Von Le Pont de Montvert nach Florac

Heute also die längste und anstrengendste Etappe. Immerhin gibt es eine Abkürzung, was beruhigend klingt. Sie verkürzt die Strecke um vier bis fünf Kilometer – für mich alten Herrn eine durchaus willkommene Erleichterung.

Von Le Pont de Montvert nach Florac – Distanz: 25.8 km, Zeit: 9 Std. 55 Min. (inkl. Pausen)

Ohne Abkürzung wären gut 30 Kilometer zu bewältigen, mit 900 Höhenmetern im Aufstieg, über 1000 Metern im Abstieg und einem permanenten Auf und Ab. Aber wie gesagt: Wir schlauen Kerle finden eine Lösung.

Barbara und Karl sitzen ziemlich entspannt am Frühstückstisch. Sie legen einen Ruhetag ein und wollen sich anschliessend ein Stück den Berg hinauf chauffieren lassen. Recht haben sie. Allerdings dürfte dies wohl unser letzter gemeinsamer Morgen gewesen sein. Der Abschied fällt nicht leicht, auch wenn man sich erst seit wenigen Tagen kennt.

Keuchen und Fluchen

Wir verlassen das malerische Dorf am Fuss des Mont Lozère und steigen zunächst aus dem Tal hinauf. Anders als Stevenson, der die gesamte Etappe entlang des Tarn zurücklegte, erwartet uns gleich nach dem Aufbruch ein steiler, kräftezehrender Anstieg auf den Kamm des Bougès.

Kaum haben wir uns vom Hotel verabschiedet und die Wanderstöcke zur Hand genommen, beginnen auch schon die steilen Serpentinen. Natürlich sind wir nicht die Einzigen auf dem Weg. Aber ich bin ziemlich sicher einer von denen – vielleicht sogar der einzige –, die sich im Schneckentempo den Hang hinaufarbeiten.

Da fragt man sich zum tausendsten Mal, warum man sich das eigentlich antut. Freude an der Anstrengung? Lust am masochistischen Leiden? Befriedigung darüber, die eigene Trägheit zu überwinden? Vielleicht ist es eine Mischung aus allem.

Wie auch immer: Unter mir bleibt das Dorf zurück und verschwindet schliesslich ganz aus dem Blickfeld. Dafür nehme ich eine ganze Reihe schöner Erinnerungen mit: hervorragende Verpflegung, ein gemütliches Zimmer, gutes Bier und angenehme Gesellschaft.

Mehr kann man nicht erwarten.

Le Pont de Montvert

Was interessieren mich die anderen? Mein einziger Schrittmacher ist der Puls, und der soll gefälligst niedrig bleiben. Also quäle ich mich auch heute den steinigen Weg hinauf. Überraschenderweise scheint sich mein Körper allmählich daran zu gewöhnen. Ich rechne schon gar nicht mehr mit angenehmen, flachen und breiten Wegen, auf denen man wie auf Daunen dahingleitet.

So ist es halt: Der Mensch gewöhnt sich an alles.

Carol from Austin/Texas

Auch ohne Daunen wird es weiter oben allmählich besser. Walti, der mir regelmässig um Minuten enteilt, wartet auf mich. Schon haben wir uns die erste verdiente Pause eingehandelt.

Noch weiter oben spricht mich eine junge Frau an. Sie stellt sich als Carol from Austin, Texas, vor. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist freundlich und aufgeschlossen, wie viele Amerikaner, denen man unterwegs begegnet. Wir plaudern ein wenig über dies und das, doch weshalb es sie ausgerechnet hierher verschlagen hat, finde ich nicht heraus.

Die Begegnung erinnert mich an den Fishermen’s Trail vor einem Jahr. Damals hatte sich eine ebenso junge und charmante Amerikanerin bei mir beinahe für ihre Herkunft entschuldigt.

Nun ja, sie können schliesslich nichts dafür, dass ihr Land von einem Hohlkopf erster Ordnung regiert wird.

Carol entschwindet meinem Blickfeld. Und weg ist sie – auf Nimmerwiedersehen.

Auf und Ab

Solange ich das Gefühl habe, dass mein Körper noch einigermassen zuverlässig funktioniert, ist die Welt in Ordnung. Selbst die schlimmsten Wege, die gröbsten Steine und die steilsten Anstiege können mir dann die Freude an der Bewegung nicht verderben.

Genau das macht für mich einen wesentlichen Teil des Wanderns aus. Es ist nicht bloss ein Vergnügen, sondern trägt auch dazu bei, dass man im Alter körperlich und geistig in Schwung bleibt.

Die Route hat jedenfalls alles im Angebot, was ein Wandertag an Abwechslung zu bieten vermag. Es geht wieder hinunter – muss das wirklich sein? –, nur um kurz darauf, wen wundert’s, erneut bergauf zu führen. Wunderbare, einfache Wege wechseln sich mit Betonpisten ab, lauschige Waldabschnitte mit steilen, miserablen Pfaden voller Steine und Felsen.

Aber all das ist plötzlich nebensächlich, als wir am Col de la Planette einen perfekten Platz für unser Picknick entdecken.

