St. Julien d’Arpaon – St. Germain-de-Calberte
Seit wir uns im Tal der Mimente bewegen, befinden wir uns im historischen Kerngebiet des Camisardenaufstands, jenem protestantischen Aufstand, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Cevennen erschütterte.
Auch Stevenson war von dieser Gegend und ihrer Geschichte fasziniert. Den Freiheitskampf der protestantischen Camisarden verglich er mit jenem der schottischen Covenanters aus seiner Heimat. Beim Vorbeiziehen an Ruinen und alten Dörfern dachte er über die blutigen Kämpfe, die religiöse Verfolgung und den unerschütterlichen Glauben jener Menschen nach, die einst in diesen abgelegenen Tälern Zuflucht gesucht hatten.
Saint-Germain-de-Calberte schilderte er als ein einladendes, beinahe mediterran anmutendes Dorf. Nach dem beschwerlichen Marsch fand er dort ein gutes Wirtshaus, ordentliches Essen und eine erholsame Unterkunft vor.
Na also! Mindestens ein Ziel, für das es sich lohnt, ein bisschen zu schwitzen.

Tunnels und Brücken und alte Geleise
Darauf haben wir uns gefreut: Der Weg folgt abschnittsweise einer ehemaligen Eisenbahntrasse. Entlang des Flusses Mimente geht es durch alte Tunnel, über Brücken und vorbei an eindrucksvollen Bauwerken aus einer Zeit, als die Eisenbahn auch die abgelegenen Täler der Cevennen erschloss.
Die ehemalige Ligne de Florac à Sainte-Cécile-d’Andorge wurde von der Compagnie de chemins de fer départementaux als eingleisige Schmalspurbahn erbaut und 1909 eröffnet. Als Stevenson 1878 mit seiner Eselstute unterwegs war, existierte diese Bahnlinie noch nicht. Er musste sich mit den damaligen Saumpfaden und Talwegen begnügen.

Die Bahn sollte die abgelegene Lozère und die Kleinstadt Florac über das Tal der Mimente mit dem grösseren Eisenbahnnetz bei Sainte-Cécile-d’Andorge verbinden, von wo aus Verbindungen Richtung Alès und Nîmes bestanden. Sie transportierte Güter und Passagiere aus den abgeschiedenen Cevennen-Tälern, darunter Holz, Kastanien und andere regionale Erzeugnisse.
Mit dem Aufkommen von Autos und Bussen verlor die Bahn nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend an Bedeutung. 1968 wurde der Betrieb endgültig eingestellt, später wurden die Schienen abgebaut.
Der Weg bis Cassagnas ist angenehm zu gehen. Grössere Steigungen bleiben aus, und wir kommen zügig voran. Schliesslich erreichen wir den Abschnitt der ehemaligen Bahntrasse.
Besser könnten wir es kaum treffen. Wie bei stillgelegten Bahnlinien üblich, verläuft der Weg mit nur geringer Steigung durch das Tal. Wir können entspannt marschieren, ohne ständig auf- und absteigen zu müssen.



Entlang der Strecke begegnen uns zahlreiche Bogenbrücken und Natursteinviadukte, die das Tal überspannen und immer wieder schöne Ausblicke auf die Mimente freigeben. Dazu kommen mehrere Eisenbahntunnel, die einst mühsam in den Fels getrieben wurden und uns heute eine willkommene Abwechslung bieten.
Es ist ein ganz besonderer Abschnitt des Stevensonwegs: Natur, Eisenbahngeschichte und ein Hauch von industrieller Romantik.
Ein kleines Dorf
Nach gut zwei Stunden erreichen wir Cassagnas. Viel zu sehen gibt es tatsächlich nicht. Dass wir hier keine Übernachtungsmöglichkeit gefunden haben, überrascht uns nun nicht mehr. Der Ort besteht aus einigen älteren Natursteinhäusern, die sich in die Berglandschaft schmiegen.
Stevenson beschrieb Cassagnas als eine Gruppe dunkler Dächer am Berghang, eingebettet in Kastaniengärten und überragt von zahlreichen Felsgipfeln.
Über eine gesperrte Brücke beginnt nun der eigentliche Aufstieg in Richtung Saint-Germain-de-Calberte. Nach Cassagnas verlassen wir das Tal und steigen auf einem breiten, meist mässig ansteigenden Weg in die waldreichen Höhen der Cevennen hinauf. Der Pfad führt durch den Forêt de Fontmort, vorbei an Farnen und Bäumen, bis zum Col de la Pierre Plantée auf rund 891 Metern Höhe.



