Von Laveyrune nach La Bastide
Heute Abend erwartet mich das Maison Calme. Zwar hat auch die Colonie de Vacances trotz der vielen Gäste für wohltuende Stille gesorgt, aber ein ganzes stilles Haus nur für mich allein? Das dürfte schwer zu toppen sein.
Aber mal sehen.
Da mir der gestrige ungeplante Ausflug nach Laveyrune die heutige Etappe um drei Kilometer verkürzt hat, steht mir eine vergleichsweise kurze Wanderung nach La Bastide bevor.
Zunächst geht es auf einem alternativen Weg hinter der Colonie bergauf. Der Pfad führt erst geradeaus, um sich anschliessend in merkwürdigen Schleifen zu verlieren, als hätte er selbst die Orientierung eingebüsst. Jedenfalls muss man sich gut überlegen, welchen Markierungen man folgen soll.
Ganz oben wartet eine herrliche Aussicht: weit und endlos erstrecken sich die grünen, braunen und gelben Ebenen, nur gelegentlich von Wäldern und Tälern durchzogen.


Unterwegs komme ich mit einem deutschen Paar ins Gespräch: Barbara und Karl. Man findet sich sympathisch, hat allerhand zu erzählen, und bald sind wir mitten im Gespräch. Die beiden haben wie ich die besten Jahre hinter sich, machen aber einen ausgesprochen fitten Eindruck – so wie eigentlich alle, denen ich hier begegne.
Weiter geht es durch Felder und Wälder. Das Wandern ist angenehm, doch dass ich gleich zweimal in die falsche Richtung marschiere, gehört offenbar zu den heutigen Irrungen und Wirrungen. Wird das irgendwann besser? Ich bezweifle es. Es gibt offenbar Dinge, die man besser nicht hinterfragt. Sie sind einfach, wie sie sind.


L’Abbaye Notre-Dame-des-Neiges
In seinem Reisebericht schildert Stevenson seinen Aufenthalt in der Trappistenabtei Notre-Dame-des-Neiges.

Trotz der strengen, von Schweigen geprägten Lebensweise der Mönche wird er freundlich aufgenommen und gastlich bewirtet. Als schottischer Protestant trifft er im Kloster auf einen pensionierten Offizier und einen Landpfarrer, die sich beide als Gäste dort aufhalten. In ihren Gesprächen versuchen sie mit beträchtlichem Eifer, ihn vom katholischen Glauben zu überzeugen und zur Konversion zu bewegen. Schliesslich geht es, wie sie ihm erklären, um nichts Geringeres als die Rettung vor dem ewigen Höllenfeuer.
Stevenson zeigt sich beeindruckt von der Disziplin, der Stille, der harten Arbeit und dem einfachen Lebensstil der Mönche. Ihr streng geregeltes Leben betrachtet er allerdings mit einer Mischung aus Respekt und wohldosierter Skepsis.
Kaffee und Kuchen
Der Gebäudekomplex ist riesig. Das Kloster wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Trappistenmönchen gegründet. Ein verheerendes Feuer zerstörte Anfang des 20. Jahrhunderts die ursprünglichen Gebäude, woraufhin die Anlage wieder aufgebaut wurde. Wegen des Nachwuchsmangels und der zunehmenden Überalterung der Gemeinschaft verliessen die Trappisten Ende 2021 das Kloster. Ende 2022 übernahm eine Gruppe von Zisterzienserinnen aus dem Kloster Boulaur die Abtei.
Traditionell betreibt das Kloster einen eigenen Hofladen und bietet auch Räumlichkeiten für Pilger und Menschen an, die Ruhe und Einkehr suchen. Ich hätte hier also eine ideale, wenn auch etwas spezielle Übernachtungsmöglichkeit gefunden. Die Abtei ist bis heute eine bedeutende Station für Wanderer auf dem Stevensonweg.
Das klingt alles interessant. Allerdings ist mir die Lust auf sakrale Bauten spätestens auf dem Jakobsweg gründlich vergangen. Und wenn ein Restaurant verspricht, müde Wanderer kulinarisch zu verwöhnen, ist das Fleisch einmal mehr williger als der Geist.
Ich trete hoffnungsfroh ein und glaube schon, das unwiderstehliche Aroma frisch gebrühten Kaffees zu riechen. Dazu gesellt sich ein anderer, ebenso verführerischer Duft: etwas Süsses, genau das Richtige, um meinen auf null gesunkenen Blutzuckerspiegel wieder in schwindelerregende Höhen zu treiben.
Und tatsächlich: Auf der Theke reihen sich allerlei verführerisch aussehende Backwaren aneinander. Die Wahl fällt schwer. Schliesslich entscheide ich mich für ein rundes Gebäck mit Zitronencreme und Meringue.

