St. Germain-de-Calberte – St. Jean-du-Gard

Für Stevenson war dies die letzte Etappe seiner Reise. Und wer weiss, vielleicht ist sie es auch für uns. Denn offenbar ist die letzte Etappe von Saint-Jean-du-Gard nach Alès alles andere als ein angenehmer Abschied von unserer Wanderung.

Der Travelguide bezeichnet diese letzte Etappe als eine der anspruchsvollsten des gesamten Weges. Zahlreiche Auf- und Abstiege, teilweise über felsige Pfade, verlangen den Wanderern einiges ab. Besonders der lange, gelenkbeanspruchende Abstieg und die steinigen Wege sollen es in sich haben. Kein Wunder, dass auch die meisten Mitwanderer auf diese letzte Herausforderung verzichten.

Und dann verheisst die Wetterprognose auch noch Temperaturen bis zu 30 Grad.

Nicht gerade das, was sich das Wandererherz zum Abschied wünscht. Aber wir werden sehen. Auch die heutige Etappe verspricht eine rechte Anstrengung. Angesichts des nahenden Endes nehmen wir die Sache immerhin mit Gelassenheit.

Von ST. Germain-de-Calberte nach ST. Jean-du-Gard – Distanz: 23.2 km, Zeit: 9 Std. 3 Min. (inkl. Pausen)

Energieschub

Das Frühstück steht in der Küche bereit. Alles bestens, mit einer kleinen Ausnahme: Die Kaffeemaschine funktioniert nicht. Uns bleibt nichts anderes übrig, als den absolut notwendigen Energieschub in Form eines kräftigen Kaffees im gegenüberliegenden Restaurant einzunehmen.

Der Tag beginnt in einem malerischen, von Kastanienwäldern umgebenen Tal. Der Weg ist zunächst einfach und nicht allzu steil. Lange Zeit führt er durch Kastanienhaine, über kleine Pfade und alte Maultierwege.

Für die meisten Wanderer ist dies die zwölfte und letzte Etappe des berühmten Fernwanderwegs. Sie führt durch den südlichen Teil der Cevennen und bildet den historischen Schlusspunkt von Robert Louis Stevensons Reise.

Die Vegetation verändert sich spürbar. Kastanienhaine und Schieferberge weichen allmählich einer mediterraneren Landschaft mit Steineichen und zunehmend wärmerer Luft. Dagegen haben wir nichts einzuwenden – solange wir uns möglichst oft im Schatten der Bäume bewegen können.

Ich zitiere den guten alten Robert, den wir in den vergangenen Wochen richtig ins Herz geschlossen haben. Seinen Klassiker Dr. Jekyll und Mr. Hyde werde ich übrigens bei unserem nächsten Literaturtreffen vorstellen.

Wenn ich aufsah, konnte ich die braune Marone durch ihre bereits aufgeplatzte Hülle sehen. Zwischen den Stämmen erfasste mein Auge ein Amphitheater aus Hügeln, sonnenbeschienen und grün von Blättern.

Der letzte Rastplatz mit Modestine

Stevenson beschreibt diesen letzten Wandertag mit einer besonderen Mischung aus heiterer Gelassenheit und leiser Wehmut. Der Morgen ist sonnig, mächtige Kastanienbäume säumen den Weg, und die Landschaft strahlt eine friedliche Ruhe aus. Das Dorf, einst Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und den protestantischen Camisarden, erscheint ihm nun verschlafen und still.

Er beobachtet die mächtigen Kastanienbäume, hört die Früchte ins Gras fallen und blickt über die sonnenbeschienenen Hügel. Dabei gesteht er, dass er sich selten an einem Ort so tief zufrieden gefühlt habe. Es ist einer jener kostbaren Augenblicke, in denen nichts fehlt und nichts drängt. Leichtigkeit, Ruhe und innerer Frieden.

Doch Stevenson weiss, dass die gemeinsame Reise mit Modestine bald zu Ende sein wird. Er hat den Eindruck, dass die Eselin eine gewisse Zuneigung zu ihm entwickelt hat – und dass er sie nun enttäuschen wird. Oben auf dem Mont Saint-Pierre teilt er die letzte Mahlzeit ihrer gemeinsamen Reise mit ihr. Modestine frisst Brot aus seiner Hand.