Der Ort ist geradezu ideal: ringsum unzählige Steinpyramiden, schattenspendende Föhren und Fichten und ein leichter Wind, der uns um die Ohren streicht. Für einen Moment haben wir das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein.

Komparsen

Manchmal kommt mir die Wanderung durch diese Landschaft wie ein Dokumentarfilm vor, in dem die Schönheit der Landschaft, das weite Land, die Wege und die Steine und die Bäume die Hauptrolle spielen und mittendrin, gelegentlich sichtbar, dann wieder vom Wald verschluckt, zwei Wanderer als Komparsen. Und während man stetig aufwärts geht, stellt man sich den Gipfel vor, die Rundsicht, die Weite – und wird nicht enttäuscht.

Eine Gruppe junger Französinnen hat sich auf dem Gipfel versammelt. Es wird gelacht und geschwatzt. Eines der Mädchen spricht uns an und wechselt rasch ins Englische, als es unser suboptimales Französisch bemerkt.

Ein paar Minuten lang sind wir gemeinsam unterwegs. Dann sind ihr die beiden alten Herren offenbar definitiv zu langsam. Auch sie verschwindet aus unserem Blickfeld.

Schade, dass man an solchen Orten nicht länger verweilen kann. Man müsste sich einfach hinsetzen, den Blick über die sanft geschwungene Landschaft schweifen lassen und die Weite geniessen, die sich bis zum Horizont erstreckt.

Aber eben: Der Weg ist noch lang. Keine Zeit, sich von der Schönheit der Welt aufhalten zu lassen.

Es überrascht deshalb kaum, dass wir an diesem Tag nur mühsam vorankommen. Nach fünf Stunden haben wir gerade einmal zehn Kilometer geschafft – von geschätzten 25 wohlgemerkt.

Wir müssen einen Gang höher schalten und nehmen unser Mittagessen deshalb eher hastig als genüsslich ein.

Dann geht es weiter, ein Bein vor das andere, auf einem ausserordentlich schlechten Weg steil bergab. Mit Wanderfreude hat dieses mühsame Hinunterkriechen nicht mehr viel zu tun. Aber wir haben keine Wahl.

Grüsse vom Jakobsweg

Weiter unten wird der Weg endlich besser, und wir kommen rascher vorwärts. Zwischendurch eine kurze Pause, dann geht es gleich weiter.

Nach mehr als acht Stunden und zahllosen Steigungen meldet sich der Körper unmissverständlich zu Wort. Es reicht allmählich. Der Rücken schmerzt, und natürlich lässt auch die leidige Achillessehne wieder von sich hören. Sie schickt mir regelmässig Grüsse vom Jakobsweg – Erinnerungen, auf die ich gut verzichten könnte.

Die GR 68 verspricht zumindest theoretisch eine lang ersehnte Abkürzung nach Florac. Doch muss der Weg nach all diesen Stunden tatsächlich noch einmal so schlecht sein? Ein ständiges Auf und Ab, das uns allmählich den letzten Nerv kostet.

Man weiss es nicht. Vielleicht ist es einfach die verdiente Strafe dafür, wenn man versucht, den Weg abzukürzen.

Florac

Schliesslich erreichen wir Florac, einen stattlichen Ort, der nicht nur malerisch am Zusammenfluss von Tarn und Tarnon liegt, sondern auch als historische und inoffizielle Hauptstadt der Cevennen gilt. Die Kleinstadt schmiegt sich in ein Tal, das von Kalksteinfelsen und bewaldeten Bergen eingerahmt wird.

Wieder einmal ein Ort, an dem man gerne länger verweilen würde. Es gäbe viel zu entdecken. Über der Stadt thront beispielsweise das Château de Florac, eine Festung aus dem Mittelalter, die während der Religionskriege zerstört und im 17. Jahrhundert wieder aufgebaut wurde.

Wie die gesamte Region ist auch Florac eng mit der Geschichte der Hugenotten und der Kamisarden verbunden. Im 18. Jahrhundert war die Gegend ein Zentrum des Widerstands gegen die religiöse Verfolgung durch die französische Krone.

Auch Stevenson hatte offenbar Gefallen an Florac. Nach Tagen der relativen Einsamkeit und einfachen Lebensweise empfand er den Ort als lebendig und einladend, als eine willkommene Rückkehr zur Zivilisation. Schattige Alleen, Quellen, Gasthäuser und belebte Strassen dürften ihren Teil dazu beigetragen haben.

Ob Vergangenheit oder Gegenwart: All das interessiert uns im Moment herzlich wenig. Wir lassen uns in der erstbesten Kneipe nieder, hundemüde und froh, endlich angekommen zu sein. Ein Bier, ein tiefes Durchatmen – und erst einmal gar nichts tun.

Danach machen wir uns auf die Suche nach unserem Hotel.

Und tatsächlich: Das Logis Hôtel Restaurant des Gorges du Tarn bietet alles, was sich ein erschöpfter Wanderer nach einem solchen Tag wünschen kann. Ein schönes Zimmer, ein Nachtessen erster Güte und ein Ambiente, das beinahe schon mondän wirkt.

Wir lassen uns gerne verwöhnen. Nach fast zehn Stunden auf den Beinen haben wir uns das redlich verdient.

Und hier geht die Wanderung weiter … nach St. Julien d’Arpaon

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