St.-Jean-du-Gard – Alès

Wir erwachen und müssen mit Bedauern feststellen, dass heute unser letzter Wandertag anbricht. Eigentlich eine Schande, zumindest eine kleine. Hoffentlich wird sich das so schnell nicht wiederholen.

Ein kurzer Rückblick auf meine bisherigen fünf Weitwanderungen zeigt allerdings: Keine war so anstrengend wie diese. Die Via de la Plata war in anderer Hinsicht anspruchsvoll – lang, heiss, aber meistens flach. Der Fishermen’s Trail lässt sich kaum vergleichen: Er führte meist am Meer entlang, mit einigen Steigungen dazwischen, aber ohne grössere Höhenunterschiede. Die beiden Schweizer Weitwanderungen gingen zwar ebenfalls ständig auf und ab, waren aber nie übermässig anstrengend.

Gut, damit habe ich genügend Erklärungen und Entschuldigungen für unsere heutige Schande gefunden. Der Aufbruch zu dieser kümmerlichen Acht-Kilometer-Etappe fällt mir nun schon wesentlich leichter.

Von St.-Jean-du-Gard nach Mialet – Distanz: 7.8 km, Zeit: 2 Std. 53 Min. (inkl. Pausen)

Alles zum letzten Mal

Madame Valérie hat uns zwar zu früh geweckt, entschädigt uns dafür aber mit einem wunderbaren Frühstück.

Danach gibt es nicht mehr viel zu erledigen. Wir schultern zum letzten Mal unsere Rucksäcke, nehmen entschlossen die Wanderstöcke zur Hand und machen uns auf die letzten Kilometer. Eine gewisse Abschiedsstimmung ist bereits spürbar. Doch auch diese verkürzte Etappe lassen wir uns nicht nehmen. Wir wollen jeden Meter geniessen.

Es geht gleich ordentlich bergauf. Wäre ja gelacht, wenn uns nicht auch der letzte Abschnitt noch einmal tüchtig ins Schnaufen bringen würde.

Die anfängliche Teerstrasse geht bald in einen ruppigen Steinpfad über, der sich wenig später in einen wunderbaren Waldweg verwandelt. Ein typischer alter Maultierpfad, hoch über dem Tal.

Dann aber, wir können es kaum glauben, führt der Weg bereits wieder talwärts. Immerhin erwartet uns noch ein letzter anstrengender Abstieg. Das Dorf kommt in Sichtweite, und wie von selbst verlangsamen wir unser Tempo. Wir wollen das unwiderrufliche Ende unserer Wanderung noch ein wenig hinauszögern.

Le Pont des Camisards

Wieder einmal werden wir an die unseligen Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten erinnert, an den Aufstand der Camisarden, der diese Region bis heute prägt.

Das kleine Dorf Mialet gehört zu den bedeutenden historischen Schauplätzen des Kamisardenaufstands. Die unwegsame Landschaft mit ihren dichten Kastanienwäldern, tiefen Schluchten und weitverzweigten Höhlensystemen bot den Aufständischen ideale Verstecke, Schutzräume und Rückzugsmöglichkeiten.

Da die königlichen Truppen der Guerillataktik der Camisarden in diesem unwegsamen Gelände nur schwer beikamen, griffen sie zu einer brutalen Gegenstrategie: der «verbrannten Erde». Dörfer wurden niedergebrannt, ihre Bewohner vertrieben und zwangsumgesiedelt, um den Aufständischen die Unterstützung der Bevölkerung zu entziehen.

Die berühmte steinerne Brücke über den Gardon de Mialet erinnert ebenfalls an diese bewegte Geschichte. Der Pont des Camisards ist heute eines der Wahrzeichen der Region. Auch wenn die Brücke ihre heutige Form erst später erhielt, steht ihr Name sinnbildlich für den erbitterten Kampf um Glauben und Freiheit.

Mialet

Der kleine Ort Mialet ist der perfekte Schlusspunkt unserer Wanderung. Nicht gross, laut und geschäftig wie Alès, sondern beschaulich und beinahe verschlafen, als hätte das Dorf die Gegenwart einfach vergessen. Von den knapp 700 Einwohnern ist um die Mittagszeit kaum jemand zu sehen oder zu hören. Beim Gang durch die engen Gassen ist das leise Echo unserer Schritte das einzige Geräusch.

Es gibt keine Eile mehr. Wir gönnen uns ein nachdenkliches Mittagessen in der Nähe der Bushaltestelle. Der Himmel ist so blau, wie er nur sein kann, als wolle er sich mit einem letzten Gruss von uns verabschieden.

Und damit endet unsere Wanderung auf dem Stevensonweg.

Am Nachmittag bringt uns der Bus nach Alès. Morgen fahren wir nach Hause. Die Zugverbindungen sind gebucht, es gibt kein Entkommen mehr.

Alés

Die Stadt ist wesentlich grösser, als ich erwartet habe. Die moderne Welt, der wir für einige Tage entflohen sind, empfängt uns mit Grossstadthektik, Lärm und schlechter Luft.

Andererseits sind wir den Verlockungen dieser Zivilisation keineswegs abgeneigt. Anderes Essen, neue Eindrücke, eine völlig andere Atmosphäre – auch das hat seinen Reiz. Wir geniessen den Wechsel. Das Hotel Ibis mit seinen Annehmlichkeiten bildet einen echten Kontrapunkt zu Valéries bescheidener Unterkunft, auch wenn wir ihre kleine Wohnung bereits ein wenig vermissen.

So sitzen wir am Nachmittag in einer Gartenwirtschaft, vor uns ein Bier, ringsherum geschäftiges Chaos, Hupen, Motorendröhnen und laute Stimmen.

Alles gut.

Am nächsten Morgen haben wir alle Zeit der Welt. Geschenke kaufen, spazieren gehen, ein wenig chillen. Kein Rucksack muss gepackt werden, keine Etappe wartet auf uns. Nach dem Mittagessen machen wir uns auf zum Bahnhof. Noch ein paar letzte Bilder der beiden Wanderhelden, dann geht es mit dem Zug nach Nîmes und später mit dem TGV weiter nach Mulhouse.

Erst ziemlich spät am Abend kommen wir in Zürich an. Abschied voneinander, wehmütig.

Und dann bin ich zu Hause.

Und hier geht die Reise weiter … immer weiter, doch wohin wird sich zeugen; die Welt ist gross …

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