Neolithische Gräber
Nun erwartet uns ein besonderes Highlight der heutigen Etappe: die steinzeitlichen Gräber.
Die Höhenzüge rund um Saint-Germain-de-Calberte und den nahe gelegenen Col de Fontmort bergen zahlreiche archäologische Zeugnisse aus vorgeschichtlicher Zeit. Dazu gehören Megalithgräber und sogenannte Steinkisten, die auf die Jungsteinzeit zurückgehen.
Bei den Steinkisten handelt es sich um kleine Grabkammern, die aus aufrecht stehenden Steinplatten zusammengesetzt wurden. Ursprünglich waren sie vermutlich von Erd- und Steinhügeln bedeckt. Solche Gräber geben uns einen Einblick in die Bestattungskultur jener Menschen, die vor Jahrtausenden in dieser Landschaft lebten.


Auch in der weiteren Umgebung finden sich markante Menhire, aufrecht stehende Einzelsteine, deren genaue ursprüngliche Funktion sich nicht immer bestimmen lässt. Sie könnten rituellen Zwecken gedient haben oder als Markierungen in der Landschaft verwendet worden sein.
Es ist ein seltsames Gefühl, auf diesen alten Höhenwegen unterwegs zu sein und plötzlich vor Zeugnissen einer Zeit zu stehen, die Tausende von Jahren vor Stevenson liegt. Menschen haben diese Gegend durchwandert, lange bevor es Strassen, Eisenbahnen oder markierte Wanderwege gab.
Wir sind beeindruckt und geniessen die Aussicht.



Wo ist unser Hotel?
Nach der Passhöhe führt der Weg wieder bergab, durch terrassierte Hänge und Kastanienhaine. Saint-Germain-de-Calberte empfängt uns mit seinen gut erhaltenen Schieferhäusern und einer entspannten, beinahe mediterranen Atmosphäre. Über dem Dorf thronen die historische Kirche und das Château Saint-Pierre, dessen Ursprünge bis ins Mittelalter zurückreichen.

Zunächst aber müssen wir unser Hotel finden. Das Dumas Saint-Germain-de-Calberte hat mir bereits bei der Reservation einige Schwierigkeiten bereitet. Nun setzt sich die Geschichte vor Ort fort.
Es handelt sich nämlich nicht um ein gewöhnliches Hotel, sondern um eine Wohnung in einem privaten Gebäude. Nach einigen Suchaktionen stehen wir endlich vor der richtigen Adresse. Nur scheint niemand zu Hause zu sein.
Schliesslich öffnet uns eine junge Dame die Tür. Sie ist selbst lediglich Gast im Haus, zeigt uns aber freundlicherweise unsere Gemächer.
Bei einem ersten Bier in der Kneipe gegenüber taucht schliesslich auch die Vermieterin auf. Sie hat eine Überraschung für uns: Sie bietet uns ein von ihr vorbereitetes Abendessen an. Wenig später sitzen wir in der winzigen Küche. Vor uns stehen Tomatensalat, Würste, Kartoffeln und Bohnen, zum Dessert gibt es Kuchen.
Man könnte es durchaus schlimmer treffen.
Und hier geht der Trip weiter … nach St. Jean-du-Gard