Beim Lesen dieser Zeilen stellt sich eine leise Wehmut ein. Man kann Stevenson nachfühlen, wie schwer ihm der Abschied fällt. So viele gemeinsame Erlebnisse, so viele Schwierigkeiten, die sie miteinander überwinden mussten. Eine Reise ist eben mehr als die Summe ihrer zurückgelegten Kilometer.

Darin liegt für mich der innere Kern jeder langen Wanderung: das Überwinden der eigenen Trägheit, der Kampf mit der äusseren und der inneren Natur und schliesslich die Freude, wenn alle Herausforderungen gemeistert, alle Schritte getan und das Ziel erreicht ist.

Aber der Abschied lässt sich nicht aufschieben. Und es ist nicht nur der Abschied von Modestine. Es ist zugleich der Abschied von etwas, das sich nicht wiederholen lässt. Selbst wenn man eines Tages denselben Weg noch einmal gehen sollte, wäre es eine andere Reise.

Am Ende meiner Wanderung auf der Via de la Plata ging es mir ganz ähnlich. Ich zitiere aus meinem Buch:

Ich hegte erhebliche Zweifel, ob ich es bis nach Santiago schaffen würde – tausend Kilometer, weit über eine Million Schritte. Und doch habe ich es geschafft. Einen Schritt nach dem anderen, stets dem Horizont folgend: meistens geradeaus, mal bei sengender Hitze und grellem Licht, mal bei Regen und Sturm. Es war nicht immer leicht, doch niemals irgendetwas anderes als eine grossartige, wunderbare, einmalige Erfahrung.

Vielleicht ist es genau das, was lange Wanderungen so besonders macht. Man freut sich auf das Ziel – und weiss gleichzeitig, dass mit ihm etwas zu Ende geht.

Die Seidenraupenzucht

Saint-Étienne-Vallée-Française wäre eigentlich unser Treffpunkt mit den englischen Freunden John und Doulla gewesen. Leider wird daraus nichts. Aber wir stellen uns einfach vor, sie sässen mit uns am Tisch, wir würden lachen, schwatzen und gemeinsam eine gute Zeit verbringen. Vielleicht klappt es ja ein anderes Mal.

Das kleine Bergdorf ist allerdings nicht nur wegen seiner Lage in den Cevennen bemerkenswert. Es gehört zu einer Region, die einst ein bedeutendes Zentrum der französischen Seidenproduktion war.

Im 18. und 19. Jahrhundert spielte die Seidenraupenzucht in Saint-Étienne-Vallée-Française und den umliegenden Tälern eine wichtige wirtschaftliche Rolle. Zu vielen Bauernhöfen und traditionellen Wohnhäusern gehörte eine sogenannte Magnanerie, ein Raum oder ein eigenes Stockwerk für die Aufzucht der empfindlichen Seidenraupen.

Diese ernähren sich ausschliesslich von den Blättern des weissen Maulbeerbaums. Die Hänge der Cevennen waren deshalb einst von solchen Bäumen geprägt. Auch heute fallen sie in der Landschaft noch auf.

Doch wie in vielen anderen Regionen Südfrankreichs geriet die Seidenraupenzucht ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend in Schwierigkeiten. Seidenraupenkrankheiten vernichteten ganze Bestände. Später kamen die Konkurrenz durch importierte Seide und im 20. Jahrhundert der Aufschwung synthetischer Fasern hinzu. Ein einst wichtiger Wirtschaftszweig verlor nach und nach seine Bedeutung.

Das erinnert mich an El Cubo de Tierra del Vino auf dem Jakobsweg. Schon der Name weckt die Vorstellung von Weinbergen und reichen Ernten. Doch auch dort hat die Geschichte ihre Spuren hinterlassen: Im 19. Jahrhundert vernichtete die Reblaus zahlreiche Weinberge und bedrohte damit die wirtschaftliche Grundlage ganzer Dörfer.

Es ist der Lauf der Zeit. Was über Generationen hinweg den Wohlstand einer Region sichert, kann innerhalb weniger Jahrzehnte seine Bedeutung verlieren.

Nichts Neues

Wer hätte es anders erwartet? Wieder einmal führt der Weg über einen grobsteinigen Maultierpfad steil bergauf. Der Travelguide spricht von einem langen, schweisstreibenden Aufstieg.

Leider hat er recht. Wir kommen ganz schön ins Schwitzen. Besonders die Abschnitte über den blanken Fels der Schieferplatten machen den ohnehin anspruchsvollen Weg noch ein wenig mühsamer. Aber auch das ist nichts Neues unter der heissen Sonne am blauen Himmel.

