Von Le Bouchet nach Pradelles
Ich habe es geahnt: Trotz der angenehmen Umgebung in meiner Roulotte friere ich wie ein Schlosshund, sobald ich das Bett mit den warmen Decken verlasse – und das geschieht leider wie üblich mehrmals in der Nacht. Also sofort wieder zurück an die Wärme, sonst droht Schüttelfrost.
Natürlich bin ich der Nachzügler beim Frühstück. Alle sind schon da, in perfekter Morgenlaune. Wie kann jemand am frühen Morgen schon derart gut gelaunt sein? Ein altes Rätsel, das mich immer mal wieder einholt.
Ich habe gestern Abend vergessen zu erwähnen, dass auch ein älteres deutsches Ehepaar am Tisch sass. Man erzählte mir, dass die beiden mit einem Esel unterwegs sind. Heute Morgen sitze ich neben ihnen und will natürlich alles wissen. Sie erzählen lachend von den vielen Problemen und den Lösungen, die sie jeweils per Telefon bei der Eigentümerin des Esels einholen müssen. Offenbar ist das Wandern mit einem Esel nicht ganz so unkompliziert, wie es auf den ersten Blick aussieht.
Das klingt gut
Offenbar erwartet mich heute eine Etappe, die fast durchgehend über das vulkanische Devès-Plateau führt. Ich lese, dass dieses Teilstück im Vergleich zu den steilen Tälern der kommenden Tage landschaftlich sanfter sei, spürbar weniger Höhenmeter aufweise und sich zügig wandern lasse. Die steilen Täler der kommenden Tage?
Das will ich heute noch gar nicht wissen.

Nach dem Aufbruch in Le Bouchet-Saint-Nicolas verläuft der Weg weitgehend eben auf einer Höhe zwischen 1.100 und 1.200 Metern. Weite Feldwege, Wiesen, Pinienwälder und die typischen roten Vulkanerden prägen die Landschaft.
Also daran könnte ich mich gewöhnen. Die Wörter „eben“ und „weite Feldwege“ wecken sofort Hoffnungen auf eine wirklich angenehme Etappe.
Unterwegs passiert man kleine, ruhige Weiler wie Landos oder Jagonas. Die Region ist bekannt für den Anbau von Linsen und Kartoffeln. Das mit den Linsen vergessen wir schon mal.
Nun gut, das klingt alles ziemlich positiv. Beim Aufbruch merke ich allerdings, dass mein Rucksack wieder einmal schief hängt, was mit einiger Wahrscheinlichkeit zu meinen Rückenschmerzen beigetragen hat. Es erinnert mich an den Camino und an den Spanier, der mich damals auf das gleiche Problem aufmerksam machte. Lerne ich das eigentlich nie?
Man kennt sich

Le Bouchet habe ich nicht wirklich kennengelernt. Letztendlich ist es einfach ein Dorf wie viele andere, und wenn es nicht am Stevensonweg liegen würde, wäre seine Unbekanntheit noch ein wenig grösser.
Nach ein paar Häusern zweigt der Weg auf eine langgezogene Gerade ab, eben, ohne Steine und Gräben – eine Wohltat. Es erinnert mich wieder einmal an den Camino, und gleich fühle ich mich richtig gut.
Was alte Erinneungen doch auslösen können.
Und Monsieur Stevenson hinterlässt wie immer seine Spuren – heute in Gestalt einer überdimensionierten Holzskulptur. Man verneigt sich in Respekt.


Manchmal überholen mich Wanderer. Tatsächlich nickt man sich zu, lächelt – Bekannte vom Dinner gestern Abend. Aber alle sind schneller als ich.
Der Stress verzieht sich
Manchmal merkt man spät, meistens zu spät, dass man ein Problem hat, dass irgendetwas aus der Balance geraten ist. Dabei sind die Symptome klar: Unruhe, gestörter Schlaf, schlechte Laune.
Habe ich mich übernommen? Obwohl ich versucht habe, Pausen einzulegen und nicht zu übertreiben, den Ball niedrig zu halten?
So denkt der einfältige Mann und gibt allem die Schuld – nur nicht sich selbst.
Natürlich ist alles, was momentan auf der Welt geschieht, nicht gerade förderlich für ein entspanntes Gemüt. Schlechte Nachrichten überall, auch wenn längst klar ist, wie die Medien damit spielen. Aufmerksamkeit ist das Allheilmittel der Gegenwart.
Trotzdem vermag man in der Gesellschaft eine unter der Oberfläche liegende Beunruhigung zu erkennen. Auch bei sich selbst. Putin. Ukraine. AfD. Trump. Irankrieg. Klimawandel. KI. Migration …
Aber ich habe mich auch selbst bis ans Limit getrieben. Baustellen überall, nichts geht vorwärts, und das kann ich nicht ausstehen.

