vue panoramique

Diese Unterkunft gibt uns von Anfang an Rätsel auf. Ist es ein Haus, eine Villa? Ein Chalet? Sie liegt weit ausserhalb des Dorfes auf einer Anhöhe. Das klingt alles ein wenig seltsam. Aber gut, meine Vorliebe für exotische Unterkünfte könnte hier einmal mehr auf ihre Kosten kommen.

Allerdings meldet sich der Besitzer bereits vor unserer Abreise und teilt uns mit, dass seine Putzfrau im Spital liege und er deshalb unsere Reservation stornieren müsse.

Stornieren? Auf keinen Fall! Wir akzeptieren die Situation, wie sie ist, und lassen uns überraschen.

Die Suche nach der Unterkunft gestaltet sich tatsächlich etwas kompliziert. Man muss zunächst die richtige Strasse erwischen. Schliesslich stehen wir vor einem metallenen Tor, das ausgesprochen stabil aussieht. Die Anweisungen, wie wir das Sesam öffnen können, hat uns der Besitzer mitgeteilt. Und tatsächlich: Wir schaffen es hinein und gelangen über eine lange, breite Zufahrt zu einem wahrhaft imposanten Gebäude.

Der Raum, der uns empfängt, ist gelinde gesagt nicht nur eindrucksvoll, sondern beinahe ein wenig beängstigend. Nach dem Tiny House in Chasseradès ein ziemlicher Kontrast. Ich würde behaupten, dass man sich hier schon allein im Wohnzimmer verirren könnte.

Alles ist riesig: ein gewaltiges Sofa mitten im Raum, davor selbstverständlich ein ebenso gewaltiges Fernsehgerät. Es gibt mehrere Schlafzimmer und ein Badezimmer, das grösser ist als alles, was wir bisher auf dieser Reise gesehen haben. Und sogar ein Tischfussballkasten lädt zu einer Partie ein.

Nun ja, diesmal dürfen wir uns richtig breitmachen. Und das tun wir auch.

Da das Restaurant im Dorf ausgebucht ist, nehmen wir unser Dinner for two kurzerhand auf dem Sofa ein. Wir hören Musik, lassen es uns gut gehen und fühlen uns ausgesprochen wohl. Manchmal braucht es eben nicht viel, um einen gelungenen Abend zu verbringen.

Später zieht sich jeder in sein eigenes Zimmer zurück. Dort ist es zwar ziemlich kalt, aber dafür liegen so viele warme Decken bereit, dass wir es uns gemütlich machen können. Und tatsächlich: Wir schlafen so gut wie schon lange nicht mehr.

Nach fast neun Stunden Wandern, einem Regenguss und einer Unterkunft, die irgendwo zwischen Luxusvilla und leichtem Gruselschloss angesiedelt ist, haben wir uns das auch verdient.

 

Und hier geht der Trail weiter … nach Le Pont de Montvers

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