Immerhin erreichen wir den Col de Saint-Pierre. Der höchste Punkt liegt zwar noch ein Stück vor uns, doch zwischen Steineichen, Kiefern und Wacholderbüschen folgen wir einem beinahe abenteuerlichen Gratweg bis zum Gipfel.

Aber hey, von jetzt an geht es bergab!

Über den Abstieg auf dem Schotterweg hinunter nach Saint-Jean-du-Gard gibt es nicht mehr viel zu berichten. Nach knapp neun Stunden haben wir ziemlich genug und sind redlich froh, unser Tagesziel endlich erreicht zu haben. Die Freude über das Ende der Etappe hält sich diesmal nicht lange mit landschaftlichen Betrachtungen auf.

Die Beine haben genug, die Gelenke vermutlich auch. Und der Gedanke an eine Dusche und ein bequemes Bett gewinnt zunehmend an Bedeutung.

Das Sesam öffnet sich nicht

Saint-Jean-du-Gard ist erstaunlich gross. Es dauert eine Weile, bis wir die Adresse unserer nächsten Unterkunft gefunden haben. Inzwischen sprechen wir ohnehin nicht mehr von Hotels. Auch wenn Chez Valérie côté Sud nach weiss ich was klingt, handelt es sich eben um eine weitere Unterkunft, deren Qualität sich erst noch herausstellen muss.

Schliesslich stehen wir vor der Tür, die sich uns eigentlich wie von Zauberhand öffnen sollte. Doch das Sesam bleibt verschlossen.

Wir haben von Valérie allerdings einen längeren Text auf Französisch erhalten, der uns erklären soll, wie wir hineinkommen. Also muss eine Übersetzungs-App her. Ich lese den französischen Originaltext vor, und die App soll gefälligst die deutsche Übersetzung ausspucken, damit wir endlich wissen, was zu tun ist.

Doch aus verschiedenen Gründen funktioniert das Ganze nicht auf Anhieb. Auch der zweite Versuch scheitert kläglich. Da öffnet sich plötzlich das Fenster im oberen Stockwerk. Eine Dame schaut heraus. Offenbar hat sie unsere Übersetzungsversuche mitgehört und öffnet uns die Tür. Ihr Schmunzeln lässt vermuten, dass sie unsere Bemühungen mitbekommen hat.

Das Appartement selbst ist, wie so oft auf unseren Reisen, eine Wundertüte. Man weiss nie genau, was einen erwartet. Aber diesmal dürfen wir zufrieden sein: Es erfüllt auf jeden Fall unsere Wünsche.

Und nach dieser langen Etappe ist das mehr als genug.

Recherche mit KI

Beim Nachtessen in einem nahe gelegenen Restaurant besprechen wir die letzte Etappe bis Alès. Wie bereits erwähnt, soll sie die anspruchsvollste des ganzen Wegs sein. Nach unseren Erfahrungen dürften wir also mindestens 9-10 Stunden auf zahlreichen Auf- und Abstiegen und Temperaturen bis 30 Grad unterwegs sein.

Wollen wir uns das antun?

Eher nicht.

Aber so ganz wollen wir die Etappe doch nicht verpassen. Der erste Abschnitt bis Mialet, knapp 8 Kilometer, wäre eine Chance, die Wanderung gemütlich ausklingen zu lassen. Anschliessend gibt es Busverbindungen bis Alès. Aber vielleicht gäbe es nach Mialet einen weiteren Wanderabschnitt bis zu einer nächsten Bushaltestelle, allerdings nicht auf der beschwerlichen Originalroute.

Gesagt getan, für solche Fragen gibt es schliesslich KI. Was nun folgt ist der endgültige Beweis dafür, dass die sogenannte künstliche Intelligenz eher eine künstliche Dummheit ist. Jede Antwort, die in Sekundenschnelle generiert wird, entspricht einer Art Halluzination, die bei der nächsten Frage sofort korrigiert wird.

Wenn wir uns also auf die KI verlassen hätten, wären wir irgendwo gestrandet, wo es alles gibt, nur nicht den Wanderweg, den sich die gute KI ausgedacht hat.

Also, der Entscheid fällt leicht – wir gehen bis Mialet und nehmen anschliessend den Bus bis Alès.

Und hier geht der Trail nun definitiv dem Ende entgegen …

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