Dann aber sitze ich unter einer riesigen Kastanie, kaue auf einem Stück Brot herum und merke, wie sich der Stress langsam verzieht. Ich fühle mich wieder so, wie ich es gewohnt bin. Sogar das letzte Alarmzeichen meines Körpers, das Lidzucken, ist verschwunden.
Ein paar Tage nichts denken, nur wandern, schöne Aussichten und Wege – und die Seele beruhigt sich.
Ich bin froh, dass meine Methoden zur Heilung solcher seelischen Verirrungen immer noch funktionieren.
Kurz gesagt: Wandern hat zahlreiche Vorteile bei der Bewältigung von Stress. Es wirkt sich positiv auf die mentale Gesundheit aus, reduziert Stresshormone und fördert die Entspannung.
Aber das weiss ich eigentlich schon lange.
Ein Esel aus Blech
Es wird hügeliger, wieder rauf und runter. Keine Wolken, einfach schön, auch wenn mich der blöde Wind mal wieder ärgert.
Immer wieder tauchen Erinnerungen an den waghalsigen Begründer des Weges auf. Heute begegnet mir immerhin ein Esel aus Blech.

Ich weiss nicht, ob Modestine daran Freude gehabt hätte.
In Landos genehmige ich mir einen Kaffee in einem Restaurant, das vollgepackt ist mit Wanderern – wobei es vielleicht auch nur Einheimische sind, die so aussehen.

Man teilt mir mit, dass es im Dorf eine romanische Kirche namens Église Saint-Félix zu bewundern gebe. Aber ich lasse die Bewunderung weg und geniesse lieber meinen Kaffee, der die Gedanken an staubtrockene Gemäuer schnell verstummen lässt.
Dann geht es weiter, zwischen verstreuten Häusern und Weilern, in Richtung Tagesziel. Nach einem eindrücklichen Viadukt gilt es, eine Bahntrasse zu unterqueren. Mal ein Bach, mal ein Aufstieg und, erwartungsgemäss, anschliessend wieder ein Abstieg. Man bekommt den Eindruck, dass sich der Weg alle möglichen Varianten ausdenkt, um den Wanderer entweder zu erfreuen oder zu ärgern.



Pradelles – eines der schönsten Dörfer Frankreichs
Pradelles kommt in Sicht, ebenso das Hotel Le Ponant. Natürlich geschlossen. Sorry, wieder einmal die falsche Tür erwischt. Eine Dame an der Rezeption macht mich mit den Anforderungen des Etablissements bekannt: Schuhe und Stöcke bleiben unten. Man will den Dreck des Weges im Parterre lassen.
Ich kämpfe mich schnaufend zur obersten Etage hinauf. Entgegen meinen Befürchtungen ist das Zimmer nicht nur schön, sondern bietet auch einen herrlichen Blick auf die Landschaft, die das Dorf umgibt.
Bier und La Renaissance
Das wie immer ersehnte Bier gibt dem Tag seine endgültige Würze. Ein wie immer nachdenklicher, glücklicher Moment, in dem alles Gute des Tages zusammenkommt.
Es gäbe noch weitere Highlights zu bewundern, zum Beispiel ein Dorfbrunnen, den ich jedem Dorf wünschen würde., doch der Wind treibt mich bald zurück ins Hotel.

Merkwürdigerweise gibt es am Abend nur ein einziges geöffnetes Restaurant. Dafür ist es das schönste im ganzen Ort: La Renaissance.

Das Restaurant ist proppenvoll. Man wirft mir lächelnde Blicke zu – schon wieder Bekannte.
Die Wirtin, eine ältere Dame mit Benzin in den Adern, ist allein. Sie offeriert mir irgendein Menü, das ich selbstverständlich nicht verstehe. Es entpuppt sich als Kartoffelgratin, dazu jede Menge verschiedener Würste und Salat. Ich bescheide mich mit dem hervorragenden Gratin und entschuldige mich schon mal dafür, dass ich die hervorragenden Würste verschmähe.
Ein Ziegenzüchter
Am Nebentisch sitzt ein junges Ehepaar. Wie sich herausstellt, heissen die beiden Laura und Régis, und schon kommt man ins Gespräch.
Régis züchtet Chèvres, also Ziegen – nicht Schafe, wie ich zunächst glaube –, irgendwo in der Creuse, wo immer sich dieser Ort befinden mag. Die beiden sind auf dem Weg zur Hochzeit seines Bruders.
Was soll ich sagen? Trotz meiner Müdigkeit, die auch noch den letzten Fetzen meiner Französischkenntnisse verblassen lässt, entwickelt sich ein sehr angenehmes Gespräch.
Wieder einmal eine Bekanntschaft, die man gerne näher kennenlernen würde, von der man aber weiss, dass sie nur für kurze Zeit besteht.
Und hier geht der Weg weiter … nur bis Langogne