Ich setze mich in den Garten. Der Kaffee ist heiss und kräftig. Dann beisse ich in das Gebäck.
Was ich in den nächsten Minuten zu mir nehme, darf man nicht einfach als profanes Gebäck bezeichnen. Und was ich tue, ist weit mehr als blosses Essen. Es ist reiner, archaischer Genuss, eine beinahe boshafte Versuchung für die Geschmacksnerven, der nicht einmal der heilige Antonius widerstehen könnte.
Meine deutschen Freunde Barbara und Karl sitzen am Nebentisch. Sie werden die Nacht hier verbringen. Wäre das eine Alternative zu meinem Maison Calme gewesen? Wir lassen die Frage offen.
Falsche Entscheidungen
Manchmal bin ich schon beinahe überzeugt, meine Vorliebe für falsche Entscheidungen endgültig hinter mir gelassen zu haben. Aber das ist ein Irrtum. Warum ich nach dem Kloster nicht wie schon den ganzen Tag der Stevenson-Route folge, sondern mich für einen vermeintlich kürzeren Weg entscheide, weiss ich selbst nicht. Jedenfalls bin ich schon nach einer Viertelstunde überzeugt, dass ich die falsche Abzweigung erwischt habe.
Sogar meine App scheint meine Zweifel zu teilen. Ob absichtlich oder nicht: Die Entfernung zur Originalroute wird von Minute zu Minute grösser. Und am Ende bleibt mir nichts anderes übrig, als die letzten Kilometer entlang einer stark befahrenen Strasse zurückzulegen. Erst in La Bastide kann ich endlich aufatmen.
La Maison Calme
Auf den ersten Blick scheint das Maison Calme tatsächlich seinem Namen alle Ehre zu machen. Es liegt etwas oberhalb des Dorfes, zwischen verstreut stehenden Häusern, bei denen man in der Schweiz vermutlich von Zweitwohnungen sprechen würde.
Der Hauseigentümer hat mir per Mail erklärt, wie ich die Tür öffnen kann. Dass ich den Schlüssel allerdings unter einem kleinen Stein am Boden suchen muss, ist schon ziemlich skurril.
Die Wohnung ist gross, geradezu riesig für eine einzelne Person. Ich mache mich breit, denn dazu bietet sie tatsächlich genügend Platz. Als Erstes möchte ich eigentlich meine Wäsche erledigen. Die entgangene Waschmaschine in Luc – genauer gesagt im weit entfernten Luc – macht sich zunehmend bemerkbar, vermutlich inzwischen auch olfaktorisch.
Waschen mit Hindernissen
Nur: Wo finde ich ein Lavabo oder etwas Ähnliches? Und vor allem: Wo gibt es heisses Wasser? Denn das, was aus dem Hahn kommt, ist alles andere als heiss. Ein Mail an den Hauseigentümer soll Klarheit schaffen. Ich möge doch bitte in den oberen Stock gehen, dort sei alles vorhanden.
Im oberen Stock? Nun gut, tatsächlich gibt es eine Treppe, die zu einer Tür hinaufführt. Dahinter öffnet sich ein grosser Raum mit einem ellenlangen Tisch und zahlreichen Türen, die in irgendwelche Zimmer führen.
Wo bin ich hier bloss gelandet?
Immerhin finde ich im Badezimmer tatsächlich ein Lavabo mit heissem Wasser. Während ich noch wasche und spüle, öffnet sich plötzlich die Tür, und eine ganze Horde Menschen fällt herein. Etwas irritiert nicke ich ihnen zu und mache weiter, bis ein älterer Herr in Unterhosen beschliesst, nun eine Dusche nehmen zu wollen.
Jetzt bin ich endgültig irritiert. Ich ergreife die Flucht und hänge meine nasse Wäsche draussen zum Trocknen auf.
Wie bereits erwähnt, ist die Wohnung gross, modern und mit allem ausgestattet, was man sich wünschen könnte. Ich tippe darauf, dass sie einem vermögenden Franzosen gehört, der sie untervermietet.
Einen längeren Aufenthalt könnte man sich durchaus vorstellen. Allerdings gibt es ein paar wesentliche Kleinigkeiten, die gewaltig auf den Sack gehen. Da wäre zunächst die Dusche. Weil ein Duschvorhang fehlt, kann man sich noch so viel Mühe geben: Nach dem Duschen steht das Badezimmer, gelinde gesagt, unter Wasser. Frottetücher gibt es ebenfalls keine.
Das Ganze ist also eine Art Perfektion in der Theorie, die in der praktischen Umsetzung noch etwas Luft nach oben lässt.
Dinner unter Freunden
Das Geheimnis des grossen Tisches im oberen Stock lüftet sich beim Nachtessen. Offenbar sind sämtliche Zimmer belegt, die meisten davon ziemlich klein – jedenfalls, wenn ich sie mit meiner eigenen Residenz vergleiche.
Inzwischen kenne ich einige der Gäste. Sie haben wie ich die vergangene Nacht in der Colonie verbracht. Zu meiner besonderen Freude ist auch meine Freundin wieder dabei, die schon gestern Abend dem Grand-père, der kaum ein Wort versteht, über die sprachlichen Hürden hinweggeholfen hat.
Ich verfluche diese verdammte Sprache. Gleichzeitig wachsen mir die Franzosen von Tag zu Tag mehr ans Herz.
Doch dann verabschiedet sich der Grossvater mit den Worten: «Le grand-père va à la maison.» Die Runde quittiert seinen Aufbruch mit viel wohlwollendem Gelächter.
Und hier geht die Wanderung weiter … nach Chasseradés, wo ich meinen Bruder treffen werde